Futuristische Rennfilme, ein unterversorgtes Subgenre?

Manchmal überlege ich, in was für ein (Sub-)Genre man einen Film, den ich gerade gesehen habe einordnen könnte. Gelegentlich erstelle ich dafür eigene Subgenres in meinem Kopf, die dann natürlich oft genug nur eine Handvoll Vertreter umfassen. Meistens zu Recht. Aber im Falle des „futuristischen Rennfilms“ in meinen Augen völlig zu Unrecht. Zwei Bedingungen müssen erfüllt sein, damit ein Film sich zu diesem Genre zählen darf, beide lassen sich bereits am Namen ablesen. 1. Er muss in einem Science Fiction Setting spielen. Ob das nun in der Zukunft ist, oder vor langer Zeit in einer weit entfernten Galaxie ist dabei erst einmal wurscht. 2. Das Fahren schneller Fahrzeuge (nicht mal unbedingt Autos) muss im Mittelpunkt der Handlung stehen. Die Lichträder aus ‚Tron ‚ oder das Podrennen aus ‚SW: Episode I‘ qualifizieren sie also noch nicht zu „futuristischen Rennfilmen“. Hingegen ist es nicht notwendig, dass im Film offiziell ein Rennen stattfindet, das schnelle Fahren kann auch aus anderen Gründen (etwa Überleben) passieren.

Tatsächlich sind mir so nur 4 (dafür aber allesamt verdammt gute und einer steht stellvertretend für eine Reihe) Vertreter dieses Genres eingefallen. Somit ist dieser Artikel allem voran natürlich ein Hilferuf! Nennt mir Filme, die in das Genre gehören und mir nicht eingefallen sind! Obwohl, oder vielleicht gerade weil die Zukunft des Autos in unserer Realität wohl eher im Elektroauto und Carsharing liegt, üben bollernde Zukunfts-Boliden eine erhebliche Faszination auf mich aus. Hier ist jedenfalls meine Viererliste:

  1. ‚Deathrace 2000‘/‘Frankensteins Todesrennen‘ (1975)

Der 1975 unter Regie von Paul Bartels entstandene ‚Death Race 2000‘ wird weit mehr mit dem Namen seines Produzenten verbunden: B-Movie Großmeister Roger Corman. Darin finden wir uns in der weit entfernten Zukunft des Jahres 2000 wieder. Die Bevölkerung der USA klebt an den Fernsehbildschirmen, um das brutale Spektakel des „Death Race“ zu verfolgen. Ein Rennen über den Kontinent bei dem alles erlaubt ist, solange es nur laut und brutal ist. Eine Widerstandsgruppe stellt sich dem Rennen in den Weg und der Favorit, der mysteriöse, maskierte Frankenstein, hat seine ganz eigenen Pläne, wenn er dem Präsidenten nach dem Sieg die Hand schüttelt.

Der Film parodiert die brutalen Spektakel, die man schon in den 70ern im US Fernsehen finden konnte. Sei es American Football, Wrestling oder gefilmte Verfolgungsjagden zwischen Verdächtigen und Polizei. In ‚Death Race 2000‘ wird all das präzise auf ein annähernd dämliches Level überdreht. Da sind die schillernden Persönlichkeiten der Fahrer. Der Hauptcharakter „Frankenstein“ etwa. Der wurde bei einem Unfall entstellt und ist nun stets nur in schwarzer Ledermaske zu sehen, gespielt wird er von David Carradine. Auch Sylvester Stallone hat hier einen frühen Auftritt als Rennfahrer „Machine Gun“ Joe Viterbo, dessen Name alles aussagt, was man wissen muss. Die Fahrer können Bonuspunkte sammeln, indem sie Alte und Kranke, die extra auf die Straße gestellt werden überfahren. Frankenstein geht dabei aber seinen eigenen Weg und fährt einen Umweg, um stattdessen das Krankenhauspersonal, das sie gerade auf der Straße platziert hat plattzufahren.

Die Satire ist laut und vollkommen unsubtil, die Spezialeffekte mäßig bis lachhaft, wir haben es mit einem völlig unverschämten B-Movie zu tun. Einem B-Movie, der, in meinen Augen, weit besser funktioniert, als der weitaus teurere, weitaus gediegenere ‚Rollerball‘ aus demselben Jahr, der sich mit ganz ähnlichen Themen beschäftigt. ‚Death Race 2000‘ hat einfach viel mehr Verve, viel mehr (hehe) Drive und wird, wie viele frühe Cormans, in seiner kurzen Laufzeit nie langweilig.

Die inoffiziellen Fortsetzungen kann und sollte man getrost ignorieren. 2008 gab es mit ‚Death Race‘ ein Remake, mit Jason Statham in der Hauptrolle. Das hat eine Menge an Charme eingebüßt und erinnert am ehesten an ein Videospiel. Aber in diesem nicht eben übermäßig bedienten Genre kann man es schon schauen.

  1. ‚Redline‘ (2009)

Wenn ein Studio einem Filmemacher für die Erstellung seines Erstlingswerks (zumindest was Langfilme angeht) 7 Jahre Zeit gibt, dann kann man erahnen, das da wohl etwas Besonderes herauskommen muss. Genau das ist der Fall bei Takeshi Koikes (bekannt vielleicht am ehesten für sein Segment ‚World Record‘ in der ‚Animatrix‘) brillantem Anime ‚Redline‘. In ferner Zukunft ist in einer interplanetaren Gesellschaft Rennfahren wichtiger als alles andere. Politik, Krieg alles muss hinter dem Donnern der Motoren zurückstehen. Fahrerin Sonoshee „Cherry Boy Hunter“ McLaren und Fahrer „Sweet“ PJ qualifizieren sich beim Yellow Line Rennen für das Redline, das wichtigste Rennen der Galaxis. Das findet diesmal auf dem militaristisch-faschistischen „Roboplanet“ statt. Ohne Zustimmung des örtlichen Diktators. Klar das in diesem Rennen nicht nur die übrigen Fahrer zur Gefahr werden, sondern auch das Militär, oder im Falle JPs womöglich sogar das eigene Team.

Koike und seinen Zeichnern gelingt es jeden einzelnen Frame dieses Films mit unfassbarer, kinetischer Energie aufzuladen. Selbst eine Szene, in der Figuren am Tisch sitzen und essen wird durch extreme Winkel, Figurendesign und vor allem den überwältigenden Sound zu einer annähernd erschöpfenden Szene. Und wenn das Rennen dann erst einmal losgeht gibt es kein Halten mehr und die Bilder scheinen beinahe zu explodieren. So extrem sind die Geschwindigkeiten, dass die Charaktere mehrfach spontan in Nasenbluten ausbrechen. Und wir als Zuschauer werden ähnlich mitgerissen. Dazu kommen Figuren, die vom Design her teilweise an westliche Undergroundcomics, oder gar an den Marvel Übervater Jack Kirby erinnern. Doch auch aus Anime selbst zitiert Koike umfangreich. Sei es ein Planet der von einer magischen Prinzessin regiert wird, ein Fahrerduo, dass an japanische Pop-Idols erinnert, oder eine Biowaffe, die so auch aus ‚Akira‘ stammen könnte. Das soll aber keineswegs heißen, dass Koike hier keinen eigenen Stil findet. All diese Zitate sind letztlich Verkehrsschilder, an denen wir so schnell vorberauschen, dass wir sie kaum sehen können. Der Film ist so eigen wie PJ gigantische Pompadour-Haartolle, die, man mag es kaum glauben, zu einem wichtigen Plotpunkt wird.

Völlig egal, ob Ihr normalerweise mit Anime nichts anfangen könnte, Takeshi Koikes Film verdient eine Chance von Euch und ich bin fest überzeugt er wird sie nutzen!

  1. ‚Speed Racer‘ (2008)

Dieser völlig zu Unrecht finanziell und kritisch gescheiterte Film der Wachowski-Geschwister hat seine Wurzeln ebenfalls tief im Anime. Tatsächlich würde ich sagen, der Film ist so nahe wie sich Anime und Realfilm kommen können. Auch hier haben wir es mit einer Rennverrückten Welt zu tun, im Zentrum steht gar eine Familie, die mit Nachnamen „Racer“ heißt. Ich habe mich an dieser Stelle schon mehr als umfangreich zu dem Film ausgelassen, das muss also nicht noch einmal sein. Wunderbarer Retrofuturismus, der CGI genau so einsetzt, wie es sein sollte: um mir Dinge zu zeigen, die ich noch nie gesehen habe.

  1. ‚Mad Max: Fury Road‘ (2015)

Und dann kommt Matt Miller daher und fragt ganz dreist, was wenn er gar kein CGI braucht, um mir Dinge zu zeigen, die ich noch nie gesehen habe! ‚Fury Road‘ steht hier natürlich stellvertretend für Millers ganze ‚Mad Max‘ Reihe. Und stellvertretend für ein ganzes Sub-Sub-Genre: den postapokalyptischen Rennfilm. Da sind mir aber tatsächlich abseits der Mad Max Filme keine anderen guten eingefallen. Ich will hier gar nicht viel über ‚Fury Road‘ schreiben, es ist mehr oder weniger alles gesagt. Und wer bis heute auf einen der besten Actionfilme der letzten Jahre verzichtet hat, wird sich auch von mir nicht eines Besseren belehren lassen. Großartige Stunts, „runde“ Charaktere und ein durchaus politischer Blick auf den futuristischen Rennfilm, ohne sich dabei in seichter Satire zu erschöpfen, wie ‚Death Race 2000‘ das tut. Einer meiner Lieblingsfilme!

 

So, jetzt bin ich gespannt: welche Filme habe ich verpasst? Ich bin sicher der futuristische Rennfilm hat noch weit mehr zu bieten.

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16 Gedanken zu “Futuristische Rennfilme, ein unterversorgtes Subgenre?

  1. Coole Liste…so ad hoc fällt mir kein weiterer Film ein, der so richtig auf deine Beschreibung passt, aber wenn man nicht nur das benützen von Fahrzeugen gelten lässt, sondern jegliche Art von Rennen, dann würde Rollerball noch ziemlich gut passen😉

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    • Oh cool, danke. Zumindest das Cover hab ich definitiv schon mal gesehen. In der 80er Videoschwemme ist bestimmt noch einiges zu finden (wobei da vermutlich vieles „wir machen aus Omis Kleinwagen mit Heißklebepistole und ein paar Plastikteilen einen futuristischen Rennwagen…“ ist). 😉

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  2. Pingback: Filmforum Bremen » Das Bloggen der Anderen (01-04-19)

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