Einige filmische Gedanken zum Th… JUMPSCARE!!!!

Nein, einen guten Ruf hat es nicht, das filmische Mittel des Jumpscares. Der Moment, meist eingeleitet durch eine längere Zeit der Stille, ist geprägt durch einen plötzlichen Musik-Sting, oder ein sonstiges lautes Geräusch, während irgendetwas mehr oder weniger furchteinflößendes im Bild auftaucht. Ist das plötzliche Geräusch laut genug, funktioniert der Schreckeffekt auch mit einem Bild des Krümelmonsters, vor dem man, wenn man nicht gerade eine süßliche Dauerbackware ist, eigentlich keine Angst haben müsste. Kurz, der Jumpscare ist das filmische Äquivalent zu einem Kistenteufel.

Doch, würde ich argumentieren, kommt es wie bei einem Kistenteufel vor allem darauf an, wie man ihn verwendet. Stellt Euch vor ihr schenkt Eurem dreijährigen Neffen einen solchen Kastenteufel. Kurbelt er ihn das erste Mal auf, erschreckt, lacht und freut Ihr Euch vermutlich mit ihm. Betätigt er die Kurbel dann in den nächsten 20 Minuten weitere 78-mal, hinterfragt Ihr vermutlich alle Lebensentscheidungen, die Euch an diesen Punkt geführt haben. Insbesondere die, den Schachtelteufel zu kaufen. Und so ist es auch mit dem Jumpscare. Wendet man ihn mit der unbeherrschten Begeisterung eines Dreijährigen an und hat der umliegende Film nicht viel mehr zu bieten, dann hat sich das Publikum sehr schnell an den leise-leise-leise-BUUUH Geisterbahn-Rhythmus gewöhnt und der Jumpscare ist jeder Kraft beraubt. Aber natürlich gibt es Filme, die ihn deutlich besser verwenden. Klischees sind ja immer auch aus einem Grund Klischees. Schauen wir also auf ein paar gute Anwendungen des Jumpscares. Dabei sollte angemerkt werden, dass die Darreichungsform in diesem Artikel, als kurze Clips, die Jumpscares bereits eines guten Teils ihrer Wirkung beraubt, der sich aus der Atmosphäre des umliegenden Films ergibt.

Beginnen wir doch gleich mit einer Szene, die man zu Recht als ikonisch betrachten kann. Roy Scheiders Brody sieht zum ersten Mal den Hai in ‚Der Weiße Hai‘ (1975). Regisseur Steven Spielberg verzichtet dabei auf das bereits etablierte, musikalische Hai-Thema, das normalerweise sein Auftauchen begleitet, um den Schockeffekt zu ermöglichen. Auffällig auch, dass Spielberg uns als Zuschauer den Hai einen Sekundenbruchteil vor Brody sehen lässt. Dadurch haben wir zwei Momente, auf die wir reagieren können. Das plötzliche Auftauchen und Scheiders Reaktion darauf. Nichts an der Szene wirkt unnatürlich oder aufgesetzt, genau so könnte man wohl einem Hai auf dem Meer begegnen. Und wenn es dann ein solches 8 Meter-Monster ist, dann braucht man nicht einmal einen lauten Musik-Sting.

Aber gehen wir noch einmal mehr als 30 Jahre zurück ins Jahr 1942. Hier wähnt sich Jane Randolphs Alice in Jaques Tourneurs ‚Katzenmenschen‘ des Nachts verfolgt. Womöglich von der Frau ihres Chefs, die sich (vielleicht, vielleicht auch nicht) in eine riesige Katze verwandelt. Alice durchquert einen Tunnel und zunächst sehen wir eine andere Frau, die ihr folgt und hören ihre Schritte. Dann ist da plötzlich nichts mehr und mit einem gewaltigen Brüllen taucht ein… Bus auf. Der falsche Jumpscare ist mindestens ein so wichtiges Stilmittel wie der echte. Würde man alle Katzen, die sich an Mülltonnen in finsteren Gassen zu schaffen machen, um dann mit plötzlichem, lautem Miauen zu verschwinden zusammennehmen, hätte man… viel zu viele Katzen. Doch Tourneur nutzt seinen brüllenden Bus hier durchaus effektiv, ist doch die große Frage des Films, ob der Katzenfluch eine reine Einbildung oder übernatürliche Realität ist.

Einer meiner persönlichen Jumpscare Favoriten stammt aus ‚Der Exorzist III‘ (1990). Einem Film, den kaum jemand gesehen hat, denn nach ‚Exorzist II – Der Ketzer‘ hat vermutlich so ziemlich jeder, völlig nachvollziehbar, das Weihwasser ins Korn geworfen. William Peter Blatty, Schöpfer der Romanvorlage des ersten Films und auch für diesen dritten (mit Nummer 2 hat er nix zu tun), übernimmt hier auch die Regie. Der totgeglaubte Pater Karras wird von der Seele eines Serienmörders besessen. George C. Scott als Lt. Kinderman versucht eine Mordserie, deren Opfer mittels einer großen Gartenschere enthauptet werden, aufzuklären. Blatty inszeniert seinen Film recht kalt, klinisch-distanziert beobachtend. So werden wir nicht allzu misstrauisch, wenn er längere Zeit einen Krankenhausflur filmt. Tatsächlich ist diese Aufnahme weit länger als in diesem Clip. Zwischendurch wird sie immer wieder unterbrochen, wenn wir etwa der Krankenschwester in ein Zimmer folgen. Hier inszeniert Blatty auch einen falschen Jumpscare, bevor der Film zu dieser Aufnahme zurückkehrt und das Folgende passiert:

Der einzige Jumpscare des Films und gerade deshalb absolut wirkungsvoll.

In ‚Mulholland Drive‘ (2001) bricht David Lynch alle Regeln des Jumpscares. Eigentlich lebt der davon völlig überraschend zu kommen, doch lässt Lynch einen seiner Charaktere einen Alptraum schildern, in dem er das Gesicht eines furchtbaren Mannes hinter dem „Winkies“ Diner gesehen hat. Plötzlich scheint sich der Traum in der Realität zu manifestieren und wir sind gefasst darauf, ein Gesicht zu sehen, dass der Erzähler „nie außerhalb eines Traumes“ sehen wollte. Es ist gerade diese unangenehme Erwartungshaltung, zusammen mit Lynchs Inszenierung, seiner dröhnenden Hintergrund-Soundkulisse bei Herunterfahren der Dialoglautstärke, die den eigentlichen Jumpscare Moment zu einem der für mich, wirkungsvollsten überhaupt macht. Der Erzähler in der Szene beschreibt den Mann hinter Winkies als denjenigen, der „alles kontrolliert“. Im Falle eines Films also den Regisseur. Inszeniert Lynch sich hier selbst als Monster? Übrigens wurde der „Mann“ hinter Winkies von Darstellerin Bonnie Aarons verkörpert.

Hier ist ein Jumpscare Setup, das Ihr alle kennt: ein Charakter steht am Waschbecken eines Badezimmers, öffnet das Medizinschränkchen mit der Spiegeltür, holt etwas heraus, klappt es wieder zu BUUUUAAAH steht irgendetwas Schreckliches hinter ihm. Er wirbelt herum und da ist nichts. Das ist ein solches Klischee, dass es offensichtlich auch Virginia Madsens Helen aus ‚Candyman‘ (1992) bekannt ist. Vor allem weil man davon ausgehen kann, dass ein Monster, das beschworen wird, indem man seinen Namen 5-mal vor einem Spiegel sagt, geradezu prädestiniert für einen solchen Moment wäre. Und so dreht sie sich um, bevor sie das Medizinschränkchen wieder schließt. Das gefällt dem Bienenmann mit Hakenhand, der sich offensichtlich schon auf seinen Auftritt gefreut hat mal so gar nicht und es folgt ein Jumpscare aus unerwarteter Richtung:

Einige werden jetzt sagen „Okay alter Mann, der jüngste Film, den Du nennst ist 18 Jahre alt, also sind wohl Deiner Meinung nach alle modernen Filme Mist, was Jumpscares angeht, huh?“ Nö, nicht wirklich. Ein gutes moderneres Beispiel wäre für mich ‚Drag Me To Hell‘ (2009). Hier hat Alison Lohmans Bankangestellte Christine in der Hoffnung auf eine Beförderung die Hypothekenverlängerung der alten Mrs. Ganush abgelehnt und so dafür gesorgt, dass die ihr Haus verlieren wird. Es folgt diese Szene in der Tiefgarage:

Regisseur Sam Raimi beginnt die Szene mit einem falschen Jumpscare, wenn ein Spitzentaschentuch mit lautem Getöse gegen die Windschutzscheibe von Christines Auto weht. Daraufhin ist sie so auf das Taschentuch fixiert, dass wir als Zuschauer, die (ohne jeglichen Sound eingeführte) wirkliche Gefahr wie beim weissen Hai einen Moment früher bemerken als sie. Gerade genug Zeit, um „oh Mist“ zu denken.

Okay, „modernes Beispiel“. ‚Drag Me To Hell‘ ist auch schon wieder 10 Jahre alt. Fein, nehmen wir ‚It Follows‘ von 2014. Maika Monroes Jay wird hier mit einem sexuell übertragbaren Dämon infiziert, der sie in jeder möglichen Gestalt verfolgen kann, für alle anderen aber unsichtbar ist. Regisseur David Robert Mitchell spielt in dieser Szene mit Jays Panik und dem Unverständnis ihrer Freunde, die den Eindringling nicht sehen können. Tatsächlich sehen wir als Zuschauer ihn zunächst auch nicht und wenn er sich als etwas größer als erwartet entpuppt, dann kann das durchaus als Jumpscare durchgehen. Der wird hier aber im Zusammenhang mit so vielen anderen spannungsfördernden Tricks benutzt, dass er kaum noch als solcher auffällt.

 

Und das soll sie gewesen sein, meine kleine Verteidigungsschrift für das Stilmittel des Jumpscares. Nein, wenn er zu viel benutzt wird mag ich ihn auch nicht, doch richtig eingesetzt funktioniert er wunderbar zum Spannungsaufbau oder deren Auflösung.

Was sind Eure liebsten Jumpscares. Und welche Filme haben Euch besonders billige Jumpscares schon kaputt gemacht? Das müssen nicht mal unbedingt Horrorfilme sein. Zum Beispiel zu Bilbos kurzem „Moment“ beim erneuten Anblick des Ringes in ‚Der Herr der Ringe: Die Gefährten‘ habe ich schon absolut gegenteilige Meinungen gelesen.

8 Gedanken zu “Einige filmische Gedanken zum Th… JUMPSCARE!!!!

  1. Eine spannende Betrachtung, gerade das „Jaws“-Beispiel ist mir bei der letzten Sichtung auch wieder präsent geworden. Aber das schreibe ich ja auch als jemand, der extrem anfällig für Jump-Scares ist… 😉

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    • Hab gerade in den letzten Tagen gemerkt, dass auch John Carpenter jede Menge Jumpscares benuttzt. Aber eingebettet in so viele andere Stilmittel und vor allem Atmosphäre, dass sie kaum auffallen.

      Inzwischen reagiere ich kaum noch drauf, aber früher war ich total anfällig. Habe einmal eine ganze Reihe im Kino zum lachen gebracht, weil ich derart gezuckt habe, dass es jeder merkte, weil es sich durch alle Sessel fortsetzte. Gratis 4D Kino… 😉

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  2. Pingback: Die 5 Besten am Donnerstag: die 5 schaurigsten Momente in Horrorfilmen | filmlichtung

  3. Wenn sie inflationär eingesetzt werden, ist das natürlich nix, aber wenn ich dann mal einen Tierhorrorfilm wie zuletzt „Black Water“ sehe, in dem der wahre Horror dann auftritt, wenn man das lauernde Krokodil nur hören, aber nicht sehen kann, dann ist so ein Jumpscare mit dem aus dem Wasser springenden Viech so richtig wirkungsvoll.

    Erschreckt habe ich mich übrigens auch ganz ordentlich in Jurassic Park, als ein Darsteller auf dem Dixi-Klo hockt und plötzlich der Dino mit Brachialgewalt die Szene betritt.

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    • Ich hab in den letzten Tagen auch ein paar alte john Carpenters geschaut. Da isnd mehr Jumpscares drin als man glauben sollt, aber weil sie so logisch aus der Atmosphäre entstehen, fallen sie kaum als solche auf.

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  4. Ich schließe mich meinen Vorredner/innen an. Der Jump Scare gehört zum Horrorfilm einfach dazu. Solange man ihn sinnvoll und wohl dosiert einsetzt.
    Selbst Filme wie Halloween oder It Follows, die eigentlich Paradebeispiele dafür sind wie es auch ohne geht, greifen an wohl überlegten Stellen auf Jump Scares zurück.

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    • Ja, ich habe im Oktober ein paar Carpenters gesehen und war überrascht, wie häufig er Jumpscares nutzt, die aber kaum auffallen, weil sie sich direkt aus der Atmosphäre ergeben und den Film nicht aufhalten.

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