Newslichter Ausgabe 66: James Deans tolle(?) neue Rolle

Willkommen zur Ausgabe 66 des Newslichters.

https://www.hollywoodreporter.com/news/afm-james-dean-reborn-cgi-vietnam-war-action-drama-1252703

https://www.hollywoodreporter.com/news/director-new-james-dean-movie-speaks-backlash-stars-casting-1253232

Die 50er Jahre waren die Geburtsstunde der Teenager in Hollywood. Heute als Zielgruppe nicht mehr wegzudenken und damit mehr als reichlich repräsentiert, spielten sie vor Mitte der 50er Jahre quasi keine Rolle. Mit die Hauptverantwortung für diese Veränderung trägt Darsteller James Dean. Er verlieh einer ganzen amerikanischen Generation eine Stimme die vorher keine hatte. Er wurde zum Symbol für die Rebellion gegen gutbürgerliche Selbstzufriedenheit. Insbesondere seine Rolle in ‚… denn sie wissen nicht, was sie tun‘ trägt zu seinem Status als rebellische Ikone bei. Sicher, die Tatsache, dass einer seiner größten Wünsche ist, eines Tages selbst Regie zu führen und sein Lieblingsbuch „Der kleine Prinz“ von Antoine de Saint-Exupéry zu verfilmen, passt vielleicht nicht ganz in das rebellische Bild, aber es tut ihm auch keinen Abbruch. Allerdings sollte seine zweite Hauptrolle in ‚… denn sie wissen nicht, was sie tun‘ auch seine vorletzte sein. In der Abenddämmerung des 30. Septembers 1955 krachte Dean auf einem kalifornischen Highway, mit seinem neuen Porsche 550 Spyder, in die Beifahrerseite eines Linksabbiegers. Er war sofort tot. Er war 24 Jahre alt. Die Legendenbildung begann quasi augenblicklich. Polizei und Experten spekulierten, ob Dean mit weit überhöhter Geschwindigkeit und ohne Licht gefahren sei, oder der als unsicher beschriebene andere Fahrer ihm die Vorfahrt genommen hatte. Experimente hierüber sind sich auch Jahrzehnte nach seinem Tod noch uneins. Teenager verabredeten sich, ihm per Selbstmord in den Tod zu folgen (Belege für tatsächliche Durchführungen solcher Pläne gibt es glücklicherweise keine). Warner, geschmackssicher wie stets, verlegten die Veröffentlichung seines letzten Filmes ‚Giganten‘ auf seinen Todestag 1956.

Und hier hätte es enden sollen. Oh sicher, James Dean wird weiter rebellieren, solange noch eine Kopie eines seiner Filme existiert. Allein seine Fotografien sichern ihm seine ikonische Stellung. Seine Nachlassverwalter (zwei Cousins väterlicherseits) verdienten noch Mitte der 2000er jährlich 5 Millionen Dollar mit der Marke „James Dean“ via DVD Verkäufen und Verwendung von Fotografien für Werbezwecke. Man darf bezweifeln, dass es seitdem deutlich weniger geworden ist.

Doch nun sieht es so aus, als würde James Dean eine vierte Hauptrolle bekommen. Den Machern von ‚Finding Jack‘, einem Film über einen amerikanischen Soldaten in Vietnam, der eine Freundschaft mit einem Militärhund eingeht und seinen caninen Kumpel retten muss, als der und 10.000 andere Hunde als „überflüssiges Material“ zurückgelassen werden sollen, gelang es nach eigenen Aussagen nicht, in umfangreichen Castings einen geeigneten Hauptdarsteller für ihren Film zu finden. Und so blieb ihnen nichts anderes übrig, als auf eine CGI Version von James Dean zurückzugreifen. Aus Archivaufnahmen und Fotografien soll diese Computer-Version entstehen, seine Stimme soll nachgesprochen werden.

Die Reaktion sowohl der Öffentlichkeit als auch von anderen Filmschaffenden auf diese Neuigkeit war ebenso heftig wie negativ. Ich selbst habe auf diesem Blog schon mehrfach über meine Ablehnung solcher CGI-Darsteller-Versionen realer Schauspieler geschrieben. Der Ko-Regisseur des Films, Südafrikaner Anton Ernst, erklärte sich „traurig“ und „verwirrt“ aufgrund der negativen Reaktionen. Die Macher hätten die Unterstützung der oben erwähnten Nachlassverwaltung, hätten das Casting Deans niemals als Marketinggimmick betrachtet und ziehen direkte Vergleiche zur Verjüngungstechnologie, die derzeit Anwendung, etwa in Martin Scorseses ‚The Irishman‘, findet.

Zur Unterstützung durch die Nachkommen kann ich offensichtlich nichts sagen, das bleibt ihnen überlassen. Doch die anderen Punkte sind in meinen Augen, mit Verlaub, ärgerlicher Unsinn. Es ist unmöglich einen lebenden Schauspieler zu finden, der den „sehr brillant komplexen Charakter“ (laut Ernst) des Soldaten darstellen kann? Ich gebe zu ich habe gewisse Schwierigkeiten das zu glauben. Noch größere Schwierigkeiten habe ich dann allerdings damit, dass der logische nächste Schritt (ohne je auch nur an Marketinggimmicks zu denken!) sein soll James Dean im Computer wiederzubeleben. Damit er 65 Jahre nach seinem Tod eine „brillant-komplexe“ Rolle in einem Film über einen Krieg spielen kann, der zum Zeitpunkt seines Todes gerade erst im Ausbruch befindlich war. Wer hätte da mit einer heftigen Reaktion rechnen können? Wie viel Naivität soll ich den Machern ernsthaft zugestehen? Darf ich an die „Wiederbelebung“ von Peter Cushing in ‚Rogue One‘ erinnern? Die wurde auch nicht überall (unter anderem von mir) positiv aufgenommen. Allerdings konnte ich dort immerhin verstehen warum es gemacht wurde: um eine von Cushings ikonischsten Rollen noch einmal verwenden zu können. Hätte man Cushings Abbild für etwas anderes verwendet, etwa als Onkel Ben in einem neuen ‚Spider-Man‘, oder als Bösewicht in einem ‚Saw‘ Reboot, oder was auch immer, wären die Reaktionen (mindestens meine) noch weit negativer gewesen. Und genau das geschieht hier gerade mit Dean.

Der Vergleich zur Verjüngungstechnologie aus ‚The Irishman‘ ist ebenfalls unsinnig. De Niro, Pacino und Pesci sind allesamt am Leben um ihr Einverständnis für einen solchen Vorgang zu geben. Sie spielen ihre Rollen immer noch selbst. Und wenn sie Studio X oder Regisseur Y die Erlaubnis erteilen würden, ihr Bild nach ihrem Tod weiterzuverwenden, dann habe ich da auch nicht wirklich ein Problem mit. Ich meine, ich weiß nicht ob ich die Filme unbedingt sehen wollen würde und es würde Hollywood eine weitere Möglichkeit an die Hand geben Altes neu aufzukochen, statt Neues zu schaffen, aber ich hätte kein moralisches Problem damit. Dean hatte nie die Möglichkeit eine solche Erlaubnis zu geben. Oder es zu verbieten. Nicht nur weil er kaum damit gerechnet haben wird mit 24 zu sterben, sondern auch weil 1955 niemand eine solche Technologie auch nur erahnen konnte.

All das ist mal völlig unabhängig von der Tatsache, dass sich James Deans Schauspiel aus den 50er Jahren in einem aktuellen Film wie ein völliger Fremdkörper ausnehmen würde. Was bedeutet, dass man es soweit verändern müsste, dass der „synthetische“ Darsteller mit Dean womöglich nur noch das Aussehen und den Namen gemein hätte. Aber selbstverständlich denkt niemand auch nur im Geringsten an ein Marketinggimmick.

Insgesamt scheint mir die CGI Technologie zur „Wiederbelebung“ von Darstellern, aber auch ihrer Verjüngung im Moment in der Phase zu sein, wo sie für ihre Anwender ebenso sehr Spielzeug wie Werkzeug ist. Das ist so, wie wenn ich einen Bohrschrauber geschenkt bekomme. Der Unterschied ist nur, ich gehe mit meinem Bohrschrauber einer Handvoll von Mitmenschen auf den Geist, weil ich meine, jede Schraube in meiner Umgebung nachziehen zu müssen. Ich komme damit nicht auf die Idee einen jungen, seit 65 Jahren toten Mann aus dem Grab zerren und seine Hülle für einen seelenlosen danse macabre über die Leinwand zu hetzen.

 

Ihr habt es wohl gemerkt, dieses Mal war es ein monothematischer Newslichter. Dieses CGI-Konservenspiel mit verstorbenen Darstellern treibt mich ohnehin um, und diesen Fall mit James Dean und der albernen Geschichte rund um „wir finden keinen lebenden Darsteller“ fand ich ärgerlich genug, dass er mir einen eigenen Newslichter wert war. Ich hoffe Ihr seht es auch so, aber auch sonst gibt es nächste Woche wieder mehr!

10 Gedanken zu “Newslichter Ausgabe 66: James Deans tolle(?) neue Rolle

  1. Tatsächlich ein spannendes Thema. In diesem Fall ist es in erster Linie wohl Marketing, um den Film zu pushen. Wer würde sich denn sonst dafür interessieren? Die generelle Technik ist bestimmt spannend, aber in in diesem Fall wohl doch eher sehr Selbstzweckhaft.

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  2. Ich hatte die Nachricht auch gelesen und war/bin schockiert. Um ehrlich zu sein weiß ich gar nicht was ich dazu sagen soll. Noch krasser wird das Ganze, wenn man bedenkt, dass wir vor einiger Zeit hier auf dem Blog schon mal darüber gesprochen und orakelt haben, wohin das alles noch führen soll.

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  3. So so, nach einem „umfangreichen Casting“ wurde kein geeigneter Hauptdarsteller gefunden. Wer’s glaubt…… Das wäre ja ein absolutes Armutszeugnis für die Schauspielergilde weltweit. Die kurze Inhaltsangabe im Beitrag gibt jetzt keinen Hinweis darauf, welche besonderen darstellerischen Fähigkeit hier wohl erforderlich sein sollten , um die Rolle meistern zu können. Ich kann mir nicht vorstellen, dass es keinen real existierenden Schauspieler auf Erden gibt, der dieser Rolle nicht gewachsen wäre, und stattdessenhier nur ein Schauspiel-Clone von James Dean als Heilsbringer zur Glückseligkeit führen kann. Schwachsinn. Die Macher tun es, weil sie es können. Und der durchaus damit verbunden positive Effekt des „in-aller-Munde-seins“ wird ganz sicher auch nicht nur mit Schamgefühl und ganz viel Widerwillen in Kauf genommen.
    Nein, diese Art von Leichenfledderei ist wirklich abartig. Das wäre wirklich mal ein Anlass, einen Film bewusst zu boykottieren.

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    • Ich vermute dieses „wir konnten keinen fähigen Darsteller finden“ hat einiges zur Schärfe der Reaktion aus dem Lager der Filmschaffenden beigetragen…

      Nach der Inhaltsangabe dürfte es mir sehr leicht fallen den Film zu boykottieren… Dieses „guck mal wie der arme Hund leidet“ ist für mich die uneraträglichste Form der Tränendrüsendrückerei. Nicht zuletzt, weil sich oft genug herausstellt, dass die armen Hundedarsteller tatsächlich leiden mussten.

      Hey, vielleicht hätten sie für die Hunderolle Rin Tin Tin im Rechner wiederbeleben sollen… 😉

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  4. Find die Idee wirklich schon ziemlich geschmacklos und krass aber jetzt auch nicht so überraschend…immerhin hat man uns in Rogue One mit der Wiederbelebung Peter Cushings als Tarkin nicht nur bewiesen, wie grausam das ausschauen kann, wenn es nicht gut gemacht ist, und wie schamlos man da schnell mal zur CGI-Reproduktion greift. Klar hinkt der Vergleich etwas, weil Cushing wenigstens für eine Rolle digital erschaffen wurde, die er schon einmal verkörpert hat, aber trotzdem war mir klar, dass der Schritt von hier nach dort nicht lange auf sich warten lassen würde. Ich werde den Film übrigens, sollte er tatsächlich jemals fertiggestellt werden, wahrscheinlich auch nicht anschauen…wie du sagst, die Geschichte reißt mich jetzt nicht so vom Hocker

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  5. Pingback: Newslichter Ausgabe 68: CGI-Konkurrenz, Kelvin-Trek und Oscar-Muppets | filmlichtung

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