‚Mandy‘ (2018) – you Cage and you gave without taking

Nicolas Cage, ein durchaus fähiger und definitiv furchtloser Schauspieler einerseits, ein wandelnder Running Gag andererseits. Zu diesem dualen und auf den ersten Blick widersprüchlichen Ruf trägt die Tatsache bei, dass Cage beinahe jede Rolle annimmt (oder aufgrund von Geldproblemen annehmen muss). Manchmal ist das ein Glück. Denn es dürfte nicht wirklich viele etablierte Hollywood-Darsteller geben, die ein Skript, wie das, das Panos Cosmatos hier vorlegt, lesen und nicht direkt in den Papierkorb befördern würden. Der Sohn von George P. Cosmatos (‚Rambo II‘, ‚City Cobra‘) hat bereits mit seinem Erstling ‚Beyond The Black Rainbow‘ (der bislang nicht in Deutschland erschienen ist) bewiesen, dass er Filme nach seiner ganz eigenen Vision macht. Und in ‚Mandy‘ hat er nun eine Welt geschaffen, die um Nicolas Cages exaltiertes Schauspiel passt wie ein Handschuh.

Die Handlung ist eigentlich eine ganz gewöhnliche Rachegeschichte. Holzfäller Red (Cage) lebt 1983 mit seiner Freundin, der Künstlerin Mandy (Andrea Riseborough) in einem angelegenen Haus in den Shadow Mountains. Mandy fällt dem Führer der mörderischen Hippie-Sekte „Children of the New Dawn“ Jeremiah Sands (Linus Roache) auf, der sie und Red kurzerhand entführen lässt. Die Sekte verbrennt Mandy vor Reds Augen und lässt ihn, für totgeglaubt, zurück. Red ist natürlich nicht tot, aber von tiefer Rachsucht erfüllt. Mit Armbrust, Axt und Kettensäge stellt er sich der Sekte und den mit ihr verbündeten Dämonen (oder möglicherweise Motoradkurieren auf einer höllischen Version von LSD, man weiß es nicht genau).

Die Handlung von ‚Mandy‘ ist nicht nur eine Hommage an generische „Direct to Video“ Filme der 80er, gefiltert durch Cosmatos‘ farbenreiche LSD Trip-Linse. Der Film ist in einer Weise inszeniert, dass er möglichst viele Filmgenres streift und lässt sich im Groben sogar zweiteilen: die erste Hälfte ist eine düstere Fantasy-Vision, mit Mandy im Zentrum, während die Zweite, mit Red im Zentrum, irgendwo zwischen Rache- und Barbarenfilm verortet werden kann. Heraus kommt ein Film, bei dem man sich, wenn man das Licht wieder anschaltet, nicht ganz sicher ist, ob man nicht doch Teile davon geträumt hat.

‚Mandy‘ ist ‚Vier im rasenden Sarg‘ vermischt mit ‚Ein Mann sieht rot‘, mit einer ordentlichen Ladung ‚Hellraiser‘ dabei. Dazu eine Kettensägenspitze ‚Tanz der Teufel‘ und ein paar Spritzer Ralph Bakshi-Fantasy, präsentiert in einer Farbgebung, die dem Dario Argento der ‚Suspiria‘-Ära die Freudentränen in die Augen getrieben hätte. Und dennoch ist es völlig erkennbar Cosmatos eigener Film, in einem ganz eigenen, in Ermangelung eines besseren Wortes, trippigen Stil. Seine Welt der Shadow Mountains ist ebenso hypnotisch wie dynamisch und wirkt beinahe endlos. Hier können sich Drogenkuriere in grausame Sado-Maso Dämonen verwandeln, gescheiterte Folksänger zu Sektenführern mit Gottkomplex mutieren und hier kann auch ein Tiger in einem Sendeturm den Weg weisen.

Und genau weil diese Realität so überhöht ist, passt Nicolas Cages Schauspiel so perfekt hinein. Der Film enthält mindestens eine Szene, die „typisch Cage“ ist: er tobt, nur mit T-Shirt und weißer Feinrippunterhose bekleidet, durch ein in wunderbaren 70er Jahre Farben dekoriertes Badezimmer, trinkt Wodka aus einer überdimensionierten Flasche und schreit. Ich will nicht behaupten, dass sei nicht merkwürdig und komisch, es ist merkwürdig und komisch, aber in diesem merkwürdigen und oft komischen Film transportiert es auch echten Schmerz und echte Trauer.

Im Gegensatz zu Cages Toben steht Andrea Riseboroughs Spiel, die beinahe mehr mit den Augen sagt als mit Worten. Man kann dem Film sicherlich (nicht ganz zu Unrecht) den Vorwurf machen, ihr die typische, weibliche Opferrolle zu geben, ich würde dem nicht ganz zustimmen. Nicht nur ist ihr Charakter so wichtig, dass sie beinahe jede Szene des Films beherrscht, ihre Missachtung im Angesicht von Jeremiah Sands ist vielleicht einer der befriedigendsten Momente des Films. Jener Jeremiah war denn auch die Rolle für die zunächst Cage gedacht war, bevor er entschied lieber Red zu spielen. Aber Linus Roache (den ich bislang nur aus kleinen Nebenrollen kannte) macht seine Sache brillant. Er ist unheimlich, er ist widerwärtig und Cosmatos hat eine diebische Freude daran ihm die Hacken wegzutreten. Die anderen Rollen sind kaum umfassend genug, um sie groß zu umschreiben, aber das Casting verdient ein Lob dafür, wie perfekt das Aussehen jedes Darstellers auf seine Rolle passt und dabei gleichzeitig ziemlich Hollywood-untypisch ist.

Wichtig zu erwähnen ist auch noch die Musik. Im ersten Moment würde man bei dem groben Filmkorn, den wabernden Kunstnebeln und der Primärfarbenoptik des Films einen krachenden Synthie-Soundtrack vermuten. Doch der Film beginnt mit „Starless“ der Progrocker von King Crimson. Und Komponist Jóhann Jóhannsson behält dessen melancholischen Grundton mit ambienten Keyboards weitgehend bei, lässt aber auch durchaus die Gitarren losdonnern, wenn die Szene es verlangt. ‚Mandy‘ war die letzte Arbeit von Jóhannsson vor seinem überraschenden Tod und ist nicht nur ein kleines Meisterwerk, sondern vielleicht auch ein ungefährer Hinweis darauf, wie sein ‚Blade Runner 2049‘ geklungen hätte.

‚Mandy‘ ist ein dynamischer, visueller Trip, einer dieser Filme, die man als „pures Kino“ bezeichnen kann. Aber das vielleicht Wichtigste ist, dass unter dem Spektakel der physischen und emotionalen Gewalt ein zutiefst menschliches Herz schlägt. Und spätestens das bringt ‚Mandy‘ für mich ohne Frage unter die 5 Besten für dieses Jahr. Es ist allerdings auch ein ungewöhnlicher Film, der nicht für jeden so gut funktionieren wird. Wenn ihr einen geradlinigen, stilisierten Rachefilm sehen möchtet, seid ihr mit Coralie Fargeats ‚Revenge‘ aus diesem Jahr vermutlich besser bedient. Wenn Ihr einen geradlinigen Film sehen wollt, in dem Nic Cage gegen das Urböse kämpft und mit einiger Albernheit klarkommt, wäre da ‚Drive Angry‘. Wenn Ihr einfach nur ironisch über Cages Overacting lachen wollt, naja, dann schaut halt das ‚Wicker Man‘ Remake zum achten Mal. Wenn Ihr aber einen Film sehen wollt, der viel eleganter das umsetzt, was ich oben versucht habe zu beschreiben, dann habt Ihr nicht wirklich viel Auswahl. Aber immerhin das Glück, dass der Film der es umsetzt sehr gelungen ist.

 

7 Gedanken zu “‚Mandy‘ (2018) – you Cage and you gave without taking

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