‚Wie der Wind sich hebt‘ (2014)

In meiner Besprechung von ‚Chihiros Reise ins Zauberland‘ habe ich die Beschreibung „japanischer anti-Disney“ für Hayao Miyazaki verwendet. Ganz falsch ist das nicht. In einer Hinsicht sind sich Walt Disney und Miyazaki jedoch durchaus ähnlich. Walts plötzlicher Tod stürzte Disney in eine tiefe Krise, die es beinahe in die Pleite geführt hätte. Und jeder Versuch Miyazakis sich in den Ruhestand zurückzuziehen, führt das Studio Ghibli in schweres finanzielles Fahrwasser. Obwohl Miyazakis Name nicht direkt drinsteckt wird Ghibli sehr stark mit ihm verbunden. Was nicht heißen soll, dass die Filme des 2018 verstorbenen Mitbegründers Isao Takahata künstlerisch nicht auf Augenhöhe mit denen Miyazakis stehen. Sie waren nur nie dieselben Publikumsmagneten. In der Förderung jüngerer Talente war Ghibli aber vielleicht nicht die Kraft, die es hätte sein können. Miyazaki hat eher einen Ruf als harscher Kritiker, denn als großzügiger Förderer. Und einen echten Nachfolger hat er nie aufgebaut.

Wie dem auch sei, Miyazakis (vorerst) letzter Film erschien gut 16 Jahre nach ‚Prinzessin Mononoke‘, der bereits sein letzter Film sein sollte. Es sollte sein „umstrittenster“ Film werden, wenn auch eher inhaltlich als handwerklich. Handelt es sich doch um die Verfilmung eines Mangas von Miyazaki selbst, einer fiktionalisierten Semibiografie von Jiro Hirokoshi, dem Ingenieur hinter der Mitsubishi A6M Zero, dem wichtigsten Jagdflugzeug der imperialen japanischen Marinestreitkräfte im Zweiten Weltkrieg.

1918 leidet der junge, flugbegeisterte Jiro Hirokoshi daran, dass er aufgrund seiner Kurzsichtigkeit nie ein Pilot werden kann. Im Traum erscheint ihm der Flugpionier Giovanni Caproni und erklärt ihm, dass der Entwurf und die Konstruktion von Flugzeugen weit wichtiger, besser und erfüllender sind, als das Fliegen selbst. 5 Jahre später reist Jiro mit dem Zug nach Tokio um an der Uni Flugzeugingenieur zu studieren. Dabei gerät er in das katastrophale Kantō-Erdbeben, das einen Großteil der Stadt zerstört. Er hilft dabei der jungen Naoko Satomi und ihrer verletzten Begleiterin, die er danach jedoch für Jahre nicht wiedersehen soll. Nach vollendetem Studium heuert er bei Mitsubishi an. Der japanische Flugzeugbau ist in desolatem Zustand („dem Rest der Welt 15 Jahre hinterher“) und die Firma droht die lukrativen Militäraufträge zu verlieren. Nachdem Jiro seinen mürrischen Vorgesetzen von seinen Qualitäten überzeugt hat, wird er für eine Dienstreise zu den Junker-Werken in Dessau ausgewählt. Nach dieser Reise erweist sich jedoch auch Jiros erster Entwurf als Fehlschlag. Bei einem Sommerurlaub trifft er in einem abgelegen Hotel nicht nur Naoko wieder, woraufhin zwischen beiden die Liebe entbrennt, sondern auch den Deutschen Castorp, der sowohl das Hitlerregime als auch die imperialistische japanische Politik kritisiert. In der Folge arbeitet Jiro an seiner größten Schöpfung. Trotz Naokos schwerer Krankheit und der Tatsache, dass er, aufgrund seines Kontakts zu Castorp, von der japanischen Geheimpolizei gesucht wird.

Ja, das Element des jungen Protagonisten der seine Jugendheimat verlässt ist auch in diesem Film enthalten. Doch da dieser einen weit längeren Zeitraum abbildet als alle anderen Filme, die wir diesen Monat besprochen haben, spielt es hier naturgemäß eine weit kleinere Rolle. Hier leuchtet natürlich vor allem Miyazakis Liebe für die Fliegerei. Und die setzt der Film visuell brillant um. Vom stillen Traum vom Fliegen bis zur Motoröl und Rauch verströmenden Realität. Sowohl Traum als auch Realität werden jedoch alsbald von der Zerstörung des Krieges pervertiert.

Besonders herausragend war für mich die visuelle Umsetzung des großen Erdbebens von 1923. Aufgrund der Thematik des Films wirkte die Umsetzung der Naturkatastrophe hier wie eine Vorwegnahme einer ähnlichen, jedoch menschengemachten Zerstörung, die der Krieg später nach Japan bringen sollte, den Atombomben auf Hiroshima und Nagasaki. Miyazaki zeigt einmal mehr, dass er auch durchaus düstere Themen in seine farbenfrohen Erzählungen packen kann. Und auch Joe Hisaishi unterlegt diese Bilder ein weiteres Mal mit einem gelungenen, diesmal sehr „europäisch“ oder genauer französisch klingendem Soundtrack. Doch glaube ich, dass durch die Filmreihe der letzten Wochen klar sein sollte, dass Miyazaki hier handwerkliche Topqualität abliefert. Für ‚Wie der Wind sich hebt‘ ist es eher wichtig, sich mit den Kritikpunkten daran auseinanderzusetzen, was ich im Folgenden tun will. Von der absurdesten Kritik bis zu der, die schwer von der Hand zu weisen ist.

Japanische Nationalisten haben dem Film vorgeworfen, er ginge zu kritisch mit Japans Verwicklung in den Zweiten Weltkrieg um. Aber natürlich ist genau diese Kritik gewollt. Miyazaki hat aus seiner Meinung zum Zweiten Weltkrieg (oder Krieg an sich) nie ein Geheimnis gemacht. Ebenso wenig aus seiner Ablehnung der nationalistischen Regierung von Shinzo Abe. Wobei ich sagen muss, selbst wenn ich alle Moral außen vor lasse, sehe ich nicht, was für Vorteile der Zweite Weltkrieg Japan gebracht hätte. Sehe also nicht, wie man ihn aus japansicherer Sicht unkritisch beurteilen kann. Davon abgesehen zeigt bereits oberflächlichste Recherche, dass auch der historische Hirokoshi den Krieg spätestens 1942 verflucht und als großen Fehler bezeichnet hat. Diese Kritik wirft dem Film folglich vor, dass er genau das erreicht, was er will.

Eine andere Kritik sagt das genaue Gegenteil. Miyazaki ist zu unkritisch was den Krieg angeht. Was den Film beinahe kriegstreiberisch macht. Das sehe ich nicht so. Der übliche Blick auf den Ingenieur im Film ist als Person, die so damit beschäftigt ist, ob sie etwas kann, dass sie nie danach fragt, ob sie es tun sollte. Siehe ‚Jurassic Park‘, den ich hier halbwegs zitiert habe. Oder natürlich den Mythos von Daedalos, der der, von Poseidon mit Lust auf einen Stier gestraften, Königin von Kreta eine Vorrichtung baute, um dieser Lust nachzugeben. Und dann das Labyrinth als Opferplatz für das daraus entstehende Monster baute. Ohne je die Moral dieser Werke zu hinterfragen. Mit finsteren Konsequenzen für sich selbst und seinen Sohn Ikaros. Miyazaki sieht den Ingenieur hier weit milder. Er bezieht sich auf eine Aussage des historischen Hirokoshi: „Ich wollte nur etwas Schönes schaffen.“ Der Traum-Caproni sagt, dass Fliegerei für sich Zweck genug ist. Es geht nicht um Kommerz und Krieg. Natürlich ist er aber auch nicht dumm genug zu glauben, dass diese nicht oft genug die Triebfedern für ihre Entwicklung sind. Miyazaki lässt seinen Hirokoshi in den letzten Bildern des Films auf verbrannter Erde, auf Bergen aus verbogenem, verbranntem Metall stehen, deutet Schwadronen von Zeros an, die Tod und Zerstörung bringen. Ist das genug? Entlässt er Hirokoshi zu leicht, indem er ihn als Träumer im stillen Kämmerlein zeigt, der gar nicht genau weiß, gegen wen eigentlich Krieg geführt wird? Er zieht eine klare Linie: für den Zweiten Weltkrieg, sagt er, muss Japan sich schämen. Auf die Zero als schöne Ingenieursleistung, könne man jedoch stolz sein.

Der dritte Kritikpunkt wiegt für mich schwerer. Mitsubishi hat, auch und gerade in Hirokoshis Zero-Projekt, chinesische und koreanische Zwangsarbeiter eingesetzt. Das erwähnt der Film überhaupt nicht. Nun könnte man sagen, der Film endet doch mehr oder weniger mit der Erstellung des Prototypen der Zero, also vor der Massenproduktion. Das mag sein, doch zerstört es das Bild Hirokoshis als naivem Tüftler, der gar nicht genau wusste, was vor sich geht. Und Miyazaki hat kein Problem damit etwa in Dessau einen antisemitischen Akt in Form einer nächtlichen Verfolgung zumindest anzudeuten. Doch dieses japanische Kriegsverbrechen erwähnt er mit keinem Wort. Das erstaunt, war doch Miyazakis Vater selbst ein Flugzeugingenieur und im Zweiten Weltkrieg ein Zulieferer für Mitsubishi. Eine Tatsache, die durchaus zwischen Vater und Sohn gestanden hat, denn Miyazaki hat seinem Vater vorgeworfen ein „Kriegsgewinnler“ zu sein. Das zeigt einerseits, dass Miyazakis sich dieser Tatsache sicher bewusst ist und andererseits, dass er sie sicherlich kritisch sieht. Warum sie also nicht zeigen oder wenigstens erwähnen? Ich weiß es nicht, habe jedoch den Eindruck, dass Miyazaki die Geschichte Hirokoshis soweit fiktionalisiert hat, dass es weniger ein Biopic über diesen Ingenieur ist und mehr ein später Versuch, das Tun seines Vaters nachzuvollziehen.

‚Wie der Wind sich hebt‘ ist ein technisch grandioser Animationsfilm, der aus seiner Antikriegsaussage keinerlei Geheimnis macht, den Zuschauer (zumindest mich) am Ende aber doch mit einigen Fragen zurücklässt. Empfehlen würde ich ihn dennoch. Genau wie die gesamte Filmografie von Miyazaki. Wirklich schwache Filme sind dort kaum zu finden.

Und nun dürfen wir alle gespannt sein, was sein nächster Film ‚How do you live?‘, der für nächstes Jahr erwartet wird, wohl bringen wird. Ich werde mich hüten zu behaupten es würde sein letzter Film. Auf das es weitere Miyazakizember geben wird!

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