Newslichter Ausgabe 61: Marvel, Scorsese und Autoren-Rechte

Willkommen zu Ausgabe 61 des Newslichters. Natürlich reden wir heute über Martin Scorsese. Der hat nämlich was über Marvel gesagt. Und die Filmnews-Welt ist gleichzeitig implodiert und explodiert. Irgendwie wird vieles wohl doch heißer gegessen, als es gekocht wird. Dazu noch ein frisch entdeckter Gesetzeszusatz in den USA, der Autoren mehr Rechte an ihren Werken erlaubt. Und das soll schlecht sein? Legen wir los!

 

Marty vs. Marvel

https://variety.com/2019/film/news/martin-scorsese-marvel-theme-parks-1203360075/

Als ich zum ersten Mal gelesen habe, dass sich Martin Scorsese nicht für das Marvel Cinematic Universe interessiert, war mein erster Gedanke „Natürlich tut er das nicht“. Scorsese ist 76 Jahre alt, Marvel Filme richten sich vornehmlich an Teenager und Früh-Zwanziger. Das soll nicht heißen, dass sie nicht auch von zahlreichen älteren Menschen gemocht werden, aber ich würde nie bei einer 70+ Person davon ausgehen, dass sie das geringste Interesse mitbringt. Insofern schien mir die ganze Aufregung über irgendeine Interviewaussage von ihm mal wieder wahnsinnig übertrieben.  Dann habe ich mir doch einmal genauer angesehen, was er gesagt hat.

Oder sagen wir, ich bin so nahe herangekommen, wie ich konnte. Denn das gesamte Interview mit dem Magazin Empire, in dem die umstrittene Aussage fiel konnte ich nicht finden (wenn einer von Euch mehr Erfolg hat, bitte Link in die Kommentare!). Hier nun meine Übersetzung des Zitats: [Scorsese, angesprochen auf MCU-Filme] „Ich schaue die nicht. Ich hab’s versucht, wissen Sie? Aber das ist kein Kino („not cinema“). Ehrlich gesagt, woran sie mich am ehesten erinnern, so gut sie gemacht sind, mit Schauspielern, die unter den gegeben Umständen ihr Bestes tun, sind Themenparks. Das ist nicht das Kino von Menschen, die anderen Menschen ihre emotionalen, psychologischen Erfahrungen zu vermitteln versuchen.“

„Das ist kein Kino“ ist so eine elitistische Aussage, bei der ich sofort Zahnschmerzen bekomme. Ich denke Herr Scorsese würde zu keinem Moment bestreiten, dass Marvel Filme dem Medium des Films und damit dem Kino zuzurechnen sind. Nein, sein Begriff „Kino“ beschreibt etwas anderes. Er definiert das später ja ein wenig aus. Kino muss emotionale und psychologische Erfahrungen vermitteln. Tut es das nicht, ist es „kein Kino“. Das Problem an dieser Aussage ist: für Millionen von Menschen tun die Marvel Filme genau das. Das mag Herr Scorsese nicht nachvollziehen können, ich kann es selbst auch nicht vollständig, aber das ändert wenig an den Tatsachen. Leute werden doch nicht wütend bis hin zur körperlichen Gewalt über „Spoiler“ für etwas, in dem sie nicht tief emotional involviert sind. Natürlich sind die Marvel Filme „sicher“. Disney* achtet darauf, dass sie niemandem besonders wehtun, keinen Status Quo herausfordern, sondern genau das liefern, was man von einem Superheldenfilm erwartet. Ein bisschen Soap Opera und CGI Gekloppe, wenn man es mal ganz grob runterbrechen will. Sobald der erste Marvel Film einmal richtig floppt, kann es gut sein, dass, nicht zuletzt aufgrund zahlloser „Ist Marvel am Ende?“-Artikel, das ganze Universum endet. Und kein Regisseur möchte dafür verantwortlich sein, diese Cash Cow zu schlachten. Und so bedienen ‚Spider-Man: Homecoming‘ und ‚Die Letzte Versuchung Christi‘ natürlich gänzlich andere filmische Bedürfnisse. Ändert aber mal gar nix dran, dass beide Kino (und auch „Kino“) sind. Alle Kunst ist Kunst, was nicht bedeutet, dass alle Kunst gleich gut ist. Und schon gar nicht, dass Martin Scorcese oder sonst jemand sie mögen muss. Sich von Jahre- bis Jahrzehntelangen Veröffentlichungsplänen abgestoßen zu fühlen ist völlig in Ordnung.

Aber letztlich entwertet Scorsese seine Kritik doch direkt selbst mit dem ersten Satz „Ich schaue die nicht“. Damit ist es doch ganz egal, ob hier der Mann spricht, der ‚Raging Bull‘ gedreht hat, oder irgendein Filmblogger. Niemand kann mit irgendeiner Autorität über Filme sprechen, die man nicht schaut. Die Angriffe auf Scorsese sind dennoch albern. Der hat mehr für den Film getan als die meisten anderen, nicht nur großartige Filme gedreht, sondern auch Großes im Bereich der Erhaltung alter Filme geleistet. Und die Darstellung, hier sei nun der große Filmmann Scorsese, der die kleinen, wehrlosen Marvel Filme angreift, ist schon lächerlich. Möglicherweise schwang in seiner Aussage gerechtfertigte Sorge aufgrund der Monokultur im Blockbusterbereich mit**. Möglicherweise auch ein gewisser Groll, weil keines der klassischen Filmstudios bereit war seinen ‚The Irishman‘ zu finanzieren und er dafür zu Netflix musste. Denn das ist die Situation. Drehst Du keinen Crash Boom Bang!- Blockbuster, musst Du in Hollywood mit dem Hut in der Hand um Finanzierung betteln, auch wenn Dein Name Scorsese ist. Vielleicht würde auch das ganze Interview noch mehr Kontext liefern. Vermutlich hätte er wohl lieber über irgendwas anderes als Marvel Filme gesprochen…

 

*Dass ich hier Disney „verteidigen“ muss, nehme ich Scorsese übrigens persönlich übel!!!

** Ha, Seitenhieb im letzten Absatz! Damit haste nicht gerechnet, wa Micky?!

 

Möglicherweise ein Ende für ‚Terminator‘ und ‚Stirb Langsam‘ in Sicht?

https://www.hollywoodreporter.com/thr-esq/real-life-terminator-major-studios-face-sweeping-loss-iconic-80s-film-franchise-rights-1244737?utm_source=Sailthru&utm_medium=email&utm_campaign=THR%20Breaking%20News_now_2019-10-02%2011:40:30_ehayden&utm_term=hollywoodreporter_breakingnews

In den 1970er Jahren veröffentlichte der US-Kongress einen Gesetzeszusatz, der Autoren erlaubt die Rechte an ihren Werken nach mehreren Jahrzehnten vom jeweiligen Rechteinhaber zurückzufordern. Dies geschah bislang vor allem im Musikbereich. Doch nachdem Victor Miller, der Autor von ‚Freitag der 13te‘ im letzten Jahr davon Gebrauch gemacht hat, ist eine kleine Welle im Filmbereich ins Laufen gekommen. Unter anderen fordert ‚Terminator‘ Koautorin Gale Ann Hurd ihre Rechte ein. Ebenso die Nachfahren vom Autoren der ‚Stirb Langsam‘ Vorlage Roderick Thorp. Ernsthaft merkwürdig finde ich allerdings, dass ein Großteil der Berichterstattung über diese Tatsachen negativ ist. Es ist viel eher erfreulich, dass es wenigstens noch einen kleinen Bereich des „Copyright“ Rechts gibt, der sich nicht vollständig den großen Konzernen ergeben hat (schaut Euch mal an, warum Disney immer noch die Rechte an Micky Maus hält…). Es ist gut und richtig, dass Autoren das Recht haben, über ihre Geschichten bestimmen zu können. Und wie viele Leute wären wirklich traurig wenn „Kultserien“ wie ‚Terminator‘ oder ‚Stirb Langsam‘ enden? Begeistern die Abenteuer eines gelangweilten, geriatrischen Glatzkopfs wirklich noch so viele Leute? Bin ich der Einzige, der sich wünscht, ein Blechmann aus der Zukunft würde den unendlichen Kreislauf an Terminatoren beenden? Davon abgesehen wird das eh nicht passieren. Seien wir ehrlich: für die meisten, die ihre Rechte hier einfordern, ist das vor allem ein Weg noch einmal (und vielleicht zum ersten Mal fair) für ihre Arbeit bezahlt zu werden. Aber trotzdem, Hollywood: lasst Dinge enden! Manchmal ist das besser! Das wusste schon der alte Kerl in ‚Friedhof der Kuscheltiere‘ (von dem ein Remake gedreht wurde, 5 Minuten bevor die Rechte zurück an Stephen King fielen).

 

Das war es für diese Woche. Zu monothematisch? Nächste Woche gibt’s bestimmt wieder mehr Abwechslung!

6 Gedanken zu “Newslichter Ausgabe 61: Marvel, Scorsese und Autoren-Rechte

  1. Sehr schöne Argumentation zum Scorsese-Zitat. Eigentlich habe ich dem nichts weiter hinzuzufügen – die Leute sollten wirklich runterkommen. Ist sein gutes Recht, so etwas zu sagen. Gleichzeitig ist aber auch natürlich Widerspruch gerechtfertigt. Wolle man böse sein, könnte man ja auch dem Großmeister unterstellen, er habe sich in einem Genre und einer Formel festgefahren…Aber ich bin ohnehin kein Freund von Autoritätsargumenten.

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    • Ja, ich kann seine Frustration ja nachvollziehen. Bei der ganzen Presse, die ‚Joker‘ in den letzten Wochen bekommen hat, frage ich mich, wie sehr Lynne Ramsay sich ärgert, dass sie Joaquin Phoenix in ihrem großartigen ‚A Beautiful Day‘ kein Totenkopf-Shirt anziehen und ihn „Punisher“ nennen konnte. Da hätte der vermutlich direkt 200 Millionen mehr eingespielt und wäre bei Preisverleihungen nicht übergangen worden…

      Nur lässt „das ist kein Kino“ halt direkt meinen Eliten-Alarm bimmeln. 😉

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      • Geht mir ganz genau so, das mit dem Alarm. Wirkt immer sehr überheblich, wenn jemand festschreiben will, was nun Kunst ist bzw. zu einer Kunstform gehört und was nicht. Klar, ist eine Meinung, die man äußern darf. Aber dieser absolutistische Anstrich hinterlässt schon einen ekligen Beigeschmack…

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        • Exakt. Andererseits fühlt es sich natürlich auch wieder merkwürdig an, die gigantischen Geldruckmaschinen von Disney gegen den Mann zu verteidigen, der entschieden dazu beigetragen hat, dass Filme wie Augen der Angst/Peeping Tom eben nicht mehr als reiner „Schund“ beurteilt werden…

          Also er ist ein Elistist, aber nicht in die ganz falsche Richtung… oder so. 😉

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