‚Midsommar‘ (2019) – „So, are we just gonna ignore the bear then?“

Bei der Rezension von Ari Asters Erstlingsfilm ‚Hereditary‘ stand mir fraglos die eigene Erwartungshaltung im Wege. In meiner Besprechung finde ich fast ausschließlich positive Worte, komme aber zu keinem begeisterten Ergebnis. Das hat immerhin dafür gesorgt, dass ich an seinen nächsten Film, eben ‚Midsommar‘ mit einer angepassten Erwartungshaltung herangehe. Außerdem mag ich Folk Horror. Und Florence Pugh sowieso. So richtig viel kann also eigentlich nicht schiefgehen.

Die junge Doktorandin Dani (Pugh) ist in einer tiefen Krise, nachdem ihre bipolare Schwester sowohl sich selbst als auch ihre Eltern getötet hat. Ihr Kommilitone und Freund Christian (Jack Reynor) ist keine große Hilfe. Emotional distanziert und scheinbar mehr aus Pflichtbewusstsein mit Dani zusammen als aus echter Liebe. Sechs Monate nach den furchtbaren Ereignissen besuchen Dani und Christian, gemeinsam mit Christians Anthropologen-Kollegen Josh (William Jackson Harper), einem weiteren Freund, Mark (Will Poulter) auf Einladung ihres schwedischen Kommilitonen Pelle (Vilhelm Blomgren) dessen abgelegene Kommune in Schweden, um dort den neuntägigen Sommersonnenwende-Festlichkeiten beizuwohnen. Die amerikanischen Gäste (und weitere aus London) werden freundlich aufgenommen und die Teilnehmer geben bereitwillig Auskunft über die traditionellen Riten. Langsam aber sicher stellt sich jedoch heraus, dass wohl nicht alles so idyllisch ist wie es scheint.

In meiner Besprechung zu ‚Hereditary‘ habe ich vor allem die Unausweichlichkeit des Geschehens als Quelle des Schreckens ausgemacht. Das treibt Aster hier noch deutlich weiter. Er weiß, dass wir als Zuschauer wissen was es bedeutet, wenn eine Gruppe Fremder zu einem heidnischen Fest irgendwo so tief im Wald, dass es unmöglich zu finden ist, eingeladen wird. Zumindest in einem Horrorfilm. Und er hat keinen Grund uns dazu aufzufordern so zu tun als wüssten wir es nicht. Irgendwann gegen Mitte des Films, wird die Unausweichlichkeit der Situation auch im Film festgestellt und nicht weiter groß hinterfragt. Die Charaktere haben sowieso wenig Gelegenheit dazu. Nehmen sie doch schon vor der Ankunft bei den Festlichkeiten „Magic Mushrooms“ zu sich. Und auch während der Festlichkeiten werden ihnen mehrfach psychotrope Substanzen verabreicht. Zusammen mit der Tatsache, dass der Himmel niemals dunkel wird und beständigem Schlafmangel, in der gemeinsamen Schlafhalle schreit ununterbrochen ein Baby, wird so jedes Gefühl für Raum und Zeit ausgeschaltet.

Daher vermeidet Aster auch die meisten typischen Klischees eines Horrorfilms. Verfolgungen durch dunkle Gänge gibt es nicht, weil es nicht dunkel wird und keine Gänge gibt. Überhaupt ist er nicht unbedingt an der Ausführung von Gewalt interessiert, sondern an deren Nachwirkungen. Selten und plötzlich wird die idyllische Monotonie der schwedischen Waldlichtung von Bildern bizarrer Grausamkeit* unterbrochen, die genau dadurch eine weit höhere Wirkung erzielen.

Letztlich ist ‚Midommar‘ aber genau wie ‚Hereditary‘ ein Charakterdrama. Ein Charakterdrama, das durch die Linsen verschiedener Filmgenres beleuchtet wird. Im ersten Akt in New York (achtet übrigens mal darauf, wie sehr sich Setdesign zwischen New York und Schweden unterscheidet, Stichwort: Spiegel) stellt er unsere Hauptcharaktere mit all ihren Schwächen vor. Wirklich runde Charaktere werden dabei allerdings eigentlich nur Dani und Christian, Josh und Mark bleiben eher Karikaturen des neugierigen Wissenschaftlers und des Idioten. Und rückwirkend betrachtet dürfte jeder einzelne Satz von Pelle verdeckte Andeutung auf das Kommende sein. Wenn sie nach Schweden kommen beginnt die Betrachtung durch die Genre Linsen. Und zwar einerseits des Horrorfilms andererseits, ausgerechnet, des Märchens. Betrachtet man es als Horrorfilm geraten sie in die Fänge eines Kultes der gnadenlos bereit ist ihre jeweiligen Schwächen auszunutzen. Betrachtet man es als Märchen, dann werden ihre „Vergehen“ mit absurder Brutalität bestraft, eben genau jener absurden Brutalität die man im Märchen häufig findet (dank Disney wird gerne vergessen, dass etwa die böse Königin aus Schneewittchen am Ende gezwungen wird in glühenden Schuhen zu Tode zu tanzen). Andererseits wird „tugendhaftes“ Verhalten auch belohnt. Und so läuft ‚Midsommar‘, ähnlich wie ‚Hereditary‘ auf ein furchtbares Finale hinaus, dass Aster allerdings beinahe triumphal inszeniert. In dieser Absurdität und der ganzen Situation an sich, findet Aster immer wieder tiefschwarzen Humor, ein Element, das auch bei ‚Hereditary‘ bemerkbar war, hier aber deutlicher zu Tage tritt.

Hinter der Kamera steht auch diesmal wieder Pawel Pogorzelski, der hier einen der hellsten und idyllischsten „Horrorfilme“ überhaupt schafft. Meisterhaft gelingt es Aster und ihm, wie schon in ‚Hereditary‘ das Gefühl eines Nervenzusammenbruchs in Bilder zu fassen. Hier erweitert um die Wirkung psychotroper Substanzen, die die Welt mit noch mehr Leben als ihr ohnehin innewohnt zu erfüllen scheint. Fühlte sich die Szenerie in ‚Hereditary‘ oft gewollt wie ein Puppenhaus an, ist es hier ein quasi opernhaftes Gefühl, das sich einstellt, wobei Arien nicht gesungen, sondern wortlos gebrüllt werden. Entstanden ist der Film, weil die schwedische Produktionsfirma B-Reel bei Aster angefragt hat, ob er nicht einen Slasherfilm in Schweden drehen könnte. Irgendwie überrascht es mich nicht, dass dies dabei herauskommt, wenn man Aster nach einem Slasher fragt.

Die Inspiration ist hier noch deutlich eindeutiger auszumachen als bei ‚Hereditary‘ und der Film zitiert auch mehrfach bewusst direkt den ‚Wicker Man‘. Aber das ist eben einer dieser Prüfsteine des Genres und Aster dürfte völlig klar gewesen sein, dass der Film ohnehin diesem Vergleich nicht entgehen können würde. Weitere Inspirationen meine ich in ‚Wenn die Gondeln Trauer tragen‘ und ‚Rosemarys Baby‘ ausmachen zu können. Tatsächlich ist die Struktur auch ‚Hereditary‘ durchaus ähnlich. Eine Familientragödie als auslösendes Element, ein sinisterer Kult und eine Frau am Rande des Zusammenbruchs im Zentrum. Selbst ein Element wie das Zungenklicken aus ‚Hereditary‘ findet sich hier als tiefes Ausatmen wieder.

Wurde ‚Hereditary‘ von Toni Collettes Darstellung getragen, dann kann man dasselbe über ‚Midsommar‘ und Florence Pugh behaupten. Ganz die Höhen Collettes mag sie noch nicht erreichen, doch ist es beeindruckend, wenn auch inzwischen nicht mehr überraschend, was sie hier abliefert. Ein Moment früh im Film, wenn sich in ihrem ausdrucksstarken Gesicht ein aufgesetztes Lächeln von einem Moment auf den nächsten verfinstert, gehört zu den Momenten im Film, die mir in die Erinnerung gebrannt bleiben werden. Jack Reynor ist gut als jemand, der anfangs als überforderter Jedermann erscheint, sich dann jedoch sukzessive als unangenehmer Manipulator entpuppt. Und Will Poulter… okay, ich muss zugeben ich habe Schwierigkeiten in Poulter jemals jemand anderen als Lee Carter aus ‚Son of Rambow‘ zu sehen. Aber es ist ein wenig diese etwas einfältige Unschuld, die diesen Charakter ausmacht, von daher passte das hier. Was ich für gewöhnlich nicht erwähnen würde ist die Statisten-Regie. Hier ist sie aber wahnsinnig auffällig. Und ich vermute das ist gewollt. Die Personen im Hintergrund der Festlichkeiten führen oftmals robotisch eine Handlung aus, warten einige Sekunden und tun es nochmal. Bei Essszenen führen sie die Nahrung zum Mund ohne wirklich zu essen. Bei vielen anderen Filmen würde ich Unachtsamkeit vermuten, doch hier ist es wohl ein nicht so subtiler Hinweis, dass diese Festlichkeiten nicht unbedingt sind was sie scheinen.

Ich scheine in einer Minderheit zu sein, die ‚Midsommar‘ deutlich mehr als ‚Hereditary‘ mag. Ich kann die Kritikpunkte verstehen, ja Josh und Mark (und die Londoner) hätten etwas mehr Charakterisierung vertragen und den 2 ½ Stunden des Films wäre sicher Raum dafür gewesen. Zentral ist es aber Danis Märchen und Christians (vielleicht auch nicht gerade der Name mit dem man ein heidnisches Ritual besuchen sollte…) Horrorfilm. Oder umgekehrt. Der Film hat seine lange Laufzeit für mich fast wie im Flug vergehen lassen, was kein kleines Kompliment ist. Ja, ein wenig bin ich jetzt sogar an Asters dreistündigem Directors Cut interessiert. Aber mehr noch an was auch immer er als nächstes angeht. Skål!

 

*Aster hat ein Ding für Köpfe und ihre strukturelle Integrität (bzw. deren Mangel), oder?

7 Gedanken zu “‚Midsommar‘ (2019) – „So, are we just gonna ignore the bear then?“

  1. Ich schließe mich dir an, ich finde auch „Midsommar“ deutlich stärker als „Hereditary“, auch wenn der Film bis auf den Auftakt gemächlich erzählt wird, baut der eine nachhaltige Suspense auf und vermischt den Horror mit Märchen und Melodram. Ich fand ihn letztes Jahr in der Sneak großartig und freue mich ihn bald wieder zu sehen.
    Mein Kumpel, der mit mir in der Sneak war, war allerdings etwas verstört von dem Film.

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  2. Meiner erster Eindruck war: Etwas schlechter, aber interessanter als Hereditary. Aber der Film ist in meinem Kopf gewachsen und gewachsen und gewachsen. Habe ihn gestern zum dritten Mal gesehen (und ja, auch meine Partnerin war danach verstört^^) und muss sagen, dass er wirklich davon profitiert, wenn man all die Andeutungen und Symbolismen schon einordnen kann.

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  3. Pingback: Digitale Schauspieler, mal wieder | filmlichtung

  4. Puh… den fand ich schwierig. Ich weiß, dass Ecce und vor allem Christian wie jetzt auch du total auf den Film abfahren. „Midsommar“ hat auch durchaus seine Momente. Genau genommen fand ich die erste Stunde, vielleicht sogar 90 Minuten, richtig gut. Danach ging der „Spaß“ aber mit jeder Minute flöten. Das war übrigens bei „Hereditary“ auch schon so. Allerdings nicht so dramatisch.

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