‚Tiger Girl‘ (2017) – „Du bist nicht nett, Du bist höflich!“

Jakob Lass‘ ‚Tiger Girl‘ dürfte ein Film mit viel Potential seine Zuschauer vor den Kopf zu stoßen sein. Nicht nur wurde schon viel darüber diskutiert, ob man Gewalt „verherrlichen“ dürfe, nur weil es Frauen seine, die sie ausüben. Nein, schon in den ersten Minuten fordert der Film heraus. Laut und leicht prahlerisch erscheint der Film und bedient in diesen ersten Minuten für seine moderne Fassade doch recht müde Vorstellungen. So nach dem Motto, Frauen mit langen blonden Haaren stehen völlig unter der Fuchtel des Establishments, während Frauen mit kurzen Haaren in Bomberjacken die wirklich Befreiten sind. Letztlich hat der Film für solche Ideen aber auch nur einen kurzen, heftigen Tritt in die Kronjuwelen übrig. Aber fangen wir am Anfang an.

Maggie (Maria Dragus) wollte eigentlich Polizistin werden. Doch dann stand der zierlichen, jungen Frau bei der körperlichen Prüfung ein Springbock im Weg. Nun sitzt sie ein wenig verloren zwischen breitschultrigen Bartträgern bei der Ausbildung zur Securityfrau in Berlin. Plötzlich geistert eine andere junge Frau (Ella Rumpf) um sie herum. Die tritt den Außenspiegel eines Wagens ab, der Maggie den Parkplatz klaut, schmuggelt gestohlene Kekse in ihre Einkaufstasche, bewahrt sie mittels eines gestohlenen Taxis davor mit einem schmierigen Polizeischüler nach Hause zu gehen. Und der entscheidende Moment: rettet Maggie vor drei zudringlichen Typen in einem U-Bahnhof durch Einsatz körperlicher Gewalt und eines Baseballschlägers. Maggie folgt ihr nach Hause, einem alten Bus. Die Frau stellt sich als „Tiger“ vor und gibt Maggie den Namen „Vanilla“. Die beiden freunden sich an und nachdem Vanilla Tiger eine Security Uniform besorgt, verarschen sie Passanten, ziehen sie teilweise ab. Vanilla wird immer selbstbewusster und Tiger macht Geld, das sie für verschuldete Freunde benötigt. Zu spät merkt Tiger, dass sie ein Monster herangezogen hat. Vanilla findet ein sadistisches Vergnügen an Gewalt und ist drauf und dran ihrer beider Leben zu zerstören und Tiger das einzige zu nehmen was sie hat: ihre Freiheit.

Das erste Auftauchen von Tiger ist eine pure Ermächtigungsfantasie. Mit dem Talent eines Batman für plötzliches Auftauchen, haut sie (im wahrsten Sinne des Wortes) Vanilla aus einer erniedrigenden Situation. Was folgt scheint wie ein Spiel mit der Frage, „was wäre wenn sich Pippi Langstrumpf und Annika erst 12 Jahre später in Berlin getroffen hätten?“. Wir erfahren nicht einmal Tigers bürgerlichen Namen, sie scheint ein Mysterium. Nun funktionieren Ermächtigungsfantasien aber nur noch halb so gut mit Anfang 20, wie mit 10. Langsam aber sicher merken wir, dass Tiger eben nicht Pippi Langstrumpf ist, nicht zu gut für diese Welt. Sie hat mit ganz bodenständigen Problemen zu tun. So füttert sie etwa zwei Möchtergern-Drogendealer durch, die das alte Problem haben selbst ihre besten Kunden zu sein und sich nun extrem verschuldet haben. Das Schauspiel als Security-Frauen ist also kein reiner Altruismus, um Vanilla Selbstbewusstsein beizubringen, sondern auch ein Auftreiben von Geld.

Und so nehmen sie diebische „Taschenkontrollen“ in Parks und Kaufhäusern vor. Tigers moralischer Kompass zeigt schon, wer es verdient hat und wer nicht. Wenn sie einen jungen Mann dazu bringen sich für eine „Sicherheitskontrolle“ auszuziehen und sich dann kichernd mit seinen Klamotten davonmachen, dann fragt man sich, ob es nicht langsam zu weit geht. Die Antwort erfolgt mit Donnerhall, wenn Vanilla einer Frau unprovoziert die Nase blutig schlägt. Inzwischen hat der Film die Perspektive langsam aber sicher zu Tiger wechseln lassen. Inzwischen ist Vanilla zum Mysterium geworden. Wir sehen sie nie außerhalb des Security-Trainings oder gemeinsamer Momente mit Tiger. Wie sie lebt oder ob sie andere Freunde hat können wir nur erahnen.

Jakob Lass ist der Autor der FOGMA-Regeln, die sich sehr grob als „vergiss Förderer und Zielgruppen“ oder „es gibt keine Regeln beim Filmemachen“ (siehe auch den Untertitel meines Blogs) zusammenfassen lassen. Am Anfang stand ein dreiseitiges Skelett von einem Drehbuch. Eine Ahnung wo es anfängt und wo es endet. Der Weg zwischen den Punkten  wurde von Darstellern und Regisseur improvisiert. Allerdings nicht während der Dreharbeiten, sondern in langer Vorbereitung. Das hat eine erstaunliche Synthese zwischen professionellen und Laiendarstellern im Film zur Folge und einen sehr natürlichen Ablauf von Gesprächen.

Eines tut der Film allerdings nie: Moralisieren. Timon Schäppis  (oftmals Hand-) Kamera behält immer den gleichen Abstand zu den Protagonistinnen. Ob sie nun als Opfer oder als Täterinnen auftreten. Das erlaubt dem Film eine langsame, unmerkliche Steigerung der Dramatik der Handlungen. Wenn sich Vanillas Auflehnung gegen den strengen, selbstherrlichen Lehrer des Security-Seminars von verständlichem Aufstehen für sich selbst, zu etwas Bedrohlicherem wandelt, dann merken wir das, ein wenig wie Tiger, erst zu spät. Lass hat sicherlich den Ort und die Art wie Vanilla und Tiger vorgehen auch nicht ganz zufällig gewählt. Schließlich hallen mindestens zwei Echos von Leuten, die sich in Berlin Uniformen anziehen und sich gegen die bestehende Ordnung wenden durch die Geschichte. Einerseits das Gelächter eines Hauptmannes von Köpenick, der einer autoritären Obrigkeit eine langstrumpfsche Nase dreht. Andererseits die Stiefeltritte brauner Straßenbataillone wider die Demokratie der Weimarer Republik.

Die zweisprachig in der Schweiz aufgewachsene Französin Ella Rumpf kannte ich bislang nur als die ältere Schwester der Protagonistin in Julia Ducournaus großartigem ‚Raw‘. Es ist schwierig nicht gewisse Parallelen zwischen den Rollen zu sehen. Hier wie dort fordert sie eine andere Frau heraus, treibt sie an und erntet ähnliche Konsequenzen dafür. Und dort wie hier fällt es dem Zuschauer schwer, bei aller Stacheligkeit, nicht doch Sympathie mit ihr zu haben. Es würde mich sehr wundern, wenn Frau Rumpf nicht in ein paar Jahren ein Weltstar wäre. Maria Dragus transportiert sehr gut den Wandel vom schüchternen Mädchen zum allmählich in den Augen auflichternden Wahnsinn. Den Weg von Pippis  Annika zum ‚Clockwork Orange‘-Droog, der so weit scheint, aber doch sehr kurz ist.

Ein Film für Zweifler, ob der deutsche Film mehr kann als Schweiger RomComs und Nazi-Betroffenheit. Ja, natürlich kann er. Er muss sich halt nur trauen und bestenfalls ist er dann auch noch gewillt die Leute merken zu lassen, dass er sich traut. Und in meinen Augen ist es vor allem der letzte Punkt, an dem es immer wieder hapert. Auffällig ist, das Lass trotz (oder womöglich wegen) allem Wettern gegen altmodische Vergabe der Filmförderung eben diese für diesen Film erhalten hat. Womöglich haben wir endlich wieder mehr Platz für Filme, die laut, ein wenig protzig, unter der glänzenden Oberfläche reichlich politisch und dabei ziemlich unbequem sind. Wäre nur halt schön, wenn der interessierte Zuschauer die nicht suchen müsste.

Werbeanzeigen

11 Gedanken zu “‚Tiger Girl‘ (2017) – „Du bist nicht nett, Du bist höflich!“

  1. Ist bei mir schon ein Weilchen her, insofern bin ich nicht mehr ganz so in den Plot involviert – aber tatsächlich ein sehr schöner Film, der mich äußerst überrascht hat. Deine Besprechung fasst es im Prinzip perfekt zusammen. Man hätte sicher aber noch einige modernere Verweise als Pippi finden können, mir fällt da spontan Pussy Riot ein 😉

    Liken

  2. Pingback: ‚Good Time‘ (2017) | filmlichtung

Und was meinst Du? (Durch die Nutzung der Kommentarfunktion erklärst Du Dich mit der Verarbeitung Deiner angegebenen Daten durch Automattic, Inc. sowie den Dienst Gravatar einverstanden.)

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.