Der Schnee und der Film, eine wechselhafte Geschichte

Die Hoffnung auf eine weiße Weihnacht können wir uns dieses Jahr wohl mal wieder schenken. Was soll’s es gibt ja mehr als genug Filme, die den weißen Zauberstoff, aus dem Kinderträume sind, direkt ins Wohnzimmer transportieren. Und das Beste ist: den muss man noch nicht einmal schippen! Aber wie macht und vor allem wie machte man Schnee vor der Kamera? Einige Antworten auf diese Frage werden Euch vermutlich überraschen – und nicht unbedingt positiv.

Die beste Möglichkeit, zumindest wenn man ein Budget hat, das ein Warten auf gute Bedingungen erlaubt, ist natürlich wirklich im Schnee zu drehen. Das geht seit der Frühzeit des Films und wird bis heute so gemacht. Charlie Chaplin etwa ließ für seinen ‚Goldrausch‘ (1925) in den Bergen bei der Stadt Truckee im nördlichen Kalifornien unter schwersten Bedingungen eine Goldgräberstadt nachbauen. Für die Eröffnungssequenz des Yukon Treks ließ er über 600 Statisten aus Sacramento einfliegen. Darsteller und Crew litten unter den rauen Bedingungen des Gebirges und viele wurden krank. Später sollte Chaplin die Sequenzen mit Modellen von Bergen, auf denen Mehl und Salz als Schneeersatz dienten, anreichern. Die Effektübergänge waren, nicht nur für die 20er Jahre, beeindruckend. Aber ganz ähnliche Geschichten über die Härte der Dreharbeiten erzählten 90 Jahre später auch Macher und Darsteller des Films ‚Revenant‘. Tatsächlich wurde in der Werbung für den Film immer wieder betont wie schwer die Arbeit für Hauptdarsteller DiCaprio war. Weit weniger erwähnt wurde Angewohnheit von Regisseur Alejandro Iñárritu technische Crewmitglieder auch bei berechtigten Beschwerden direkt zu entlassen. Man kann aber wohl festhalten: die Arbeit mit echtem Schnee ist ebenso hart wie teuer. Das muss doch auch im Studio gehen.

Das dachte man sich auch schon im frühen Hollywood und probierte allerlei Möglichkeiten für Kunstschnee aus. Anfangs waren Cornflakes sehr beliebt. Die benahmen sich beinahe wie Schneeflocken und hatten in etwa die richtige Größe. Und ihre gelbe Farbe war egal, schließlich waren die Filme in schwarz-weiß. Sie hatten aber auch einige Nachteile. Etwa, dass sie als Magnet für Ungeziefer wirkten, allen voran Ratten und Kakerlaken. Und dem Vernehmen nach gelegentlich auch mal für Großwild. Noch wichtiger war aber die Gesundheitsbelastung durch den Maisstaub, der durchaus auf die Lunge ging und bei längerer Exposition auch zur Staublunge führen konnte.

Eine gesündere Alternative waren Baumwollbällchen. Die fielen ähnlich schön, staubten nicht und lockten keine ungebetenen Gäste. Als allerdings ein Brandschutzexperte gegen Ende der 20er Jahre eine Bühne voll von brennbarer Baumwolle, umgeben von heißen Scheinwerfern und womöglich sogar offenem Feuer sah, fiel es ihm nicht schwer ein mögliches Unglück in nächster Zukunft vorherzusehen. Eine feuerfeste Alternative musste her. Und die war auch schnell gefunden. In Form von Chrysotil. Ein praktisches, feuerfestes Material, dass man in großen, filzigen Matten kaufen und durch einfaches Zerreißen in faserige Flockenform bringen kann. Und das Beste daran war, dass man es sogar für die aufkommenden Technicolor Filme verwenden konnte, da es sogar die richtige Farbe aufwies, wie der andere Name des Stoffes verriet: weißer Asbest.

Jetzt sollten durchaus einige Alarmglocken läuten, ist doch inzwischen die erhebliche Gesundheitsgefährdung durch Asbest seit vielen Jahrzehnten bekannt. Damals allerdings nicht. Und dadurch, dass den Schauspielern das zerrupfte Zeug auf den Kopf geschneit, oder ihnen gar per Ventilator ins Gesicht geblasen wurde, waren die perfekten Bedingungen zur Inhalation und damit zur Asbestose gegeben. Einer Staublungenkrankheit, die zu Fibrosen und zu Lungenkrebs führen kann. Ob man Glinda aus ‚Der Zauberer von Oz‘ (1939) noch ihren Titel als „gute Hexe des Nordens“ lassen kann, wenn man weiß, was sie da herabrieseln lässt, um Dorothy vor dem fiesen Schlafmohn zu retten? Naja, sie wusste es ja selber nicht.

Mit dem Eintritt der USA in den 2ten Weltkrieg wurde die Verwendung von Asbest als Kunstschnee allerdings schwierig, da Asbest weitgehend militärischen Zwecken vorbehalten wurde. Kurz nach dem 2ten Weltkrieg stand aber ohnehin eine Neuerung in Sachen Schnee ins Haus.

Und zwar in einem der Weihnachtsklassiker schlechthin: Frank Capras ‚Ist das Leben nicht schön‘ (1947). Capra stand vor der nicht ganz leichten Aufgabe auf einem Set, dass in der hochsommerlichen Hitze des Jahres 1946 nahe der Stadt Encino in Kalifornien gebaut wurde, das weihnachtliche Bedford Falls zu schaffen. Die Hintergründe waren noch einfach, Häuserfassaden und Bäume wurden einfach mit Gips besprüht, der sie für die Dauer der Dreharbeiten „winterlich“ machte (die Bäume dürften wenig begeistert gewesen sein). Doch für den „aktiven“ Schnee hatte Russell Shearman der Chef-Tricktechniker des Studios RKO eine neue Idee. Er nahm „Foamite“, einen Löschschaum, der in Feuerlöschern verwendet wurde (und über dessen Zusammensetzung ich nichts herausgefunden habe, aber es ist wohl fair anzunehmen, dass er gesünder als Asbest war) und vermischte diesen, je nach Verwendungszweck mit unterschiedlichen Anteilen von Wasser, Seife und Zucker. Flocken dieser Mischung konnten mittels Ventilatoren geblasen werden, sie rieselten glaubhaft durchs Bild und konnten festgepackt als Bodenbelag verwendet werden. Und das Beste: als Bodenbelag war die Mischung leise beim Auftreten. Im Gegensatz zu echtem Schnee störte sie also die Tonaufnahmen nicht mit lästigem Geknurpse. 23.000 Liter dieses neuen „Chemie-Schnees“ wurden für den Film verwendet. Dafür erhielt der Film einen Oscar für technische Errungenschaften, der einzige, den er mitnehmen sollte.

Eine andere Lösung fand David Lean, der sich für die Verfilmung von ‚Doktor Schiwago‘ 1965 nicht etwa im winterlichen Russland, sondern im sommerlichen Spanien wiederfand. Effektkünstler Eddie Fowlie besprühte ein Anwesen, das winterlich wirken sollte mit heißem Wachs, ließ dieses mit kaltem Wasser schnell erstarren und trug dann eine dünne Schicht Marmorstaub auf, die dem ganzen einen eisigen Glanz und einen erstaunlich echt wirkenden Effekt gab.

Lösungen für Schnee waren also noch lange nicht vereinheitlicht. Wie auch das nächste Beispiel eindrucksvoll zeigt.

In ‚Superman‘ (1978) hat der titelgebende Held seine „Festung der Einsamkeit“ tief in der arktischen Ödnis. Dafür ließ Regisseur Richard Donner riesige Eisschollen aus Styropor in einem noch größeren Wassertank schwimmen. Und ließ gigantische Schneewehen schaffen – aus Tonnen und Tonnen von Salz. Damit machte er sich bei seinen Kameraleuten und Technikern wenig beliebt, da die große Schwierigkeiten hatten das aggressive Zeug aus ihren empfindlichen Geräten fernzuhalten. Und bald mussten sie in Gummistiefeln zur Arbeit kommen, weil das Salz das Leder ihrer Schuhe angriff. Man sieht also Kunstschnee war vielleicht weit weniger tödlich geworden, durfte mit Fug und Recht aber immer noch als abenteuerlich beschrieben werden.

Aber wie sieht es heute aus? Zum Glück ziemlich langweilig, möchte man sagen. Es gibt Spezialfirmen, die Filme mit umweltfreundlichem Kunstschnee aus recyceltem Papier oder, um den Bogen zurück zu den anfänglichen Corn Flakes zu schlagen, aus Maisstärke versorgen und entsprechende Lösungen je nach Bedarf anbieten. Wenn der Film nicht von vornherein auf physischen Schnee verzichtet und sich ganz auf die Computeranimation verlässt. Die Tage des Abenteuers (wenn man denn nicht mit echtem Schnee arbeitet) scheinen vorbei.

Wenn Ihr also dieses Jahr Euren liebsten Winterfilm schaut, guckt doch mal ins Bonusmaterial, wo der „Schnee“ herkam. Womöglich werdet Ihr überrascht. Vielleicht sogar positiv.

 

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6 Gedanken zu “Der Schnee und der Film, eine wechselhafte Geschichte

  1. Toller Beitrag zum einem „speziellen Spezial-Thema“. Hat mir sehr gut gefallen. Aber ich vergesse den doch gleich mal schnell wieder, weil ich Filme, die im Winter (und natürlich im Schnee) spielen, immer grandios finde. Vermutlich, weil hier bei uns im Norden der Schnee so selten ist.
    Damit möchte ich aber natürlich in keiner Weise, Deine Arbeit und den damit verbundenen Aufwand herabwürdigen. Also, bitte nicht falsch verstehen ❄️☃️

    Gefällt 1 Person

    • Das geht mir ganz ähnlich. Die Idee zum Artikel kam mir als ich iregndwo gelesen haben, dass in ‚Oz‘ Abest als Schneeersatz benutzt wurde. Das fand ich unglaublich, stellte sich dann aber als wahr heraus. Der Rest war dann ein echtes auf und ab.

      „Haha, Cornflakes als Schnee“
      „Auweia, Staublunge!“
      „Haha, Baumwolle als Schnee“
      „Auweia, Brandgefahr“ usw. 😉

      Gefällt 1 Person

  2. Pingback: Filmforum Bremen » Das Bloggen der Anderen (17-12-18)

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