Newslichter Ausgabe 63: Coppola verabscheut Marvel, Tarantino zensiert nicht für China

Willkommen zum 63sten Newslichter. Na, habt Ihr geglaubt der DISKURS über den cinematischen Wert bzw. Unwert von Marvelfilmen wäre vorüber? Ich gebe zu, ich war so naiv, doch nun mischt sich Francis Ford Coppola in den DISKURS ein. Und so geht der DISKURS von neuem los und da wollen wir natürlich nicht zurückstehen, oder? Oder? Auch sonst bleibt es diese Woche recht politisch mit einem Blick auf den inzwischen nicht mehr wegzudiskutierenden Einfluss Chinas Staatsapparats auf die Unterhaltungsindustrien. Falls das jemandem zu politisch ist, kann ich nur sagen, nächste Woche gibt’s wieder doofe Wortspiele, versprochen! Für alle anderen heißt es, legen wir los.

 

Francis Ford Coppola vs. Marvel

https://news.yahoo.com/coppola-backs-scorsese-row-over-marvel-films-173112180.html

Ich gehe im Folgenden davon aus, dass meine Meinung zu den Scorsese Zitaten bekannt ist und werde mich bemühen nicht allzu viel davon zu wiederholen. Schauen wir zunächst mal, was der 80jährige Herr Coppola im Interview zu Yahoo gesagt hat (meine Übersetzung):

„Wenn Martin Scorsese sagt die Marvel Filme seien kein Kino, dann hat er Recht, denn wir erwarten etwas von Kino zu lernen, etwas herauszuholen, etwas Erleuchtung, etwas Wissen, etwas Inspiration. Ich verstehe nicht, wie jemand etwas daraus herausholt, den exakt gleichen Film wieder und wieder zu sehen. Martin war großzügig als er sagte sie seien kein Kino. Er sagte nicht sie seien verabscheuungswürdig, was ich nun sage, dass sie sind.“

Im Wesentlichen wiederholt Coppola also die Kritik Scorseses. Allerdings formuliert er ein Problem mit den Marvel Filmen aus, dass tatsächlich schwer von der Hand zu weisen ist: die Formelhaftigkeit der Handlung. Die frühen Marvelfilme folgten in der Tat einem exakten Schema. „Held erhält Fähigkeiten, Bösewicht will MacGuffin, Held rettet MacGuffin, Bösewicht erhält dennoch MacGuffin, 30 Minuten CGI-Endkloppe. Völlig zu Recht wurden die Filme zum perfekten Beispiel für die Rückkehr der Studiokontrolle. Sie waren allesamt Kevin Feige Filme, also Produzentenfilme und weniger der kreative Ausdruck ihrer jeweiligen Macher. Als Edgar Wright von ‚Ant-Man‘ „gegangen wurde“ schien es eindeutig, dass Regisseure vor allem da waren, um bestehende Ideen auszuführen und keine Wellen zu schlagen.

Doch würde ich argumentieren wollen, dass sich genau das in den letzten jähren deutlich verändert hat. ‚Guardians oft he Galaxy‘ ist erkennbar ein Gunn Film. ‚Black Panther‘ ein Ryan Coogler. ‚Tag der Entscheidung‘ ein Waititi und so weiter. Selbst ein Film wie ‚Doctor Strange‘ der noch weitgehend der Formel folgt, lässt dem Regisseur große formalistische, gestalterische Freiheit, dass er sich nicht wie vom Fließband anfühlt. Was aber natürlich bleibt sind die Genre Konventionen des Superheldenfilms. Und Konventionen hat nun einmal jedes Genre. Auch etwa der Gangsterfilm sage ich mal, in Hinblick darauf, wo die Kritik herkommt.

Bleibt die Bezeichnung „verabscheuungswürdig“. Das mag seltsam anmuten, aber damit komme ich weit besser klar als mit „kein Kino“. Denn es fehlt die elitäre Note, das sei ja gar keine „richtige“ Kunst. Natürlich kann Herr Coppola die Filme verabscheuungswürdig finden. Natürlich kann man finden, dass das 3 Stunden lange Spielzeugwerbespots sind, für die man auch noch bezahlt. Denn, seien wir ehrlich, die Filme kommen mit Disney von einer Firma die verabscheuungswürdig ist und auch immer war (hier ist ein Artikel, wie Walt seine Animatoren in den 40ern beim FBI als „kommunistische Infiltratoren“ anschwärzte, weil sie es gewagt hatten eine Gewerkschaft zu bilden). Ich habe an anderer Stelle bereits dargelegt, warum ich meine, damit werde nicht automatisch jedes Produkt dieser Firma „verabscheuungswürdig“, aber das kann man auch durchaus anders sehen. Übrigens bin ich keinesfalls so naiv zu glauben, wäre irgendein anderes Studio in der Position von Disney heute, würden sie sich irgendwie anders benehmen. Manche wären wohl noch weit schlechter darin ihre Gier zu verbergen.

Kurz gesagt, die milliardenschwere Marvel Industrie wird sicher nicht an einer Handvoll Kritiker aus der alten Garde der Filmemacher zu Grunde gehen. Waldorf und Statler schaden den Muppets (Disney Property!) nicht und Kritiker sind grundsätzlich nichts Schlechtes. Ich hoffe nur, Entertainment-Reporter machen jetzt keinen Sport daraus, Filmschaffende jenseits der 70 nach Marvel zu fragen, um ein paar tausend Wutklicks für ihren Artikel zu bekommen. Die Monokultur im Blockbusterbereich des Films, gepaart mit dem zunehmendem Desinteresse der großen Studios an allem, was kein Blockbuster ist, sollten (oder müssen) eigentlich eine Kritik hervorrufen, gänzlich unabhängig von der Qualität der jeweiligen Filme, die diese Monokultur hervorbringt. Was mich halbwegs elegant zum nächsten Thema bringt.

 

Tarantino vs. China

https://deadline.com/2019/10/quentin-tarantino-once-upon-a-time-in-hollywood-china-bruce-lee-1202763707/

China ist zu einem wesentlichen Absatzmarkt nicht nur für Hollywood, sondern für zahlreiche Unterhaltungsindustrien geworden. Dies hat diese wiederrum interessant für chinesische Investoren gemacht, was dafür gesorgt hat, dass in Blockbustern nun öfter chinesische Charaktere oder Szenen in China zu sehen sind. Oder das ein Film, wie das ‚Ghostbusters‘ Remake, der nicht in die chinesische, kulturelle Vorstellung der Geisterwelt passt und dort nicht gezeigt wurde, eben auch mal ein Flop wird. So weit so unproblematisch. Ein Problem wird es jedoch, wenn sich Unterhaltungsmacher nach den Vorgaben des autoritären chinesischen Staates richten müssen. Und da gab es in den letzten Wochen einige traurige Beispiele. Von Apple bis zur NBA. Am auffälligsten war vielleicht Videospielkonzern Activision Blizzards vorauseilender Gehorsam, mit dem sie einem E-Sport Profi, der in einem Livestream mit den Hong Kong Protesten sympathisierte, nicht nur die Auszahlung von Siegesprämien abgesprochen haben, sondern ihn auch auf längere Zeit als Spieler gesperrt haben.

Sony hingegen hatten keine Zeit für vorrauseilenden Gehorsam. Mit nur einer Woche Vorwarnung wurde ihnen mitgeteilt, dass der neue Tarantino Film ‚Once Upon A Time In Hollywood‘ in seiner ursprünglichen Form nicht in China gezeigt werden würde. Grund für den Stopp der Aufführung waren einige Gewaltspitzen, sowie vor allem eine Szene, die Bruce Lee nicht eben im besten Licht zeigt. Diese Szene wurde auch hier im Westen durchaus kontrovers diskutiert und Lees Tochter etwa bezeichnete sie als beleidigend. Ich selbst habe den Film noch nicht gesehen und kann daher nichts zu der Szene an sich sagen. Klar ist nur, dass (in dem Moment wo ich das schreibe) Tarantino nicht bereit ist Änderungen an seinem Film vorzunehmen und Sony auf eine Aufführung in China wohl verzichten werden muss.

Das überrascht bei einem Individualisten wie Tarantino nicht wirklich. Sein Vorteil ist natürlich, dass sein Name groß genug ist, um Sony die Veränderungen verweigern zu können. Ein unbekannterer Regisseur hätte diese Möglichkeit nicht. Es zeigt aber auch den Wert von mittelgroßen Produktionen (und ja, ein Film mit gut 90 Millionen Dollar Budget ist eine mittlere Produktion, so seltsam das ist). Der Film hat knapp 370 Millionen weltweit eingespielt, keiner der Inverstoren wird, mit oder ohne China, ärmer nach Hause gehen, als er in den Film hineingegangen ist. Die Erwartung ist auch eine andere als bei einem 300 Millionen-Blockbuster, der die Milliardenmarke lieber knacken sollte. Für so einen Film könnte man auf den chinesischen Markt keinesfalls verzichten und stellt so von Anfang an sicher, dass man nichts einbaut, was der chinesischen Regierung missfallen könnte (Winnie Puuh etwa, der aussieht wie Xi Jinping, falls Ihr es noch nicht wusstet).

Sicherlich ist es für Hollywood Blockbuster nichts gänzlich Neues sich nach Vorgaben richten zu müssen, die (zumindest für mich als Nichtamerikaner) Außenstehende eher bedenklich wirken. Die enge Zusammenarbeit mit der US-Armee etwa, die jede Menge Hardware vor und hinter der Kamera zur Verfügung stellt, mit der Auflage, dass sie nur positiv dargestellt werden darf und natürlich vorher das Drehbuch lesen und zur Not „anpassen“ wird. Wie viele andere Industrien dürften die Hollywood-Studios hoffen, dass sich der Handelskrieg zwischen China und den USA nicht weiter zuspitzt. Sonst könnte es bald recht schwierig werden beide Seiten nicht zu verärgern…

 

So, jetzt habe ich gerade einen Tweet gelesen, der angeführt hat, dass die Marvel Filme mehr als doppelt so viel eingespielt haben, wie Scorseses und Coppolas Filme zusammen. Dann müssen sie ja besser sein. Damit habe ich genug vom Internet für heute. Bis nächste Woche.

Ein Gedanke zu “Newslichter Ausgabe 63: Coppola verabscheut Marvel, Tarantino zensiert nicht für China

  1. Vielleicht haben die beiden alten Herren einfach nur extrem viel Spaß dabei das Internet zu ärgern 😀 Coppolas Idee vom Filmemachen unterscheidet sich so grundsätzlich von dem, was MCU-Regisseure tun, dass es dem alten Mann wahrscheinlich nur aufregen kann. Wir sind ja aktuell sozusagen im Gegenteil vom „New Hollywood“. Finde seine Kritik daher berechtigt und es ist wie eine Standpauke vom Opa an die jungen Regisseure, endlich mal was sinnvolles (im Sinne von politischen und sozialkritischen Film) und eigenes zu machen. Disney kann es vielleicht egal sein, bis ein James Gunn fragt, ob man GotG3 nicht vielleicht im Dschungel drehen könnte.

    Zu Tarantino: Bester Mann 😀

    Gefällt 1 Person

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