‚Die Tochter des Teufels‘ (2016) – OT: ‚The Blackcoat‘s Daughter‘

Den heutigen Film zu besprechen wird nicht ganz einfach. Seine gletscherhafte Erzählgeschwindigkeit dem Spannungsaufbau gegenüberzustellen, klarzumachen, dass der entscheidende Moment des Films mich arg frustriert hat, ich den Film als Ganzes aber durchaus mag, ist anspruchsvoll. Ja, selbst eine Zusammenfassung der Handlung zu schreiben ist schwieriger als gedacht, wenn ich Euch nicht dem Film in die Karten gucken lassen möchte. So oder so, Osgood Perkins, Sohn von Norman „we all go a little mad sometimes“ Bates Darsteller Anthony Perkins, hat einen bemerkenswerten Film abgeliefert.

Im Februar werden die Schülerinnen eines prestigeträchtigen, katholischen Mädcheninternats von ihren Eltern für eine Ferienpause abgeholt. Kat (Kiernan Shipka) hat geträumt ihre Eltern seien bei einem Autounfall gestorben. Daher ist sie sehr beunruhigt, als die nicht auftauchen und von der Schule nicht erreicht werden können. Rose (Lucy Bounton), die ebenfalls in der Schule festsitzt, weil sie ihren Eltern „versehentlich“ einen falschen Termin genannt hat, wird beauftragt sich um Kat zu kümmern, während die Schulleitung weiter versucht Kats Eltern zu erreichen. In der Nacht schleicht sich Rose allerdings davon, um mit ihrem Freund zu sprechen, von dem sie schwanger zu sein befürchtet. An einem Busbahnhof wird der, auf der Flucht befindlichen, Joan (Emma Roberts) überraschend von Bill (James Remar) eine Mitfahrt angeboten. Sehr zum Missvergnügen von James Frau Linda (Lauren Holly). Joan bittet sie, sie zu einem Dorf in der Nähe des Internats zu fahren.

Wenn man über diesen Film im Internet liest, scheint es genau zwei Meinungen zu geben: entweder ist er so langsam und langweilig, wie eine zweistündige Zeitlupenaufnahme einer eierschalfarbenen Hauswand oder einer der genialsten Horrorfilme seit ‚Der Exorzist‘. Nun könnte man sagen, dass sei fürs Internet, wo alles immer das Beste oder das Schlechteste sein muss, weil Online-Diskurs keine Zeit für Nuancen lässt, ganz normal. Oder man könnte sagen es liegt am Marketing des amerikanischen Verleihs A24, die ihre atmosphärischen Filme gern als Schocker anpreisen (siehe ‚The Witch‘). Vielleicht fällt es mir hier besonders auf, weil ich ziemlich genau in der Mitte lande. Und damit meine ich nicht, dass ich den Film durchschnittlich finde, ganz im Gegenteil.

Der Anfang ist in der Tat großartig. Der Film verrät uns absichtlich nichts darüber, wo seine Charaktere herkommen, was sie fühlen oder denken. Verzichtet auf expositionelle Dialoge (oder überhaupt zu einem guten Teil auf Dialoge) und erzählt genau so, wie ein Film das sollte: cinematisch. Und trifft dabei exakt meinen Geschmack. Aus Umgebung und Musik ergibt sich bald ein bedrohliches Bild. Eben weil die Charaktere so plötzlich, so unerklärt vor uns auftauchen und wir wissen, dass wir in einem Horrorfilm sind, misstrauen wir jedem einzelnen. Die Musik, die vom Bruder des Filmemachers Elvis Perkins stammt, leistet dabei Großes. 70er Jahre Streicher-Horrortöne mischen sich mit Jazz und Folk Einflüssen, dass es an die besten Arbeiten von Angelo Badalamenti denken lässt. Ein leerer Raum kann somit gleichzeitig bedrohlich und unendlich traurig sein. Denn mehr noch als Horror, machen sich Gefühle der Einsamkeit und Traurigkeit breit. Nicht nur scheinen sich Schule (und Busbahnhof) im verschneiten Nirgendwo zu befinden, dass jeder der kann lange verlassen hat, Perkins nimmt seine Charaktere auch zumeist einzeln auf. Das Gefühl der Isolation und der Traurigkeit ist oft genug beinahe unerträglich. Selbst in einem fröhlichen Moment, als etwa Roses Schulfoto gemacht wird, stehen die anderen Schülerinnen zum Tableau Vivant erstarrt im Hintergrund und sie scheint allein. Allerdings weiß ich nicht, wie viel vom Film selbst hier ohne den brillanten Soundtrack übrig bliebe, überreizt Osgood Perkins doch auch hier schon manchmal seine Hand. Wenn wir etwa Rose gefühlte 5 Minuten dabei zusehen, wie sie Schnee schippt, dann hat das schon etwas von provozierender Langsamkeit.

Weitgehend verloren hat mich der Film dann, als die Horrorfilm-typische Gewalt im letzten Drittel ausbricht. Hier zitiert Perkins den berühmten Film, in dem sein Vater die Hauptrolle spielte überdeutlich und ein ebenso uninteressanter, wie vorhersehbarer „Twist“ wird abgespult. Ich machte mich schon innerlich bereit, über einen anderen Film zu schreiben, weil ich ungern Verrisse verfasse. Und dann lenkt der Film in den letzten Minuten den Karren so geschickt herum, bindet den Horror so gekonnt an seine zentralen Themen von Einsamkeit und Traurigkeit, dass mir beinahe die Kinnlade herunterfällt.

Und nun geistert mir der Film seit Tagen im Kopf herum. War die Frustration des „Höhepunkts“ gewollt? Sollte mir als Zuschauer der Moment der Katharsis entzogen werden, eben damit ich nicht am Ende des Films mit ihm auch abschließen kann? Es ist durchaus möglich und sicher ist, dass ich ihn noch einmal schauen muss, um mir ein endgültiges Urteil zu bilden, bis dahin bleibe ich eher zerrissen.

Fraglos gut sind die schauspielerischen Leistungen, die die Gratwanderung schaffen müssen, ihre Charaktere zwielichtig bedrohlich und empathisch nachvollziehbar zu formen. Insbesondere Kiernan Shipka, die bei den Dreharbeiten erst 15 Jahre alt war, tut sich hier mit einer erheblichen Bandbreite einerseits und der Fähigkeit ihre Kat lange Zeit völlig ambivalent zu halten hervor. Die Darsteller machen allerdings durch die Bank das Beste aus dem (absichtlich) sehr wenigen, was ihnen an die Hand gegeben wird.

Bevor ich zum Ende komme, noch ein paar Worte zum Titel: ‚The Blackcoat’s Daughter‘ ist in meinen Augen kein großartiger Titel. Er bezieht sich zwar direkt auf Kats Traum und Elvis Perkisn hat sogar ein Pseudo-Volkslied drum geschrieben (man höre das Youtube Video weiter oben), aber so richtig einfangen tut er den Film nicht. Noch weiter daneben ist der deutsche Titel, der uns direkt und ohne jede Ambivalenz mitteilen möchte, wer der Schwarzkittel denn ist. Der ursprüngliche Titel ‚February‘ hingegen wäre perfekt. Denn der Monat verkörpert exakt das Gefühl, dass der Film vermittelt. Fies-feuchte Kälte, die einem langsam in die Knochen kriecht und man sich wünscht, dass der Winter endlich zu Ende sei und man wieder Farben in der Natur zu sehen bekäme. Hat aber wohl für einen Horrorfilm nicht genug Wumms.

Ich kann den Film nicht unumwunden empfehlen. Wenn Ihr, wie ich ‚Under The Skin‘ oder ‚Hotel‘ mochtet, gebt ihm unbedingt eine Chance. Ist er Euch aber schon am Anfang zu langsam, seid gewarnt, viel schneller wird’s nicht.

legosi-port-klDas nennen Sie also eine Rezension? Fast tausend Worte um zu sagen „Och, ich weiß nicht recht?“ Ich zeige Ihnen wie das geht. Ich für meinen Teil habe genau hingesehen! Wissen Sie, wie viele Vampire ich gesehen habe? Null! Obwohl ich bei James Remar kurz Hoffnung hatte. Daraus ergibt sich eine klare Note: 0/10 Blutsaugern. Sie haben allerdings recht, dass ‚Februar‘ ein schöner Titel ist. Wenig Sonne!

5 Gedanken zu “‚Die Tochter des Teufels‘ (2016) – OT: ‚The Blackcoat‘s Daughter‘

  1. Ich habe diesen Film vor ein paar Monaten auf einem anderen Blog bei einer Auslosung gewonnen und vor wenigen Tagen angesehen. Danach habe ich gleich überprüft, ob Du ihn schon besprochen hast, was da noch nicht der Fall war. Aber, zack, da ist die Besprechung. Was ein Service!

    😉

    Ich habe den Film ähnlich wahrgenommen wie Du und möchte ihn jetzt auch noch ein zweites Mal ansehen. Mir hat die Atmosphäre sehr gut gefallen und ich bin gespannt, ob das beim zweiten Mal auch so ist.

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    • Ich hatte schon, als ich jetzt den Trailer gesehen habe das Gefühl, der Film ist darauf ausgelegt mehrfach gesehen zu werden. Allein schon weil die Dialoge eine ganz neue Bedeutung bekommen „I just wish you could be here for my performance.“

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