Mehr zum „Digitalen Konserven-Schauspiel“ und ein Rückblick auf posthume/unfreiwillige Auftritte in den 90ern

„You have owned my likeness all these years, so every time I look in the mirror I have to send you a check for a couple of bucks.“ 

– Carrie Fisher zu George Lucas

Zunächst einmal ein unschöner Nachtrag zum Thema „Uncanny Valley“, aus dem Beitrag Digitales Konserven-Schauspiel. Ich habe mich dort ja über „Peter Cushings“ „Auftritt“ in ‚Rogue One‘ beklagt, aber inzwischen hat mich jemand darauf aufmerksam gemacht, wie furchtbar die Wiederbelebung einer verstorbenen Darstellerin sein kann, wenn nicht die tiefen, tiefen Taschen einer Disney Star Wars Produktion dahinterstehen. Für Leser mit stählernen Nerven präsentiere ich einen Werbespot von 2013, in dem eine sehr plastikartig wirkende „Audrey Hepburn“ zumindest mir weniger Lust auf Schokolade macht, als dafür sorgt, dass ich mich unter dem Sofa verstecken möchte:

Da erwartet man doch, dass sie jeden Moment sagt: „Ei nied jur Dreiwers Käp, jur Modohkah änd sie äddress of Sarah Conner!“ Ist aber von ihren Nachkommen genehmigt und somit wohl „in Ordnung“.

Allerdings treibt Darsteller der Umgang mit ihrem digitalen Bildnis inzwischen durchaus um. So hat Robin Williams offenbar vor seinem tragischen Selbstmord ein bindendes Dokument verfasst, das jede filmische Verwendung seines Bildes bis ins Jahr 2039 verbietet. Rechtsanwalt und Vorsitzender der Agentur CMG Worldwide Mark Roesler berichtet, dass seine Klienten sich durchaus bewusst sind, dass eine hohe Wahrscheinlichkeit besteht, dass ihre Karriere heutzutage nicht unbedingt mit ihrem Tod endet. Mindestens 25 seiner Klienten waren im Jahr 2016 aktiv darin Vertragswerke aufzusetzen, die die Verwendung ihres Bildes nach ihrem Tode verwalten sollten[1]. Die Verwendung des Bildes bereits Verstorbener kann allerdings schwieriger sein und durchaus familiäre Spannungen unter den Hinterbliebenen aufgrund der Deutungshoheit hervorrufen. Das ist allerdings nicht unbedingt neu, wie wir weiter unten sehen werden.

Das einleitende Zitat von Carrie Fisher ist natürlich nicht ernst gemeint und stammt aus einer Spottrede Fishers anlässlich George Lucas‘ 61. Geburtstag im Jahr 2005. Sie spielte damit allerdings auf eine tatsächliche Situation an: Lucasfilm besitzt die Bildrechte an Prinzessin Leia und so konnte Frau Fisher seit 1977 Actionfiguren, Schulranzen oder Bettzeug mit ihrem ewig jungen Gesicht darauf in jedem Kaufhaus finden. Oder auch, wie sie in der Rede weiter beschreibt, Shampooflaschen, bei denen man ihr den Kopf abdreht und das Haareinigungsmittel aus dem Halsloch gießt. Ein merkwürdiges Gefühl, da bin ich sicher. Ich verlinke hier die gesamte Rede, die hat zwar nicht wahnsinnig viel mit dem Thema zu tun, aber „Mrs. Han Solo“ war hier, wie üblich, hochgradig unterhaltsam („Queen Armadillo“), kein Wunder, dass sie zu einer der gefragtesten „Script Doctors“ Hollywoods wurde.

Die Idee beliebte, verstorbene Stars wie Audrey Hepburn zurückzubringen, um damit Produkte zu verkaufen ist zumindest keine ganz neue. In der US-Marketing Abteilung des Staubsaugerherstellers Dirt Devil hatte man 1997 die glorreiche Idee Fred Astaire in der berühmten Szene aus ‚Königliche Hochzeit‘ (1951), in der er die Zimmerwand hinauf zur Decke tanzt, einen neuen Tanzpartner, in Form eines Staubsaugers unterzuschieben. Der ist recht krude in Originalaufnahmen hineinkopiert und die Szene wird durch neu gedrehte Nahaufnahmen einer Hand mit dem Staubsauger ergänzt.

Astaires Witwe hatte sich einverstanden erklärt, doch Astaires Tochter sah die Würde ihres Vaters in den Dreck gezogen und protestierte lautstark gegen die Verwendung der Aufnahmen, unter anderem durch Rückgabe ihres eigenen Dirt Devil, den sie, nach eigenen Angaben, nur deshalb nicht wegwerfen wollte, damit er wenigsten die Umwelt nicht verschmutzte. Beim Publikum fragten sich die Jüngeren wohl wer das eigentlich sei, die Älteren empfanden es ebenfalls als etwas geschmacklos. Als die Zeitungen dann in ihren Überschriften „Deal with the Devil“ Wortspiele machten, war der Spot sehr schnell wieder verschwunden.

Sogar noch 6 Jahre früher versuchte Coca Cola seine zuckerlose Zuckerwasservariante mit Hilfe der verstorbenen Humphrey Bogart, Jimmy Cagney, Louis Armstrong und dem quicklebendigen Elton John zu verkaufen. Angeblich soll es sich um „digital neu erstellte Szenen“ handeln und nicht, wie bei Astaire um bestehende Clips aus Filmen. Allerdings sind mir die Momente zu kurz, um mir da ein Urteil zu bilden.

Bogart war auch abseits der Werbung einer der ersten verstorbenen Schauspieler, die später in einem Film, oder in diesem Fall einer Fernsehserie, auftauchten. In der Folge ‚You, Murderer‘ der mal mehr, mal weniger unterhaltsamen Anthologieserie ‚Geschichten aus der Gruft‘ inszenierte Regisseur Robert Zemeckis 1995 die Geschichte eines erfolgreichen Geschäftsmannes, der aussieht wie Humphrey Bogart. Der war früher ein Krimineller, der sein Gesicht in plastischer Chirurgie hat verändern lassen. Die Folge wurde aus „Bogarts“ Egoperspektive gefilmt. Wir sehen den Schauspieler nur in steifen, gekünstelten Reflektionen, die Szenen aus anderen Filmen verwenden, die Texte werden von einem Imitator gesprochen.

Über den Erfolg der Folge kann man sicher streiten, klar ist, dass Zemeckis von diesen Methoden fasziniert war. In seinem Film ‚Forrest Gump‘ von 1994 hatte er bereits mit einer umgekehrten Methode gearbeitet. Hier wurde Gump Darsteller Tom Hanks stattdessen in Archivmaterial kopiert, wo er historische Ereignisse miterlebte und sogar Präsidenten die Hand schüttelte. Das funktionierte zumindest für mich weit besser als die steife Variante in ‚Geschichten aus der Gruft‘.

1997 sollte Zemeckis Verwendung von Archivmaterial aber einen kleinen Skandal auslösen. In seinem Film ‚Contact‘ werden Botschaften aus dem All empfangen. Zemeckis verwendete Aufnahmen einer Pressekonferenz des damaligen amerikanischen Präsidenten Bill Clinton und schnitt sie so um, dass sie wie eine Reaktion auf die Nachrichten wirkten. Das Weiße Haus beklagte nach Veröffentlichung, dass die Verwendung Clintons auf diese Weise nicht abgesprochen war. Die Reaktionen des Studios Warner und Robert Zemeckis darauf unterschieden sich entscheidend: Warner behauptete eine Abmachung hätte durchaus stattgefunden, während Zemeckis davon ausging, dass eine Einwilligung Clintons, aufgrund seiner Stellung als Person des öffentlichen Interesses, gar nicht nötig wäre. Wie dem auch sie, da die Clinton Administration es bei der Beschwerde beließ und keine weiteren Schritte unternahm, sind die Szenen weiterhin in jeder Version des Films enthalten.

Etwas Ähnliches tat der Norweger André Øvredal (‚Autopsy of Jane Doe‘) für seinen unterhaltsamen Found Footage Monsterjagdfilm ‚Troll Hunter‘ (2010). Der endet mit einem Epilog, in dem der damalige norwegische Ministerpräsident Jens Stoltenberg auf einer Pressekonferenz versehentlich die Existenz von Trollen zu bestätigen scheint. Tatsächlich verwendete der Film Aufnahmen von Stoltenberg, in denen er über ein norwegisches Ölfeld namens „Troll Feld“ gesprochen hat und Øvredal nahm Manipulationen am Ton vor[2].

Ob das eine ähnliche Reaktion hervorrief, wie die von Clinton kann ich, nicht zuletzt aufgrund nicht vorhandener Kenntnisse des Norwegischen, nicht sagen.

Und damit sind wir quasi wieder in der Neuzeit angekommen. Ich hoffe Ihr fandet diesen etwas frankensteinisch zusammengenähten Abriss aus Überbleibseln, die im letzten Artikel keinen Platz fanden, Informationen, die ich erst später hatte und einem kurzem Geschichtsüberblick informativ. Ich werde das Thema digitale Darsteller jedenfalls im Auge behalten, scheint es doch aktueller denn je. So wollen die frisch wiedervereinigten ABBA einen ihrer neuen Songs nicht selbst im TV präsentieren, sondern das von ihren (vermutlich 35 Jahre jüngeren) „digitalen Egos“ erledigen lassen[3]. Lasst mich also auch mit einem passenden(??) Zitat schließen:

„If you see the wonder of a fairy tale
You can take the future even if you fail“

– ABBA „I Have A Dream“

 

[1] https://www.reuters.com/article/us-film-resurrections-analysis-idUSKBN14J1TU

[2] http://bloody-disgusting.com/editorials/24457/interview-andre-ovredal-director-of-trollhunter

[3] https://www.theguardian.com/music/2018/apr/27/i-still-have-faith-in-you-what-do-you-think-abbas-new-song-will-be-like

9 Gedanken zu “Mehr zum „Digitalen Konserven-Schauspiel“ und ein Rückblick auf posthume/unfreiwillige Auftritte in den 90ern

  1. Von der geplanten ABBA-Show habe ich auch schon gehört und hatte eigentlich Verständnis für die Musiker. In dem Alter noch auf der Bühne rumzuspringen ist sicherlich nicht für jeden etwas. Nur wenn das ein Erfolg wird, werden wir möglicherweise demnächst auch vermehrt Musiker Live zu sehen bekommen, die sich nicht freiwillig dazu entschieden haben. Ich denke da an Elvis oder Nirvana.

    Die Schoko Werbung ist echt gut gemacht. Das muss den Machern einfach zugestehen. Auch wenn ich diese Art der Starverwertung grenzwertig finde.

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    • Na klar, für ABBA ist das völlig in Ordnung. Bei Musikern scheint ein „artverwandtes“ Problem ja das Hologramm bei Liveauftritten zu sein. Sei es Tupac Shakur oder Prince, der beim Super Bowl Auftritt von Justin Timberlake nur drumrum kam, weil er schon zu Lebzeiten deutlich gemacht hat, was er davon hält (er nannte sie „dämonisch“). Pech für Tupac, dass er schon 1996 gestorben ist und mit sowas gar nicht rechnen konnte…

      Zu Werbung: ich habe oben natürlich übertrieben was meine Reaktion angeht, aber Du findest das wirklich gut gemacht? Ich fand das wahnsinnig irritierend, zwischen all den echten Leuten so ein Plastikding zu sehen, dass dann auch noch halbwegs bekannt aussieht. Es hätte für mich eher besser funktioniert, wenn es komplett animiert gewesen wäre.

      Aber dieses Gespräch entspricht ziemlich genau allen anderen, die im Internet drüber geführt werden, was wohl bedeutet, dass der (wissenschaftlich kaum beschriebene) uncanny valley Effekt bei unterschiedlichen Leuten auch deutlich unterschiedlich stark wirkt.

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      • „ich habe oben natürlich übertrieben was meine Reaktion angeht, aber Du findest das wirklich gut gemacht?“

        Das war weniger auf den visuellen Effekt bezogen als auf den Flair und das übetragene Lebensgefühl, das im Spot vermittelt wird. Das ist meiner Meinung gut übertragen worden.

        Ach ja! Tupac ist übrigens gar nicht tot…

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        • Okay, da hast Du recht, der Flair ist sehr gut eingefangen und es ist auch an sich eine gute Werbung für ne edle Schokolade. Sie haben es wohl zuerst auch mit einer Doppelgängerin/Imitatorin gedreht. Das hätte vielleicht auch funktionieren können. Wer Hepburn nicht kennt versteht dennoch worum es geht und wer sie kennt fragt sich „ist sie das? kann ja nicht, oder?“

          Ist er nicht? Tritt er etwa selbst als sein Hologramm auf?

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          • Tupac lebt incognito wie ein König sein Geld verprassend in einem afrikanischen Dorf. Hab ich mir neulich von einem Fan sagen lassen. Soll wohl auch ein youtube Video geben, das das beweist. Das suche ich jetzt aber nicht raus 😛

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          • Aaah ja, das hatte ich auch schonmal gehört. Und wenn es einYT Video gibt muss es ja stimmen! Schön für ihn. Jedenfalls besser als ne WG mit Kurt Cobain und Elvis…

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          • Ganz schlimm wird es wenn Kurt sein „smells like teen spirit“ Schild an die Klotür hängt…

            Elvis ist wenigstens gelegentlich unterwegs und kämpft mit JFK gegen Mumien, die alten Leuten ihre Seelen aus dem Hintern saugen.

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  2. Pingback: Digitale Schauspieler, mal wieder | filmlichtung

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