‚Leave No Trace‘ (2018)

Mit ‚Winter’s Bone‘ gelang Debra Granik vor inzwischen neun Jahren ein entlarvender Blick vom ausgefransten Rand der Gesellschaft tief ins Herz der, medial scheinbar so vertrauten, für uns Mitteleuropäer aber doch immer wieder erstaunlich unverständlichen, USA. Der Film war nicht nur der Startschuss für Jennifer Lawrences Karriere als Star, er erhielt auch vier Oscar-Nominierungen. Für ihren neuen Film ‚Leave No Trace‘ wählt Granik eine Perspektive nicht einfach am Rande der Gesellschaft, sondern eine, die am liebsten komplett aus ihr verschwinden würde. Anders als ‚Winter’s Bone‘ wurde ihr neues Werk von den wichtigen Filmpreisen allerdings weitgehend ignoriert und wird vom Verleih Sony äußerst stiefmütterlich behandelt. Liegt es an der Qualität? Ich meine, ganz und gar nicht und lege das im Folgenden hoffentlich nachvollziehbar dar.

Will (Ben Foster), ein Veteran des Irak-Krieges, der an schwerem posttraumatischen Stress leidet, lebt mit seiner 13jährigen Tochter Tom (Thomasin McKenzie) im Forest Park, einem großen, urbanen Waldgebiet der Stadt Portland. In selbstgewählter Isolation leben sie in einem selbstgebauten Zelt weitgehend von dem was der Wald ihnen bietet, von gelegentlichen Trips in die Stadt, wo Will seine Medikamente auf dem Schwarzmarkt verkauft und gewisse Notwendigkeiten besorgt, abgesehen. Durch einen Zufall werden sie entdeckt, von der Polizei verhaftet und landen im System des Sozialdienstes. Dort stellt sich heraus, dass zwischen Tom und Will nicht nur sehr starke familiäre Bande bestehen, sondern, dass Tom schulisch für ihr Alter weiter ist, als sie sein müsste. Bald stellt ihnen ein Farmer, der ihre Geschichte im Fernsehen gesehen hat, ein kleines Haus in seiner Weihnachtsbaum-Zucht zur Verfügung, in der Will als Gegenleistung arbeitet. Tom lebt sich sehr schnell und glücklich in die wiedergefundene Zivilisation ein, doch für Will wird sie schon bald wieder unerträglich.

Die wichtigste Qualität des Films, die aus der sich alles andere ergibt, ist sein Understatement. Ein Thema, dass man problemlos mit einigem Sensationalismus angehen könnte, behandelt Granik hier mit vollkommener Ruhe. Das ist durchaus wörtlich zu nehmen. Im ersten Akt, der weitgehend Will und Toms Leben im Wald zeigt, ist nur ein absolutes Minimum an Dialogen zu vernehmen. Sie reden über anstehende Arbeit, oder die Qualität des Essens und doch wird in diesen stillen (in jeder Hinsicht) Momenten klar, wie sehr die beiden einander lieben. Charakter ist Handlung und Handlung ist Charakter. Dieser erste Akt allein wäre bereits ein Meisterwerk in visuellem Erzählen. Doch es hört hier nicht auf. Schauspielerisch gelingt es Ben Foster ohne „große Momente“ zu vermitteln wie viel Anstrengung  die einfache Tatsache seiner fortgesetzten Existenz seinen Charakter Will kostet. Und wenn Toms unausweichlicher Moment der Rebellion erfolgt, dann spielen der Film und Thomasin McKenzie das nicht dramatisch aus, sondern in klaren, liebevollen, herzzerreißenden Worten.

Visuell arbeitet Granik sehr viel mit der Metapher des Waldes als Sehnsuchtsort. Für Will (und anfangs Tom) ganz direkt. Aber auch im Sozialdienst-Gebäude gibt es beinahe ironische Echos des Waldes, der hier auf Fototapeten und als Bildschirmhintergrund auftaucht. Kontrastiert wird das mit dem „falschen“ Wald der Weihnachtsbaum-Farm, wo die sorgfältig beschnittenen Tannen in Reih und Glied stehen. Allerdings verherrlicht Granik hierbei das harte Leben im Wald nicht. Ihr pazifischer Nordwesten ist nass, kalt und matschig und selbst wenn das Sonnenlicht malerisch durch die Bäume fällt, gefriert Will und Tom doch der Atem. Auch hütet sie sich die Zivilisation (oder zumindest ihr Bewohner) zu verdammen. Ihre Sozialarbeiter sind motiviert und willens zu helfen, doch entscheiden immer wieder automatisierte Tests über das Schicksal ihrer Schützlinge. Womöglich im direkten Kontrast zu ‚Winter’s Bone’s sehr rauer Welt begegnen beinahe alle, auf die Will und Tom treffen ihnen mit Anstand und Hilfsbereitschaft. Vom oben erwähnten Weihnachtsbaumfarmer bis zum Truckfahrer, der, bevor er die beiden mitnimmt, Tom zu Seite nimmt und sie fragt, ob sie wirklich Wills Tochter und alles in Ordnung sei. Granik findet menschliche Wärme und Herzlichkeit an Orten, an denen man sie, vielleicht gerade in Trumps Amerika, nicht unbedingt erwarten würde.

Das Understatement setzt sich fort im unaufdringlichen aber atmosphärischen Sounddesign, von Blätterrauschen und Bienenschwärmen bis hin zu Will schlimmstem PTSD-Trigger, dem Rattern von Helikopterrotoren. Ebenso bei Dickon Hinchliffes reichlich unauffälligem (im positivem Sinne) Soundtrack.

Die Schauspieler habe ich ja bereits lobend erwähnt, das hält mich aber nicht davon ab, es noch einmal zu tun. Ben Foster ist hier in zurückhaltender Großartigkeit zu sehen, in einer Rolle die seiner in ‚Hell or High Water‘ zwar einerseits ähnlich, andererseits aber doch gänzlich anders ist. Doch ist der wirkliche Star des Films fraglos Thomasin McKenzie, mit der Debra Granik einmal mehr ihr Talent beweist Nachwuchsschauspierinnen zu entdecken. Dies ist der erste Film der jungen Neuseeländerin, von einem Kurzauftritt in einem von Peter Jacksons Mittelerde-Filmen abgesehen (aber das trifft wohl auf 5-10% der neuseeländischen Bevölkerung zu). Und gerade dafür spielt sie ihre Tom mit einer für ihr Alter zutiefst ungewöhnlichen Selbstsicherheit, die sich in allem, von ihrer Körperhaltung bis zu ihrer Sprache ausdrückt. Es ist eine beeindruckende Darstellung die, fehlende Nominierungen hin oder her, im Gedächtnis bleiben wird. Erwähnen möchte ich noch Dale Hickey, die bereits in ‚Winter’s Bone‘ zu sehen war und deren Rolle hier, als milde Vermieterin einer Wohnwagensiedlung, den Unterschied zwischen den beiden Filmen sehr deutlich macht.

Ich glaube genau im Understatement des Films liegt der Grund dafür, dass der Film ein wenig ignoriert wurde. Nicht von der Kritik, die ihn begeistert aufgenommen hat, aber von Preisen und vor allem vom Studio Sony selbst. Dabei gelingt es Granik hier uns eine nicht einfach nur zerbrochene, sondern zersplitterte Gesellschaft zu zeigen. Themen wie Krieg, Trauma, Isolation und Einsamkeit zu behandeln, allerdings eben mit einer so selbstsicheren Reife und Ruhe, dass sie nicht auf Meth-produzierende Gangster und abgesägte Hände zurückgreifen muss (das soll keine Kritik an ‚Winter’s Bone‘ sein!). Aber im beständigen Gepolter der Filmindustrie, und gerade der amerikanischen, geht ein solcher Film dann eben auch mal unter.

Ich hoffe es ist klar geworden, dass ich den Film für einen der besten des letzten Jahres halte und der Meinung bin, jeder sollte ihn sehen. Da kommen wir dann aber leider zum Problem des Desinteresses von Sony. In Deutschland gibt es derzeit exakt zwei Möglichkeiten den Film zu sehen: als ziemlich teure digitale Kaufversion bei Amazon Prime (und einigen anderen Anbietern) und als völlig lieblose DVD. Von einer Leih/Streamingversion ist nichts zu sehen, (zumindest für mich) schlimmer noch, von einer BluRay auch nichts. Was zur Hölle Sony? Nur weil der Film so heißt, bedeutet das nicht, dass ihr euch bemühen sollt, dass man keine Spur von ihm findet!

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4 Gedanken zu “‚Leave No Trace‘ (2018)

  1. Amazon Prime macht ja immer mal wieder so Deals wo man ne Auswahl an Filmen für 0,99€ leihen kann und da war dieser Film letztens auch dabei, weshalb ich ihn mir auch mal geholt habe. Gesehen habe ich ihn noch nicht, aber nach deiner Review bin ich noch gespannter darauf ihn zu sehen 🙂

    Gefällt 3 Personen

    • Ah, okay, dann habe ich entweder nicht richtig geguckt, oder sie haben speziell für die Aktion eine Leihversion gemacht, ich habe nur die (viel zu teure) Kaufversion gesehen.

      Bin gespannt, wie er Dir gefällt. Hast Du Winters Bone gesehen?

      Gefällt 1 Person

        • Schau erstmal wie Dir Leave… gefällt. Wenn der gar nix für Dich ist, kannst Du Dir Winters Bone vermutlich auch sparen (und umgekehrt). Ich hab WB zwar länger nicht gesehen, glaube aber die beiden ergänzen sich gut und würden ein prima Double-Feature abgeben.

          Gefällt 1 Person

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