‚Mein Nachbar Totoro‘ (1988)

‚Mein Nachbar Totoro‘ wurde anfangs als Risiko für das 1985 frisch gegründete Studio Ghibli gesehen. Die Regisseure Hayao Miyazaki und Isao Takahata und Produzent Toshio Suzuki hatten ihr eigenes Studio mit dem expliziten Ziel eröffnet wegzukommen  von den kreativen Einschränkungen von TOEI, dem selbsterklärten „Disney Japans“, wo beide Kreative bereits längere Karrieren hinter sich hatten. Der Überraschungserfolg von Miyazakis ‚Nausicaä aus dem Tal der Winde‘ machte den nicht wenig riskanten Schritt möglich. ‚Nausicaä‘ mit seinem postapokalyptischen Setting passte wunderbar in den Hunger des japanischen Anime-Publikums der 80er Jahre nach düster-dystopischen Geschichten. Und auch Miyazakis erster Film für sein eigenes Studio, ‚Das Schloss im Himmel‘, richtete sich mit einem Steampunk-Setting an gewohnte Geschmäcker. Aber ein Film, der an ein nostalgisches Bilderbuch erinnert, mit der animistischen Tradition Japans spielt und die Freundschaft zweier kleiner Mädchen mit einem moppeligen Naturgeist zeigt? Wer will denn sowas sehen? So unsicher war man sich bei Ghibli, dass der Film anfangs nur in Doppelvorstellungen mit Takahatas zeitgleich entstandenem bitter-realistischen Blick auf die letzten Tage des zweiten Weltkriegs ‚Die letzten Glühwürmchen‘ gezeigt wurde. Ein sicherer Weg zum emotionalen Schleudertrauma. Aber war die Angst berechtigt?

Der Film zeigt, wie der Tokioter Archäologie-Professor Tatsuo Kusakabe mit seinen beiden Töchtern Satsuki (ca. 8-9 Jahre) und Mei (ca. 4-5 Jahre) in ein altes Haus auf dem Land zieht. Sie tun das, um der Mutter der Kinder näher zu sein, die sich in einem Sanatorium von einer Krankheit erholt. Das Haus gilt bei den Nachbarn als Spukhaus, was nicht ganz falsch ist, allerdings haben die harmlosen Rußmännlein, die es bevölkern, der überbordenden Lebensfreude der Mädchen wenig entgegenzusetzen und verlassen bald das Haus. Neben dem Haus befindet sich ein dicht bewaldeter Hügel, der von einem riesigen Kampferbaum gekrönt wird. Die kleine Mei entdeckt eines Nachmittags, als sie sich bei der Verfolgung eines mysteriösen Kleintiers durch einen Tunnel zwischen den Pflanzen quetscht, ein riesiges, friedliches Wesen, irgendwo zwischen Katze und Eule, aus dessen Schlafgeräuschen sie den Namen Totoro folgert. Als sie ihn der Familie zeigen will, ist der Waldgeist verschwunden. Doch sie und Satsuki sollen dem freundlichen Wesen noch häufiger begegnen.

Aus dieser Beschreibung lässt sich vielleicht bereits ablesen, dass es keinen wirklich packenden Plot gibt. Das ist allerdings auch gar nicht das Ziel des Films. Miyazaki zeigt eher eine Situation als eine Geschichte. Er beschreibt einen Ausriss aus der Kindheit und alle Elemente die es dafür braucht sind da. Es ist aufregend, gilt es doch eine neue Umgebung aus wunderschöner Natur zu erforschen und neue Freunde zu finden. Es ist traurig, die Abwesenheit der Mutter und die Sorge um sie sind Momente echten Schmerzes für die Mädchen. Es ist manchmal auch ein ganz bisschen unheimlich, wenn die Töchter etwa den Vater im strömenden Regen vom Bus abholen wollen und stattdessen „fährt“ ein zwölfbeiniger Katzenbus mit leuchtenden Augen ein. Auf einen Antagonisten verzichtet die Geschichte vollkommen. Wirkliche Dramatik stellt sich erst im letzten Akt ein.

Daraus sollte man nun aber nicht folgern, dass der Film langweilig wäre im Gegenteil. Dafür ist er viel zu voll von Leben. Miyazaki zeigt hier bereits eindrucksvoll, wie es ihm gelingt seine Animationen lebendig wirken zu lassen. Sei es wenn die Mädchen dem Vater beim Einzug in das Haus übermütig zwischen den Füßen herumtollen oder so aufgeregt sind, dass sie genau an der Tür, die sie suchen vorbeilaufen. Es sind diese kleinen Momente des Überschwungs, die die Animation mehr als nur „funktionieren“ lassen. Sie erwecken sie zum Leben. Dazu leistet natürlich auch das meisterhafte Design seinen Teil. Man möchte sofort in das Haus der Kusakabes einziehen. Man möchte durch die sattgrünen Landschaften wandern und den Hügel mit dem Kampferbaum erklimmen. Das ist ein Film, in dem man wohnen möchte. Dazu kommt das Figurendesign. Bei den Menschen kann man vielleicht einen Blick zurück erkennen. Miyazaki erreicht das nostalgische Gefühl des Films, indem er sich beim Design der Mädchen an Serien wie ‚Heidi‘ oder ‚Anne mit den roten Haaren‘ orientiert hat, die einen ähnlich nostalgischen Ton haben und an denen er für TOEI gearbeitet hat. Doch das Design der übernatürlichen Figuren weist absolut nach Vorne. Totoro selbst sollte zum rundlichen Emblem des Studio Ghibli werden und hat es als Cameoauftritt selbst in die ‚Toy Story‘ Reihe gebracht. Den Katzenbus beschrieb Akira Kurosawa als „eine der schönsten Schöpfungen des Kinos“. Sicherlich kein kleines Lob. Das gebührt allerdings nicht Miyazaki allein, sondern auch Artdirector Kazuo Oga, der noch an mehreren Ghibli Filmen mitarbeiten sollte.

Ebenso zentral für den Erfolg ist natürlich die Musik von Joe Hisaishi, der schon seit ‚Nausicaä‘ Miyazakis Stammkomponist war. Vom eröffnenden Kinderlied über das Wandern bis zu den liebevoll-fröhlichen Orchesterstücken und sehnsüchtigen Klavierstücken des Films ist er hier, passend zum Thema, allerdings weit von der Epik späterer Musik entfernt.

Ein erzählerisches Element, dem wir diesen Monat immer wieder begegnen werden, ist das Miyazaki seine Protagonistinnen umziehen lässt. Mit diesen Umzügen ist immer auch eine Entwicklung verbunden. Kein Erwachsenwerden, kein „Coming of Age“, dafür sind die Protagonistinnen meist zu jung, aber doch eine neue Erkenntnis über das Leben. Hier ist es der Umgang mit der Krankheit der Mutter. Der Idee ihres möglichen Todes. Erstaunlich ist, dass zunächst nur Mei als Protagonistin geplant war. Als sich aber herausstellte, dass ein so kleines Mädchen gewisse Dinge nicht allein tun könnte, etwa den Vater von der Bushaltestelle abholen, wurde Satsuki in den Film geschrieben. Wenn man das nicht weiß, würde man es nie erahnen, z sehr fühlen sich beide Mädchen wie gleichberechtigte Protagonistinnen an. Das Übernatürliche spielt hier noch eine deutlich untergeordnetere Rolle, als das in späteren Filmen der Fall sein wird. Totoro ist den Mädchen gegenüber wohlwollend, letztlich ist er aber mehr daran interessiert zu schlafen und seine Flöte zu spielen. Letztlich ist sogar der Katzenbus für den Plot bedeutsamer. Man könnte sicher darüber diskutieren, ob Totoro überhaupt existiert oder der Fantasie der Kinder entspringt. Ich habe das Gefühl der Film würde argumentieren, dass das in diesem Fall keinen allzu großen Unterschied macht. Was beinahe völlig fehlt ist Miyazakis Begeisterung für das Fliegen. Von einem kurzen Flug Totoros auf einem magischen Kreisel abgesehen, haben wir hier nur den Nachbarsjungen, der mit einem Flugzeug spielt.

War die Angst vor dem möglichen Misserfolg des Films nun berechtigt? Nicht wirklich. Der Film rief derartige Begeisterung hervor, dass er aus der Doppelvorstellung herausgelöst wurde und normal gezeigt wurde. Totoro wurde, wie bereits erwähnt, zu einer Art Maskottchen für Ghibli. Und Miyazaki hatte sich in Japan als absoluter Publikumsmagnet erwiesen, der mit allem ins Kino locken kann. Im Westen wurde der Film erst nach dem Erfolg von ‚Chihiros Reise ins Zauberland‘ wirklich bekannt. Zwar wurde bereits 1993 eine englische Synchronisation erstellt und der Film in den USA gezeigt, löste dort aber eher Schulterzucken aus. Die Kritik konnte nichts damit anfangen, man liest recht schwer nachvollziehbare Probleme wie „Animation auf Fernsehniveau“. Ausnahme ist Kritiker Roger Ebert, der dem Film von Anfang an positiv begegnete und ihn später in seine Liste der „Great Movies“ aufnehmen würde. Der Rest zeigt, wie unterschiedlich die Bewertung eines Films ausfallen kann, je nachdem ob der Macher einen Oscar erhalten hat, oder man seinen Namen noch nie gehört hat…

‚Mein Nachbar Totoro‘ ist eine warme Umarmung von einem Film. Wunderschön, liebevoll, nostalgisch für eine Zeit, die es nicht wirklich gibt, ohne dabei übermäßig süßlich zu werden, oder zu ignorieren, dass das Leben auch weniger schöne Seiten hat. Und falls jemand glaubt „zu alt“ für den Film zu sein: wenn ich alter Sack da was rausziehen kann, dann könnte Ihr das allemal!

Wir sehen uns hier nächste Woche wieder, wenn wir Kiki und Jiji auf dem Weg zu ihrem kleinen Lieferservice begleiten. Und holen Miyazakis Flugbegeisterung mehr als nur nach!

3 Gedanken zu “‚Mein Nachbar Totoro‘ (1988)

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