Praktische Effekte 1: die Karl Struss-Technik – von der alten Dame zum Oktopus

Seien wir ehrlich: wir leben in einer Zeit, in der uns Effekte in Filmen nicht mehr beeindrucken können. Effekte finden eigentlich nur noch dann Erwähnung, wenn sie nicht gelungen sind. Wenn wir uns nicht erklären können, wie ein Trick funktioniert, dann können wir uns immer damit beruhigen, dass die Antwort lautet: das wurde mit dem Computer gemacht. Obwohl das bei Weitem nicht immer stimmt. Selbst ein Michael Bay vermischt in seinen ‚Transformers‘ Filmen praktische mit CGI-Effekten. Doch was ist, wenn wir die Zeit zurückdrehen? Als uns der noch nicht allgegenwärtige Computer noch mit einem spiegelnden Flüssigmetall-Terminator beeindrucken konnten. Oder sogar noch viel weiter zurück, als man auf praktische und Kamera-Effekte angewiesen war.

Spezialeffekte sind schließlich beinahe so alt wie der Film selbst. Die Legende will es, dass der Bühnenmagier und Technikfreak Georges Melies mit der soeben von den Lumieres erfundenen Kamera einen Freund aufnahm, wie er die Straße hinunterging. Dabei machte er bei der neuen Technik einen Bedienfehler und der Film verhakte sich kurzzeitig in der Kamera. Der fertig entwickelte Film zeigte nun, wie sein Freund an einem Ende der Straße verschwand und am anderen wieder auftauchte. Melies war begeistert, der Spezialeffekt geboren.

Die Stummfilmzeit zeichnete sich nicht nur durch die gewagten Stunts eines Buster Keaton aus, sondern auch durch eine Vielzahl von, teilweise archaisch wirkenden, teilweise aber immer noch beeindruckenden, Spezialeffekten. Von der Doppelbelichtung bis zum Zeitraffer.

Auch der Effekt, über den wir heute reden wollen wurde während der Zeit des Stummfilms entwickelt. Doch das für mich beeindruckendste Beispiel seiner Anwendung stammt aus der Zeit des frühen Tonfilms. Schaut Euch die folgende Szene aus dem Film mit dem wunderbaren Titel ‚Sh! The Octopus‘ an:

Wie verwandelt sich die alte Dame hier in ein Monster, ohne jeden Schnitt? Im Jahr 1937, lange bevor CGI auch nur eine Idee war? Der Film war keine gigantische Produktion, Regisseur William McGann und Kameramann Arthur Todd haben hier keine neue Technik entwickelt, sie haben schlicht eine der besten Ausführungen einer Technik abgeliefert, der zu dieser Zeit bereits deutlich über 10 Jahre alt war. Der Erfinder dieser Technik war Karl Struss.

Struss wurde 1886 in New York als Sohn eines Textilunternehmers geboren. Schon früh wurde er in das Unternehmen des Vaters integriert. Nebenbei entwickelte er eine Liebe zur Fotografie. Ab 1908 besuchte er einen Abendkurs in Fotografie an der Columbia Universität. Während seines Studiums erwarb er ein Patent für eine von ihm entwickelte Weichzeichner-Linse, die bald von Fotografen und ab 1916 auch im Film Verwendung fand. Absichtlich verwaschene, romantische Aufnahmen wurden zu Struss‘ Spezialität. Ab 1910 wurden von ihm gefertigte Aufnahmen in mehreren Ausstellungen gezeigt und wurden als Beispiele dafür angeführt, dass Fotografie Kunst sein kann, was damals durchaus noch umstritten war. Er war als Fotograf so erfolgreich, dass er 1914 die väterliche Firma verließ und ein Atelier in New York eröffnete. Er knüpfte wichtige Kontakte, sah seine Arbeiten in zahlreichen Magazinen veröffentlicht (bestand aber stets darauf kein Modefotograf zu sein!).

1917 sah er sich dann berufen seinem Land zu dienen und meldete sich zum Dienst im ersten Weltkrieg. Der Plan sah vor, sein Talent zu nutzen, indem er im Range eines Sergeant Fotografen ausbilden würde, die strategische Luftaufnahmen machen sollten. Leider wurde ihm seine deutsche Herkunft zum Verhängnis. Unter dem (soweit ich das ersehen kann völlig haltlosen) Verdacht der Spionage wurde er zum Gefreiten degradiert und kurzzeitig sogar inhaftiert. Danach diente er als Gefängniswärter und Büroangestellter der Armee. Um seinen Namen reinzuwaschen meldete er sich freiwillig zum Offizierstraining für den Rang des Corporal. So wurde er letztlich 1919 ehrenhaft entlassen. Er kehrte aber nicht zu seinem Atelier zurück. Ob es in seiner Abwesenheit in die Pleite geraten war oder andere Gründe vorlagen, ist mir nicht bekannt.

Er ging stattdessen nach Hollywood und arbeitete an einem Film von Cecil B. De Mille als Kameramann. (Anmerkung: hier wird die deutsche Nomenklatur undeutlich. Beim deutschen „Kameramann (oder –frau, natürlich)“ wird kein Unterschied deutlich, zwischen demjenigen, der für die visuelle Gestaltung eines Films verantwortlich ist (engl. „director of photography“ oder „cinematographer“) und demjenigen, der die Kamera nach Anweisung des cinematographers bedient (engl. „camera operator“). Struss begann als Letzterer, arbeitet sich aufgrund seines Talents aber bald zu ersterem hoch). 1921 heiratete er Ethel Wall, die ihn unterstützte, neben seiner Filmarbeit auch wieder die Fotografie aufzunehmen. Für seine gemeinsame Arbeit mit Charles Rosher als cinematographer an Friedrich Wilhelm Murnaus erstem Hollywoodfilm ‚Sunrise‘ 1927 erhielten Rosher und er den ersten Oscar überhaupt für die beste Kamera.

Tatsächlich fand der für uns entscheidende Moment aber bereits zwei Jahre früher, bei den Dreharbeiten zu ‚Ben-Hur‘ statt. In einer Szene sehen wir, wie Jesus zwei Leprakranke heilt. Ohne Schnitt verschwinden die hässlichen Schwären aus den Gesichtern, nachdem Jesu Hand sie streift. Der Effekt ist der obige, nur umgekehrt. Berühmter ist Struss‘ Verwendung seiner von ihm entwickelten Technik 1931 bei ‚Dr. Jekyll und Mr. Hyde‘, für den er erneut für den Oscar nominiert wurde. Hier sehen wir, wie sich Frederic Marchs Doktor Jekyll in den monströsen Mr. Hyde verwandelt. Zugeben, hier verwendet Struss einige versteckte Schnitte, doch für die einzelnen Schritte der Transformation kommt auch hier die Struss-Technik zum Einsatz.

So, nun habe ich Euch aber auch lange genug auf die Folter gespannt. Wie wird der Effekt nun erreicht? Verdammt simpel, eigentlich. In Detektivsets für Kinder sind manchmal „Geheimtexte“. Ein rotes Stück Papier und die geheime Botschaft darauf wird erst sichtbar, wenn man durch eine rote Linse schaut. Dasselbe Prinzip wurde auch während der 80er eingesetzt um etwa gewisse Informationen aus Beilagen von Computerspielen, die diese Spiele dann als Kopierschutz abfragen würden, nicht kopierbar zu machen. Und genauso funktioniert es hier. Im Moment der Transformation wird eine rote Linse vor die Kamera geschoben, die rote Bildinformationen herausfiltert und so das groteske Make-Up Hydes oder der alten Dame sichtbar macht. Daher passieren diese Transformationen in Nahaufnahme, um möglichst wenig anderes Rot im Hintergrund zu haben, das den Effekt verraten könnte. Natürlich funktioniert dieser Trick daher nur im schwarz weißen Film. Im Farbfilm würde nicht nur das gesamte Bild rot. Ein letztlich simpler Effekt, der dennoch ein tiefes optisches Verständnis erforderte und seine Wirkung nicht verfehlt.

Struss‘ Experimentierfreude ließ auch bis zum Ende seiner Filmkarriere 1959 nicht nach. Einer seiner letzten Filme als Kameramann war der originale ‚Die Fliege‘ mit Vincent Price, bei dem Struss den Zuschauer durch das facettierte Insektenauge schauen ließ. Bis 1970 drehte er noch Werbespots und arbeitete für das Fernsehen. 1981 verstarb Karl Struss im Alter von 95 Jahren.

Was sind praktische Effekte (oder auch CGI), die Euch besonders imponiert haben, oder bei denen Ihr Euch fragt, wie sie eigentlich funktionieren? Schreibt es mir in den Kommentaren, vielleicht schreibe ich dann die nächste Ausgabe darüber.

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10 Gedanken zu “Praktische Effekte 1: die Karl Struss-Technik – von der alten Dame zum Oktopus

  1. Über dieses Thema weiß ich leider viel zu wenig. Von daher bin ich sehr gespannt und was du uns noch so präsentierst. Aber bitte keine Plagiate mehr 😉

    Generell finde ich es immer wieder erstaunlich zu welch faszinierenden Effekten Filmemacher/innen schon vor fast 100 Jahren im Stande waren. Ich denke da nur an den Unsichtbaren oder die anderen Monster Klassiker.

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  2. Was sind praktische Effekte (oder auch CGI), die Euch besonders imponiert haben, oder bei denen Ihr Euch fragt, wie sie eigentlich funktionieren?

    Ich mag es, wenn jemand gekonnt und fantasievoll mit dem Optischen Printer umgehen konnte, wie der geniale Norman McLaren (der sich bei seinen Filmen penibel von jedem Computer fernhielt), beispielsweise bei PAS DE DEUX.

    Ansonsten gibt es natürlich eine wahre Unzahl an gelungenen Beispielen mit Matte Paintings, Schüfftan-Verfahren und ähnlichen Techniken – da braucht man gar nicht erst mit dem Aufzählen anfangen. Besonders mag ich es, wenn damit Werke der bildenden Kunst in einen Film geholt werden, wie etwa hier (links Matte Paintings von Paul A. Grimm, rechts die Vorlagen von Gustave Doré – wer den Film errät, gewinnt einen virtuellen Blumentopf … :-Þ).

    Wenn es aber „nur“ um schöne Impressionen geht, kommt man auch mit weniger Aufwand aus. Man kann etwa Reflexionen im Wasser filmen und dabei die Kamera auf den Kopf stellen, so dass die Bilder wieder aufrecht stehen, wie in Bert Haanstras SPIEGEL VAN HOLLAND oder Kurt Steinwendners VENEDIG.

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    • Stimmt, McLAren ist wirklich faszinierend. Allein seine Idee Film nicht mit Licht, sondern mechanisch zu behandeln. Und das seine Pixillation keinen Einzug in den Mainstream, als Verfremdungseffekt oder so, gefunden hat, wundert mich wirklich.

      Dein letzter Punkt erinnert mich an die Eröffnung von Sunset Blvd., wo Wilder einen Spiegel am Boden eines Pools installierte, um William Holden darin mit dem Gesicht nach unten treibend filmen zu können!

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  3. Ich hätte auf den ersten Blick getippt, dass da irgendein chemisches Mittelchen aufgetragen wurde, dass sich dann allmählich selbst oder durch Bestrahlung mit speziellem Licht die Farbe verändert….
    Tja, früher musste man noch clever sein, was solche Effekte betrifft. Unter handwerklichen und historischen Gesichtspunkten höchst interessant und bewundernswert.

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