Magie und Kino

Am 17. März des Jahres 1904 hatte Erich Weiss ein Problem. Er hatte eine Herausforderung angenommen, die er womöglich nicht würde gewinnen können. Weiss war ein Illusionist, Entfesselungskünstler und Selbstdarsteller, besser bekannt unter seinem Bühnennamen Harry Houdini. Sein Ego schien es ihm nicht zu erlauben, Herausforderungen aus dem Weg zu gehen. Das würde dafür sorgen, dass er im Laufe seiner Karriere gefesselt in einer Kiste auf den Grund eines Flusses versenkt würde, oder sich von einem Kran hängend aus einer Zwangsjacke befreien müsste. Doch an diesem Tag hatte er eine Herausforderung der britischen Zeitung London Daily Mirror angenommen. Diese hatte von einem Schlossermeister aus Birmingham ein paar Handschellen erhalten, die ihr Macher als unentrinnbar bezeichnete. Die Redaktion legte das Fesselwerkzeug Schlossern und Ingenieuren vor, die diesen Eindruck bestätigten. Eine Herausforderung an Houdini wurde ausgesprochen und der nahm an.

Und nun stand er mit den Handschellen gefesselt auf der Bühne des London Hippodrome Theaters vor 4000 Zuschauern, darunter über 100 Journalisten, die fast alle nur aus einem Grund hier waren: um ihn scheitern zu sehen. Sie sahen ihn als arroganten und großmäuligen Amerikaner, der hier und heute von guter britischer Handwerkskunst geschlagen würde. Er zog sich in sein Ghost House zurück, einen Sichtschirm, der verbarg, wie genau er seinen Fesseln entkommt. Eine halbe Stunde später trat er wieder hinter dem Schirm hervor. Rot im Gesicht, zerzaust, verschwitzt und immer noch gefesselt. Ob man ihm kurz die Schellen abnähme, damit er den Mantel ausziehen könne, bat er. Es wurde verwehrt, da man vermutete, er wolle nur den Schlossmechanismus beim Aufschließen studieren. Darauf zog er sich den Mantel über den Kopf, angelte ein Taschenmesser hervor, nahm es in den Mund und schnitt sich das Kleidungsstück in Fetzen vom Leib. In den nächsten 40 Minuten verlangte er aus seinem Ghost House ein Kissen, auf das er sich knien könne, ein Glas Wasser und einen Kuss von seiner Frau Bess.

Endlich, nach über 70 Minuten trat er wieder hervor: frei! Die Handschellen im Triumph erhoben, Tränen der Erleichterung strömten ihm über das Gesicht. Das Publikum jubelte, eine Gruppe Männer stürmte die Bühne und trug Houdini auf ihren Schultern durch das Theater. Noch Jahre später würde Houdini die „Mirror Cuffs“ als seine härteste Herausforderung bezeichnen. Manche sagten er sei in Wirklichkeit gescheitert. Als Bess sah, dass er es nicht schaffen würde, habe sie sich den Schlüssel von einem Mirror Mitarbeiter erkauft und ihm ihren Mann beim Kuss von Mund zu Mund übergeben. Beweise gab es dafür nie. Und wenn man auch nur ein Bild der Handschellen gesehen hat, weiß man wie unwahrscheinlich es ist: der Schlüssel ist beinahe 16 Zentimeter lang. Ein wenig viel für eine unauffällige, orale Übergabe.

Forscher und Houdini Biografen sehen die Sache aus heutiger Sicht ganz anders. Der Mechanismus der Schellen, lässt es fast sicher erscheinen, dass Houdini selbst sie entworfen hatte. Über einen Mittelsmann hat er sie der Zeitung zukommen lassen. Er hat sich quasi selbst herausgefordert und eine 70-minütige Schau abgeliefert, während er die „Hintertür“ für seine Schellen genau kannte. Wäre er aber nach 30 Sekunden aus seinem Ghost House getreten, ihm wäre der Zorn des feindseligen Publikums sicher gewesen. Nein, sie mussten ihn leiden sehen und kämpfen und nicht aufgeben. Erst danach war ihm ihre Sympathie für seinen Triumph sicher. Eine 70 Minuten währende, emotionale Manipulation.

Und ist das nicht genau was ein Film ist? 24 Bilder pro Sekunde, die nicht wirklich wahr sind, die wir für die Laufzeit aber bereitwillig akzeptieren. Das Erzählerische des Films hat seine Wurzeln sicherlich zu allererst im Theater. Aber die „Magie“ des Kinos fußt womöglich auch auf der Bühnenillusion*. Das meine ich nicht einmal im ganz direkten Sinne, auch wenn es Argumente dafür gibt. Der Illusionist Georges Méliès etwa gilt als einer der wichtigsten Pioniere des Films und als „Erfinder des Spezialeffekts“. Aber auch Félicien Trewey, oder der Brite David Devant, Autor eines Standardwerks über Bühnenmagie, waren sehr frühe Anhänger und Schöpfer der neuen Kunst Film. Und in den 1910ern erkannte auch Harry Houdini  die Möglichkeiten des Mediums und spielte die Hauptrolle in einigen Filmen, die sich meist um das Entkommen aus allerlei Zwangslagen drehten.

Was ich eigentlich meine ist, dass sowohl der Bühnenmagier, als auch der Filmemacher uns von etwas überzeugen muss, von dem wir wissen, dass es nicht echt ist. Wir wissen, die Welt endet nicht wirklich, wenn der heldenhafte Agent den Todeslaser des Dr. Destructor nicht rechtzeitig zerstört. Wir wissen, die bewegende Liebesgeschichte, die wir gebannt verfolgen, gibt es nicht wirklich, sie spielt sich sogar zwischen zwei Charakteren ab, die es nicht gibt. Genauso wissen wir, dass der Magier nicht wirklich seine Assistentin in der Mitte durchsägt, dass er nicht wirklich die Münze, die wir ihm gegeben haben, in seiner Tasche entmaterialisiert und hinter unserem Ohr wieder erscheinen lässt.

Aber wenn Magier und Filmemacher eine in sich glaubwürdige Geschichte für ihre Unwahrheit spinnen, uns mit großen Gesten oder beeindruckenden Bildern gefangen nehmen, dann lassen wir uns nur zu gerne darauf ein. „Willing Suspension of Disbelief“ nannte Samuel Taylor Coleridge das schon in den 1870ern. Auf deutsch etwas unhandlicher: die willentliche Aussetzung der Ungläubigkeit. Solange wir nur gut genug unterhalten werden, akzeptieren wir gerne die Illusion. Damit geben wir natürlich dem Filmemacher wie dem Illusionisten eine gewisse Macht über uns. Und so sollten wir darauf achten, dass die Münze hinter unserem Ohr auch wirklich die ist, die wir dem Magier übergeben haben und dass wir für einen Moment darüber reflektieren, was ein Film uns eigentlich mit seinen eindrucksvollen Bildern sagen wollte und diese Botschaft hinterfragen.

Wenn Ihr Euch nun fragt, woher dieser etwas merkwürdige Artikel kommt, dann muss ich auf das Buch „Hiding The Elephant“ hinweisen, das ich als Weihnachtsgeschenk bekommen habe und derzeit lese. Darin berichtet Autor Jim Steinmeyer über das „Goldene Zeitalter“ der Bühnenmagie, vom späten 19ten Jhdt. Bis zum frühen 20ten. Ihm gelingt es dabei sehr geschickt, den Leser in die Denkweise eines Magiers einzuführen, was vermutlich daran liegt, dass er nicht nur auf umfangreiche Recherche, sondern auch auf lange berufliche Erfahrung mit der Erfindung neuer Tricks und der Rekonstruktion alter, oftmals nur kryptisch beschriebener Illusionen aus eben jener Zeit zurückgreifen kann. Steinmeyer deutet die Verwandtschaft zwischen Magie und Film nur in einem Nebensatz an, was sodann mein Hirn in Bewegung gesetzt und diesen Artikel produziert hat. Ich hoffe es war von Interesse und falls ja, dann lest „Hiding The Elephant“!

 

*Experten mögen hier, durchaus richtig, anmerken, dass Houdini mehr Entfesselungskünstler als Magier war, nicht zuletzt, weil der Rest der Magierzunft, ebenso wie das Publikum von seinen eigentlichen Zaubertricks nicht viel hielt. Ich denke aber, ich habe mit der eingänglichen Anekdote hinreichend dargelegt, warum ich auch in seiner Entfesselungskunst ein gutes Maß an Illusion sehe (ohne ihm erhebliche Athletik und Fingerfertigkeit absprechen zu wollen!).

6 Gedanken zu “Magie und Kino

    • Oh, den muss ich mal raussuchen! Adrian Brody ist interessantes Casting. Einer der Gründe, warum seine Magierkollegen ein wenig auf Houdini herabschauten war wohl, dass er mit nacktem Oberkörper deutlich besser aussah, als in der typischen Magier-Abendgarderobe, in der er immer etwas fehl am Platz wirkte. Das kann ich mir bei Brody gar nicht vorstellen.

      Ach ja richtig, das nennt man Schauspielern… 😉

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      • Ja, unbedingt anschauen. Inwieweit die Story den Tatsachen entspricht, weiss ich allerdings nicht. Houdini selbst war wohl auch ein Großmeister im Geschichten erzählen, der es mit der Wahrheit -besonders, wenn es um ihn selbst ging – nicht so genau.
        Ach ja, einen Film mit Tony Curtis als Houdini gibt es auch noch. Hab ich allerdings als Kind gesehen und ist somit schon ein paar Donnerstage her ☺️

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  1. Hm, ich sehe einen entscheidenden Unterschied zwischen dem beschriebenen Publikum und einem konventionellen Kinopublikum. Ersteres war darauf aus, den Mythos zu entzaubern, die Tricks zu entschlüsseln, den Künstler, wie du schreibst, scheitern zu sehen. Die Faszination an guter Bühnenmagie liegt m.E. darin, dass sie uns trotz dieses Grundzweifelns überzeugt und ungläubig zurücklässt – sie täuscht und, obwohl wir die Täuschung durchschauen wollen. Wer ins Kino geht, lässt sich hingegen von Anfang an darauf ein, durch die Technik getäuscht zu werden, dass also aus einzelnen Bildern der Anschein von Bewegung entsteht. Im Kino geben wir uns dieser Illusion tatsächlich freimütig(er) hin. Platos Höhlengleichnis hält da mMn immer noch als gute Erklärung hin.

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    • Sicher, beim Film steht der Inhalt mehr im Mittelpunkt, während bei der Bühnenmagie letztlich der Effekt das absolute Zentrum des Interesses ist. Somit ist die Frage „Wie hat er das gemacht“ da häufig wichtiger als beim Film.

      Gänzlich gleichsetzen kann man beide Erlebnisse nicht, doch bin ich schon der Meinung beide benötigen ein ähnliches Maß an Suspension of Disbelief. Es sei denn man lässt sich auf die Magie-Schau gar nicht ein und sucht ständig nach dem Moment, wenn die Münze zwischen den Fingern verschwindet oder nach den kaum sichbaren Kabeln, die das Schweben ermöglichen. Ein ähnliches Äquivalent gibt es beim Film wohl nicht.

      Obwohl, als ich Troja im Kino gesehen habe, saß jemand hinter mir, der mehrfach „das ist doch alles ausm Computer!“ gerufen hat. 😉

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  2. Pingback: Magie und Kino — filmlichtung | Treffpunkt Phantastik

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