„Ein spezialgelagerter Sonderfall“: Skeptizismus im Horrorfilm

Der Skeptiker, der Zweifler hat im Horrorfilm keinen guten Stand. Haben die Protagonisten den jeweiligen Schrecken entdeckt (oder er sie), laufen sie bei ihm regelmäßig vor eine Betonwand des Unglaubens. Ist der „Horror“ des jeweiligen Films immerhin noch ein „reales“ Monster, ein Hai, Riesenspinnen, oder Godzilla lässt er sich vielleicht noch von seinen eigenen Augen überzeugen, bevor die übergroßen Arachniden ihm das Hirn zu den Nasenlöchern rauspopeln. Vielleicht. Doch geht es um Übersinnliches, um Geister und Dämonen, dann steht der Skeptiker auf gänzlich verlorenem Posten. Denn glaubt er dran, ist er ja kein Skeptiker mehr, glaubt er nicht dran, geht er vermutlich drauf.

Dabei war das nicht immer so. Es gibt eine Erzähltradition, auch im Film, in der die Spukerscheinungen falsch sind und nur der Skeptiker durchschaut es. Er überführt die Betrüger und steht am Ende als Held da. Entstanden vermutlich aus den zahllosen selbsternannten „Medien“ im „Okkultismus-Boom“ des frühen 20ten Jahrhunderts und der Tatsache, dass sich Berühmtheiten wie Bühnenmagier und Entfesselungskünstler Harry Houdini auf die Fahnen geschrieben hatten, solche Scharlatanerie zu überführen. So finden sich in der Frühzeit des Films zahlreiche Beispiele, wo angebliche Geister, von mehr oder weniger skeptischen Ermittlern als falsch überführt wurden. ‚Spuk im Schloß‘ von 1927 etwa. Oder der mit Gruselelementen gespickte John Wayne Frühwestern ‚Haunted Gold‘ von 1931. Oder der bereits im Titel recht explizite ‚Religious Racketeers‘ (etwa „Religiöse Geschäftemacher/Gauner“) von 1938. Sogar Laurel & Hardy bekamen es mit falschem Spuk zu tun, in ‚Spuk um Mitternacht‘ (bzw. ‚Ohne Furcht und Tadel‘) von 1930. Nur war hier sogar der falsche Spuk geträumt. Aber auch deutlich später fand sich die Idee des falschen Spuks noch in ‚The House on Haunted Hill‘ von 1959. Zwar taucht nicht in jedem der genannten Filme die Figur eines expliziten Skeptikers auf, gemein ist ihnen aber, dass der Glaube ans Übernatürliche schädlich und oft genug albern ist.

Diese Art der Erzählung gibt es immer noch und sie ist immer noch erfolgreich, nur findet sie sich eher abseits vom Film. Seit 1969 ermitteln die vier Detektive rund um die Zeichentrick-Dogge ‚Scooby-Doo‘ in zahllosen Folgen, in denen sich ein vorgeblicher Spuk eigentlich immer als übermotivierter Kapitalist mit Maske entpuppt, der den Vergnügungspark, den Leuchtturm, oder was auch immer Ziel des angeblichen Spuks ist, möglichst billig kaufen will. Und ja, Anfang der 2000er gab es auch zwei Kinofilme, aber die haben wir alle erfolgreich vergessen, oder? Sogar noch ein Jahr vor der Scooby-Gang starteten die „Drei Fragezeichen“ ihre Detektivkarriere. Diese findet seit Ende der 80er zwar nur noch im deutschsprachigen Raum in Büchern und Hörspielen statt, kann sich aber dennoch sehen lassen. Längst nicht jeder Fall ist ein falscher Spuk, doch haben sie nicht nur ein Geisterschloss (und eine solche Insel) als falsch überführt, auch wandelnde Vogelscheuchen, tanzende Teufel, unheimliche Drachen, flüsternde Mumien und aberdutzende weitere. Zentral ist hier stets der Skeptizismus des ersten Detektivs Justus Jonas, der jeden Glauben an das Übernatürliche ablehnt. Und ja, auch hier gab es zwei Filme in den 2000ern, aber die haben die meisten von uns vermutlich nicht einmal bemerkt.

Sowohl Scooby-Doo als auch die Drei Fragezeichen richten sich vornehmlich an Kinder. Und vielleicht haben wir hier einen ersten Hinweis, warum die Idee des falschen Spuks im „ernsthaften“ Horror kaum noch vorkommt: wir fühlen uns heute so aufgeklärt, dass wir wissen, dass der Glaube an Gespenster kindisch ist und müssen ihn als Erwachsene nicht mehr überführt sehen, sondern betrachten ihn von vornherein als reine Unterhaltung.

Aber kann das der einzige Grund sein? Ich habe bei der Recherche Artikel gesehen, die beinahe so etwas wie eine Verschwörung annehmen, Hollywood wolle uns mittels Horrorfilm zu mehr Religiosität erziehen. Ich weiß nicht recht, ob ich das glauben mag (man könnte sagen, ich bin skeptisch). Gelegentlich ist es aber kaum von der Hand zu weisen. Etwa in der ‚Conjuring‘ Reihe, die mit dem Ehepaar Warren zwei realweltliche, erzchristliche Hochstapler zu ihren Helden (v)erklärt hat. Da sagt die Filmversion von Ed Warren im ersten Film, eigentlich zu einem anderen Charakter, letztlich aber mit direktem Blick in die Kamera, vielleicht solle man seine Kinder taufen lassen, wenn man sie vor dämonischem Einfluss schützen wolle. Zufall? Nicht wenn wir Chad Hills dem Ko-Autoren von ‚Conjuring 2‘ glauben wollen. Der sagte im Interview zum Magazin Christian Post[1]: „‘Conjuring2‘ ist eine Geschichte aus der Sicht von Gläubigen, deren stärkste Waffe ihr Glaube an Gott ist. Unser Film erlaubt es Gläubigen und Nichtgläubigen ihre Reise mit ihnen zu erleben und möglicherweise Menschen am Rande des Glaubens zu berühren und ihnen die Stärke zu geben, die sie benötigen.“ Hier müssen wir wohl akzeptieren, dass ein echter Missionierungswille, zumindest bei Teilen der Macher, vorhanden ist. Verallgemeinern kann man dies aber, zumindest meiner Meinung nach, keineswegs. Etwa bei Stephen King und somit in vielen Adaptionen seiner Werke, finden wir eine ganz erhebliche Ablehnung von zumindest fundamentaler Religiosität. So zum Beispiel in ‚Carrie‘ oder ‚The Mist‘. Eine allgemeine Ableitung wie „Hollywood“ oder gar Film an sich mit dem Christentum oder Religion an sich umgehen ist und bleibt schwierig, oder eher unmöglich zu ziehen. Dafür ist das Medium zum Glück nicht monolithisch genug.

Oftmals ist der Priester, der den Dämon/Geist besiegt einfach der gesellschaftlichen Tradition entwachsen. Die westliche Welt ist christlich geprägt, der Priester ist also die logische Figur um ein übernatürliches Böses zu bekämpfen. Und wenn man schon das Böse bekämpft, dann will man natürlich einen Vertreter derjenigen Organisation, die das seit tausenden von Jahren von sich behauptet, sprich, einen katholischen Priester. Da fließt sicher kein Geld vom Papst, da steckt nicht mal unbedingt Glaube dahinter, das sind einfach kulturell verständliche Symbole. Der Vampir fürchtet das Kreuz, der Dämon das Weihwasser. Und ich glaube nun haben wir uns unauffällig genug der Stunde null für das Ende des Erfolgs des Skeptikers im Film angenähert: dem gigantischen Erfolg von ‚Der Exorzist‘.

Jesuitenpater Karras wird dort von Schuldgefühlen über den Tod seiner greisen Mutter in eine Glaubenskrise getrieben. Er zweifelt an seinen religiösen Überzeugungen. Als ihn die Mutter der anscheinend dämonisch besessenen Regan um Hilfe und einen möglichen Exorzismus erbittet ist er zunächst ablehnend. Doch findet er in der Zusammenarbeit mit Pater Merrin und der Auseinandersetzung mit dem Dämon zu seinem Glauben zurück, der ihm letztlich einen selbstaufopfernden Sieg über den Teufel ermöglicht. Sein Skeptizismus, sein Zweifel ist ein entscheidendes Hindernis, das es bei der Bekämpfung des Dämons zu überkommen gilt. Während der Autor der Buchvorlage William Peter Blatty ein gläubiger Katholik war, bezeichnet sich Regisseur William Friedkin als Agnostiker jüdischer Herkunft. Nichts in seiner Filmografie weist auf besonderes katholisches Sendungsbedürfnis hin. Er nutzte einfach die oben erwähnten kulturellen Abkürzungen, die wir alle, ob nun religiös oder nicht, verstehen. Und so taten es zahllose Filmemacher nach ihm, nicht zuletzt in der Hoffnung, seinen Erfolg zu wiederholen. Schaffen sie auf diese Weise „zufällige Propaganda“ für den katholischen Glauben? Darüber kann man sicher trefflich streiten. Sicher ist, dass die guten Zeiten für den Skeptiker im Horrorfilm spätestens hier ihr Ende gefunden hatten.

Den Hauptgrund für das Ende des „falschen Spuks“ im Film mache ich aber an ganz anderer Stelle aus. Unser Verhältnis zum Film hat sich in den gut 100 Jahren des Mediums grundlegend geändert. Wurden Filme früher noch ausschließlich im Kino gesehen, wo die überlebensgroßen Bilder mit Sicherheit für Eindruck sorgten, haben wir heute, dank Streaming, einen Großteil der Filmgeschichte auf Knopfdruck verfügbar im Wohnzimmer. Filme sind heute nichts wirklich Besonderes mehr. Daher sind sie mehr denn je zuvor bemüht ihre eigene Artifizialität herunterzuspielen. Alles soll möglichst umfänglich erklärt werden, um bloß die im Internet vieldiskutierten „Plotholes“ zu umgehen. Alles muss aus einem Guss wirken, „echt“ sein! Am Ende eines Films heute zu sagen, dass alles bisher Gesehene falsch war, ein billiger Trick und nicht nur die Charaktere, auch Du, lieber Zuschauer bist drauf reingefallen, ist das genaue Gegenteil. Es weist direkt auf das Künstliche des Films hin. Es könnte möglicherweise fast beleidigend aufgefasst werden. Man opfert 2 Stunden seiner kostbaren freien Zeit, um sich Lügen auftischen zu lassen? Sicher, das tut letztlich jeder Film, aber die meisten sind immerhin so höflich, es einem nicht direkt aufs Brot zu schmieren.

Aber das ist nur meine persönliche Einschätzung. Und vielleicht irre ich mich sogar vollständig und werde in den Kommentaren nun mit modernen Filmen bombardiert, in denen sich ein Spuk als falsch, oder ein Skeptiker als Held erweist. Ich wäre überrascht, aber das wäre kaum das erste Mal.

[1] https://www.christianpost.com/news/conjuring-2-christian-good-conquers-evil-interview-exclusive-clip-164931/

3 Gedanken zu “„Ein spezialgelagerter Sonderfall“: Skeptizismus im Horrorfilm

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