Reisetagebuch: ‚Love & Mercy‘ (2015)

Filmreisechallenge #49: schaue einen Film, in dem es um einen Musiker oder eine Band geht

 

Lasst mich damit starten, dass ich sicherlich nicht der größte Experte bin, was die Beach Boys oder Brian Wilson im Allgemeinen angeht. Sicher kenne ich einige Beach Boy Songs, Pet Sounds ist allerdings ihr einziges Album, das ich zur Gänze gehört habe. Wilsons Solo-Arbeit hingegen war mir quasi völlig unbekannt, was sich nach Sichtung dieses Films aber durchaus ändern könnte. Sollte ich im Folgenden also allzu großen Blödsinn über die realen Personen schreiben, korrigiert mich gerne.

Ich habe mich ja im Zuge meiner Besprechung zu ‚Walk Hard‘ über die Formelhaftigkeit von Musiker-Biopics, die der Film persifliert, zur Genüge ausgelassen. Da reicht es zu sagen, dass ‚Love & Mercy‘ einen anderen Ansatz findet. Er konzentriert sich auf zwei kurze, aber entscheidende Phasen im Leben von Brian Wilson. Seinen künstlerischen Höhepunkt in den 60ern und die langwierige und schwere Rückkehr aus schweren psychischen Problemen in den 80ern. Der Film vermischt beide Zeitebenen, für meine Zusammenfassung behandle ich sie getrennt.

Nachdem Brian Wilson (Paul Dano) Mitte der 60er im Flugzeug eine Panikattacke erleidet, beschließen er und der Rest der Beach Boys, dass er nicht mehr mit ihnen auf Tour gehen wird und stattdessen an ihrem nächsten Album arbeiten soll. Inspiriert und herausgefordert von Rubber Soul der Beatles will Wilson mit Pet Sounds wahrlich Großes schaffen. Weg vom Surfer Sound der Beach Boys, hin zu ungewöhnlichen Kompositionen und einem der ersten Konzeptalben überhaupt. Seine zurückkehrenden Bandgenossen stellte er vor vollendete Tatsachen, sehr zum Unmut vor allem von Mike Love (Jake Abel). Obwohl die folgende Single Good Vibrations ein großer Erfolg wird, sorgen die Entfremdung von seinen Freunden und Experimente mit LSD dafür, dass sich Wilsons geistige Gesundheit rapide verschlechtert. Das Scheitern des Nachfolgealbums Smile lässt ihn dann vollends abstürzen.

Mitte der 80er trifft Autoverkäuferin Melinda Ledbetter (Elizabeth Banks) zufällig auf Brian Wilson (John Cusack), als der ein Auto kaufen will. Die beiden beginnen eine Beziehung, doch muss Melinda bald feststellen, dass Wilson vollständig unter der Kontrolle seines Vormunds und „Radikal-Therapeuten“ Eugene Landy (Paul Giamatti) steht, der ihn von Familie und Freunden isoliert hat. Während Landy sich bemüht auch ihre Beziehung zu torpedieren, versucht Ledbetter die Familie Wilsons über die Fehlbehandlung Landys, der auch als Wilsons Manager auftritt, zu informieren.

Beide Zeitebenen sind mit Filmmaterial, dass der Zeit angemessen ist gefilmt. Und insbesondere Dano ist dem Wilson der Zeit so ähnlich, dass man sich in manchen Momenten fragt, ob man gerade Archivmaterial oder Aufnahmen für den Film sieht (beachtet dafür insbesondere die Sloop John B Sequenz ab 1 Minute im untenstehenden Clip). Wichtiger noch, die 60er Jahre Sequenzen sind gänzlich dem kreativen Prozess verschrieben. Genau das, was ich von einem Film über Musik will. Als nicht sonderlich musikalischer Mensch ist der Prozess der Schöpfung von Musik für mich ein besonders faszinierender. Insbesondere hier, wo klar wird, dass nicht alles rein auf dem „Genie“ Wilsons basiert, sondern auch jemand wie er auf ein ständiges Feedback, einen Austausch mit den Musikern angewiesen ist. Insbesondere, weil Autodidakt Wilson, die Musik zwar in seinem Kopf hört (im wahrsten Sinne des Wortes, er leidet an akustischen Halluzinationen), die Notation aber anderen überlassen muss. Hier baut er „Fehler“ in die Komposition mit ein („If you repeat a mistake every four bars, it’s not a mistake!“) lässt zufällig aufgenommene Stimmen in den Aufnahmen oder nutzt Hundegebell. Die Studiomusiker (die Beach Boys waren an den Aufnahmen quasi nicht beteiligt, außer beim Singen) werden hier von echten Musikern verkörpert, was man deutlich merkt und was die Schaffensphase glaubwürdiger macht. Der erzürnte Mike Love soll als Reaktion auf den neuen Sound gesagt haben „Never fuck with the formula!“, ein Satz den jedes erfolgreiche Franchise sich bis heute zu Herzen nimmt, obwohl Love diese Aussage bestreitet. Im Film sagt er es denn auch nicht direkt, obwohl es mehr als angedeutet wird. Die Sequenzen in den 60ern sind ebenso grandios wie tragisch und sicherlich das Herzstück des Films.

Die Sequenzen in den 80ern sind stiller und unterkühlter. Cusack sieht nicht im Geringsten aus wie Wilson, was mich vermuten lässt, dass das hier beabsichtigt war. Die Geschichte zwischen Ledbetter und Wilson ist durchaus rührend und Cusack vermittelt den Schmerz und die Hilflosigkeit Wilsons in dieser Phase seines Lebens glaubwürdig. Elizabeth Banks spielt Melinda Ledbetter als jemanden, die nicht sonderlich beeindruckt vom früheren Ruhm Wilsons scheint, sondern mehr an ihm als Person interessiert ist und hin- und hergerissen scheint zwischen Liebe, Furcht vor einer derart problembehafteten und, dank Landy, durchaus bedrohlichen Situation und dem Wunsch Wilson zu helfen. Damit sind wir bei einem der kleineren Probleme des Films. Eugene Landy, verkörpert von Paul Giamatti bewegt sich durchgehend am Rande der Karikatur, überquert den fraglos auch das eine oder andere Mal. Autor Oren Moverman und Regisseur Bill Pohlad haben gesagt die Darstellung Landys beruhe auf Gesprächen mit Melinda Ledbetter und verbürgten Aussagen von Landy selbst. Die cartoonhafteren Momente stammen allesamt nicht von Ledbetter. Giamatti hat sich zur Vorbereitung auf die Rolle Vorträge Landys angehört, die er als „lange Paragrafen, die beeindruckend klingen, bei genauerer Untersuchung aber keinerlei Sinn ergeben“ beschreibt. Hier müssen wir wohl akzeptieren, dass wir es mit einer Person zu tun haben, die ein Autor so nicht schreiben würde, weil es zu übertrieben wirkt. Wilson selbst jedenfalls beschrieb Giamattis Darstellung „beängstigend“ (weil realistisch). Der Film scheint eine direkte Linie ziehen zu wollen, von Wilsons Vater, der ihn als Kind geschlagen hat und als Erwachsener versucht ihn zu unterminieren (God only knows klänge nicht wie ein Liebeslied, sondern wie eine Selbstmordnachricht), zu Landy. Nicht zuletzt weil der Darsteller des Vaters, Bill Camp, erhebliche physische Ähnlichkeit zu Giamatti hat.

Für den Soundtrack zeichnet, neben Beach Boys/Wilson Songs natürlich, Atticus Ross verantwortlich, der Bruchstücke von vorhandenen Beach Boys Songs zu neuen Kompositionen verarbeitet und dadurch einen hochoriginellen aber passenden Ton trifft.

Paul Danos Darstellung des jungen Wilson ist einfühlsam, beeindruckend und tragisch, getrieben und verzweifelt. Es ist erstaunlich, dass er für diese Leistung nicht einmal eine Oscar-Nominierung erhalten hat. Cusacks Darstellung fällt dagegen ein wenig ab. Er scheint im typischen „Musiker in der Spätphase der Drogen und Probleme“-Modus zu sein, wobei auch bei ihm immer mal wieder wahrhaftige Momente auftauchen. Die 80er Sequenzen werden aber ohnehin vor allem von Elizabeth Banks getragen, die gut darin ist Ledbetter als eine Frau zu verkörpern, die einerseits von Wilsons Situation zutiefst verstört ist, andererseits aber mehr als genug Empathie beweist, dass es nicht überrascht zu hören, dass sie und Wilson, Mitte der 90er weit nach der Handlung des Films, heiraten würden.

Kurz Bill Pohlad hat hier mit seiner zweiten Regiearbeit (die letzte war 1990, Pohlad arbeitete ansonsten als Produzent) eine der für mich besten Musiker-Biopics überhaupt geschaffen. Einem Film, dem es gelungen ist bei mir Interesse für einen Musiker zu schaffen, wo vorher nicht sonderlich viel war. Sicherlich, beide Teile funktionieren hier zwar nicht gleich gut, aber allein der Versuch zwei völlig verschiedene Tonarten miteinander zu mischen, wie Wilson das in seiner Musik tut, verlangt nach Respekt. Ebenso das Leben eines Musikers, der vor allem für seine psychische Krankheit bekannt scheint, darzustellen ohne dabei sensationalistisch zu wirken. Empfehlung!

5 Gedanken zu “Reisetagebuch: ‚Love & Mercy‘ (2015)

    • Ich bin tatsächlich vor allem auf den Film aufmerksam geworden, weil eine negative Bohemian Rhapsody Besprechung ihn als Positivbeispiel angeführt hatte. Ansonsten war der völlig an mir vorbeigegangen.

      Kennst Du Dich zufällig mit Wilsons Solo-Sachen aus? Wenn ja, was wäre da der beste Einstieg?

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      • Na, die Beach Boys sind vermutlich auch nicht mehr so im kollektiven Gedächtnis präsent, wie halt Queen bzw. Freddie Mercury.
        Bei den Wilson Solo-Sachen (von Carl kenne ich nix) kann ich empfehlen:
        – „Pacific Ocean Blue“ von Denis Wilson.
        Toller Sommer-Sound, produziert mit den besten Session-Musiker, die man damals von haben (und bezahlen) konnte. Auch wenn man die Handschrift der Beach Boys schon von raushörten kann, klingt die Platte durchaus eigenständig
        – „Brian Wilson“ von eben jenem.
        Das erste echte Solo-Album des Genies. Es kam zwar bei Kritikern und Hörern bestenfalls durchwachsen an, zeigt aber einen musikalisch noch mehr gereiften Künstler. Außerdem hört man seiner Stimme an, daß dieser Mann wirklich eine ganze Menge durchmachen musste. Für mich ein besonderes Hörvergnügen.
        Beide Alben sollten beim Streaming-Dienst deines Vertrauens zu haben sein 😊

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        • Es ist aber schon erstaunlich, dass Dano nichtmal eine Oscar Nominierung bekommen hat, dabei erfüllt die Rolle eine Menge Punkte, die der Academy normalerweise gefallen: reale Person der Unterhaltungsindustrie, Darstellung kreativer Prozesse, psychische Krankheit etc..

          Naja, wurscht, macht den Film ja nicht schlechter, dass er ignoriert wurde.

          Und danke für die ausführlichen Solo-Antworten! 🙂

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          • Vielleicht dreht ja bald mal einer einen Spielfilm über den kürzlich verstorbenen Roky Erickson – das wäre sozusagen die nächste Chance (nicht für Dano, sondern für so einen Film).

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