Ist der wirklich sooo schlecht? ‚Jupiter Ascending‘ (2015)

Mit ‚Jupiter Ascending‘ tauchen die Wachowskis nun ein zweites Mal in der „Ist der wirklich sooo schlecht?“-Reihe auf. Aber seien wir ehrlich, ‚Speed Racer‘ hatte dort nicht wirklich etwas zu suchen und war dort nur, weil er ein finanzieller Flop war. Ich habe eine Menge guten Willens für die Wachowskis. Nicht nur weil sie mit ‚Matrix‘ und eben ‚Speed Racer‘ zwei großartige Werke und mit ‚Cloud Atlas‘ eine erstaunlich gelungene Verfilmung eines quasi unverfilmbaren Buchs abgeliefert haben, sondern auch weil sie selbst in ihren Fehlschlägen, wie etwa den Matrix Sequels, immer originell waren. Nie genau das abgeliefert haben, was man erwarten würde. Und Originalität ist dieser Tage im Film, gerade im millionenschweren Blockbuster-Bereich, ein mangelndes und wertvolles Gut.

Ich hatte so eine stille Hoffnung, dass ich mit ‚Jupiter Ascending‘ einen zweiten ‚Speed Racer‘ entdecken würde. Einen Film, der schlicht deshalb durchgefallen ist, weil er dem Publikumsgeschmack seiner Zeit diametral zuwider lief. Das Wenige, was ich über den Film gehört hatte, ließ ihn mindestens nach einem Meisterwerk des „Camp“ klingen: Channing Tatum als Möter in Raketenschlittschuhen, Sean Bean als Bienenmann namens Stinger Apini (warum nicht gleich Sean Bienlein?). Und dann ist da noch Eddie Redmaynes schauspielerische Entscheidung seinen Charakter… so zu spielen. Doch dazu wird später mehr zu sagen sein. Nun gilt es leider bereits zu verraten, dass meine Hoffnung enttäuscht wurde und mein guter Willen auf eine doch recht harte Probe gestellt wurde. Doch lasst mich kurz die Story anreißen, soweit mir das möglich ist.

Jupiter Jones (Mila Kunis) wurde von ihrer russischen Mutter auf der Überfahrt in die USA geboren, wo sie nun ein „illegal alien“ ist und sich mit Putzjobs in Chicago über Wasser hält. Eine Sequenzierung ihrer Gene löst jedoch eine Reihe Alarme im Weltall aus. Denn Jupiter ist die „genetische Reinkarnation“ eines mächtigen Mitglieds der Abrasax-Familie (kein Tippfehler). Diese züchtet Menschen auf tausenden von Planeten, um diese „abzuernten“, so bald genug Bevölkerung vorhanden ist, um die Menschen zu… blauem „Leute-Saft“ zu verarbeiten, der ewig jung hält und das wertvollste Handelsgut des Universums darstellt. Die Erde steht kurz vor der Ernte und gehört Balem Abrasax (Eddie Redmayne). Doch laut des Erbes seiner Mutter fällt unter anderem die Erde zurück an sie, falls ihre genetische Information erneut auftaucht, was sie in Form von Jupiter nun getan hat. Daher will Balem sie beseitigen, bevor sie ihr Recht antreten kann. Doch auch seine Geschwister Titus (Douglas Booth) und Kalique (Tupence Middleton) haben ihre eigenen Pläne und schicken Söldner auf die Erde. Darunter auch Caine Wise (Tatum), halb Mensch halb Wolf, der Jupiter vor allerlei Mordanschlägen schützen muss.

Das ist die kürzest mögliche Kurzfassung. Denn bis Minuten vor Filmende tauchen noch neue Charaktere auf, die mehr Exposition über die Welt des Films preisgeben. Und das ist auch schon eines der größten Probleme des Films. Anstatt eine Welt zu etablieren und dann die Charaktere darin handeln zu lassen, bauen die Wachowskis weiter und weiter an ihrer Welt, sind dringend darauf aus jeden Punkt zu erklären, ob nötig oder nicht. Über diese beständigen Erklärungen vergisst der Film seine Charaktere gern einmal. Beide nicht Balem Abrasax (ich kann gar nicht sagen, wie sehr ich mein Hirn ausbremsen muss, um nicht automatisch Abraxas zu tippen) Geschwister haben ihre mächtig bösen Pläne, die beide dadurch vereitelt werden, dass Channing Tatum auf seinen Raketenschlittschuhen durch eine Wand kracht. Sekunden später sind beide vergessen und werden nie mehr erwähnt. Da werden vom CGI Team und praktischen Bühnenbildnern und sicher nicht zuletzt vom Kostümdesign visuell wirklich beeindruckende Welten geschaffen, die wir für ein paar Sekunden zu sehen bekommen und dann vergessen sollen, um vom nächsten Setpiece beeindruckt zu sein. Nichts bekommt den benötigten Raum zum Atmen. Alles ist voller Ideen, die hingeworfen und dann vergessen werden, während sich die mäßig interessanten Hauptcharaktere Exposition erzählen. Insofern zeigt der Film erstaunliche Ähnlichkeit zu ‚Valerian und die Stadt der tausend Planeten‘. Wobei ich mit dem noch mehr Spaß hatte.

Doch das ist eine ungewollte Ähnlichkeit, viel entscheidender sind die absolut gewollten Zitate. Da sind erst einmal die Selbstzitate der Wachowskis. Jupiter ist mit ihrem Leben und ihrem Platz in der Welt unzufrieden und ist sich sicher, da müsse es doch noch mehr geben. Dann stellt sich heraus, dass sie in einer Welt lebt, wo Menschen letztlich nur Nutztiere für eine andere Macht sind. Whoa, deja vu! Um mal wieder Neo aus ‚Matrix‘ zu zitieren. Und die Idee der genetischen Reinkarnation? Das die exakt gleichen Menschen zu anderen Zeiten wieder auftauchen? Ich denke ich brauche keinen ‚Cloud Atlas‘, um den Ort zu finden, wo ich das schon mal gehört habe. Neben dieser Selbstreferentialität lehnt sich der Film aber auch auf andere Werke. Optisch wie inhaltlich ist er eine fröhliche Mischung aus ‚Flash Gordon‘, ‚Dune‘, ‚Star Wars‘ und ‚Per Anhalter durch die Galaxis‘, hat aber leider von George Lucas auch sein taubes Ohr für Dialoge übernommen, anstatt sich hier bei Douglas Adams zu bedienen. Doch die merkwürdigste und direkteste Referenz ist die auf Terry Gilliams ‚Brazil‘. Plötzlich nimmt sich der Film rund zehn Minuten für eine humoristisch-satirische Bürokratiesequenz, in der Jupiter ihre Königlichkeit beweisen muss (Sean Bienleins Bienlein erkennen Königinnen natürlich sofort, Bienen können das wie jeder weiß, allerdings wird das wohl vor Gericht nicht anerkannt). Sie werden von A nach B und von da zu C und zurück nach A geschickt. Gefilmt in typischer Gilliam Ästhetik. Und am Ende dieser Sequenz sitzt der dann da höchstselbst als oberster Bürokrat mit allerlei Requisiten an den Kopf geklebt und absolviert einen mäßig motivierten Cameo-Auftritt. Dann geht es weiter im geplanten Programm und die ganze Sequenz wird, natürlich, sofort vergessen.

Der ganze Film ist voller Rattenmenschen, Drachenmenschen und was weiß ich Menschen. Nur dürfen die alle nix machen. Da ist ein Elefantenmann-Pilot, den man zum ersten Mal während einer dramatischen Flugsequenz sieht, wo er ein Benjamin Blümeskes TÖRÖÖÖ loslässt. Ich habe auf die einzig mögliche Art reagiert: mit lautem Lachen. Aus der dramatischen Situation war ich raus. Ich habe nix gegen Elefantenmenschen in SciFi Filmen. Im Gegenteil, das klingt sehr cool. Aber führt ihn ein, lasst ihn durch seinen Rüssel atmen, anstatt plötzlichem TÖRÖÖÖ.

Wie passen alle diese Filmstile und Referenzen zusammen? Kaum. Das ist ein weiteres der Probleme. Ein Problem, das sich auch darin äußert, dass die Darsteller sich alle in unterschiedlichen Filmen wähnen. Mila Kunis spielt es wie eine RomCom. Mila Kunis ist hier nicht gut. So gar nicht. Sie ist eine Nichtpräsenz durch den ganzen Film, was ein Problem ist, wenn sie unsere Protagonistin ist. Sie schlafwandelt von einer Falle zur nächsten, geleitet nur von stumpfer Überraschung. Dann fällt sie irgendwo runter und Tatums Caine fängt sie auf. Und deshalb glaube ich auch nicht, dass eine bessere Darstellung diesen Charakter hätte retten können. Sie ist die Louis Lane zu Tatums Superdog. Selbst etwas tun darf sie eigentlich erst ganz am Ende des Films. Und beschließt nichts zu tun. Dann fällt sie wo runter.
Channing Tatum hingegen wähnt sich in einem höchst ernsthaften Film und kommt damit noch am besten weg. Mit seinem blonden Goatee und Vulkanierohren sieht er zwar weniger wie ein Werwolf und mehr wie eine böse Spiegeluniversum-Version eines Channing Tatum Star Trek-Charakters aus, doch hat er genug Charisma um hier einen okayen Actionhelden zu geben. Sean Bien sieht in keiner Weise aus wie eine Biene. Buh! Frechheit! Aber er stirbt auch nicht… glaub ich. Er wird einfach vergessen, genau wie alle anderen Charaktere.

Uuund daaann iiist daaa… Eddiiie Redmaaayne. Der ist in seinem ganz eigenen Film. Vermutlich einem Film, der nie das Licht der Öffentlichkeit hätte sehen sollen. Er spielt jede Szene, als hätte sich Ming der Gnadenlose in die Robe gepullert und versucht nun dies zu überspielen, während es ihm warm das Bein herunter rinnt. Den Kopf leicht nach hinten gelegt scheint er jedes Wort sowohl zu hauchen als auch herauszupressen. Er wurde viel für diese merkwürdig theatralische Darstellung kritisiert und irgendwo verstehe ich warum, aber mein Gott, er ist das Unterhaltsamste am ganzen Film. Besonders in seinen Szenen mit Kunis. Seine Theatralik ist irgendwo bei 95, ihre bei etwa 3. Ja, spätestens hier fällt der Film in sich zusammen, wie das aufgeblähteste Soufflé aller Zeiten, aber es ist immerhin unterhaltsam.

Auch wenn ich versucht habe unterhaltsam zu sein, hat mir diesen Text zu schreiben kein großes Vergnügen bereitet. 2018 haben die Wachsowskis ihr Studio geschlossen und einen möglichen Rückzug aus dem Filmgeschäft verkündet. Es wäre tragisch, wenn sich zwei hochoriginelle Stimmen mit einem solchen selbstreferentiellen, aufgeblähten Nichts vom Kino verabschieden würden. Sicher, die technischen Aspekte sind durch die Bank gelungen, bis hin zu Michael Giacchinos Musik. Und doch wirft der Film ein Schlaglicht auf die größte erzählerische Schwäche der Wachowskis: dass sie Weltenbau und Exposition nur allzugern über die Handlung und Charaktere setzen. Beim ersten Matrix kamen sie damit durch, bei den anderen beiden nicht. Ich behaupte genau deswegen ist ‚Speed Racer‘ ihr bester Film. Dort gibt es nichts zu erklären. Autorennen von a nach b, wer zuerst da ist hat gewonnen. Cool. Und nun können wird 2 Stunden damit zu bringen brillante Visionen aus diesem einfachen Konzept herauszuholen. Aber ‚Jupiter Ascending‘ fühlt sich an, als hätte man versucht eine dieser Jugendbuch-Trilogien, der Marke „du bist was ganz besonderes, aber in einer dystopischen Zukunft“, die mal so en vogue in den 2010ern waren, in einen Film zwängen wollen. Ohne dabei irgendwas zu streichen. Das Ergebnis ist so vollgestopft, das nichts mehr Bedeutung haben kann.

Ich bin froh, dass es nun doch nicht das letzte Werk der Schwestern sein wird, Lilly schreibt Bücher für eine Serie, und Lana arbeitet bekanntlich am vierten ‚Matrix‘ Film. Für den habe ich zwar keine großen Hoffnungen, doch origineller als das hier muss er fast sein.

Also, „ist der wirklich sooo schlecht?“ Ja. Leider.

Aber vielleicht ist es doch eine ‚Speed Racer‘ Situation und ich erkenne nur nicht die Qualität des Films? Falls ja, dann lasst es mich bitte wissen!

 

PS: hier noch ein Trivia-Nachtrag, der mir ansonsten vermutlich keine Ruhe gelassen hätte. Jupiter Jones ist natürlich der originale Name von „Drei Fragezeichen“ Nummer 1 Justus Jonas. Sind die Wachowskis also Drei Fragezeichen/Three Investigators Fans? Nun, es gibt einen Charakter namens Titus, wie Jupiters/Justus‘ Onkel in der Serie heißt und der auch hier (auf deutlich kompliziertere Weise) mit Jupiter verwandt ist. Auch einen Nebencharakter namens Bob, der Bürokrat ist und damit im weitesten Sinne Recherchen und Archiv betreibt. Aber ich glaube ehrlich gesagt, das ist purer Zufall. Schließlich hätten sie ja ansonsten Peter übersehen und der ist das beste Fragezeichen.

11 Gedanken zu “Ist der wirklich sooo schlecht? ‚Jupiter Ascending‘ (2015)

  1. Ich muss ja sagen, dass ich den durchaus mochte. Und ich fand ihn auch nicht so schlecht wie die meisten. Klar sehr campy und trashy, doch dabei macht er (zumindest mir) recht viel Spaß. Gut ist er aber auch nicht, keine Frage.

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  2. Pingback: [NETigkeiten] #32: Ist der wirklich sooo schlecht? ‚Jupiter Ascending' (2015) — filmlichtung | Treffpunkt Phantastik

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