‚Es geschah in einer Nacht‘ (1934) – „I still got my eye on the thumb…“

Es gibt Projekt, an die glaubt eigentlich niemand so wirklich. ‚Es geschah in einer Nacht‘ scheint einer dieser Fälle zu sein. Frank Capra, jener Handelsvertreter, der sich Anfang der 1920er ins Filmgeschäft gelogen hatte und nun als fähiger Handwerker und Komödienexperte galt, sollte ein Drehbuch von Robert Riskin umsetzen. Eines das alles mitbrachte, um zu einem Film unter hunderten zu werden, die alsbald vergessen würden. Unterhaltung für die bittere Zeit der Großen Depression der frühen 30er. Ein Film, in dem ein einfacher Mann einer verwöhnten Millionärstochter mal zeigt wo es langgeht. Perfekte Unterhaltung für notleidende Menschen, aber eher nichts was bleibt. Hauptdarsteller Clark Gable war überzeugt sein Studio MGM wolle ihn für sein aufsässiges Verhalten bestrafen, indem sie ihn für dieses Nichts an Columbia ausliehen. Und Hauptdarstellerin Claudette Colbert, ursprünglich von der Bühne, hatte ihre erste Filmerfahrung 1927 in einem Capra Film gewonnen. Eine Erfahrung, die sie so furchtbar fand, dass sie schwor nie wieder mit ihm zu arbeiten. Doch, nachdem Columbia ihre übliche Gage verdoppelt hatte und ihr zusagte, dass sie einen in vier Wochen geplanten Urlaub nicht verschieben müsse, willigte sie ein.

Man kann sich fragen, wann die Macher bemerkt haben, dass sie hier etwas Besonderes haben. Tatsache ist, dass Colbert und Gable ihre Dialoge am Set aufbesserten und umschrieben. Das ist nichts was man für ein Projekt tut, an das man nicht glaubt. Fakt ist auch, dass Capra es ihnen erlaubte, er muss also ihre gemeinsame Chemie früh erkannt haben. Und so begründete der Film nicht nur das Genre der Screwball Komödie, indem sich Mann und Frau quasi auf Augenhöhe in einem bissig-rhetorisch-hintergründigen Austausch befinden, sondern er wurde auch zum ersten von bis heute nur drei Filmen, der die Oscars in allen 5 wichtigsten Kategorien gewonnen hat. Gar nicht mal übel, für einen Film an den niemand geglaubt hat.

Colbert verkörpert Millionärstochter Ellie Andrews, die von ihrem Vater auf dessen Yacht quasi gefangen gehalten wird, während der ihre Heirat mit dem Piloten und Lebemann King Westley annullieren lässt. Doch Ellie springt über Bord und will sich auf eigene Faust von Miami nach New York zu Westley begeben. Währenddessen hat Zeitungsreporter Peter Warne (Gable) gerade seinen Job verloren. Im Greyhound-Bus erkennt er Ellie und schlägt ihr einen Deal vor. Er hilft ihr zu Westley zu kommen und den Privatdetektiven ihres Vaters auszuweichen, dafür bekommt er die Exklusivrechte an der Geschichte, um sich seinen alten Job zurückzuholen. Oh, und sollte sie dazu nein sagen, dann müsste er wohl ihren Vater über ihren Aufenthaltsort informieren. Kurz, ein Angebot, das sie schwer ablehnen kann, allerdings kann sie Warnes Hilfe auch gut gebrauchen. Natürlich werden beide auf der gemeinsamen Reise die Qualitäten des anderen erkennen.

Eine besonders starke zentrale Handlung hat der Film wirklich nicht, doch liegt Capras Stärke genau darin eine solch einfache Geschichte interessant zu erzählen. Tatsächlich funktioniert ihr Schwung weitgehend auch heute noch, bis vielleicht auf den dritten Akt, wenn jedem klar ist in welche Richtung es geht, der Film aber unbeirrt vorgibt das sei nicht so. Dafür wird man aber ganz am Ende mit einer sorgfältig aufgebauten Pointe belohnt, die gleichzeitig ein schönes Beispiel dafür ist, wie weit Filme in den 30ern gingen, um Sex anzudeuten ohne ihn je auch nur anzusprechen.

Doch wovon der Film wirklich lebt, ist die Chemie zwischen Colbert und Gable. Was eine einfache „Salz der Erde“ und „verwöhnte Göre“ Geschichte hätte werden können wird durch ihre Darstellung deutlich nuancierter. Das wird schon früh zu Anfang klar, wenn Gables aufbrausender Peter bei seinem Chef anruft und erfährt, dass er gefeuert ist. Umstanden von seinen Saufkumpanen lässt er es aussehen, als putze er gerade seinen Chef herunter und stolziert dann mit geschwellter Brust zum Bus, doch sein Gesicht ist das eines verzweifelten Mannes, dessen Leben soeben vollkommen aus der Bahn geraten ist. Ich werde jetzt sicher nicht behaupten das Frauenbild des Films sei nicht von Vorgestern (oder eher von vor 86 Jahren) und das zeigt sich immer wieder einmal, doch begegnen sich Ellie und Peter immer wieder auch auf Augenhöhe und zeigen Seiten, die ihrem Stereotyp überhaupt nicht entsprechen. Und genau das sind die Momente, wenn der Film am besten funktioniert. Schaut Euch ihr Hin- und Her in der folgenden Szene an, in der Peter Ellie zeigen will wie man richtig trampt. Und während ihr sie schaut, überlegt gleich mal, für welchen Cartooncharakter Peter eine wichtige Vorlage gewesen sein könnte.

Die Karotte war der entscheidende Hinweis. Animator Friz Freeleng behauptet in seinen Memoiren Bugs Bunny, der sechs Jahre später zum ersten Mal zu sehen war, sei durch Gable in diesem Film (Freelengs Lieblingsfilm) inspiriert. Dazu passt, dass sich Peter gegenüber einem anderen Mann, der Ellie erkannt hat, als Mafioso ausgibt und einen fiktiven Kompagnon namens „Bugs“ erfindet. Und die Karotten, natürlich.

Frank Capra wurde durch den Erfolg des Films zum bestbezahlten Regisseur Hollywoods, Claudette Colbert war glücklich, dass ihr komisches Talent entdeckt wurde und sie nicht mehr auf dramatische Rollen festgelegt war. Und Gable wurde definitiv nicht mehr von MGM „bestraft“.

Aus heutiger Sicht ist ‚Es geschah in einer Nacht‘ immer noch ein gelungener Film. Einer der seltenen Fälle, in dem der Humor auch neun Dekaden später in großen Teilen noch funktioniert. Grund dafür ist die Bodenständigkeit nicht nur der Darstellungen, sondern der gesamten Inszenierung.

2 Gedanken zu “‚Es geschah in einer Nacht‘ (1934) – „I still got my eye on the thumb…“

    • Nostalgie kann ich für mich ausschließen, habe ihn dieses Jahr zum ersten Mal gesehen.

      Es gelten natürlich dieselaben Bedingungen wie für jeden 30er Jahre Film, man muss sich schon drauf einlassen. Aber wenn du die verlinkte Szene lustig fandest, dann wirst Du vermutlich auch den Rest des Films mögen.

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