‚Tschick‘ (2016) – „Ich fahr doch jetzt nicht zurück!“

‚Tschick‘ von Regisseur Fatih Akin ist eine Literaturverfilmung des gleichnamigen Romans von Wolfgang Herrndorf. Ich kenne den zu Grunde liegenden Roman nicht. Ich kann den Film daher nur als Film beurteilen. Ich habe das Gefühl, ich muss das gleich am Anfang einführen. Denn ich habe mir nach dem Film noch den Audiokommentar zu einigen Szenen angesehen und aus diesem wurde sehr deutlich, dass es Akin und Kollegen sehr wichtig war, dem beliebten Roman gerecht zu werden. Man wollte nicht nur Herrndorfs Inhalt wiedergeben, man war offenkundig bemüht seine Prosa selbst in entsprechende Bilder zu fassen. Ich werde den Roman sicherlich demnächst nachholen (womit ich vermutlich schon meine Bewertung des Films vorweg genommen habe), doch im Moment beurteile ich ihn eben „nur“ als Film.

Der 14-jährige Maik (Tristan Göbel) stammt aus scheinbar gut situiertem Elternhaus. Hinter dieser Fassade bröckelt es aber gewaltig. Seine Mutter (Anja Schneider) ist alkoholkrank und sucht jeden Sommer eine Entzugsklinik auf. Maiks Vater (Uwe Bohm), vorgeblich erfolgreicher Immobilienmakler, hat die Grenze zur Insolvenz in Wahrheit längst überquert und verbringt den Sommer auf „Geschäftsreise“ mit seiner jungen Assistentin. Zur Schule geht Maik in Berlin Marzahn, wo er aufgrund seiner in sich gekehrten Art als „Psycho“ gilt. Dann kommt  der Russlanddeutsche Andrej „Tschick“ Tschichatschow (Anand Batbileg) in Maiks Klasse. Aus offenbar verwahrlosten Verhältnissen gilt der Junge mit den geklebten Schuhen und der Wodkaflasche in der Tasche sofort als „Assi“. Allerdings scheint mehr in ihm zu stecken. So schreibt er die einzige 1 der Klasse in einer Mathearbeit und bringt einen Schulhof-Bully durch einen geflüsterten Satz zum Schweigen. Die Sommerferien beginnen und zu seinem Entsetzen hat Maiks große Flamme ihn nicht zu ihrer Geburtstagsparty eingeladen. Dabei hat er nächtelang an einem Portrait von ihr gearbeitet. Plötzlich steht Tschick mit einem „geliehenen“ Lada vor der Tür und schlägt dem verdutzten Maik vor einfach auf die Party zu gehen, schon damit Maik sein Geschenk übergeben kann. Gesagt, getan. Danach stellt sich die Frage: warum nach Hause fahren, wo auf beide nichts wartet? Warum nicht in die Walachei? Tschick hat da einen Großvater. Und er weiß (so in etwa) wie man fahren muss.

Der Film beginnt dramatisch. Auf einer nächtlichen Landstraße mit umgestürztem Tiertransporter, einem brennenden Autowrack, koordiniert agierenden Feuerwehrleuten, unkoordiniert herumirrenden Schweinen und einem blutüberströmten Jungen, der nach „Tschick!“ ruft. So schafft Akin eine finstere Grundlage, bevor er uns in einen weit freundlicheren Film entlässt. Sattes grün, gelb und blau lässt an Sommerferien denken. Zwei Außenseiter begeben sich in ein Abenteuer, das ist die Grundlage nicht weniger Jugendbücher. Und es gibt viele Szenen, die genau damit spielen. Die Jungen spekulieren unter dem weiten Sternenhimmel, ob gerade auf einem fernen Planeten zwei Alien-Jungen dasselbe erleben wie sie. Haben Tiefkühlpizzen und Konservendosen (aber keinen Öffner) als Proviant mitgenommen. Fliehen vor wütenden Bauern und Dorf-Sheriffs. Haben bizarre Begegnungen mit „Adel auf dem Radel“ oder einer Familie, in der man sich den Nachtisch mit Antworten auf Fragen des Allgemeinwissens verdienen muss. Doch sind Traurigkeit und Finsternis nie ganz weit weg. Und sie scheinen immer dann schlagartig näher zu kommen, wenn die Jungs sich zu weit in die unverständliche Welt der Erwachsenen wagen. Wenn etwa Tschick in einer Nebelbank den Lada versehentlich auf die Autobahn lenkt, inszeniert Akin das wie einen Horrorfilm.

Wie in jedem guten Road Movie begegnen die Protagonisten einer ganzen Reihe von interessanten Charakteren. Die wichtigste darunter ist sicherlich die obdachlose Jugendliche Isa (Mercedes Müller), die, anders als die beiden Jungen, mit Prag ein sehr präzises Ziel hat. Anfangs wirft man sich Beleidigungen an den Kopf (die Jungs seien Idioten und Isa stinkt), doch ist sie nicht nur insofern hilfreich, als dass sie weiß, wie man Benzin aus dem Tank stiehlt. Sie wird zu einer mysteriösen Begleiterin, visuell repräsentiert durch eine Holzbox, die sie nie öffnet. Bald ist sie aus dem Film auch wieder verschwunden, ohne viele Fragen zu beantworten. Und doch ist danach wenig so wie vorher, was man womöglich auch über die Reise in die Walachei im Allgemeinen sagen kann. Im Zentrum des Films steht allerdings die Beziehung zwischen Maik und Tschick, die diese in beinahe jeder Szene neu evaluieren und neu justieren. Und genau hier liegt, meiner Meinung nach, Fatih Akins größte Stärke.

Seien es Sibel und Cahit aus ‚Gegen die Wand‘ oder Zinos und Illias aus ‚Soul Kitchen‘. Wenn Akin komplexe Beziehungen zweier Menschen beleuchtet, dann schafft er herausragendes Kino. Und in diese Reihe seiner besten Filme reihen sich auch Maik und Tschick problemlos ein.

Unterlegt wird das einerseits mit mehr oder weniger leiernden Richard-Claydermann-Kassetten, die die Jungen im Lada finden und vor allem vom Soundtrack des Briten Vince Pope. Dem gelingt es ähnlich wie Akin, in seinen oft leicht nach Italo-Western klingenden Melodien fröhliche Leichtigkeit mit einer immer vorhandenen Traurigkeit zu verbinden.

‚Tschick‘ scheint ein Film der glücklichen Fügungen zu sein. Akin hat sich bereits vor Jahren, noch zu Lebzeiten des 2013 durch Selbsttötung verstorbenen Herrndorf, um die Filmrechte bemüht, sie aber nicht bekommen. Der geplante Regisseur sprang aber 7 Wochen vor Drehbeginn ab, woraufhin Akin einen Anruf erhielt und begeistert annahm. Die Suche nach dem Darsteller des Tschick gestaltete sich als so schwierig, dass man unter anderem die mongolische Botschaft um Hilfe bat. Dort arbeitete Anands Vater, der seinem Sohn den ausgedruckten Castingaufruf ins Zimmer legte. Der hielt den für Müll und warf ihn weg. Ein Missverständnis, dass sich erst eine Woche später klärte. Eine Woche vor Drehbeginn war es auch, dass Fatih Akin mit seinem Sohn Tristan Göbel in einem Film sah und überzeugt war, dass der sein Maik sei. Durch den Darstellerwechsel hatte man nun das Problem, dass etwa 40 cm Unterschied in der Körpergröße zwischen Tristan und Anand herrschten. Daher musste das Bildformat des Films, trotz epischer Landschaftsaufnahmen, von 2,35:1 auf 1,85:1 ändern, um nicht einem von beiden immer im Bild den Kopf abzuschneiden.

Das war es allerdings wert. Tristan Göbel stellt die Verletzlichkeit, aber auch den tief sitzenden Zorn seines Maik ganz wunderbar dar. Wandelt von kindlicher Naivität zu erwachsener Skepsis mit scheinbarer Mühelosigkeit. Eine noch schwerere Aufgabe hat Anand Batbileg als Tschick, über den wir weit weniger erfahren, den wir in seinen Sätzen, oftmals aber auch dem Ungesagten dazwischen und in seinen Haltungen und Taten finden müssen, was er hier phänomenal  transportiert. Wenn ich das Buch lese, wird es mir vermutlich schwer fallen, andere Gesichter als diese zu sehen.

Wer sich übrigens, wie ich, an den Jugendfilm-Klassiker ‚Nordsee ist Mordsee‘ erinnert fühlt und, anders als ich, nicht bis zum Abspann warten möchte, ob es etwaige Verbindungen gibt: Hark Bohm, Regisseur von ‚Nordsee ist Mordsee‘ ist einer der Koautoren der Drehbuchadaption und sein Sohn Uwe, Hauptdarsteller in ‚Mordsee‘ spielt hier Maiks Vater. Die Parallelen sind folglich absolut gewollt.

Ein rundum gelungener Sommerfilm, ohne dabei finstere Töne gänzlich zu ignorieren. Akin gelingt hier genau das, was jedes gute Roadmovie erreichen möchte: dass man sich wünscht, die Fahrt möge noch etwas länger dauern, dass man noch etwas mehr Zeit mit diesen Charakteren verbringen darf. Und nicht nur weil man von Anfang an ahnt, was am Ende wartet. Die bestmögliche Fahrt in die Walachei.

6 Gedanken zu “‚Tschick‘ (2016) – „Ich fahr doch jetzt nicht zurück!“

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