‚Mid90s‘ (2018)

2017 bekam Greta Gerwig von der amerikanischen Produktionsfirma A24 die Chance ‚Lady Bird‘, ihren ersten Film in Alleinregie (nach früheren Kollaborationen mit Noah Baumbach) zu veröffentlichen. Ein Jahr später erhielt Jonah Hill dieselbe Chance mit ‚Mid90s‘. Und die Gemeinsamkeiten der Filme enden nicht damit, dass hier jemand ansonsten vor allem fürs Schauspiel bekannt hinter der Kamera platznimmt. Beide Filme sind Coming of Age Geschichten. Beide sind durch die Jugend ihrer Schöpfer inspiriert, aber gefiltert durch den Abstand des Erwachsenseins. In der Ausführung sind sie jedoch komplett unterschiedliche Werke.

Mitte der 90er wächst der 13jährige Stevie (Sunny Suljic) mit seiner alleinerziehenden Mutter (Katherine Waterston) und seinem brutalen, älteren Bruder Ian (Lucas Hedges) in einer der ärmeren Gegenden von L.A. auf. Der einsame Stevie beobachtet eines Tages eine Gruppe Skater, die um einen Skateshop herumhängen. Ihre Kameradschaft, ihre „Scheißegal“-Attitüde, kurzgesagt ihre Coolness beeindruckt Stevie. Er ertauscht sich ein Board von Ian und hängt ebenfalls im Laden ab. Alsbald wird er, unter dem Spitznamen Sunburn, in der Gruppe akzeptiert. Diese besteht aus dem jungen Ruben (Gio Galicia), der erkennbar glücklich ist nicht mehr „der Neue“ zu sein, Fourth Grade (Ryder McLaughlin), der nicht ganz helle ist, aber stets alles filmt, Fuckshit (Olan Prenatt), der einfach nur feiern und abhängen möchte und Ray (Na-kel Smith), der das Skaten gern zum Beruf machen würde. Die drei Letztgenannten sind 2 bis 3 Jahre älter als Stevie. Der Rest des Films beschäftigt sich mit der Dynamik dieser Gruppe, aber auch der Auswirkungen der neuen Freunde auf Stevie. Denn obwohl er neues Selbstbewusstsein gewinnt, haben Saufen, Rauchen, Kiffen und Parties für die er eigentlich noch zu jung ist auch eine selbstzerstörerische Wirkung.

Was man Hill ohne jegliche Umschweife zu Gute halten muss, ist wie hervorragend es ihm gelingt die subtilen (und unsubtilen) Hierarchien und Rivalitäten einer Gruppe Halbstarker einzufangen. Dabei bedient er sich auch durchaus kruder homophober oder sexistischer Sprache, wofür ihn manche Rezensionen kritisieren. Doch wenn seine Charaktere feststellen, dass sich zu bedanken „schwul“ sei und Mädchen grundsätzlich „Bitches“ sind, dann tun sie das nicht nur weil sie damals sicher so gesprochen hätten, sondern weil Hill etwas über die (Un-)Reife seiner Charaktere aussagt. Es lohnt sich durchaus darauf zu achten welcher Charakter wie spricht. Tatsächlich ist der Film immer genau dann am besten, wenn er seine Charaktere einfach herumhängen und reden lässt. Sei es, dass sie sich mit einem Wachmann streiten, mit einem Obdachlosen sprechen, oder Ruben und Sunburn spekulieren warum manche von ihnen Spitznamen haben, andere aber nicht. Auch einer der wesentlicheren Konflikte des Films, Rays Wunsch Profi zu werden und Fuckshits Bedürfnis Spaß zu haben, das so weit geht, dass er dafür bereit ist den Erfolg seines Freundes zu sabotieren, spielt zumeist auf dieser Ebene. Beinahe jedem Charakter merkt man an, dass deutlich mehr hinter ihm steckt als der Film uns hier präsentiert. Mit wenigen kurzen Szenen bekommen sie hier eine erstaunliche Tiefe verliehen.

Wenn der Film ins Dramatischere geht funktioniert er immer noch gut, fühlt sich aber gelegentlich, und leider gerade zum Ende hin, etwas danach an, als hätte jemand eingeworfen nun müsse aber auch mal „was passieren“. Einige Szenen bei und nach einer Party, die, ohne zu viel zu verraten, eine gewisse Verwandtschaft zu Larry Clarks ‚Kids‘ zeigen, sind hier deutlich einfühlsamer inszeniert und gleiten nicht in Clarks, zumindest für mich, oftmals schwer erträgliche Mischung aus Exploitation und erhobenem Zeigefinger ab.

Hill inszeniert das alles in äußerst nüchternen 4:3 Bildern. Und, dafür bin ich ihm sehr dankbar, er begibt sich nicht auf die Schiene der derzeit so beliebten „erinnert Ihr Euch noch an…“ Produkte. Tatsächlich ist der Film sogar fast vollständig unnostalgisch. In einem Interview distanziert sich Hill auch ganz bewusst von, wie er es nennt, „Nostalgia Porn“. Sicherlich kommen akkurate Mode und Musik aus den 90ern hier vor. Allerdings keine Musik aus den Top 10 Charts, sondern jede Menge 90er Hip Hop, Pixies oder Nirvana. Musik die Hill damals vermutlich gehört hat. Und die seine Charaktere auch hören. Oder die eben in einem Restaurant im Hintergrund gelaufen wäre. Dazu kommt ein nicht eben umfangreicher, aber effektiver Score von Trent Reznor und Atticus Finch. Dadurch fühlt sich das alles derart in den Hintergrund eingebacken, dass es quasi nicht mehr auffällt. Keine Aufmerksamkeit auf sich zieht. Zwischendurch kann man glatt vergessen, dass man einen aktuellen Film schaut, der in der Vergangenheit spielt und könnte fast annehmen, einen 25 Jahre alten Film entdeckt zu haben.

Sunny Suljic ist ideal besetzt in dem Film. Bei den Dreharbeiten muss er etwa 12-13 gewesen sein, wirkt aber eher noch jünger. Dabei wirkt er sehr offen und verletzlich, was auch schon Yorgos Lanthimos in ‚The Killing of a Sacred Deer‘ für sich zu nutzen wusste. Hier weckt er beim Zuschauer Beschützerinstinkte, Besorgnis aber liefert auch Momente ab, in denen man sich mit ihm freuen kann und bildet insgesamt sehr gut ab, was es heißt jung zu sein, wenn man gern älter wäre. Erwähnt sei auch Na-kel Smith, dessen Ray so etwas wie der „alte“ Weise der Gruppe ist. Sein Wunsch professioneller Skater zu werden, so unwahrscheinlich der auch ist, bringt zwangsläufig eine gewisse Vernunft mit sich, die zu einem Bruch mit seinem vermutlich besten Freund Fuckshit (und nein, man erfährt seinen eigentlichen Namen nie) führen wird. Gerade diesen Konflikt fängt Smith sehr gut ein.

‚Mid90s‘ ist ein gelungener Erstlingsfilm für Hill. Ich gebe zu, als Schauspieler begeistert er mich nicht besonders, aber auf seine nächste Regiearbeit wäre ich durchaus neugierig. In einer nüchternen, bodenständigen Inszenierung, stets auf Augenhöhe mit seinen Charakteren und daher nie verurteilend, zeigt er vor allem, dass er sehr gut darin ist einen „Rumhäng“-Film in Szene zu setzen. Und ehrlich gesagt können wir zwischen all den Special Effects Explosionen ein paar davon sehr gut gebrauchen.

Ein Gedanke zu “‚Mid90s‘ (2018)

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