Warum essen wir eigentlich ausgerechnet Popcorn im Kino?

Es ist doch merkwürdig, oder? Warum isst man im Kino gerade Popcorn? Und falls man es doch mal zu Hause isst, eigentlich nur, wenn man einen Film schaut? Warum sind der Snack und das Filmerlebnis derart untrennbar miteinander verbunden, dass „Popcorn-Kino“ gar eine Gattung von Film beschreibt, die möglichst wenig geistige Kapazitäten vom Verzehr des geplatzten Mais‘ abzieht? Warum ein knuspriger und damit lauter Snack, anstatt Marshmallows, Bonbons oder ähnlichem, die in absoluter Ruhe genossen werden könnten? Und man niemals Gefahr laufen würde, auf diese harten ungepoppten Körner zu beißen. Dafür ist ein erstaunlich weiter Blick zurück in die Geschichte des Doppelkontinents, auf dem auch der Mais selbst kultiviert wurde, vonnöten! Kommt Ihr mit?

Mais wurde in einer beeindruckenden, mehrere hundert Jahre umfassenden biotechnologischen Unternehmung vor etwa 9000 Jahren im Tehuacan Valley im heutigen Mexiko vermutlich aus dem kleinen Süßgras teosinte gezüchtet. Dies gilt bis heute, als einer der wesentlichsten Domestizierungsvorgänge überhaupt. Von hier verbreitete sich der Mais schnell nach Norden und Süden und die Hochkulturen Südamerikas züchteten bald Arten, die ihren Bedürfnissen angepasst waren. Eine dieser Arten, die es seit mindestens 5600 Jahren gab, war der Puffmais, der eine besonders hohe Menge an Stärke in den Körnern und eine besonders stabile Schale darum aufwies. Erhitzt man ihn schnell auf etwa 200 °C ändert das Wasser im Korn seinen Aggregatzustand zu Gas, die Schale hält dem Druck des ausbreitenden Gases nicht stand und platzt mit lautem Poppen auf, woraufhin sich die Stärke in einer schaumigen Struktur ausbreitet. Puffmais diente weniger als Nahrung, sondern religiösen Zwecken. Er wurde bei bestimmten Zeremonien zu Girlanden auf Fäden gezogen, geworfen und verstreut. Anders als andere Maissorten erfuhr der Puffmais nie große Verbreitung. Erste Saaten wurden vermutlich erst im frühen 19. Jhdt., an Bord von Walfangschiffen, nach Nordamerika verbracht.

Hier löste gerade das akustische Erlebnis der Zubereitung von Popcorn aber absolute Begeisterung aus. „Popped Corn“ war spätestens 1848 ein stehender Begriff. Doch der wirkliche Siegeszug des Snacks begann 1885 mit der Erfindung der mobilen Popcornmaschine durch Charles Cretors. Verkäufer konnten den günstigen Snack jetzt nicht nur direkt vor Sportveranstaltungen, Zirkussen oder auf Jahrmärkten verkaufen, sie konnten ihn, anders als die meisten anderen Snacks, direkt vor Ort zubereiten. Und mit dem dabei entstehenden, angenehmen Aroma gleich neue Kunden locken. Auch ließ sich der Rohstoff sehr leicht transportieren und bedurfte beinahe keiner weiteren Bearbeitung: nur eine Handvoll Maiskörner füllten, einmal gepoppt, eine ganze Tüte.

Mit dem Aufkommen der Kinos tauchten diese fliegenden Popcornhändler folglich auch vor deren Türen auf. Doch wollten die frühen amerikanischen Kinos nichts mit Snacks zu tun haben. Man sah sich der High Society verpflichtet und in der Tradition von Theatern und da wurde schließlich auch nicht während der Vorstellung gemampft. Popcorntüten waren bitte mit Jacke und Hut an der Garderobe abzugeben, im Saal selbst verboten. Dann aber geschahen zwei Dinge, die die Beziehung Popcorn-Kino grundlegend veränderten.

1927 wurde der Tonfilm eingeführt. Plötzlich stand das Kino einem weit größeren Publikum offen. Denn Analphabetismus war durchaus weit verbreitet und nun musste man nicht mehr lesen können, um einem Film zu folgen. Auch brach 1929 die große Wirtschaftskrise aus. Für viele verarmte Menschen am Rande der Existenz wurde das Kino ein kleiner Luxus, eine kleine Flucht aus der furchtbaren Realität, die man sich gerade noch leisten konnte. Ebenso konnte man sich gerade so noch eine billige Tüte Popcorn leisten, die wenigstens dafür sorgte, dass man etwas im Bauch hatte. Als die Kinos die Mengen an Popcorntüten in den Händen ihrer Kunden sahen, lenkten sie ein. Händler durften, gegen Gebühr, direkt vor den Türen des Kinos, oder sogar in der Lobby selbst, ihr Popcorn feilbieten und es durfte mit in den Kinosaal genommen werden. Bald wollte man den Mittelsmann eliminieren und die Kinos stellten das Popcorn direkt her. Dennoch führte die Krise der 30er Jahre zu einem Kinosterben. Doch waren davon vor allem „hochklassige“ Kinos, die sich dem Verkauf des billigen Snacks entzogen, betroffen.

Die Verbindung Popcorn-Kino war etabliert, der Snack gar so etwas wie der Retter des Kinos. Und noch weit fester sollte die Beziehung während des zweiten Weltkriegs werden. Zucker wurde in den USA rationiert, war man doch von klassischen Lieferanten wie den Philippinen abgeschnitten. Allerlei Süßigkeiten und Limonaden konnten nicht mehr produziert werden, doch das Popcorn – ungesüßt, mit Butter oder gesalzen – poppte fröhlich weiter. 1945 war es der Kinosnack schlechthin. Und Hollywood und damit die USA endgültig die Filmschmiede der Welt. Folglich poppten nicht nur immer mehr amerikanische Produktionen in Kinos weltweit, auch der Puffmais hielt seinen lautstarken Einzug. Popcorn eroberte die Welt vor der Leinwand.

Doch wurde es für Kinos und ihren einstigen Retter in den 50er und 60er Jahren etwas düsterer: das Fernsehen etablierte sich und Kinobesuche ließen nach. Doch zu Hause ließ sich Popcorn nicht ganz einfach herstellen. In der Pfanne zubereitet schmeckte es selten so wie im Kino und Spezialgeräte waren sehr teuer und unhandlich. Der Popcornkonsum ließ rapide nach. Eines dieser Spezialgeräte war eine Mikrowelle. Entwickelt wurde sie aus dem Magnetron, das Mikrowellen erzeugt und eine wichtige Komponente für die Entwicklung des Impulsradars während des Krieges war. Tatsächlich fiel dem Ingenieur Percy Spencer bereits 1945 auf, dass sein Schokoriegel in der Tasche schmolz, als er nahe bei einem Magnetron stand. Er experimentierte mit anderen Nahrungsmitteln, darunter natürlich Popcorn und meldete bereits 1947 ein Patent für Mikrowellenpopcorn an. Doch sollte es bis etwa Mitte der 70er Jahre dauern, bis Mikrowellen sowohl erschwinglich waren, als auch nicht mehr die Ausmaße eines Kühlschranks hatten. Dann allerdings war die einfache Herstellung von Popcorn ein echtes Verkaufsargument, wie diese amerikanische Werbung des deutschen Herstellers Nordmende zeigt:

Dieser Wunsch nach Popcorn für zu Hause zeigt wie eng Filmschauen und der Verzehr von Popcorn miteinander verbunden sind. Technik und Sehverhalten mögen sich entwickeln, doch die Lust auf den tausende Jahre alten Stärke-Snack bleibt anscheinend stets die gleiche. Und selbst der unerträgliche Popcornwerfer ist unwissend näher an der ursprünglichen Verwendung des Puffmais‘ als man meinen sollte.

Wie sieht es bei Euch mit Popcorn aus? Süß? Salzig? Oder einfach nur störend? Oder etwa Nachos, ein anderer maisbasierter Kino-Snack, der sich ebenfalls bis nach Mexiko zurückverfolgen lässt?

20 Gedanken zu “Warum essen wir eigentlich ausgerechnet Popcorn im Kino?

  1. Im Kino esse und trinke ich in der Regel nichts, weil mir wegen der Mischung an verschiedenen Speisedüften und der allgemein schlechten Luft oft übel wird.
    Zuhause mache ich mir hingegen ganz gerne Popcorn (süß oder salzig – egal) oder ich knabber Chips/Salzstangen/Karottenspalten o.ä.

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    • Das ist wie mit dem Tomatensaft, der im Flugzeug getrunken wird. Aber auch wirklich nur dort. In meiner wirklich langen, intensiven und noch nicht beendeten Kneipen-Geh-Zeit, habe ich es noch nie erlebt, dass jemand dort einen Tomatensaft geordert hat.🤪

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    • Es kommt auf den Film an. Wenn es ein ohnehin lauter „Popcorn-Kino“ Film ist, sag ich mir, was solls? Aber wenn in leise Momente hineingekrantscht wird, ist das schon blöd, das stimmt.

      Aber Labertaschen und Handyanlasser finde ich im Kino weit schlimmer!

      Liken

        • Na, der Genuss von Lebensmitteln und Filmen steht für mich nicht grade in einem direkten Widerspruch. Ich finde es schon cool – natürlich abhängig vom Film – nebenbei etwas zu essen/zu trinken. Funktioniert grad gut, wenn man, z.B. Monty Python, mit mehren Leuten schaut und dabei viel Spaß hat. Gibt halt so Komödienklassiker, die man immer wieder mal schaut und dann dabei schon die Dialoge mitsprechen kann.

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  2. Weder noch….Ich mag Popcorn nicht und schon gar keine Nachos. Was nicht heissen soll, dass ich nichts im Kino esse. Also, ab und an gönne ich mir gern mal eine Tüte Gummibären oder sonst etwas von Haribo.

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  3. Ich schaue oft Arthousefilme und hasse es ehrlich gesagt, wenn direkt neben mir jemand Popcorn knabbert. Noch schlimmer sind diese krachenden Nachos.
    Trotzdem fand ich den Beitrag sehr interessant. Jetzt verstehe ich, woher es kommt, dass die Leute im Kino gerne Popcorn essen. Bisher dachte ich nur, dass es eine komische Angewohnheit ist , die etwas damit zu tun hat, dass das Kino auf dem Jahrmarkt begonnen hat, wo man das auch gerne isst, so wie z.B. Zuckerwatte.
    Übrigens schreibe ich über Filmfestivals, falls es dich interessiert, zuletzt über das Münchner Filmfest 2018 (wanderlustig2019.wordpress.com).

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