Spuktakuläre Filmmonster Kapitel 8: Doppelgänger

„Doppelgänger“ ist ein Wort, das nicht unbedingt sofort gruselige Assoziationen weckt. Zunächst einmal beschreibt es eine Person, die einer anderen zum Verwechseln ähnlich sieht. Gerade vor ein paar Wochen habe ich in der Stadt jemanden gesehen, der einem guten Freund von mir sehr ähnlich sieht. Er war es nicht. Diese Tatsache erfüllte mich aber nicht mit Schrecken, nur mit Erleichterung, dass ich nicht sofort gewunken und „Hallo“ gebrüllt habe. Auch wenn man etwa Justin Bieber für eine Geburtstagsfeier mieten möchte und nicht eben Milliardär ist, wird man wohl auf einen Imitator, einen mehr oder weniger glaubhaften Doppelgänger zurückgreifen müssen. Ebenso wie Diktatoren sich gern mit Doppelgängern ihrer selbst umgeben, auf dass ein Mordanschlag den Falschen erwische. Geheimdienste schaffen ebenfalls gern „Doppelgänger“. Die Stasi kopierte häufig westdeutsche Reisepässe, passte das Foto ein wenig an und stattete einen ähnlich aussehenden Agenten mit diesem Pass aus. So langsam nähern wir uns also doch dem Horror.

Die Vorstellung eines Abends nach Hause zu kommen und zu bemerken, dass der Partner oder ein anderes Familienmitglied durch einen exakten Doppelgänger ersetzt wurde, ist hingegen echter Horror. Das seltene „Capgras-Syndrom“ ist eine psychologische Krankheit, die genau diese Gewissheit in dem Betroffenen erweckt. Dieses Syndrom war Inspiration für den gelungenen österreichischen Horrorfilm ‚Ich seh, ich seh‘.

Doppelgänger sind eine Tatsache, die anhand eineiiger Zwillinge von Menschen überall auf der Welt beobachtet werden konnte. Darum finden sich Doppelgänger in allerlei Mythologien wieder. Bei den Azteken oder den afrikanischen Akan spielte ein Schatten, eine Art Doppelgänger, der oft als Schutzengel fungierte eine Rolle. Bei den antiken Ägyptern war das ka, ein anderer Aspekt der Seele, der das gleiche Aussehen hatte und die gleichen Erfahrungen sammelte wie der Mensch, ein zentraler Aspekt. Bei den Griechen spielte der Doppelgänger keine große Rolle, obwohl es eine Version des Trojanischen Kriegs gibt, in der die Götter Helena nach Ägypten entführen. Paris nimmt eine Doppelgängerin (möglicherweise eine hellenische Interpretation des ka-Konzeptes) mit. Auch ist da der Egozentriker Narziss, der von Aphrodite (oder Artemis) zu derartiger Selbstliebe verflucht wurde, dass er sich nicht von seiner Spiegelung in einem See losreißen konnte, bis er an Durst und Hunger starb, um dann von Apoll in die Narzisse verwandelt zu werden. In der nordischen Mythologie  gab es den Vardøger, bei den Finnen den Etiäinen. Geisterhafte Doppelgänger, die das Tun des echten Menschen vorwegnehmen. Was alle diese Versionen des Doppelgängers gemeinsam haben, seien sie positiv oder negativ besetzt, ist, dass sie dem Jenseits und dem Tod verbunden waren. Und sie tatsächlich zu sehen war selten ein gutes Zeichen. In dieser Art tritt der Doppelgänger im viel zu wenig gesehenen australischen Horrorfilm Lake Mungo‘ auf.

Der deutsche Begriff „Doppelgänger“ wird in zahlreichen anderen Sprachen gleichbedeutend verwendet. Vom Englischen und Französischen, über das Russische bis zum Japanischen und Thai. Grund dafür ist der Erfolg der deutschen Romantik, in der das Bild des Doppelgängers eine entscheidende Rolle spielte. Das „Deutsche Wörterbuch“ der Gebrüder Grimm (oder zumindest von ihnen begonnen) liefert zwei Definitionen des Doppelgängers[1]. Eine die auf Übernatürliches/Unheimliches hinweist: „jemand von dem man wähnt er könne sich zu gleicher zeit an zwei verschiedenen orten zeigen“. Und eine gänzlich alltägliche: „der einem andern so ähnlich ist dasz er leicht mit ihm verwechselt wird“. Für die Kunst der Romantik war die erste Definition natürlich die Spannendere. Doch in Jean Pauls Roman „Siebenkäs“ findet sich eine der frühesten Erwähnungen des Doppelgängers und hier ist es die mondäne Version. Hauptcharakter Siebenkäs und sein bester Freund Heinrich Leibgeber sind einander so ähnlich, dass sie die Namen getauscht haben. Das wird für Siebenkäs zu einem Problem, wenn es um eine Erbschaft und einen betrügerischen Advokaten geht. Dennoch bekommt der Begriff auch hier etwas Unheimliches, wenn er Leute beschreibt, die „sich selbst sehen“. In E.T.A. Hoffmanns ‚Die Elixiere des Teufels‘ wird der Mönch Medardus mit dem italienischen Grafen Viktorin verwechselt, der durch sein (versehentliches) Zutun in eine einsame Schlucht stürzte. Nach allerlei Verwicklungen trifft Medardus/Viktorin auf seinen Doppelgänger, einen verrückten Mönch. Eben jener Mann, der wahre Viktorin, der in die Schlucht gestürzt ist, nicht gestorben ist, aber nicht mehr bei klarem Verstand. Später rettet ihn der Doppelgänger vor einer Verurteilung zum Tode, er wiederrum den Doppelgänger vor der Hinrichtung. Beide Doppelgänger hassen einander, sind aber derart miteinander verbunden, dass sie voneinander nicht loskommen. Mit düsteren Folgen für sie selbst und vor allem andere. Johann Wolfgang von Goethe hat zwar nicht so sehr über fiktive Doppelgänger geschrieben, allerdings erzählt er in seiner Autobiographie „Dichtung und Wahrheit“, wie er, nachdem er eine Beziehung beendet hatte und aufgewühlt nach Hause ritt, an seinem absoluten Ebenbild in anderen Kleidern vorbeikam.  Jahre später ritt er dieselbe Strecke in anderer Richtung, als ihm auffiel, dass er nun die Kleider aus der damaligen Begegnung trug (ohne dem Herrn Geheimrat zu nahe treten zu wollen, ist hier wohl mehr Teil 1 des Titels seiner Biografie zu vermuten als Teil 2). Auch in der Musik taucht der Doppelgänger auf, wenn Franz Schubert für seinen „Schwanengesang“ ein Gedicht ohne Titel von Heinrich Heine zu eben diesem Thema vertont.

Natürlich findet sich der Doppelgänger in der Literatur des 19ten Jahrhunderts nicht nur in Deutschland. Edgar Allan Poe bearbeitet die Idee des Identitätsverlustes anhand des Doppelgänger-Motivs in „William Williamson“. Auch in Fjodor Dostojewskis „Der Doppelgänger“ geht es um einen solchen (ach was??). Hier wird ein schüchterner Beamter aus seiner Stellung verdrängt von einem Doppelgänger, der exakt die Erfolge einfährt, die er sich immer gewünscht hat. Ein weiteres häufig angeführtes Beispiel für literarische Doppelgänger, aber meiner Meinung ein falsches, ist ‚Der seltsame Fall des Dr. Jekyll und Mr. Hyde‘ von Robert Louis Stevenson. Jekyll und Hyde sind keine Doppelgänger. Erstens sind sie eine Person, zweitens sind sie sich physisch nicht wirklich ähnlich. Wenn Hyde wegen Mordes gesucht wird, kann sich Jekyll immer noch auf der Straße sehen lassen. Das ist so, als würde man sagen, der Hulk sei ein Doppelgänger von Dr. Banner. Vermutlich liegt es daran, dass beide in Filmen stets vom gleichen Darsteller gespielt werden. Siehe etwa die Transformationsszene in meinem Artikel über die Karl Struss-Technik.

So etwas wie die Blaupause für den Doppelgänger im Horrorfilm lieferte wohl Don Siegels ‚Die Dämonischen‘ von 1956. In der Umsetzung des Romans „Die Körperfresser kommen“ von Jack Finney, werden Bewohner einer kalifornischen Kleinstadt nach und nach durch identische aber gefühllose außerirdische Doppelgänger ersetzt. Philipp Kaufman verlegte die Handlung für seine Adaption von 1978 ‚Die Körperfresser kommen‘ nach San Francisco.

Ein weiteres Mal adaptierte Abel Ferrara den Roman 1993 als ‚Body Snatchers- Angriff der Körperfresser‘ und verlegte die Handlung nach Alabama. Und dann gibt es noch eine Version von Oliver Hirschbiegel von 2007, die kaum jemand gesehen zu haben scheint und noch weniger Leute mögen.

Doch nicht nur direkte Adaptionen und Remakes des Stoffes gibt es, auch ein Film wie Robert Rodriguez ‚The Faculty‘ von 1998 bezieht sich ziemlich direkt auf den Stoff, verlegt ihn an eine Highschool, wo der Lehrkörper durch Aliens ersetzt wird und zwinkert heftig in Richtung Zuschauer. John Carpenters Meisterwerk ‚Das Ding aus einer anderen Welt‘ basiert zwar auf einem anderen Roman (dem gleichnamigen Werk von Christian Nyby), doch lässt sich auch hier eine thematische Ähnlichkeit nicht abstreiten. Carpenter gelingt es allerdings, durch die Komprimierung der Handlung auf eine antarktische Forschungsstation, die Paranoia noch ein paar Daumenschrauben-Umdrehungen anzuziehen, ohne dabei den apokalyptischen Ansatz aus den Augen zu verlieren.

Seinen ganz eigenen Ansatz zur Doppelgänger Thematik hat Jordan Peele in ‚Wir‘ gefunden. Er reichert die üblichen Themen um die Angst vor Identitätsverlust und plötzlicher Entfremdung mit einer ordentlichen Prise Klassenpolitik an.

Halten wir fest: Doppelgänger sind einerseits ein ganz bodenständiges Phänomen, das jeder in Form von eineiigen Zwillingen oder in Zeiten von Social Media auch in Form von Zufallsbegegnungen irgendwo auf der Welt, die sofort als Selfie festgehalten werden, beobachten kann. Dennoch ist die Vorstellung eines exakten Doppelgängers, der möglicherweise die exakt gleichen Ideen hat und die gleichen Ziele verfolgt eine äußerst unheimliche. Noch schrecklicher ist die Idee, Personen in seiner Umgebung durch, womöglich malevolente Doppelgänger ersetzt zu sehen. Alle diese Ideen finden sich im Umgang mit der Figur des Doppelgängers und haben ebenso Einzug in die Filme zu diesem Thema gehalten.

Wie üblich in dieser Reihe, muss ich hier anmerken, dass das Ziel dieses Artikels gar nicht sein kann auch nur annähernd umfänglich Filme zum Thema Doppelgänger aufzuzählen. Er soll lediglich einen Überblick über verschiedene Ansätze zu dem Thema bieten. Habe ich Euren Favoriten vergessen? Dann ab in die Kommentare damit!

Weitere Spuktakuläre Filmmonster findet Ihr hier:

Vampire

Geister

Hexen

Zombies

„Bizarres“

Mumien

Slasher

Aliens

 

[1] http://woerterbuchnetz.de/cgi-bin/WBNetz/wbgui_py?sigle=DWB&lemid=GD03269#XGD03269&mode=linking

8 Gedanken zu “Spuktakuläre Filmmonster Kapitel 8: Doppelgänger

    • Den kenne ich gar nicht. Klingt aber mehr Richtung Agentenfilm. Den habe ich bewusst außen vor gelassen und mich auf den Horror konzentriert, sonst wärs zu viel geworden (plus, ich hätte viel zu viel Zeit damit verbracht, mit mir selbst zu diskutieren ob ‚Der unsichtbare Dritte‘ ein Doppelgängerfilm ist…).

      Aber spannend klingt er! Kommt mal direkt auf „die Liste“!

      Gefällt 1 Person

  1. Da gibt es dann noch die Doppelgänger, die dadurch entstehen, dass der Protagonist seinen Schatten oder sein Spiegelbild verkauft. Natürlich an den Teufel oder eine vergleichbare Figur. Urväter dürften Adelbert von Chamissos „Peter Schlemihls wundersame Geschichte“ und E.T.A. Hoffmanns „Die Geschichte vom verlornen Spiegelbilde“ sein. Da gibt es zwar noch keine Doppelgänger, und in Hans Christian Andersens „Der Schatten“ (der ohne Teufel auskommt) wird der ehemalige Schatten zu einer Person, sieht seinem früheren Träger aber noch nicht ähnlich. Aber die beiden tauschen schon mal die Rollen, der ursprüngliche Träger wird zum Schatten seines früheren Schattens, und am Ende wird er von diesem umgebracht. Voll ausgebildet ist das Thema in den drei Versionen von DER STUDENT VON PRAG.

    Gefällt 2 Personen

  2. Pingback: Filmforum Bremen » Das Bloggen der Anderen (07-10-19)

Und was meinst Du? (Durch die Nutzung der Kommentarfunktion erklärst Du Dich mit der Verarbeitung Deiner angegebenen Daten durch Automattic, Inc. sowie den Dienst Gravatar einverstanden.)

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.