Filmversionen: von „Ultimate“ und „Final“ Cuts

Neulich saß ich hier und dachte ich sollte endlich einmal wieder ‚The Wicker Man‘ (nicht das „NOT THE BEEEEES“ Nicolas Cage Remake, sondern das Original sehen). Ich nahm also meine BluRay, die ich noch nie geschaut habe, zur Hand und stutzte. Ich hatte die Wahl zwischen einer Kinofassung von 88 Minuten Laufzeit, einem Director’s Cut von 110 Minuten Laufzeit und einem Final Cut, der es auf 93 Minuten bringt. Was schauen? Welches ist die beste Version? Da ich in dem Moment keine Lust auf Recherche hatte, wanderte etwas anderes in den Player.

Damit will ich natürlich auf gar keinen Fall sagen, dass es schlecht ist, wenn eine Heimkinoversion möglichst viele, bestenfalls alle Versionen eines Films mitbringt. Ich meine nur, für den Uninformierten, wie mich im Falle vom ‚Wicker Man‘ wird es schwierig sich für eine Version zu entscheiden. Und wir alle wissen wie große oder kleine Unterschiede ein sogenannter „Director’s Cut“ mitbringen kann. So um die Mitte der 2000er, als die DVD ihre Höchstzeiten erlebte, da tauchten links und rechts angeblich von den Machern perfektionierte Versionen von Filmen auf. Nehmen wir als Beispiel mal die „Alien Quadrilogy“ Box von 2003. Die brachte als Bonbon alternative Versionen aller (damals vier) Filme mit. Ridley Scott verwehrte sich sofort gegen die Verwendung von „Director’s Cut“ für die Version von ‚Alien‘. Diese brachte 4 Minuten neu eingefügter, vormals geschnittener Szenen mit und entfernte dafür 5 Minuten bestehendes Material, war also eine Minute kürzer als die Kinoversion. Scott sagte, ihm sei eine Version vorgelegt worden, in die einfach alle geschnittenen Szenen wieder eingefügt wurden. Die fand er ganz furchtbar und brachte sie in eine, für ihn veröffentlichbare Form. Ein „Director’s Cut“ sei das aber dennoch keinesfalls. Perfektion ist eben schwer zu verbessern.

Die ‚Special Edition‘ von ‚Aliens‘ hingegen war schon vor der Quadrilogy bekannt. Sie fügt der Kinoversion 17 zusätzliche Minuten hinzu und nimmt dieser damit, zumindest in meinen Augen, einiges der rasanten Spannung. Wobei James Cameron offenbar die Langversion bevorzugt. Ein ganz anderes Biest ist da jedoch der „Assembly Cut“ von ‚Alien 3‘. David Fincher hatte mit diesem nichts zu tun. Er fügt dem Film annähernd 40 Minuten hinzu und ändert die Geschichte teilweise wesentlich. Und, ohne Mr. Fincher zu nahe treten zu wollen, diese Version ist erheblich besser als der ursprüngliche Film. Sie ist so viel besser, dass ich den originalen Film seitdem, glaube ich, nie wieder gesehen habe. Der ‚Director’s Cut‘ von ‚Alien Ressurection‘ hingegen fügt nur einen neuen Vor- und Abspann und einige unwesentliche Momente im Film hinzu. Jean-Pierre Jeunet gibt in seiner Einleitung auch freimütig zu, dass das nur auf Bitten der DVD Macher passiert ist.

Hier haben wir also 4 andere Versionen, die teils den Film erheblich verändern, teils kaum bemerkbar sind. Hinter dem Begriff „Was-auch-immer Cut“ kann sich folglich alles Mögliche verstecken. Das macht die Auswahl nicht einfacher. Das ist natürlich kein ganz neues Phänomen. Auch zu ‚Tote schlafen fest‘ existiert bereits ein alternativer Schnitt, der mehr versucht die zentralen Mysterien zu erklären, anstatt sich auf die Atmosphäre zu konzentrieren. In den letzten Jahren scheint es hingegen eine gewisse Mode zu werden, den Film in einer alternativen schwarz-weiß Version zu veröffentlichen (‚Mad Max Black & Chrome‘, ‚Logan Noir‘ oder ‚The Mist‘), die am eigentlichen Inhalt nichts ändert, nur an der Ästhetik.

All diese Versionen sind natürlich wunderbar, solange sie nicht das Original ersetzen. Sprich, wenn alle Versionen verfügbar sind… ich schaue anklagend in Deine Richtung George Lucas! Denn Lucas lässt stets nur die letzte Version seiner Filme gelten, sei es ‚Star Wars‘ oder auch ‚THX 1138‘. Jeden hinzugefügten CGI Nonsens begründet er damit, dass es schon immer so gewollt war, aber eben früher nicht technisch möglich. Und offenbar ist er dann so beschämt von der früheren „imperfekten“ Version, dass er sie im Archiv verschwinden lässt. Ich habe immer noch die leise Hoffnung, dass Disney eine originale Version der ursprünglichen ‚Star Wars‘ Trilogie auf BR veröffentlicht. Kommt schon Disney, ihr mögt doch Geld!

Eine ganz andere Entwicklung machte hingegen Steven Spielberg durch. Zum zwanzigjährigen Jubiläum von ‚E.T.‘ wollte er, inspiriert von Kumpel George Lucas, ebenfalls eine ganz besondere Version seines Klassikers bringen und überarbeitete den Film mittels CGI. Diese neue Version musste eine Menge Häme und Kritik einstecken. Vor allem dafür, dass Spielberg in einer Szene die Gewehre von Bundesagenten durch Walkie-Talkies ersetzt hat. Die wurde zu einer Art Bildnis dafür, dass Spielberg seiner eigenen Vision alle Zähne gezogen hat. Spielberg gibt sich nun alle Mühe diese Version verschwinden zu lassen und nur den alten ‚E.T.‘ „gelten“ zu lassen. Nicht das viele die neue Version vermissen, aber warum denn nicht beide anbieten? Ganz vorbildlich macht das etwa die Metallbox-Variante von ‚Blade Runner‘, die alle Versionen, egal wie sehr Scott sie mag, liebevoll aufbereitet zeigt. Wunderbar zum Vergleichen.

Was mich zu meinem ursprünglichen Problem zurückbringt: weiß jemand welche Version vom ‚Wicker Man‘ ich schauen soll? Die längste? Die „Final“? Oder einfach bei der Kinoversion anfangen und sich dann chronologisch durcharbeiten? Wer muss schon schlafen? Vielen Dank für erhellende Antworten!

Zum Abschluss dann noch ein paar der, in meinen Augen, besten ‚Director’s Cuts‘. Ich führe nur Filme auf, bei denen ich beide Versionen kenne, also kein ‚Touch of Evil‘ oder ‚Es war einmal in Amerika‘.

  1. ‚Blade Runner‘

Dank der oben erwähnten Box kam ich endlich in den Genuss der viel gescholtenen Kinoversion mit den Harrison Ford Voice Overs. Sooo schlecht ist die gar nicht. Aber der ‚Final Cut‘ ist in der Tat erheblich besser (auch als der ‚Director’s Cut‘, den Scott auch hier nicht als solchen gelten lässt).

  1. ‚Königreich der Himmel‘

Und gleich nochmal Ridley Scott. Hier wird aus der Kinoversion, einem kruden Kreuzfahrerfilm mit völlig platten Gut und Böse Figuren, ein gelungenes Epos mit ausgearbeiteten Charakteren (gut einige bleiben auch hier reichlich flach) und beeindruckenden Bildern, die hier auch endlich richtig „atmen“ dürfen. Bloß an den teilweise schwachen Darstellungen kann auch der DC nichts ändern.

  1. ‚Herr der Ringe‘ Extended Editions

Okay, nicht wirklich ‚Director’s Cuts‘ aber gerade der zweite Film wird für mich erst in der langen Version zu einem wirklich gelungenen Stück Kino. Wem schon die Kinoversion zu lang war, wird hier hingegen bestimmt nicht glücklich.

So und nun würde ich natürlich auch gern Eure Favoriten wissen. Gerne auch Versionen, die Filme „verschlimmbessert“ haben.

11 Gedanken zu “Filmversionen: von „Ultimate“ und „Final“ Cuts

  1. Also, bei Wicker Man habe ich mit dem Final Cut angefangen, und mir danach die anderen Versionen zum Vergleich angeschaut. Aus meiner Sicht die optimale Reihenfolge, da der Film im Final Cut das am besten rüberbringt, was er athmosphärisch und visuell ausdrücken soll. Zumindest nach meinem Empfinden.
    Generell vermute ich, bei all den Wie-Auch-Immer-Cuts nichts weiter als finanzielles Kalkül. Die Filme werden durch neuen Cut, hinzugefügte/alternative Szenen, eingebaute CGIs und all der weitere Schnickschnack verbessern einen Film m.e. nur sehr selten.

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    • Ja, viele „Director’s Cuts“ waren 1. genau das nicht und 2. nur für den DVD Verkauf gedacht. Seit es Streaming gibt hat auch die Zahl der DCs rapide abgenommen…

      Gelegntlich sind sie aber doch wertvoll. Wenn etwa Ken Russell seine gewollte Version von The Devils nur in privaten Vorführungen zeigen konnte und auch das nur weil ein Filmwissenschaftler das von Warner entfernte Material in einem Archiv entdeckt hat, dann wünscht man sich da schon einen echten DC. Das war eine kurze Vorschau für einen möglichen „Film & Verbot“ Beitrag… 😉

      Ich denke auch, ich werde mit dem Final Cut anfangen. Funktioniert bei Blade Runner ja auch!

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  2. Da hast du schon die meisten sehenswerten Schnittfassungen genannt. Kennst du https://www.schnittberichte.com/? Hier schaue ich zur Not immer vorher nach, wenn ich mir ob einer Fassung unsicher bin. Meist gibt es die Schnittberichte auch mit Bildern.

    Ansonsten liebe ich noch die Langfassungen von „The Abyss“ und „The Frighteners“. Beide gibt es leider noch nicht auf Blu-ray, aber ich habe Hoffnung.

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  3. Ich kann dazu nicht wirklich viel beitragen – die wesentlichen Dinge hast du schon genannt. Einzig „Apokalypse Now“ ist mir sofort vor Augen gekommen. Für mich ist die Redux-Fassung tatsächlich auch schlechter, als die Kinofassung. Die hat einfach mehr Tempo – was bei einem derart langsamen Film gar nicht mal unerheblich ist.

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    • Ja, Redux ist… merkwürdig.

      Hier eine halbe Stunde Playboy-Bunnies, hier ein Abendessen bei einer französischen Familie und plötzlich ist der Film völlig unförmig. Es wundert mich ehrlich gesagt, dass der damals nicht lauter kritisiert wurde.

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        • Ja, oder manche Filme, eben ein Alien oder Apocalypse Now, sind so nahe an der Perfektion, dass alles Rumgefummel an ihrem Gefüge sie nur wieder weiter wegbringt.

          Leonardo schaut auf die Mona Lisa: „Scheiße, die grinst ja gar nicht richtig! Da muss ich nochmal ran!“

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