‚Searching‘ (2018)

Manchmal hat ein Film eine gute Idee, scheitert aber an deren Umsetzung. Genau das ist meiner Meinung nach bei dem Film ‚Unfriended‘ von 2014 der Fall. Eine Geschichte um Cyberbullying und dessen dramatische Folgen, die sich ausschließlich auf einer Computeroberfläche in Videotelefonie und Chats abspielt klingt faszinierend. Scheiterte dann aber an unerträglichen Charakteren und Slasher-Mumpitz so öde, dass sich Jason Voorhees ausgeloggt hätte. Das hat aber bei weitem nicht jeder so gesehen und so machte der Film mit einer knappen Million Dollar Budget über 68 Millionen Gewinn. Als Erstlingsregisseur Aneesh Chaganty und Ko-Autor Sev Ohanian einige Zeit später bei ‚Unfriended‘-Produzent Timur Bekmambetow mit einer Idee für einen Kurzfilm, der nur auf den Desktops verschiedener Geräte spielen sollte auf der Matte standen, wollte der ihn nicht finanzieren. Stattdessen sollten sie, basierend auf dem ‚Unfriended‘ Erfolg, gleich einen ganzen Spielfilm daraus machen. Und, um das schon einmal vorweg zu nehmen, Chaganty hat es geschafft zu zeigen, dass ein solcher Film kein reines Gimmick sein muss. Indem Ohanian und er ein Drehbuch verfassten mit einer Geschichte und Charakteren, die auch bei konventioneller Erzählweise funktionieren würden.

David Kim (John Cho) macht sich Sorgen. Seine 16jährige Tochter Margot (Michelle La), die er nach dem tragisch frühen Tod seiner Frau allein erzieht, ist nach einer abendlichen Lerngruppe nicht nach Hause gekommen. Als er die Polizei informiert, wird die fähige, engagierte Detective Vick (Debra Messing) auf den Fall angesetzt. Diese bittet David Margots Freunde anzurufen und, anhand ihres Laptops, auch ihre Social Media-Kontakte zu befragen, während sie in der „wirklichen Welt“ ermittelt. Bei seinen Nachforschungen merkt David bald, dass er seine Tochter nicht so gut kennt wie er dachte. In der Schule hat sie keine Freunde. Den Klavierunterricht hat sie vor einem halben Jahr beendet, aber weiterhin jede Woche die 100 Dollar dafür eingesteckt. Vick ist bald überzeugt, dass das Mädchen von zu Hause fortgelaufen ist. Doch wie passt das mit der Tatsache zusammen, dass sie in der Nacht ihres Verschwindens mehrfach versucht hat ihren schlafenden Vater anzurufen?

Mehr über die Handlung zu verraten wäre unfair, lebt der Thriller doch von der Entdeckung neuer Tatsachen. Auffällig dabei ist, dass er für die ersten zwei Drittel seiner Handlung dabei sehr bodenständig bleibt, vor allem die familiäre Vater-Tochter Beziehung in den Vordergrund stellt und zumindest mich damit sehr an den gelungenen aber unbekannten ‚Lake Mungo‘ erinnert hat (wenn auch ohne die Horror-Elemente). Im letzten Akt ergeht sich die Handlung dann in einer ganzen Reihe von Twists, die der Grenze zum Albernen teilweise bedenklich nahe kommen, für mich aber den Rest des gelungenen Films nicht wirklich beschädigen.

Es ist interessant, wie nachvollziehbar sich die Desktop-Darstellung anfühlt. Sicherlich, es ist etwas unglaubwürdig, wie oft David seine Webcam laufen lässt, doch sein Multitasking, etwa Detective Vick bei ihrem ersten Anruf direkt zu googeln, wirkt absolut intuitiv. Und ist eine gelungene Möglichkeit dem Zuschauer sehr schnell Hintergrund zu vermitteln, ohne diesen krampfig in die Dialoge einbauen zu müssen. David als Home Office-Arbeiter kennt sich dabei durchaus am PC und im Netz aus, weiß etwa wie er an die Passwörter seiner Tochter kommen kann, aber ist auch genau an den Stellen ahnungslos, wo ich das von einem Mittvierziger erwarten würde („Was ist ein Tumblr?“).

Der Zusammenbruch der Kommunikation zwischen Teenagern und ihren Eltern (hier noch verstärkt durch den Tod der Mutter) ist kein neues Thema für Film und sicher auch nicht für den Thriller, doch habe ich es bislang nicht so glaubhaft in die heutige Zeit geholt gesehen, wo die geheimen Gedanken der Tochter eben nicht mehr in einem versteckten Tagebuch gehütet,  sondern auf einer Streamingseite für jeden (außer dem Vater der davon nichts weiß) sichtbar sind. Dabei hält sich der Film mit dem Urteil über die moderne Online-Welt zurück. Er zeigt sie als quasi unentbehrlich, wenn er die Geschichte der Kims seit Margots Geburt anhand von Terminplanern, Emails und Videos nachzeichnet. Sie ist integrale Hilfe bei der Suche nach der Tochter, doch befeuern ihre negativen Seiten, zynische „Influencer“ und seelenloses Kommentariat, nach dem weiteren Bekanntwerden von Margots Verschwinden, durchaus die väterliche Paranoia.

Der Film wird sicherlich vor allem seiner Form wegen in Erinnerung bleiben. Allerdings lohnt es durchaus die schauspielerischen Leistungen zu erwähnen. Allen voran John Cho (am bekanntesten vielleicht als Sulu in den „Kelvin“-‚Star Trek‘ Filmen), der in seiner Rolle alles gibt, über die Form hinauswächst mit einer Leistung, die jede Behauptung der Film sei ein reines Gimmick von vornherein zum Schweigen bringen sollte. Er selbst hatte anfangs an der Machbarkeit des Films gezweifelt, ein Zweifel, den er in eine umso bessere Leistung gewandelt hat. Die relativ unbekannte Michelle La erfüllt die nicht unbedingt dankbare Aufgabe, ihre Margot innerhalb kurzer Videoschnipsel zu einem nachvollziehbaren, sympathischen aber dennoch mysteriösen Charakter zu machen erstaunlich gut. Etwas schwächer habe ich Debra Messing erlebt, die sich mit dem Schauspiel direkt in die Kamera nicht so recht wohlgefühlt zu haben scheint.

Diese Art von Film wird wohl eher nicht die Zukunft des Mediums sein, selbst ‚Searching‘ gibt seine strenge Form von „wir sehen was David auf seinem Gerät sieht“ zwischendurch auf, wenn wir Ausschnitte aus Live-Nachrichten sehen, in denen David selbst auftaucht. Aber nicht zuletzt weil ‚Searching‘ aus knapp 900.000 Dollar Budget über 75 Millionen Gewinn gemacht hat, werden wir wohl noch einige andere in dieser Form sehen. Ob ein veritables Genre daraus wird, a la Found Footage, das wird hingegen die Zukunft zeigen müssen. Sicher ist, dass diese Filme veralten werden, mit der Geschwindigkeit, mit der sich die Kommunikation im Internet ändert. Also nicht gerade langsam. Aber zu diesem Moment in der Zeit fühlt sich ‚Searching‘ wie ein äußerst gelungener, kontemporärer Thriller an.

 

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