Gefährlich dumme Filmideen: Fallout, Drogen und unfassbar viele Löwen

Wisst Ihr was eine wirklich schlechte Idee ist? Zu versuchen bei diesen Temperaturen einen vernünftigen Artikel zu schreiben. Zum Glück ist das Schlimmste, was dabei herauskommen kann, neben einem schlechten Artikel, aber nur durchgeschwitzte Kleidung und vielleicht ein überhitzter Computer. Bei schlechten Ideen an einem Filmset kann aber weit Schlimmeres passieren. Auf einige der schlechtesten und gefährlichsten Ideen wollen wir heute einen Blick werfen, während wir kalte Gedanken denken.

Unsere erste schlechte Idee ist erst mal nur schlecht nicht gefährlich, sie führt allerdings auf direktem Wege zu einer die beides ist. Nun gut, stellt Euch vor es ist 1954  und Ihr müsstet für einen Film die Rolle des Temüjin, besser bekannt als  Dschingis Khan besetzen. Für welchen Schauspieler entscheidet Ihr Euch? Einen Star, jemand unbekannten, der den Eroberer glaubhaft verkörpern kann? Überlegt es Euch ruhig eine Weile, ich warte hier. Und? Hat jemand John Wayne gesagt? Falls ja, möchte ich nicht wirklich wissen, wie Ihr auf diese Idee gekommen seid, aber ihr hattet immerhin dieselbe wie Produzent Howard Hughes für seinen Film ‚The Conqueror’/’Der Eroberer‘. Es wurde, wie wohl zu erwarten war, mehr unfreiwillig komisch als alles andere. Nun aber zum weit weniger komischen, dafür gefährlichen Teil.

Die Dreharbeiten für den Film fanden in Utah statt. Etwa 200 Km entfernt von einer vielgenutzten Teststelle für Atombomben. Die Drehorte lagen in direkter Windrichtung des Ortes, in dem allein 1953 elf Atombomben zum Einsatz kamen. Hughes wusste um die Tests und die Windrichtung, doch nachdem ihm die amerikanische Regierung zusicherte, dass keine Gefahr bestünde, informierte er die am Film beteiligten nicht. Erste Gerüchte kamen bereits Anfangs der 60er Jahre auf. Regisseur Dick Powell starb 1963 an einer Krebserkrankung. Darsteller Pedro Armendáriz beging im selben Jahr Selbstmord, als auch ihm eine terminale Krebsdiagnose gestellt wurde. In den 70er Jahren starben die Hauptdarsteller Wayne, Susan Hayward und Agnes Moorehead an Krebs. Eine Untersuchung 1980 stellte fest, dass von den etwa 200 Beteiligten 91 eine Form von Krebs entwickelt hätten, 46 waren bereits daran verstorben. Auch Familienangehörige Waynes, die ihn länger am Set besuchten entwickelten Krebserkrankungen. Noch bis 1991 wurden weitere Erkrankungen festgestellt. Es ist natürlich nicht sicher zu sagen, dass jede dieser Erkrankungen auf die Arbeit an dem Film zurückzuführen ist (nicht zuletzt waren viele Beteiligte starke Raucher), allerdings leistete die US Regierung an Menschen die in genau dem Gebiet leben in dem gefilmt wurde, später umfangreiche Entschädigungszahlungen. Fallout von Atombombentests auf dem amerikanischen Festland kostete insgesamt mindestens 11.000 Menschen das Leben.

Hughes zumindest fühlte sich zutiefst schuldig. Er kaufte in den 60er Jahren alle Kopien des Films auf. Er soll in seinen letzten, von Zwangsstörungen geprägten Jahren den tragisch gefloppten und womöglich tödlichen Film beinahe täglich angeschaut haben.

„In meinem Film geht es nicht um Vietnam, mein Film ist Vietnam“, so sagte Regisseur Francis Ford Coppola über seinen Film ‚Apocalypse Now‘. Tatsächlich verglichen viele der Beteiligten die Dreharbeiten mit einer Art Krieg. Nicht nur streiften auf den Philippinen nachts gern Tiger zwischen den Zelten hindurch, auch der damalige Diktator Marcos bedrängte die Filmemacher häufiger und ließ mehr als einmal alle ihre Helikopter konfiszieren (oder „stehlen“, wie Coppola es wohl treffender ausdrückt). Coppola geriet in Streit mit seinen örtlichen Nachbarn, weil er ohne deren Erlaubnis die rituelle Tötung eines Wasserbüffels gefilmt hatte. Übereifrige Requisiteure hatten einige Szenen mit echten Leichen ausgestattet, was einem erschütterten Coppola erst auffiel, als in der schwülen Mittagshitze der Gestank unerträglich wurde.

Doch kann man wohl auch Coppolas Verhalten selbst als mindestens fragwürdig bezeichnen. Als er etwa Dennis Hopper fragte, was er tun könne um ihm bei seiner Rolle zu helfen, antwortete der, er hätte gern eine Portion  Kokain am Tag, zusätzlich zu dem Koks, das er ohnehin schon konsumierte, den 2 Litern Whisky und den 18 Bier, die einen typischen Hopper-Tag ausmachten. Coppola sorgte dafür, dass Hopper täglich einige Gramm auf Filmkosten bekam. Überhaupt ließ er zu, dass Alkohol und Drogen zu einer Art Treibstoff für die schmerzhaft zähe Produktion wurden. Nachdem er Harvey Keitel nach 2 Wochen als ungeeignet für die Hauptrolle gefeuert hatte, geriet mit Martin Sheen jemand in dieses Umfeld, für den es ungeeigneter nicht hätte sein können. Sheen wurde von einer tiefen Lebenskrise gequält und litt an starkem Alkoholismus. Coppola wollte diese negative Energie nutzen und ließ keinen Tag verstreichen, ohne Sheen daran zu erinnern, dass er ein schlechter Mensch sei. So tauchte Sheen eines Tages völlig betrunken zum Dreh auf, schrie unzusammenhängend, zertrümmerte einen Spiegel und fügte sich einen tiefen Schnitt an der Hand zu, bevor er den Regisseur körperlich angriff. Einige dieser Szenen bilden nun den Auftakt des Films. Während der weiteren Dreharbeiten würde Sheen einen Herzinfarkt erleiden, der seinerseits bei Coppola einen epileptischen Anfall auslöste. Danach begann Coppola Beteiligten mit Selbstmord zu drohen, wenn sie nicht taten, was er wollte. Dazu wurden Cast und Crew auch noch von schweren Tropenkrankheiten heimgesucht. Hopper etwa musste mit einer unbekannten Virusinfektion ins Hamburger Bernhard-Nocht-Institut ausgeflogen werden und Coppola selbst verlor über 50 kilo Körpergewicht.

Der einzige, der unbeirrbar sein eigenes Ding durchzog war, wie üblich, Marlon Brando. Der tauchte völlig betrunken und schwer übergewichtig am Set auf. Das Drehbuch hatte er nicht gelesen. Als Coppola ihn bat das nachzuholen, erklärte er das Buch und insbesondere seine Rolle für schlecht. Coppola überredete ihn in seinen Szenen einfach zu sagen, was er wollte. Auch beschloss er Brando nur im Schatten zu Filmen, um seine Leibesfülle zu verbergen. Am nächsten Tag hatte sich Brando den Kopf kahl rasiert und verkündete, er würde keine Szenen mit Dennis Hopper drehen. Als er keine Lust mehr hatte, erklärte er, er habe Coppola mehr als genug seiner Zeit geopfert und verschwand so plötzlich wie er aufgetaucht war.

Coppola sagte später: „Wir hatten zu viel Zeit und zu viel Geld, wir sind alle etwas wahnsinnig geworden.“ Aus den geplanten 6 Wochen Drehzeit waren 68 geworden. Noch so eine Parallele zum Vietnamkrieg. Aber immerhin ein Beispiel, dass auch aus einer gefährlich dummen Idee einer der besten Filme aller Zeiten erwachsen kann. Wer mehr wissen will, dem sei die Dokumentation ‚Hearts of Darkness‘ empfohlen.

Auf den nächsten Film kann einen eigentlich nichts wirklich vorbereiten. Der Titel gibt nur einen unklaren Hinweis: ‚Roar‘. Der deutsche Untertitel ‚Die Löwen sind los‘ beschreibt den Film zwar perfekt, doch möchte man es nicht wirklich glauben. Aber fangen wir am Anfang an. Bei Dreharbeiten in Afrika 1969 stießen ‚Der Exorzist‘ Produzent Noel Marshall und seine damalige Frau, die ehemalige Hitchcock Muse Tippi Hedren (siehe ‚The Girl‘ für Hedrens Sicht auf Hitchcock) auf ein verlassenes Farmhaus, das ein Rudel Löwen zu seiner Heimat gemacht hatte. Marshall fühlte sich inspiriert ein solches Haus als Setting für einen Film zu verwenden. Zurück in Hollywood musste das Ehepaar feststellen, dass man nicht einfach eine große Menge dressierte Löwen mieten konnte. Also kauften sie eine Farm und zogen ihre eigenen Löwen (und andere Großkatzen) auf. In ‚Roar‘, der über Jahre gedreht wurde, geht es um einen Naturforscher (Marshall), der in Afrika mit Löwen zusammenlebt. Als ihn seine Familie (Hedren, ihre Tochter Melanie Griffith und Marshalls Söhne John und Jerry) besucht, verpasst man sich am Flughafen und seine ahnungslose Familie findet sich allein in einem Haus voller (zumindest im Film völlig harmloser) Löwen wieder. Eine lustige Verwechslungskomödie entbrennt.

Die Geschichte selbst ist nicht interessant oder sonderlich lustig. Die pure Faszination von ‚Roar‘ ist der Irrsinn Schauspieler ohne jede Sicherung mit dutzenden von Löwen auf einmal interagieren zu lassen. Das ging natürlich in der Wirklichkeit nicht gut. Tippi Hedren wurde von einem Löwen in den Hinterkopf gebissen und von einem Elefanten abgeworfen, wobei sie sich mehrere Knochenbrüche und schwere Abschürfungen zuzog. Ein Löwe verbiss sich in John Marshalls Kopf und 5 Männer brauchten eine halbe Stunde, das Tier von ihm zu lösen. Eine Naht mit 56 Stichen und 2 Tage später war John zurück am Set. Jerry kam glimpflich davon, wurde „nur“ in den Fuß gebissen. Melanie Griffith, bei Drehbeginn 17, wurde so schwer im Gesicht verletzt, dass sie beinahe ein Auge verlor und umfängliche Wiederherstellungschirurgie notwendig wurde. Sie setzte 2 Jahre aus, weil sie „gern ihr ganzes Gesicht behalten würde“, kurz nach ihrer Rückkehr wurde sie erneut verletzt. Noel Marshall weigerte sich aufgrund von Hilferufen oder Verletzungen Szenen zu beenden. Er wollte kein Material verlieren und vor allem „keine Schwäche vor den Löwen zeigen“. Er selbst wurde so oft verletzt, dass er an den Beinen Gangrän entwickelte. Über 70 Menschen trugen teilweise schwere Verletzungen davon, am schlimmsten dürfte es jedoch einen Regieassistenten und Kameramann Jan de Bont (‚Speed‘) erwischt haben. Der Regieassisstent wurde in Hals und Kiefer gebissen, verlor beinahe ein Ohr und trug Wunden an Brust und Oberschenkeln davon. Durch ein Missverständnis hatte eine Regionalzeitung gar seinen Tod vermeldet, er überstand es allerdings ohne Folgeschäden. De Bont hingegen wurde beinahe von einem Löwen skalpiert. Seine Kopfhaut musste anschließend mit mehr als 220 Stichen genäht und rekonstruiert werden. Einmal brach auf der Farm ein Feuer aus, die Tiere verfielen in Panik und insbesondere der um Rettung bemühte Marshall erhielt zahlreiche weitere Wunden. Dem Vernehmen nach kam während der gesamten Dreharbeiten aber zumindest kein einziges Tier zu Schaden.

Kein Verleih in den USA wollte den Film 1981 haben. Im Rest der Welt wurde er ein erheblicher Misserfolg, nach Jahren der Arbeit, zahllosen Verletzungen und 17 Millionen Dollar nahm der Film nur 2 Millionen ein. Kritiker bezeichneten ihn abschätzig als das teuerste Heimvideo aller Zeiten. Das wird, in meinen Augen, dem schieren Irrsinn dessen was man zu sehen bekommt nicht annähernd gerecht. Ich verstehe ja noch halbwegs, warum sich Marshalls nähere Familie dem aussetzte (ehrlich gesagt, nicht wirklich), aber das jemand wie De Bont mit frisch angetackertem Skalp wieder am Set auftaucht, anstatt Marshall beide Mittelfinger zu zeigen und eine dicke Klage einzureichen, erschließt sich mir nicht.

Hedren gründete anschließend eine Stiftung, die sich dem Wohl der Tiere nach den Dreharbeiten widmen sollte. Diese verbot ihr bald sich über den Film zu äußern, denn sie fand wenig freundliche Worte. 1982 ließ sie sich von Marshall scheiden. Alle Beteiligten betonen, dass keines der Tiere aggressiv war. Wenn man sieht mit wie vielen frei laufenden Löwen hier interagiert wurde und wie leicht die einen Menschen töten könnten, wenn sie nur wollten, bin ich gern bereit das zu glauben. Menschen sind schon nicht dafür gebaut Liebesbekundungen oder spielerisches Balgen von Katzen dieser Größe zu ertragen. Und das macht ‚Roar‘ zur vielleicht schlechtesten Idee der Filmgeschichte.

PS: wer will kann sich ‚Roar‘ übrigens ganz legal auf dem Youtube-Kanal von CineNet anschauen, aber sagt bloß nicht ich hätte Euch nicht gewarnt:

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20 Gedanken zu “Gefährlich dumme Filmideen: Fallout, Drogen und unfassbar viele Löwen

    • Ha, ich habe im letzten Kürzungsgang die Erklärung (nekrotisches Gewebe, aufgrund Durchblutungsmangels) entfernt, weil der amerikansiche Trailer Gangrene auch einfach so benutzt hat. Vielleicht hätte ich einfach Wundbrand schreiben sollen.

      Ich entschuldige mich bei jedem der es googelt und Bilder nicht abgestellt hat…

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  1. Super Artikel. Ich habe gerade nochmal „Apocalypse Now“ gesehen (und einen Beitrag darüber geschrieben). Es ist wirklich unglaublich, wie aus dem ganzen Chaos noch ein Meisterwerk entstehen konnte. Oder ist es gerade deshalb eins geworden? 😉
    Die anderen beiden Storys hatte ich nur mal nebenbei mitbekommen. Manche Filmemacher hatten wirklich nicht mehr alle Tassen im Schrank (im positiven und negativen Sinn 😅)

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    • Ich fürchte beim nächsten Anshen werde ich die ganze Zeit besorgte Ausschau nach der Szene mit tatsächlichen Leichen halten. bei jedem anderen Film wäre ich sicher, sie wäre nicht drin, aber hier? Jeder andere Film wäre wohl auch zuende, wenn der Hauptdarsteller einen Herzinfarkt hat…

      Vermutlich hat die (nicht nur postive) kreative Energie zu der gewissen Maßlosigkeit des Films beigetragen. Immerhin können die Beteiligten hier stolz auf das Ergebnis sein.

      Und würde mich jemand fragen, ob ich lieber ein gutes Jahr hackedicht im Dschungel sitzen, oder Kratzbaum für ein Rudel Löwen spielen möchte, wüsste ich wohl auch wie meine Antwort ausfällt. 😉

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  2. Von der Entstehungsgeschichte zu „Apocalypse Now“ hatte ich ja schon einiges gehört. Von „Roar“ hingegen noch nichts. Das ist ja unfassbar. 😀 So etwas wäre heute glücklicherweise undenkbar. Wegen Gewerkschaft uns so. Oder? ODER??

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    • Ich würde sagen Gewerkschaften (gerade in den USA, wenn es sie denn überhaupt noch gibt) sind heute schwächer als vor 40 Jahren…

      Ich sehe es vor mir: Trump produziert Roar 2 und jeder Hollywoodstar, der ihn je kritisiert hat muss mitspielen… „It’ll be yuge! The best ever!“

      Aber ganz ehrlich, ich wünschte es gäbe ein ausführliches Interview mit De Bont oder sonst jemandem, das nicht nur auf die Verletzungen eingeht, sondern vor allem auf das WARUM? Warum habt Ihr Euch das angetan?

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      • Insgesamt sind sie wahrscheinlich schwächer. Aber sie handeln mittlerweile gute Versicherungen für die Darsteller aus. Hab ich zumindest so gehört.

        Um das ziemlich schwachbrüstige und zunächst zurecht unterdrückte Wortspiel jetzt doch noch zu bringen:
        Die ganze Sache ist einfach zum Brüllen.

        *ROAAAAR*

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