Price Is Right – ‚Basil, der große Mäusedetektiv‘ (1986)

Na toll, mag jetzt mancher sagen, der zweite Film in seiner Vincent Price Reihe und er wählt einen Zeichentrickfilm, bei dem man Price nur im Original hören kann. Stimmt schon, aber es lohnt sich. Nicht nur ist Vincent Price eine völlig offensichtliche Wahl für einen Disneyschurken, es ist auch einer der wenigen Filme, in denen er singt. Von Henry Mancini geschriebene Songs singt. Aber es besteht eine reelle Chance, dass Ihr Prices Schurken gar nicht kennt und die Songs noch nie gehört habt, weil Disney diesen Film sehr lieblos behandelt. Dabei ist er einer der bedeutendsten der Geschichte der Firma, weil er sie mehr oder weniger vor der Pleite gerettet hat. Und ich mag ihn sehr, was natürlich der Hauptgrund ist warum ich ihn hier bespreche.

Mitte der 80er ging es Disney nicht unbedingt gut. Das goldene Zeitalter der Disney-Animation war spätestens mit ‚Robin Hood‘ (1973) beendet und im Realfilm hatten sich ‚Das Schwarze Loch‘ (1979) und ‚Tron‘ (1981) als finanzielle Fehlschläge erwiesen. In der Animation war der Versuch hin zu düsteren Geschichten, wie ‚Taran und der Zauberkessel‘ (1985) nicht von monetärem Erfolg gekrönt. Das Traditionsstudio wurde zum Ziel feindlicher Übernahmen. Ein Erfolg musste dringend her und so besann man sich auf das, was das Studio schon einmal groß gemacht hatte: Mäuse.

„Basil of Baker Street“ von Eve Titus war eine erfolgreiche Kinderbuchserie, um Basil, einen Mäusedetektiv, der als heimlicher Untermieter in Sherlock Holmes‘ Wohnung lebte. Bereits vier Jahre bereitete man bei Disney eine Umsetzung vor, als Michael Eisner, der neue Disney Chef plötzlich das Budget halbierte und die Produktionszeit auf nur ein Jahr festlegte. Wahrlich eine Herausforderung.

Der spielzeugmachende Mäuserich Hampelmann/Flaversham wird von der Fledermaus Greifer/Fidget entführt. Seine Tochter Olivia trifft auf der Straße Dr. Wasdenn/Dawson und gemeinsam ersuchen sie den berühmten Detektiv Basil um Hilfe. Dem ist schnell klar, dass hinter der Entführung des technischen Genies nur der fiese Professor Rattenzahn/Ratigan, der Napoleon des Verbrechens, stecken kann. Der plant einen Anschlag auf das diamantene Kronjubiliäum der (Mäuse) Königin Viktoria.

Für Sherlock Holmes Freunde gibt es hier einiges zu entdecken. Nicht nur kommen der Detektiv und Watson selbst ganz am Rande vor, der, aus einigen Holmes Geschichten bekannte, Spürhund Toby spielt eine ganz zentrale Rolle, denn Basil & Co. borgen das, für die Mäuse natürlich gigantische, Tier heimlich aus. Basil (eine Hommage an Holmes Darsteller Basil Rathbone) und Dawson sind liebenswerte Parodien auf die klassischen Charaktere, Basil ist ebenfalls Verkleidungskünstler und natürlich Meister der Deduktion und Dawson übernimmt die Rolle des Erzählers und zeigt die für Film-Watsons typische Trotteligkeit.

Aufgrund von Zeit- und Geldmangel ist die Animation nicht die beeindruckendste, die man je in einem Disneyfilm gesehen hat. Die Animationen selbst sind natürlich so flüssig, wie man es gewohnt ist, allerdings spart sich der Film seine einzige wirklich aufwändige Sequenz bis zum Schluss auf. Wenn Ratigan und Basil im Turm von Big Ben auf Leben und Tod kämpfen, dann ist das nicht nur eine eindeutige Anspielung auf Holmes‘ „Ende“ an den Reichenbachfällen, es ist auch eine technische Innovation. Denn man griff hier auf Computeranimation zurück, um der Szene mehr Tiefe und Animation zu verleihen, als es ansonsten in der kurzen Produktionszeit möglich gewesen wäre.

Aber ich weiß natürlich was Ihr eigentlich wissen wollt: wie ist denn jetzt Vincent Price? Sein Ratigan ist ein toller Schurke. Er basiert zwar ein wenig auf Holmes klassischer Nemesis Professor Moriarty, ist allerdings ein ganz anderer Charakter als dieses eiskalte Genie. Ratigan verbirgt eine rasende Psychopathie unter einer schmierigen Schicht aus falscher Höflichkeit. Er ist ein hinterhältiger Ausbeuter  aber auch getrieben von Minderwertigkeitskomplexen. Er erinnert mich insgesamt mehr an eine Figur aus der Feder von Charles Dickens, als Arthur Conan Doyle. Und doch funktioniert er toll als Gegenstück zu Basil und nicht zuletzt ist die Rolle Price natürlich auf den Leib geschrieben. Und der legt erkennbare Freude sowohl in die falsche Freundlichkeit des Charakters, als auch sein wahres, finsteres Gesicht. In der Animation habe ich beinahe das Gefühl Ratigan nimmt in gewisser Hinsicht das frühe, bittere Biest aus ‚Die Schöne und das Biest‘ vorweg, was durchaus stimmen kann, zeichnet doch für beide Animator Glen Keane verantwortlich. Auch bestreitet Price 2 der nur 3 Songs des Films. Die sind allesamt sehr gut, doch tauchen sowohl sie als auch Ratigan nie in offiziellen Reihen der großen Disney Schurken auf. Warum? Naja, ich habe eine Theorie.

Prices erster Song ist ein typischer Disney-Schurken-Einführ-Song mit der typischen „Böse sein ist toll!“-Aussage. Relativ untypisch endet der Song damit, dass Ratigan einen seiner Leute ermorden lässt (einen Charakter namens „Bartholomew“, eine Anspielung auf den Price-Klassiker ‚Die Grube und das Pendel‘). Das passiert zwar offscreen aber doch recht drastisch, er wird an eine Katze verfüttert. Prices zweiter Song ist selbst integraler Bestandteil einer Todesfalle, die Ratigan Basil und Dawson stellt. Der dritte Song ist das verführerische Lied einer weiblichen Maus in einer siffigen Hafenkaschemme. Die Songs und womöglich Ratigan selbst, sind wohl ein wenig zu düster für typische Disney-Verhältnisse. Die Songs, wie die gesamte Musik von Henry Mancini sind für sich genommen aber großartig.

Falls ich jetzt den Eindruck erweckt haben sollte ‚Basil‘ sei ein düsterer Film, dann ist das nicht ganz richtig. Er hat sicherlich düstere Elemente, ist aber in vielem ein Rückgriff auf den albernen Slapstick-Humor der frühen Disney Cartoons. Selbst der dramatische Höhepunkt im Uhrenturm ist eine direkte Hommage an ‚Die Uhrenreinigung‘ (1937), in dem Micky Donald und Goofy (man ahnt es) ein riesiges Uhrwerk reinigen. Diese Mischung leistet der Film allerdings ganz hervorragend und erzählt, auch das wohl der Produktionszeit geschuldet, seine Geschichte insgesamt wunderbar geradlinig und schnörkellos.

Es ist wirklich schade, dass Disney diesen Film so lieblos behandelt. Nicht mal für eine BluRay hat es bis jetzt hier in Deutschland gereicht. Der Film war zwar nur ein moderater Erfolg, er unterlag an den Kinokassen ‚Feivel, der Mauswanderer‘ des ehemaligen Disney Angestellten Don Bluth. Und doch spülte er Geld in Disneys Kassen, als es dringend gebraucht wurde. Er ebnete so den Weg zur Disney Renaissance, die im Kino mit ‚Die kleine Meerjungfrau‘ und im Fernsehen mit ‚Duck Tales‘ jeweils Ende der 80er beginnen sollte und Disney bis heute zum größten Unterhaltungskonzern der Welt machen sollte. Ich kann Euch versprechen, es ist einer der unterhaltsamsten Disneyfilme, den Ihr womöglich noch nie gesehen habt. Es lohnt sich.

11 Gedanken zu “Price Is Right – ‚Basil, der große Mäusedetektiv‘ (1986)

    • Klar, vom Anfang mit der Fledermausentführung bis zum Ende mit Rattenzahns „werwolf“ Verwandlung ist er durchaus düster, kontrastiert das aber immer wieder mit lustigen Szenen. Das habe ich bei ‚Taran und der Zauberkessel‘ etwa anders in Erinnerung, ist aber ewig her, dass ich den gesehen habe. Aber seien wir ehrlich, was deprimierende Düsternis angeht, schlägt kein anderer Disneyfilm den guten alten ‚Dumbo‘.

      Rattenzahn ist er im Deutschen, ja. Hatte ich oben in der Zusammenfassung geschrieben, aber da es ja um Prices Performance gehen sollte, habe ich mich im Rest auf den Originalnamen beschränkt.

      Mh, mir fällt gerade auf, wenn Basil wirklich eine Hommage an Basil Rathbone sein sollte, wäre es zu viel des Guten gewesen den Schurken Ratbone zu nennen?

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