‚Halloween‘ (2018) – Halloween H40?

Halloween im Februar (als ich den Film gesehen habe), das ist doch mal was Neues. David Gordon Greens Fortsetzung von John Carpenters Slasher Klassikers, die alles, was die Reihe danach hervorbrachte ignoriert, ist allerdings nicht ganz so neu, wie immer vermittelt wurde. Denn ziemlich genau zwischen dem Original und dem, für maximale Verwirrung, gleich benannten 2018er Sequel, gab es ‚Halloween H20‘, der den exakt gleichen Ansatz wählte. Leider war ‚Halloween H20‘ gar nicht mal so gut. Und oft kommt es ja nicht darauf an etwas als erster gemacht zu haben, sondern als erster richtig. Kann sich dieser Film diesen Erfolg auf den schmuddeligen Jumpsuit kritzeln?

40 Jahre ist es her, seit Michael Myers (James Jude Courtney) an Halloween eine ganze Reihe Morde in Haddonfield begangen hat. Eine Reihe, die schließlich mit dem versuchten Mord an Laurie Strode (Jamie Lee Curtis) endete. Seitdem sitzt er in einem Forschungskrankenhaus und wird von Dr. Sartain (Haluk Biligner) untersucht. Sehr zu dessen Missvergnügen soll er nun aber in eine Hochsicherheitsanstalt verlegt werden. Ausgerechnet an Halloween. Für Laurie ist klar, dass nun die Nacht ansteht vor der sie sich lange gefürchtet, aber auf die sie sich auch lange vorbereitet hat: die Rückkehr von Michael Myers.

Um es direkt zu sagen: in seinen zentralen Themen funktioniert der Film ganz großartig. Eines dieser Themen ist Trauma. Lauries Trauma war keineswegs beendet, als Myers gefangen wurde. Sie zog sich in ein Festungs-artiges Gebäude tief im Wald zurück, baute Fallen, lernte mit Waffen umzugehen. Und wie ein Stein der ins Wasser geworfen wird, breitete sich das Trauma in Wellen aus. Es betraf nicht nur Laurie, sondern auch ihre Tochter Karen (Judy Greer), die auch als Erwachsene noch nicht über das harte Überlebenstraining, dem ihre Mutter sie unterzog hinweg ist und keinen Kontakt mit ihr möchte. Ihre Tochter Allyson (Andi Matichak) ist neugierig auf ihre Oma, aber doch auch immer wieder von ihrem Verhalten schockiert. Drei Generationen hat Michaels Verbrechen so brutal beeinflusst und damit sind wir beim zweiten großen Thema, dem Verhältnis zwischen Opfer und Täter. Laurie hat sicher in den letzten 40 Jahren keinen Tag verbracht ohne an Michael zu denken, doch wie sieht es umgekehrt aus?

Während Carpenter seine Bilder groß aufgezogen hat, freie Flächen schuf, in denen „The Shape“ in jedem Moment erscheinen konnte und seinen Charakteren erst zum Finale hin mit seiner Kamera immer näher kam, beginnt Greens Kamera bereits sehr nahe an seinen Charakteren. Er will ihr Innenleben erforschen und dafür ist Nähe vonnöten. Auch zitieren die Bilder oft direkt den ersten ‚Halloween‘, tauschen allerdings Laurie gegen „The Shape“ aus. Wenn Allyson etwa in der Schule ist und aus dem Fernster schaut, steht auf der anderen Straßenseite nicht etwa Myers, sondern Laurie. Dieses Gegenüberstellen der Charaktere bedeutet, dass auch Michael hier ein Stück weit zum „Charakter“ werden muss. Die Anführungszeichen sind kein Zufall, denn zu viel sollte man nicht erwarten. Nachwievor kommuniziert er mit dem Rest der Welt nur über das spitze Ende eines langen Messers. Was ich aber meine ist, dass er unabhängig handelt. Wenn die Kamera ihn allein begleitet, dann trifft er Entscheidungen und sei es nur die Entscheidung zwischen einem Messer und einem Hammer. Er ist kein Monster, das nur in Schockszenen auftaucht. Aber natürlich ist er auch kein normaler Mensch. Er ist ein etwa 70jähriger Mann, der nicht einmal zuckt wenn er ein Brecheisen ins Gesicht bekommt und vom Auto überfahren nur mal 5 Minuten Pause braucht.

Die zentralen Thesen des Films funktionieren also ganz toll. Dann frage ich mich, warum die Filmemacher ihnen so wenig vertrauen. Nicht nur ist fast immer Dr. Sartain anwesend, um in Worte zu fassen, was der Film uns gerade gezeigt hat, oft genug scheint der Film auch einfach vom spannenden, zentralen Thema weg zu wollen. Sei es um zwei ebenso uninteressante wie unsympathische „True Crime“ Podcaster zu begleiten, die letztlich nur ein wahnsinnig konvolutes Plot-Device sind, um Michael an Maske und Jumpsuit kommen zu lassen. Oder Allysons Halloween-Party mit ihren Freunden, die genau diese Teenage-Nichtcharaktere sind, die man eigentlich im Slasher wirklich nicht mehr braucht. Und dann ist da noch der versuchte Humor, der meiner Meinung nach, hier nicht nur nichts verloren hat, sondern der dem Film sogar schadet. Ob die zahllosen Anspielungen auf alte Filme der Reihe nötig waren, darüber kann man sich sicher streiten, für mich haben die allerdings funktioniert. Mein Favorit war, dass in einer Szene das Lied im Radio zu hören ist, das Laurie im ersten Film singt. Das ist ein Song, den sich Curtis und Carpenter damals ausgedacht haben, weil kein Geld da war, um einen echten Popsong zu lizensieren.

Bei all dieser Kritik soll aber klar bleiben, dass der Film als großes Ganzes weitgehend funktioniert. Es ist für mich erstaunlich ähnlich zu ‚Blade Runner 2049‘, insofern, dass beides späte Fortsetzungen sind, mit denen ich bestimmte Probleme hatte, die aber 1. Sehr viel Respekt vor dem Original haben und 2. Verstehen, dass man 40 Jahre später ein eigenes, zeitgemäßes Element hinzufügen muss. Und mit dem Thema Trauma, dass 1978 noch längst nicht so gut verstanden war, hat dieser Film eine wahre Goldgrube für Horror aufgetan.

Ein weiterer Grund warum der Film funktioniert ist fraglos Jamie Lee Curtis, die hier vermutlich die Bestleistung ihrer Karriere abliefert. Die Szene etwa, wenn sie in ein Familienessen hineinplatzt, erst einmal ein Glas Rotwein herunterkippt und dann das gesamte Gespräch auf sich bezieht, ist gleichzeitig furchtbar und mitleiderregend. Umso befriedigender sind dann die späteren Szenen, wenn sie ihre Stärke entdeckt, kaum dass Michael ausgebrochen ist.

Oh, und selbstverständlich der Score von John Carpenter, seinem Sohn Cody und Patensohn Daniel Davies. Da steckt sicherlich viel Nostalgie für das Original drin, aber das Update mit modernen Synthies und krachenden Digital-Gitarren zeigt, dass Carpenter immer noch der Meister jenes Stils ist, der gerade im Indie Horror Bereich in den letzten Jahren (vielleicht etwas zu) ubiquitär geworden ist.

Trotz leichter Schwächen absolut sehenswerte Horror-Fortsetzung. Jetzt warten wir auf die nächsten 5 Teile, die alles wieder vor die Wand fahren…

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7 Gedanken zu “‚Halloween‘ (2018) – Halloween H40?

  1. Sehe ich grundsätzlich ähnlich. Der Film hat echt auf mehreren Ebenen Spaß gemacht. Die größte Schwäche war für mich die Figur des Doktor Satans oder wie der Vogel hieß. Der hat an einigen Stellen vieles beinahe kaputt gemacht.
    Prinzipiell gut finde ich, dass der Film es nach wie vor offen lässt, ob Michael am Ende nicht doch in Wirklichkeit gar kein Mensch, sondern etwas anderes ist. Doktor Loomis war ja vor 40 Jahren davon überzeugt. Und das Gegenteil wurde nie bewiesen. Im Gegenteil. In diesem Teil wirkt The Shape fast noch übermenschlicher als im Original.

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    • Yup. Ich meine sie hätten ihn wirklich direkt Dr. Satan nennen können, viel subtiler wars im Film auch nicht.

      Mit Myers „Unmenschlichkeit“ in jeder Hinsicht hate ich auch kein Problem. Wobei es mich auch 40 Jahre später noch erstaunt, wie Loomis seine Approbation behalten hat, nachdem er einen seiner Patienten zum „absoluten Bösen, das zerstört werden muss“ erklärt hat… naja, USA halt. 😉

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    • Von den dre „großen“ Horrorserien der 80er ist Halloween wahrscheinlich die, die am stärksten anfängt und dann verdammt schnell nachlässt. 2 ist okay und 3 ist bekloppt genug (ein irischer Hexer bastelt Halloweenmasken mit Mikrochips und Splittern von Stonehenge drin, dir Kinderköpfe in Ungeziefer verwandeln…) um unterhaltsam zu sein, aber der Rest… eh.

      Ich habe gar nicht drüber nachgedacht, wie der Film wohl wirkt, wenn es der erste ist, den man sieht. Aber jetzt wo ich es mir durch den Kopf gehen lasse, ohne irgendeine emotionale Bindung zu Laurie bleibt wenig übrig…

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