‚Die Ferien des Monsieur Hulot‘ (1953)

Film, es lohnt sich das immer wieder einmal zu wiederholen, ist ein visuelles Medium. In seiner Frühzeit des nachträglich so getauften Stummfilms galt das noch mehr als heute. Genau daher rührte wohl auch der Erfolg des Films: er war für jeden, unabhängig von Sprache oder Kultur verständlich, nur durch hinschauen. Immigranten in die USA wurde lange Zeit auf Ellis Island ein Stummfilm über das Leben in ihrer neuen Heimat gezeigt. Der war für jeden nachvollziehbar, ob aus Irland, Ungarn oder Arabien. Und aus dieser Universalität rührt auch der große, frühe Erfolg der Slapstick-Komödie. Wenn ein großer, starker Mistkerl einem deutlich kleineren Mann in den Hintern treten will, der sich aber im exakt richtigen Moment bückt um eine Münze aufzuheben und der Mistkerl von seinem eigenen Schwung getrieben eine Treppe hinunterkugelt, dann ist das universell verständlich und universell komisch. In der Mitte des letzten Jahrhunderts war der Tonfilm dann schon lange Standard. Slapstick war weitgehend verschwunden und Film schon lange nicht mehr universell, sondern der jeweiligen Sprache und Kultur angepasst.

Bis ein Franzose namens Jaques Tati auftauchte. Der war ein Individualist mit einer sehr eigenen Einstellung zu Film und Fortschritt. 1947 hatte er mit ‚Tatis Schützenfest‘ den ersten französischen Farbfilm gedreht… und veröffentlichte ihn in schwarz-weiß. 1953 sollte zur Geburtsstunde seiner bekanntesten Schöpfung werden, des Monsieur Hulot. Eine Stummfilmfigur von ihm selbst verkörpert, quasi dialoglos, langgliedrig und ungelenk, mit Hut und langer Pfeife als Erkennungsmerkmale. Er verkörperte Tatis stille Zivilisationskritik, das leise, slapstickhafte Zweifeln an Technik und Fortschritt. Doch zunächst einmal wollte er einfach nur Ferien machen.

Die Handlung des Films hier nacherzählen zu wollen ist weitgehend sinnfrei, ist sie doch nicht sonderlich stringent und ähnelt eher einer Reihe von Skizzen und Schnappschüssen, in denen Hulot mit den anderen Feriengästen eines sonnigen, französischen Badeortes interagiert. Auf Dialoge verzichtet Tati dabei weitgehend und wenn sie doch vorkommen, werden sie meist durch Umgebungsgeräusche übertönt oder Tati blendet sie einfach im fertigen Film aus. Hulot kommt mit seinem Wagen in den Badeort. Das allein unterscheidet ihn noch nicht von den anderen Gästen, die auch mit dem Auto oder dem überfüllten Zug ankommen. Doch ist Hulots Fahrzeug sicherlich auch 1953 schon 30 Jahre alt. Es hustet, sprotzt und kracht und klappert die Straßen hinunter und das leiseste an ihm ist die Hupe, die nicht einmal einen dösenden Hund aus dem Weg vertreibt. Wenn sich dann der viel zu große Hulot Origami-artig aus dem winzigen Fahrzeug entfaltet, dann hält mit ihm liebenswürdiges Chaos Einzug in die heile Urlaubswelt.

Die 50er waren der Beginn des Massentourismus. Hier hat er noch nicht vollständig Einzug gehalten, hier ist es noch der Hotelchef persönlich, der beim Mittagessen aus der Leibesfülle des Gastes die Dicke der Bratenscheibe entscheidet. Und doch macht der Film klar, dies sind Kleinbürger, für die ein Urlaub durchaus etwas Besonderes ist. Daraus leitet Tati jedoch keineswegs einen elitären, herablassenden Blick ab. Tatsächlich lacht er sehr wenig über das Personal seines Films, er lacht und lässt uns Zuschauer vielmehr mit ihnen lachen. Am auffälligsten ist das vielleicht an der Figur des deutschen Feriengastes. Mit seinem dicken Bauch und noch dickeren Brillengläsern wirkt er wie eine Karikatur und wenn sein Name auch noch „Schmutz“ lautet, dann lässt das revanchistische Dresche für den 1953 keineswegs vergessenen Zweiten Weltkrieg befürchten. Was Tati dann aber mit dieser Figur tut ist erstaunlich. Er zeigt die Schattenseite des deutschen Wirtschaftswunders, wenn Schmutz andauernd geschäftlich am Telefon verlangt wird und daher nicht an Freizeitaktivitäten, wie einem Picknick, teilnehmen kann. Tatsächlich macht Schmutz als einziger Gast obsessiv Fotos, als wolle er seinen Urlaub vielleicht zu einem späteren Zeitpunkt, wenn er endlich einmal Zeit hat, nachgenießen. Damit fühlt er sich wie ein geradezu erschreckend modernes Element in diesem Film an.

Der Rest des Films besteht daraus, dass sich Hulot mit seinem Unverständnis gesellschaftlicher Gepflogenheiten, aber auch seiner Hilfsbereitschaft in bizarr-komische Situationen bringt. So ist es für ihn völlig klar, dass man einer Dame mit einem schweren Gepäckstück hilft. Für ihn heißt das dann aber auch einer Frau bei einer Wanderung (an der er nicht teilnehmen wollte) ihren Rucksack hinterher zu schleppen (und letztlich in einem Saufgelage zu landen). Oder er möchte einem Mann helfen seinen verpassten Bus zu erreichen und verfolgt den mit seiner alten Karre, mit dem Effekt, dass beide auf einer Beerdigung landen, wo Hulot sein mit Blättern verklebter Ersatzreifen als Trauerkranz abgenommen wird. Dazu kommen exakt inszenierte Slapstickszenen, etwa eine, in der Hulot ein Boot streicht und die Brandung seinen Farbeimer in wunderbar getimten Intervallen vor- und zurückbewegt.

Ich habe eine von Tati 1978 überarbeitete ca. 89 Minuten lange Version gesehen. Die ursprüngliche Fassung soll 114 Minuten gelaufen sein. Ohne diese zu kennen, behaupte ich die kürzere ist die bessere, denn aufgrund der fehlenden Zentralhandlung läuft der Film gegen Ende Gefahr die Aufmerksamkeit seiner Zuschauer zu verlieren. Selbst wenn er mit einem Knalleffekt endet, wenn Hulot versehentlich ein ganzes Feuerwerk abbrennt und sich selbst (und Tati tatsächlich) dabei die Nase versengt. Auch wirken manche soundtechnischen Entscheidungen verstörend, wenn eine Tür etwa mit einem erkennbar künstlichen Geräusch unterlegt wird, oder in einer Szene Charaktere erkennbar sprechen oder sogar rufen, jedoch nur die Umgebungsgeräusche zu hören sind. Das hatte allerdings 1953 sicherlich bereits die gleiche Wirkung und war von Tati exakt so gewollt.

In meiner Kindheit kannte ich Hulot nicht. Keine Ahnung, ob seine Filme nicht gezeigt wurden, oder ich sie einfach verpasst habe. Als Slapstick-Freund hätte ich sie zweifellos gemocht. Den Höhepunkt seines Erfolges erreichte Tati übrigens mit dem nächsten Hulot Film ‚Mon Oncle‘ (1957), der gar den Fremdsprachen-Oscar gewann. Doch als er für das Riesenprojekt ‚Tatis herrliche Zeiten‘ zehn Jahre später einen ganzen modernistischen Pariser Stadtteil bauen ließ, in dem sein Antiheld sich verirren konnte, verhob er sich, trotz herausragender Kritiken, in einer Weise finanziell von der er sich nie erholen sollte.

Hulot hat dennoch unauslöschliche Spuren in der europäischen Komik hinterlassen. Von Rowan Atkinsons britischem Sonderling „Mr. Bean“ etwa lässt sich eine schnurgerade genealogische Linie zu Hulot ziehen. Etwas schwieriger wird das bei Loriot, weil der erstens keinen einen, zentralen Charakter verkörpert hat und zweitens Dialoge immer ein wesentliches Element seines Humors waren. Doch war er auch dem körperlichen Humor nie ganz abgeneigt und viel davon bestand darin, dass seine schlacksig-langbeinigen Charaktere durch zu vollgeplüschte 70er Jahre-Wohnzimmer tölpelten. Sein Klassiker „das Bild hängt schief“ ist gar direkt von einer Szene aus ‚Die Ferien des M. Hulot‘ inspiriert (er hat sie aber nicht „geklaut“, wie man im Internet gerne liest). Und fast alle seine Charaktere verzweifelten an richtigen Umgangsformen und gesellschaftlichen Normen. Und richteten durch den Versuch das Richtige zu tun immer nur noch mehr Chaos an. Auch bei Monty Python lassen sich Hulot Einflüsse ausmachen (der „Ministry of Silly Walks“ Sketch etwa), doch vor allem bei John Cleese kommt, nicht zuletzt ob der ähnlichen Physis, oft ein ähnlicher Humor zum tragen (man könnte sagen ‚Fawlty Towers‘ ist eine weit bösartigere Version der ‚Ferien‘).

Und doch wusste keiner von ihnen die visuellen Stärken des Mediums Film auf so kreative Weise zu verwenden wie Tati. Chaplin und Keaton befanden sich zu ihrer Hochzeit in einem inoffiziellen Wettstreit, wer von ihnen mit den wenigsten Dialogkarten in seinen Stummfilmen auskäme. Hulot hätte ihnen vermutlich erklärt, dass sämtliche Dialoge überflüssiger Ballast sind. Aber Türenquietschen, das kann lustig sein!

‚Die Ferien des Monsieur Hulot‘ ist ein hervorragender Einstieg in das zu Unrecht ein wenig vergessene Werk Tatis. Wenn der einem nicht gefällt, dann kann man es dabei belassen. Wenn man ihn aber mag, dann gibt es eine überschaubare aber gelungene und definitiv einzigartige Filmografie, die einen noch erwartet.

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5 Gedanken zu “‚Die Ferien des Monsieur Hulot‘ (1953)

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