‚Twin Peaks‘ (2017) – Finale – Teil 17/18 Spoiler! – Gedanken und Ideen

Achtung! Der folgende Text verrät das Ende der dritten Staffel von ‚Twin Peaks‘ von 2017! Wer einen weitgehend spoilerfreien Text lesen möchte, findet hier meine allgemeine Besprechung. Für Euch anderen gilt, lasst uns über Judy sprechen!

Die letzten Folgen von ‚Twin Peaks‘ Staffeln sind berüchtigt. Die erste endete auf etwa 8 Cliffhangern, die zweite auf so vielen, wie man in 40 Minuten nur unterbringen kann. Im Laufe der dritten Staffel wurde klar, dass Lynch kein Interesse daran hat alle Fragen aufzuklären. Doch in Folge 17 täuschte er zumindest an, dass alles auf ein sehr elegantes Ende hinauslaufen würde.

Gordon Cole erklärt uns was Judy ist. Eine mesopotamische Utukku, eine Beschreibung einer extremen Negativität, die die Sumerer Jowday nannten. Und heute eben Judy. Aber Moment, wie hilft uns das hier weiter? Gar nicht, aber keine Sorge wir kommen auf Judy/Jowday zurück.

Die letzte Folge hatte einen echten „Faust in die Luft“ Moment zu bieten als endlich (endlich!!) Agent Cooper zurückkehrt („I AM the FBI!“). Nun ist er mit seiner Kasinoboss/Showgirls Entourage auf dem Weg nach Twin Peaks. Ebenso Cole und Konsorten. Auch Doppelgänger Mr. C ist auf seiner Koordinatenjagd inzwischen ganz in der Nähe von Twin Peaks angekommen. Genau an dem Ort, an dem Andy vor ein paar Folgen das Haus des Riesen/Firemans betreten hat (ist dieses Gebäude die White Lodge, das Gegenstück zur Black Lodge?). Was genau sucht Mr. C/BOB bei den Koordinaten? Da habe ich später auch noch eine Theorie dazu. Fakt ist, dass sich die Koordinaten bislang als Fallen herausstellen. Bei den ersten entging er den Flammen nur, weil er Richard (ich sehe das richtig, dass der gezeugt wurde als Mr. C, die nach der Bankexplosion am Ende von Staffel 2 noch im Koma liegende Audrey vergewaltigt hat, oder? Stellt sich die Frage warum Audrey dann ein Bild von Agent Cooper an der Wand hatte, wie Richard sagt. Aber in Bezug auf Audrey macht wenig Sinn…) vorgeschickt hat. Diesmal landet er in einem Käfig im Haus des Firemans (ich liebe es übrigens, dass die Twin Peakssche CGI sich einen Dreck um Realismus schert!), der ihn prompt zur Sherriff-Station von Twin Peaks, wo nun alle Dominosteine zur Vernichtung BOBs aufgereiht sind, schickt.

Er wird zum Sherriff vorgelassen, doch, ein Glück, Lucy versteht jetzt wie Mobiltelefone funktionieren (tut sie wirklich? Ich würde sie in naher Zukunft zur Sicherheit von Schusswaffen fernhalten…) und schießt Mr. C in den Kopf. Die restlichen Personen treffen ein und die „Woodsmen“ manipulieren einen BOB-Orb aus der Leiche heraus. Der greift direkt Cooper an, doch wird von Freddie Sykes mit seinem magischen Gartenhandschuh in Stücke geprügelt (Hi, liebe Leser, die das lesen, obwohl sie die Serie nicht kennen. Würde grad echt gern Eure Gesichter sehen…). Viel Zeit zur Freude bleibt nicht. Doch immerhin genug Zeit, dass sich die augenlose, piepsende Naido als echte Diane entpuppt ist da (yay!). Prompt werden Cooper, Cole und Diane in den Heizungskeller des Great Northern Hotels transportiert. Und ich bin sicher am Ende hätten Mr. Cs Koordinaten ihn genau hierhin geführt. Warum? Weil die Tür im Keller ein Tor zum 23. Februar 1989 ist. Und was will BOB vor allem anderen? Besitz von Laura Palmer ergreifen! Und hier wäre die Möglichkeit, bevor MIKE eingreifen kann. Doch wären auch diese Koordinaten eine Falle gewesen. Denn Mr. C hätte den Schlüssel zur Tür nicht gehabt und wäre vermutlich Wachmann Freddie Sykes begegnet, der BOB vernichten kann. Nebenbemerkung: der „Betrunkene“ mit den blutenden Wunden im Gefängnis. Meiner Meinung nach ist das der häufig erwähnte „Billy“. Schließlich erfahren wir, dass Billy, als er zuletzt gesehen wurde aus dem Mund blutete. Und was tut Billy hier? Er wiederholt immer das Letztgehörte, genau wie „Dougie Jones“. Ist Billy womöglich gar nicht betrunken, sondern auch ein (eine?) Tulpa? Sollte Lynch je Staffel 4 machen, möchte ich diese ungesehene Geschichte sehen!

Wie dem auch sei, nun durchquert Cooper die Tür und wir landen im Finale von ‚Fire Walk With Me‘. Cooper stellt sich Laura in den Weg, bevor sie Ronette, Leo und Jaques begegnet. Und weil sie ihn im Traum gesehen hat vertraut sie ihm. Cooper führt sie davon (wohin? Zurück in die Zukunft?). Am nächsten Tag geht Pete Martell zum Angeln und findet keine Leiche „wrapped in plastic!“ am Strand. Das Böse ist besiegt, das Mädchen ist gerettet. Das Finale negiert die Serie, die Ereignisse von Twin Peaks finden niemals statt. Ein brillantes Ende und… oh, eine Folge ist da noch? Richtig. Und so verschwindet Laura mit einem Schrei unauffindbar in der Nacht.

Ach ja und Sarah Palmer ist da auch noch. Kaum entgeht Laura dem Tod, da schreit sie in der Zukunft von 2016 zornig auf und zerstört ein Foto ihrer Tochter mit einer zerbrochenen Flasche. In „The Final Dossier“ bestätig Mark Frost eine Idee von mir: Sarah Palmer war das Mädchen, dem 1956 das Wesen in den Mund kroch. Wir erinnern uns außerdem, was in der Truckerbar passiert ist, als der Mann sie belästigt hat. Eine Vermutung drängt sich auf. Dazu verrät mir die Twin Peaks Wiki auch noch, dass ihr voller Name „Sarah Judith Palmer“ lautet. Ist Sarah Palmer Judy/Jowday? Ist Laura Palmer die Tochter zweier extremer, negativer Kräfte? Sind es nicht nur die Menschen, die sich ihre schlimmsten Schrecken selbst schaffen, sind es auch die Monster, die letztlich Liebe und Hoffnung gebären? Ich glaube das greift etwas zu kurz. Die Inkarnation von Judy/Jowday ist wohl das Wesen, das im Glaskasten in New York aufgetaucht ist. Das sich im Herzen der Atomexplosion befand und Horror hervorkotzte. Darunter nicht nur BOB, sondern auch jede Menge Eier. Aus einem solchen Ei schlüpfte das Wesen, das Sarah übernommen hat. Sarah ist nicht Judy/Jowday, sondern nur eine Agentin von ihr. Mehr dazu später.

Kommen wir zu Teil 18. Dougie is back! Und die Jones‘ bekommen eines der Happy Ends, die Lynch gar nicht so ungenerös verteilt. Cooper ist wieder in der Lodge, MIKEs Frage „is it future or is it past?“ macht endlich vollen Sinn. Und Lauras wird auch aus der Lodge herausgerissen. Leland wiederholt seinen Befehl vom Anfang der Serie „Find Laura!“. Cooper taucht im Plantanenring auf, trifft auf Diane. Und jetzt wird es wirklich merkwürdig. Sie fahren 430 Meilen und scheinen in eine Parallelwelt einzutauchen. In einem Motel haben sie Sex miteinander, der allerdings mehr und mehr unangenehm wird je länger er dauert. Am nächsten Morgen erfahren wir warum. Linda hat Richard eine Abschiedsbotschaft geschrieben. Offenbar sind die beiden in dieser Welt Richard und Linda. Der Riese/Fireman hat in Teil 1 so etwas angedeutet. Richard/Cooper ist weit weniger umgänglich und wie ein Hai auf sein Ziel fixiert: find Laura!

Im texanischen Odessa sieht er ein Diner namens „Eat at Judy’s“. Ein offensichtlicher Anlaufpunkt. Nachdem er drei aggressive Cowboys effektiv besiegt, lässt sich Richard/Cooper die Adresse einer weiteren Kellnerin aufschreiben: Carrie Page. In der Nähe von Pages Haus sieht er jenen Strommast mit der 6 drauf, den wir zum ersten Mal im Trailerpark in ‚Fire Walk With Me‘ und auch in dieser Serie schon mehrfach gesehen haben. Der deutet fast immer auf übernatürliche Wesen hin.  Die Anwesenheit der Geister der Lodge scheint also anzunehmen zu sein. Carrie wird tatsächlich von Sheryl Lee gespielt, kennt den Namen Laura aber nicht. Doch die Idee die Stadt zu verlassen und nach Twin Peaks zu fahren gefällt ihr. Wohl nicht zuletzt weil auf ihrem Sofa eine Leiche mit einem großen Loch in der Stirn sitzt. Eine Leiche, die mit ihren langen, fettigen Haaren ein wenig wie BOB aussieht. Warum war Carrie nicht überrascht, dass ein FBI Mann klopft? Warum hat sie ihn nicht vor der Leiche gewarnt? Wir erfahren es nicht.

Es folgt eine lange Autofahrt nach TP. Diese meditativen Szenen habe ich im Gegensatz zum Rest der Folge, die ich teilweise etwas frustrierend fand, sehr genossen. In TP angekommen erkennt Laura nichts. Sie kommen beim Palmer Haus an. Klopfen. Eine Fremde macht auf. Sarah Palmer kennt sie nicht. Richard/Cooper ist verwirrt, desorientiert, ein wenig wie Phillip Jeffries 1988 in Philadelphia. Welches Jahr haben wir, fragt er, wie ein Echo von MIKEs Frage. Da hört Carrie dumpf wie Sarah Palmer den Namen Laura ruft. Sie schreit, wie nur Sheryl Lee es kann, im Haus gehen die Lichter aus. Ende.

Yeah. In Teil 17 macht Lynch drei Türen zu, hier stößt er etwa achtzehn neue auf. Sehen wir uns das Ende an. Das kann sicherlich als Teil seiner Kritik an der Nostalgie verstanden werden. Die Frau an der Tür wird von Mary Reber gespielt. Der Frau, der das „Palmer Haus“ in Wirklichkeit gehört. Man kann nicht nach 25 Jahren zurückkehren und erwarten alles so vorzufinden wie es war. Das hier ist die kalte, harte Realität. Hier sind FBI Agenten keine liebenswerten Kaffeesüchtler, sondern zielgerichtet, effizient und kalt. Im Palmer Haus wohnen echte Menschen. Das war es. Es ist vorbei. Jetzt geht weg!

Aber ganz so einfach macht es sich Lynch dann doch nicht. Die Besitzerin stellt sich als Mrs. Tremond vor. Das Haus habe sie von einer Mrs. Chalfond gekauft. Diese Namen lassen bei Serienkennern die Alarmglocken schrillen. Mrs. Tremond ist die alte Frau, die Laura das Bild schenkte, durch das sie im Traum zum ersten Mal in die Lodge kam. Sie war später Teil ihrer „Essen auf Rädern“ Route. Auch in Deer Meadows lebte sie, kurz bevor Theresa Banks ermordet wurde (hier benutzte sie den Namen Chalfond!). Agent Desmond verschwand an der Stelle wo ihr Wohnwagen im Trailerpark stand. Sie war beim Treffen zwischen dem Arm und Bob über dem Convenience Store anwesend. Kurz, sie ist ein weiterer Geist der Lodge. Soll heißen, die Geister der Lodge sind hier aktiv.

Was bedeutet das nun? Was ist diese Parallelwelt? Hat Judy sie geschaffen? Versucht sie Laura nun hier umzubringen? War deswegen ein BOB-ähnlicher Toter in ihrem Haus? Und hat Cooper sie nun näher an Judys Machtzentrum geführt? Oder schlimmer noch: hat der Fireman diese Welt geschaffen, um Laura zu verstecken? Schließlich war es Leland, der Cooper den Auftrag gab Laura zu finden. Ihr Vergewaltiger und Mörder (besessen von BOB, klar, aber ‚Fire Walk With Me‘ ist in dieser Hinsicht weit weniger großzügig zu Leland). Hat Cooper nun, in seinem Versuch zu helfen sie direkt Judy zugeführt?

Und mal ganz symbolisch, was ist jetzt eigentlich Judy? Lasst mich dazu etwas weiter ausholen. ‚Twin Peaks‘ war immer Laura Palmers Geschichte. Sie mag am Anfang der Serie tot sein, doch klafft überall ein Laura-förmiges Loch. Das haben die Autoren der zweiten Staffel nicht verstanden und somit recht viel  mäandernden Unsinn geschaffen. Und während BOB die direkte Gewalt, den direkten Missbrauch an Laura repräsentiert ist Judy das Schweigen. Die Geheimnisse. Die Unmöglichkeit sich anvertrauen zu können. Sie ist der Dämon, der ein 17jähriges Mädchen in ein Leben aus Drogen und Hedonismus getrieben hat. Aber weil Laura Laura ist, hat sie darauf geachtet niemanden mitzureißen. Nicht Donna, nicht James, nicht einmal Bobby. Genau wie sie sich BOB bis zum letzten widersetzt hat und Ronette die Chance zur Flucht gab, so hat sie sich Judy bis zuletzt widersetzt. Teil 8 hat Twin Peaks zu einem epischen Kampf zwischen Gut und Böse gemacht. Aber einem der nicht auf Schlachtfeldern ausgetragen wird, sondern in Schlafzimmern, Schulen, dreckigen Kaschemmen und romantischen, kauzigen, kleinen Städten. Der alltägliche Missbrauch und das Schweigen darüber, das ist das wahre Böse, dass Lynch uns hier präsentiert. Die amerikanischen Allerweltsnamen seiner Monster bestätigen das.

Und so ist es ein Kampf der nicht gewonnen ist, indem man ein Opfer rettet und sei es auch Laura Palmer. Das ist ein reichliches Downer-Ende. Aber solange wir die Lauras und Dales dieser (und paralleler) Welten an unserer Seite haben, solange ist der Kampf wenigstens auch nicht verloren.

Ich habe keine Ahnung wie groß die Schnittmenge zwischen Lesern der Filmlichtung und Leuten die ‚Twin Peaks‘ (2017) gesehen haben ist. Ich vermute sehr klein bis nicht vorhanden. Ich habe diesen Text vor allem deshalb geschrieben, weil ich einige meiner Gedanken festhalten wollte. Sollte ihn dennoch jemand lesen und für hilfreich befinden: umso besser!

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Ein Gedanke zu “‚Twin Peaks‘ (2017) – Finale – Teil 17/18 Spoiler! – Gedanken und Ideen

  1. Pingback: ‚The Secret History of Twin Peaks‘ und ‚The Final Dossier‘ von Mark Frost – Rezension | filmlichtung

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