‚Prinzessin Mononoke‘ (1997)

Vom letztwöchigen ‚Kikis kleiner Lieferservice‘ haben wir nun einen recht gewaltigen Zeitsprung ins Jahr 1997 gemacht. Hayao Miyazaki sah sich vor allem durch die Kriege im ehemaligen Jugoslawien tief ernüchtert und nicht mehr in der Lage Filme wie ‚Mein Nachbar Totoro‘ oder ‚Kikis kleiner Lieferservice‘ zu drehen. Er sah die Menschheit als quasi nicht lernfähig an. Und so wandte er sich nach dem kriegerisch angehauchten ‚Porco Rosso‘ einer alten Idee aus den 70ern zu, die er nie wirklich umgesetzt hatte. Die Idee einer Prinzessin, die mit Monstern im Wald lebt. Teile daraus hatte er bereits in ‚Nausicaä aus dem Tal der Winde‘ und ‚Totoro‘ verwendet, doch die eigentliche Geschichte hatte er aufgrund einer Schreibblockade nie zu Ende gebracht. Nun nach mehreren Erfolgen in Japan und einem Deal mit der Walt Disney Company, die seinen neuen Film (und einige frühere Werke) in den USA vertreiben wollte, setzte Miyazaki diese Idee in einen Film um, der weit epischer werden sollte als alles was er bisher abgeliefert hatte.

Ashitaka, der Prinz eines Emishi-Stammes, weit im Osten Japans, tötet einen dämonisch besessenen, riesigen Keiler, der sein Dorf angreift. Dabei verwundet ihn der Dämon jedoch am Arm und überträgt einen Teil seines Fluches. Das verleiht Ashitaka übermenschliche Kräfte, wird ihn jedoch früher oder später umbringen. Wurzel des dämonischen Fluches des Keilers war eine eiserne Kugel, die tief in seinem Leib steckte. Ashitaka reist nach Westen in der Hoffnung dort Heilung zu finden. Der Mönch Jigo weist ihm den Weg zu einem uralten Wald, wo der Gott des Waldes wohnen soll, Herr über Leben und Tod, der ihm vielleicht helfen kann. Auch soll es dort noch riesige, göttliche  Tiere, wie den Keiler, der ihn angegriffen hat geben. Bei diesem Wald angekommen gerät Ashitaka zwischen die Fronten eines komplexen Konflikts. Auf der einen Seite steht die Eisenhütte der Herrin Eboshi. Mit einer Gruppe Söldnern mit chinesischen Schusswaffen hat die einen vorher bewaldeten Hügel gerodet und gewinnt nun das Erz daraus, um mit dem Eisen bessere Gewehre zu entwickeln. Der Clan der Wölfe unter der gigantischen Wölfin Moro versucht gezielt Herrin Eboshi zu töten in der Hoffnung die Menschen so zu vertreiben. Moro hat auch eine menschliche Tochter, San, die die Leute der Eisenhütte „Wolfsprinzessin“ (Mononoke hime im Original, eigentlich eher „Geisterprinzessin“) nennen. Ashitaka verhindert, dass Eboshi und San einander töten, wird dabei jedoch schwer verletzt. Nun kann ihm nur noch der wandelbare Gott des Waldes helfen. Doch selbst wenn, kann Ashitaka und kann der Wald den Konflikt zwischen Eboshi, den Wölfen, dem aggressiven Clan der Wildschweine, dem örtlichen Fürsten Asano, der Eboshi ihr Eisen neidet und dem Mönch Jigo, der durchaus eigene Ziele verfolgt überstehen?

Allein diese Beschreibung der Handlung, die kaum an der Oberfläche kratzt, sollte klar machen, dass sich dieser Film extrem von den bisher beschriebenen unterscheidet. Waren ‚Totoro‘ und ‚Kiki‘ eher die Darstellung einer Situation, in der die Handlung eher episodisch und teilweise fast nebensächlich war, steht hier ein gigantischer Konflikt im Zentrum der Erzählung. Der erste Unterschied fällt direkt zu Beginn des Films auf: anders als bei beiden bisher beschriebenen Filmen, haben wir es, wie auch schon bei ‚Porco Rosso‘, trotz des Filmtitels, mit einem männlichen Protagonisten zu tun. Allerdings muss auch er sich, wie die Protagonistinnen der anderen Filme, aus dem gewohnten Ort seiner Kindheit fortbegeben. Spielten die anderen Filme in einem fiktiven Japan oder Europa, das es so nie gab, spielt ‚Prinzessin Mononoke‘ in einer klar definierten Ära der japanischen Geschichte, der Muromachi Periode. Die Emishi oder Ezo waren ein tatsächlich existierender Volksstamm, der sich dem Einfluss der Shogune lange entzogen hat. Doch macht Miyazaki, etwa mit Ashitakas Wasserbock-artigem Reittier Yakul schnell klar, dass er auch hier keine reale Geschichte abbilden will. Hier wandeln Götter in riesiger Tiergestalt auf Erden und der Herr über Leben und Tod geht Tagsüber als Hirsch und des Nachts als Riese im Wald um.

War Totoro noch ein sehr friedvoller Naturgeist ist hier mit dem Frieden Schluss. Gab es bisher nicht wirklich Antagonisten in Miyazakis Filmen erfüllt hier Herrin Eboshi diese Rolle. Antagonistin wohlgemerkt, nicht Schurkin! Eboshi rekrutiert ihre Arbeiterschaft aus Zwangsprostituierten, die sie aus umliegenden Bordellen freikauft und aus Leprakranken. Diesen ermöglicht sie in ihrer Eisenstadt ein menschenwürdiges, wenn auch hartes Leben. Allen Schaden, den sie anrichtet, verursacht sie aus Pragmatismus oder zur Verteidigung. Demgegenüber steht San, die von Zorn über Eboshis Zerstörung des Waldes getrieben wird, die gemeinsam mit den Wölfen reichlich grausam mit den Arbeitern der Hütte umspringt.

Der Konflikt, den Miyazaki hier aufspannt ist natürlich der zwischen der Erhaltung der Natur auf der einen Seite und technisch-ökonomischem Fortschritt auf der anderen. Kompliziert wird dieser noch dadurch, dass Japan einerseits eine hochtechnisierte Nation ist, andererseits mit dem Shintoismus zu einem guten Teil einer animistischen Religion angehört, die davon ausgeht, das alle Natur göttlich beseelt ist. So ist jeder Schaden an der Natur, der im Film angerichtet wird, stets nicht nur ein materieller, er ist immer auch ein spiritueller. Sei es der Keilergott, der durch eine Gewehrkugel einem dämonischen Fluch anheimfällt, oder die kleinen Naturgeister (Kodama), die zu tausenden tot aus den Bäumen fallen, wenn der Waldgott selbst in Gefahr gerät. Oder der friedliche Clan der Affen, den die Zerstörung zu finsteren Gelüsten verführt.

Miyazaki gibt sich dabei aber nie mit plumper gut-böse Zeichnung zufrieden, er geht davon aus, dass ein Kompromiss, ein Gleichgewicht gefunden werden muss. Eben genau weil Japan in der oben beschriebenen Position ist. Wenn sich materielle und spirituelle Position nicht vereinbaren lassen ist das ein Problem, insbesondere ein japanisches. Wenn sich Ökonomie und Erhaltung der Natur nicht vereinbaren lassen, dann ist das ein Problem für die ganze Welt wie wir nach und nach (fast) alle einsehen müssen. Wenn es überhaupt so etwas wie einen Schurken gibt wäre das wohl der ungesehene Asano, der nichts leistet, sondern auftaucht wenn er etwas sieht, was ihm gefällt. Im Zusammenhang mit Asano ist die Darstellung von Samurai in diesem Film interessant. Ansonsten in historischen, japanischen Filmen oft das Symbol schlechthin für das alte Japan, tauchen sie hier entweder als gesichtslose Mörder auf, oder werden zwischen Ashitakas archaischen Steinspitzenpfeilen, Eboshis Schusswaffen und Granaten und der puren Wut der Tiergötter zermahlen. Ein Freund kriegerischer Auseinandersetzung ist Miyazaki nicht.

Doch nicht nur den Konflikt Natur/Fortschritt entspannt der Film, auch den Konflikt zwischen Gruppe und Individuum. Ashitaka wird aufgrund seiner dämonischen Infektion aus seinem Volk ausgeschlossen. Später im Film hat er die Wahl, ob er den Leuten der Eisenhütte helfen will, oder mit San ein leben abseits jeder Zivilisation im Wald führen möchte. Er entschließt sich für ersteres. San andererseits hat sich für ein Leben bei den Wölfen entschieden. Den anderen Menschen begegnet sie mit purem Hass und nicht dem geringsten Interesse sich in ihre Gemeinschaft einzufinden.

Auffällig, vor allem wenn man direkt von ‚Kikis kleinem Lieferservice‘ kommt, ist sicher der Grad der Gewalt des Films. In seiner übermenschlichen Stärke enthauptet Ashitaka Widersacher links und rechts, die Tiere reißen Menschen ist Stücke, werden für ihren Teil in die Luft gejagt. Auf diesen überraschenden Grad der Gewalt angesprochen, antwortete der Pazifist Miyazaki ebenso trocken wie korrekt: „Wenn es einen Kampf gibt, ist es unausweichlich, dass Blut fließt, und das darzustellen, können wir nicht vermeiden.“

Miyazaki spannt hier ein gewaltiges Gemälde auf, ein episches Bild eines gesellschaftlichen Konflikts ohne sich in einfache Antworten zu flüchten. Man bekommt eine Idee dafür wie persönlich der Film für ihn war, wenn man sich vor Augen führt, dass er jedes der etwa 144.000 Einzelbilder des Films persönlich überprüft und etwa 80.000 davon eigenhändig überarbeitet hat. Da tut mir allein vom Lesen schon das Handgelenk weh. Hier wäre der Deal mit Disney beinahe zum Problem geworden. Denn Disney beauftragte Miramax mit dem Verleih des Films in den USA. Und Miramax Chef Harvey Weinstein (im Folgenden der Einfachheit halber und rundum verdient nur noch „Arschloch“ genannt) bestand auf erheblichen Kürzungen. Ein unbenannter Mitarbeiter von Studio Ghibli (und definitiv und absolut nicht Miyazaki selbst) schickte ihm daraufhin ein Katana mit der angehängten Nachricht „no cuts“. Eine Abfuhr, die selbst ein Arschloch verstehen muss. Doch das Arschloch rächte sich, indem er den Film in so wenige Kinos wie irgend möglich brachte. Den weltweiten Erfolg konnte er dennoch nicht verhindern.

Miyazakis Bilder in satten Grüntönen oder finsterem Braun gehalten, je nach Anlass und zum ersten Mal mit Computertechnik unterstützt, werden ein weiteres Mal von der Musik Joe Hisaishis unterlegt. Und auch der liefert hier eines seiner Meisterwerke ab. Von der symphonischen Größe des Hauptthemas über Stücke die einen „Sense of Wonder“ und Abenteuerlust vermitteln bis hin zu den merkwürdig ätherischen Klängen, wenn es scheint, als würde ein Gott sterben. Aber auch die „kleineren“ Stücke bleiben im Gedächtnis. Die gezupften Saiten mit denen er die Szenen der wunderbaren, klackerköpfigen Kodamas unterlegt etwa.

Mit der Analyse der Themen habe ich sicherlich noch weit weniger an der Oberfläche gekratzt als mit meiner Inhaltsangabe. Das ist ein Film über den man fast endlos schreiben könnte und bei dem man (verzeiht mir das Klischee) bei jedem Ansehen etwas Neues entdecken kann. Hayao Miyazaki hat hier die absolute Höhe seines Schaffens und Könnens erreicht. Er scheint das ähnlich gesehen zu haben, ließ er doch nach dem Film verlauten sich zur Ruhe setzen zu wollen.

Was er natürlich nicht tat, denn ‚Prinzessin Mononoke‘ ist nicht einmal sein bekanntester Film. Nächste Woche reden wir über ‚Chihiros Reise ins Zauberland‘, der einerseits Rückkehr zu bekannteren Themen ist und viel eher noch als ‚Mononoke‘ wie ein Abschied wirkt (auch wenn auch der keiner sein wird). Und nicht zuletzt der Film ist, für den Miyazaki den Oscar gewinnen, aber nicht annehmen würde.

4 Gedanken zu “‚Prinzessin Mononoke‘ (1997)

  1. Ein extrem beeindruckender Film. Gerade auch in seinem Mix aus Brutalität und Schönheit. Danke für die Auffrischung und die Erinnerung, mich selbst einmal wieder damit auseinanderzusetzen. Das Upgrade von DVD zu Blu-ray ist immerhin schon erfolgt. 🙂

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