Die Rückkehr der Spuktakulären Filmmonster Kapitel 6: Slasher

In den bisherigen Artikeln dieser Reihe habe ich „klassische“ Monster behandelt, die vom Film adaptiert wurden. Beim Slasher könnte man argumentieren, dass er seine Geburtsstunde erst mit dem Film gefeiert hat. Ich werde in diesem Beitrag keinen Versuch unternehmen die Filmografie des Slashers auch nur annähernd zu erfassen, das würde definitiv jeden Rahmen sprengen. Stattdessen lasst uns gemeinsam einen Blick auf seine Quellen und Vorläufer werfen und den Erfolg des Slashers in zumindest grobe Phasen einteilen.

Doch klären wir zunächst einmal, was ein Slasher eigentlich ist. Üblicherweise (aber nicht unbedingt) ein menschlicher Mörder, dem in der Vergangenheit ein übles Unrecht widerfahren ist und der sich nun hinter einer grotesken Maske verbirgt und seine Opfer mit (nennen wir es beim Namen: phallischen) Klingenwaffen umbringt. Diese Opfer sind zumeist Teenager, die sich, dem Alter entsprechend, rebellisch verhalten. Feiern, Drogen nehmen, trinken und Sex haben. Gestoppt (bis zur nächsten Fortsetzung) wird der Slasher oft (aber nicht immer) vom zumeist enthaltsamen „Final Girl“, das keine der Regeln bricht und damit gegen seine Gewalt immun scheint.

Ein Serienmörder in grotesker Maske taucht in dem Buch ‚The Circular Staircase‘ auf, das Autorin Mary Roberts Rinehart später als Theaterstück ‚The Bat‘ adaptierte, das seinerseits 1926 als Film umgesetzt wurde. Darin bedroht ein Mörder in der Maske einer Fledermaus eine Gruppe von Gästen in einem abgelegenen Landhaus. Dies kann als Erweiterung des klassischen Agatha Christie Stoffes des „whodunit“ betrachtet werden, bei dem sich in einer Gruppe ein Mörder befindet, der die Mitglieder nach und nach tötet. Ist der Mörder maskiert, können die anderen Charaktere mit ihm interagieren ohne ihn direkt zu erkennen. Der Film führte zu einer Reihe von „abgelegene Häuser“ Filmen aus Hollywood, die immer mehr auf einen „Stadtmenschen vs. Landmenschen“ Konflikt hinausliefen und sich von Christies Ideen entfernten. Dennoch ist Christies Werk, insbesondere Bücher wie ‚Und dann gabs keines mehr‘ ein durchaus entscheidender Einfluss auf das, was das Slasher Genre werden sollte.

Der direkte Vorläufer ist aber sicherlich Alfred Hitchcocks ‚Psycho‘ von 1960. Zu seiner Zeit ein Skandal, wagte es Hitchcock doch sexuell aufgeladene Szenen, Gewalt und sogar eine Toilettenspülung in Aktion (unerhört für einen US Film!!) zu zeigen. Norman Bates maskiert sich, um eine andere Identität anzunehmen, die durchaus grotesk ist und er mordet mit einem Messer. Wir haben unseren ersten Proto-Slasher gefunden. Im selben Jahr erschien übrigens ‚Augen der Angst‘ von Michael Powell, der eine Mordserie aus Sicht des Mörders erzählt, was durchaus bedeutsam für Slasher Fortsetzungen wird, wie wir noch sehen werden.

Während der 60er Jahre wurden aber noch zahlreiche weitere Grundsteine für den Slasher gelegt. Roger Corman entdeckte mit seinen B-Movies die, bisher von Hollywood weitgehend ignorierten, Teenager als zahlungswilliges und –fähiges Publikum, dass schon froh war sich auf der Leinwand repräsentiert zu sehen und gar nicht so sehr nach der Qualität des Filmes fragte, solange sie im Kino (oder Autokino) ohne Aufsicht der Eltern mit Freund oder Freundin knutschen konnten. Herschell Gordon Lewis begründete 1963 mit ‚Blood Feast‘ das sofort erfolgreiche Genre des Splatterfilms, das von erheblich überzeichneter, blutiger Gewalt getragen wird. Es folgten zahlreiche weitere Filme in den 60ern (viele von Lewis selbst).

Eine weitere Quelle, aus der sich der Slasher speisen wird entsprang hingegen in Deutschland. Nämlich die von Rialto Film produzierten Umsetzungen von Edgar Wallace Stoffen. In denen machten stets mehr oder weniger grotesk maskierte Mörder die nebligen Straßen von London unsicher. Erzählt wurde zumeist aus Sicht der ermittelnden Polizei. Diese „German Krimi Movies“ waren zum Teil auch in den USA sehr erfolgreich. Ebenso erfolgreich waren die italienischen Giallo Filme. Auch hier gingen meist maskierte Mörder um, allerdings waren die Todesszenen oftmals schon sadistisch ausgewalzt und blutig. Die Ermittler (die Polizei ist hier fast immer völlig nutzlos), ebenso wie die Opfer (und oft genug Täter) stammten aus dem Jetset. Das bot nicht nur die Möglichkeit vor opulenten Hintergründen zu drehen, sondern gab den Filmen auch einen Hauch von verfallender Dekadenz.

Mit den 70er Jahren hielt dann die Counter Culture Einzug in die amerikanische Filmindustrie. Exploitationfilme, die sich vor allem durch sexuelle und gewalttätige Darstellungen auszeichnen wurden zu einem großen Erfolg. Es wurde zur Mode, sich auf dem Poster mit empörten Zitaten schockierter Filmkritiker zu schmücken. Gern auch mit dem Hinweis der Film sei „banned in Germany“. Denn dank der Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien (damals noch „Schriften“) landeten viele dieser Filme in Deutschland auf dem „Index“ statt im Kino (irgendwann verdient das mal einen eigenen Artikel). Für uns hier interessant aus der Tradition ist sicherlich ‚Texas Chainsaw Massacre‘. Der nimmt das Genre des „Stadtmenschen vs. Landmenschen“ in abgelegenem Haus wieder auf, wenn er eine Gruppe Counter Culture Kids auf eine sadistisch überzogene Parodie der konservativen, patriarchischen Farmerfamilie treffen lässt. Leatherface mit seiner Kettensäge und dem Gesicht seines Opfers als Maske erfüllt dabei schon die meisten Slasher-Kategorien, steht aber gar nicht so sehr im Mittelpunkt. Wichtiger noch ist der kanadische Film ‚Black Christmas‘ (1974). Der nutzte den Horror seines umgehenden Mörders für durchaus feministische Untertöne rund um Themen wie Abtreibung. Nahm allerdings auch schon einige Slasher-Klischees vorweg, das Wichtigste, die Idee vom Anruf, der aus demselben Haus kommt!

In wie weit man John Carpenters ‚Halloween‘ (1978) nun in der Tradition dieses Exploitationfilms sehen möchte, darüber kann man streiten. Filmisch bezieht sich Carpenter mehr auf ‚Psycho‘ zurück, auch der französiche Nouvelle Vague Film ‚Les Yeux Sans Visage‘ war ein wichtiger Einfluss. Und so besonders blutig ist sein erster Film um den Serienmörder Michael Myers, der Jagd auf Laurie Strode (Jamie Lee Curtis, Tochter von ‚Psychos‘ Janet Leigh) und ihre Freundinnen macht, gar nicht mal. Klar ist jedoch, dass der Film ein gigantischer Erfolg wurde. Aus 300.000 Dollar Budget wurden 70 Millionen Dollar Gewinn. Quasi die gesamte Exploitation Branche und genug große Studios, die bisher nichts davon wissen wollten, schalteten über Nacht auf Slasher Filme um.

Dieses „goldene Zeitalter“ des Slashers hielt bis in die Mitte der 80er Jahre. Schauen wir uns einmal die „großen drei“ aus dieser Zeit an, an die sofort jeder bei dem Wort Slasher denkt, dann stellen wir fest, wie schlecht meine eingängliche Definition des Slashers eigentlich war. Michael Myers aus der Halloween Reihe erfüllt (zumindest in den ersten Teilen) die Definition noch am ehesten. Doch Jason Vorhees aus ‚Freitag der 13te‘ ist ein Untoter. Und Freddy Krueger aus ‚Nightmare on Elmstreet‘ gar ein Geist, der nur in Träumen materialisiert. Auch sind ihre Masken gar nicht so sehr Verkleidung, ihre Identität steht nie zur Frage, sie ist mehr ein Erkennungssymbol, ein Kostüm wie bei einem Superhelden (auch wenn Jason seine ikonische Eishockeytorwartmaske erst in Teil 3 bekommt). Denn die Mörder sind das eigentlich verbindende Element der Reihen. Kaum einer der „Opfercharaktere“ taucht in mehr als einem Film auf. Man schaut einen Elmstreet Film, weil man Freddy sehen möchte.

Neben den dreien gibt es natürlich zahllose weitere Filme, die hier aufzulisten sinnlos wäre. Nicht alle folgten den typischen Klischees. Als etwa ‚Chainsaw‘ Regisseur Tobe Hooper mit ‚The Funhouse‘ seinen Slasher ablieferte, weigerte er sich sexuell aktive Charaktere automatisch zu „bestrafenswerten“ Opfern zu machen. Und ein Film wie ‚Sleepaway Camp‘ setzte sich mit Themen wie Kindesmissbrauch und Transsexualität auseinander, die im Mainstream noch absolut tabu waren. Natürlich sollte man dabei kein Feingefühl erwarten.

Mitte der 80er wurde die Schwemme sogar noch größer. Die großen drei bekamen immer ideenlosere und seelenlosere Fortsetzungen, in denen sie langsam zu Antihelden wurden und ihre Opfer zu unerträglichen Nervensägen. Auf dem Videomarkt erfreuten sich Slasher eines unglaublichen Erfolges. In den USA wurden ihre Leihraten nur noch von Pornographie übertroffen. Und das beschreibt auch ganz gut den Ruf, den sie in dieser Zeit erhielten. Denn für den VHS Markt wurde auch billigst produzierter Ramsch verwertet, der es nie ins Kino geschafft hätte, um die gewaltige Nachfrage zu stillen. Zwar gab es auch noch qualitativ hochwertige Produktionen, wie etwa ‚Candyman‘ (1992) dennoch war in den frühen 90ern die Luft weitgehend raus. Regisseur Wes Craven kehrte 1994 noch einmal zu seiner Erfindung ‚Nightmare On Elmstreet‘ zurück und versuchte sie mit ‚New Nightmare‘ thematisch neu zu beleben, indem er den Film am Set eines ‚Nightmare On Elmstreet‘ Films spielen ließ und damit eine Metaebene schuf, doch wurde das kein Erfolg.

Der gelang ihm allerdings zwei Jahre später mit ‚Scream‘. Der Film spielt ganz bewusst mit den Klischees des Slasher Genre, ja er nennt sie dem Zuschauer sogar explizit. Auch ist der Mörder hier kein mythischer Charakter mehr, es findet eine Rückbesinnung auf die Christie/Wallace Idee des whodunit statt und das Kostüm wird wieder genau das, ein Kostüm um die Identität des Mörders zu verbergen. Tatsächlich ist die ‚Scream‘ Reihe wohl die erste Slasher Reihe, die von der Heldin Sidney und nicht dem Mörder getragen wird, ein weiterer entscheidender Unterschied zu früheren Serien, der oft übersehen wird (was nicht bedeuten sollte, dass die Qualität der ‚Scream‘ Filme nicht ähnlich rapide abnahm wie die aller Slasher Reihen).

‚Scream‘ zog noch einmal eine Welle von Nachahmern, die nun alle bewusst mit den Klischees umgingen nach sich. In den 2000ern dann waren Slasher aber keineswegs verschwunden, wenn sie auch ein kleines Genre geworden sind. Es gab noch solche, die explizit „wie früher“ erzählten (‚Hatchet‘ oder so ziemlich alles von Rob Zombie) und solche, die den ironischen Kommentar eines ‚Scream‘ weitertrugen (‚Behind The Mask‘). Auch wurde der Slasher zu einem internationaleren Genre. ‚Haute Tension‘ oder ‚Ils‘ aus Frankreich spielten bewusst mit Slasher Ästhetik, um diese dann in der Auflösung zu verkehren. Die britischen ‚Creep‘ und ‚Severance‘ hingegen sind durchaus typische Slasher Filme. Über die überflüssigen Remakes, nicht nur der großen drei, breite ich hier einmal großzügig den Schleier des Vergessens.

2014 hat ‚It Follows‘ dann die Slasher Formel auf das absolute Minimum herunter gebrochen, indem es den unaufhaltsamen Mörder selbst zu einer sexuell übertragbare Krankheit machte. Der Slasher jedenfalls scheint keine Absicht zu haben zu verschwinden und gerade weil er ein Genre ist, dass geradezu offensiv damit umgeht, dass seine Zuschauer es längst durchschaut haben, scheint er relativ zukunftssicher. Es ist wohl kein Zufall, dass dieser Tage bereits das zweite Remake von ‚Halloween‘ in die Kinos kommt. Und das soll diesmal sogar gut sein.

Puh, das war kein ganz einfacher Artikel. „Slasher“ ist ein arg weites Feld für einen einzelnen Beitrag. Habe eine halbe Ewigkeit dran gesessen und am Ende habe ich noch eine ganze Menge weggekürzt. Ich hoffe das Ergebnis sagt Euch zu.

Weitere Filmmonster findet Ihr hier:

Vampire

Geister

Hexen

Zombies

„Bizarres“

Mumien

 

8 Gedanken zu “Die Rückkehr der Spuktakulären Filmmonster Kapitel 6: Slasher

  1. Toller Artikel (mal wieder)!

    Ein paar Anmerkungen meinerseits:

    “ Filmisch bezieht sich Carpenter mehr auf ‚Psycho‘ zurück, auch der französiche Nouvelle Vague Film ‚Les Yeux Sans Visage‘ war ein wichtiger Einfluss.“

    Auf jeden Fall! Jamie Lee Curtis ist bei weitem nicht die einzige Verbindung zwischen „Halloween“ und „Psycho“. In baldiger Bälde erscheint auf meiner Seite ein relativ ausführlicher Beitrag zu Halloween, in dem ich auch darauf kurz eingehe. Wie findest du eigentlich „Halloween“? Ich halte ihn für einen echten Meilenstein und auf jeden Fall DEN Slasher überhaupt. Für mich ist Carpenters Film den „Nightmare“ und „Freitag“ Filmen meilenweit voraus.

    „Der gelang ihm allerdings zwei Jahre später mit ‚Scream‘. Der Film spielt ganz bewusst mit den Klischees des Slasher Genre, ja er nennt sie dem Zuschauer sogar explizit.2

    Den Film habe ich neulich mal wieder gesehen. Zum ersten mal seit 15 Jahren oder so. Dabei ist mir erst jetzt aufgefallen wie lustig „Scream“ eigentlich ist. Toll. 🙂

    Dass „It Follows“, den ich ebenfalls sehr mag“, hier auftaucht, überrascht mich etwas. Den hätte ich in einem Slasher-Beitrag überhaupt nicht vermutet. Aber ich verstehe was du meinst.
    Ein letztes Wort zu Halloween. Der 2018 Film ist kein Remake. Es handelt sich um eine direkte, 40 Jahre versetzte Fortsetzung des Klassikers. Ich bin megagespannt! 😀

    Gefällt 1 Person

    • Zu Halloween: ja, der steckt voller Anspielungen. Es waren auch einige Beispiele im text, die sind der letzten Kürzung zum Opfer gefallen und nur Frau Curtis‘ Verwandtschaftsverhältnis hats überlebt. Sieht jetzt zugegeben etwas merkwürdig aus. 😉

      Er spielt in einer ganz eigenen Liga, das stimmt. Dafür würde ich sagen ist der Qualitätsabfall in der späteren Serie auch am krassesten. Der erste Nightmare ist auch toll (abgesehen von der letzten Szene, die die Fortsetzung vorbereitet und die Craven unter Protest gedreht hat), aber dann verkommt Freddy schnell zu Witzfigur. Freitag war nie wirklich richtig gut, aber dafür ist die Qualität der Serie (mit 1, 2 Ausreissern nach unten) immerhin ziemlich konsistent…

      Scream ist wirklich gut und wirklich lustig, ist dann aber spätestens mit Nummer drei den qualitativen Weg aller Slasher gegangen… 😉

      Das mit dem neuen Halloween stimmt natürlich. Ist ein Beleg wie lange der Artikel in der Mache war. Ich ändere das bei Gelegenheit mal…

      Gefällt 1 Person

      • “ Dafür würde ich sagen ist der Qualitätsabfall in der späteren Serie auch am krassesten.“

        Auch dazu wird es einen ausführlichen Beitrag geben. 😀 Aber so viel schon mal vorweg: Du hast Recht 😛

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