‚Die Farbe aus dem All‘ (2019)

Die Farbe aus dem All ist meine liebste Kurzgeschichte von H.P. Lovecraft. Ich war also ziemlich gespannt, als Regisseur Richard Stanley, dem Val Kilmers und Marlon Brandos monströse Egos beim Dreh von ‚DNA – Die Insel des Dr. Moreau‘ die Karriere zerschossen haben, nach fast 25 Jahren für sein Comeback zum narrativen Film eine Adaption des Stoffes gewählt hatte. Ich bin sehr froh sagen zu können, es ist die beste Lovecraft-Adaption seit dem wunderbar grotesken ‚From Beyond‘, hält sich jedoch weit näher an Lovecrafts Text. Und Nicolas Cage melkt ein Alpaka. Wer das auf Film gebannt sehen möchte, nun, der hat gar keine andere Wahl.

Familie Gardner zieht auf den abgelegenen Bauernhof, den Nathan (Cage) von seinem Vater geerbt hat. Während er sich als Alpaka-Farmer versucht, arbeitet seine Ehefrau Theresa (Joely Richardson) aus dem Homeoffice weiter als Fonds-Managerin, trotz ihrer Krebserkrankung. Teenager-Tochter Lavinia (Madeleine Arthur) versucht sich in Hexerei, vor allem aus dem hilflosen Versuch heraus, der Mutter zu helfen. Sohn Benny (Brendan Meyer) kifft derweil mit dem Althippie Ezra (Tommy Chong), der in einer nahen Hütte im Wald lebt. Der kleine Jack (Julian Hilliard) scheint der einzige, der mit dem Farm-Leben wirklich glücklich ist. Die Dinge nehmen eine merkwürdige Wende, als ein Meteor in den Garten der Gardners kracht. Seltsame Dinge geschehen mit Flora und Fauna, aber auch den Gardners selbst. Landvermesser und Hydrologe Ward Phillips (Elliot Knight) befürchtet etwas aus dem Meteorit ist ins Brunnenwasser geraten, doch niemand will ihm wirklich zuhören.

Der Film folgt im Groben der Geschichte Lovecrafts. Er verlegt sie aus den 1920ern in die Jetztzeit, verkürzt die Geschehnisse von Monaten auf Tage und lässt den Landvermesser zu einem handelnden Teil der Geschichte werden, anstatt zu demjenigen, der die Ereignisse aus zweiter Hand erfährt. Ich glaube, ich mag Lovecrafts ‚Die Farbe aus dem All‘ nicht nur weil er seinem Ziel, des nicht verstehbaren, kosmischen Horrors, der nicht unbedingt böse, sondern vor allem vollkommen fremd ist, hier näher als irgendwo anders kommt, sondern auch weil er hier, im Gegensatz zu vielen anderen Geschichte, das Menschliche mehr in den Mittelpunkt rückt. Und das tut Stanley ihm sehr gut nach. Horrorfans, die „schnell zur Sache“ kommen wollen, werden möglicherweise enttäuscht sein, denn Stanley räumt der Familie und ihren kleinen Konflikten anfangs sehr viel Raum ein.

Das zahlt sich allerdings mehr als aus, wenn der Meteor einschlägt und aus jedem kleinen Konflikt, jeder Frustration plötzlich ein Ausbruch unkontrolliertem Zorns wird. Stanleys ‚Die Farbe aus dem All‘ folgt der Idee etwa von Cronenbergs ‚Die Fliege‘ oder Kubricks ‚The Shining‘ von „Tragödie als Horror“, wo das Geschehen einerseits schrecklich, in seiner Schrecklichkeit aber auch von großer Tragik ist. Wie ‚Die Fliege‘ vermischt er das mit Elementen des Body-Horror, aber auch der Paranoia und Isolation eines ‚The Thing‘ (und ein Moment zitiert (vielleicht zu) direkt die berüchtigte Hundezwinger-Szene).

Kommen wir zum Offensichtlichen. Lovecraft ist schwer zu verfilmen, weil er oft genug postuliert, dass das Sehen seiner kosmischen Schrecken allein zum Wahnsinn führt. Das kann (zum Glück) natürlich nicht adäquat adaptiert werden. In der „Farbe“ kommt es so auch nicht vor. Allerdings bringt der Komet eine Farbe auf die Erde, die es bislang nicht gab. Und die sich alsbald in alle Flora der Gardner-Farm einschleicht. Für eine Verfilmung gibt es nun zwei Möglichkeiten: in schwarz weiß drehen, dann sieht man die Farbe nicht. Oder aber eine „Ersatz“-Farbe verwenden. Hier ist die Farbe aus dem All eben lila-magenta-pink. Und was soll ich sagen, es funktioniert. Die unnatürlich Farbe schleicht sich in alles ein und im dritten Akt erleben wir neondurchsuppte Alpträume. Außerdem setzt sich der Film damit in eine klar erkennbare Linie zu ‚From Beyond‘. Und das ist nun wahrlich nicht das Schlechteste. Es gibt nur ein Problem für den Film: Alex Garlands ‚Auslöschung‘ existiert. Der stellt zwar die Umsetzung eines anderen literarischen Werkes dar, doch sind die Ähnlichkeiten offensichtlich. Eben auch die bei der Umsetzung nicht nur der neongleißenden Farbe/Zone, sondern auch in der zurückgenommenen, elektronischen Musik. Im direkten Vergleich kommt Garlands Film bei mir etwas besser weg, doch steht Stanleys Film problemlos auf eigenen Füßen.

Thematisch lässt sich ziemlich aktuelle Problematik im Film erkennen. Die jüngere Generation der Kinder merkt recht bald nach dem Einschlag, dass irgendwas mit der Welt nicht mehr stimmt. Die Erwachsenen wollen es nicht wahrhaben, tun ihr Bestes es zu ignorieren, selbst als sich die Umgebung unübersehbar verändert, selbst als der Wissenschaftler wieder und wieder warnt. Stanley hat hier eine mikroskopische Version des Klimawandels skizziert, ohne ein einziges Mal den Zeigefinger zu erheben, oder gar mit dem Zaunpfahl zu winken.

Nicolas Cage ist inzwischen so etwas wie ein eigenes Genre. Oder wenigstens ein Effekt, den allerdings nur wenige Regisseure wirklich gut einsetzen können. Tatsächlich hat Cages Darstellung hier sowohl Elemente aus ‚Mandy‘ als auch ‚Mom & Dad‘. Anfangs überzeugt er als wirklich liebenswerter, leicht überforderter aber doch immer das Beste wollender Familienvater. Je mehr die Farbe dann die Kontrolle übernimmt, umso mehr kommen die Cage-Ausbrüche. Ja, die Ausraster, die man von ihm erwartet sind da. In einem von ihnen spricht er plötzlich wie Donald Trump, falls jemand wirklichen Horror möchte. Doch trotz allem, ist er am Ende als zerstörter, vor allem anderen tragischer Mensch zu sehen. Die zweite Hauptrolle hat Madeleine Arthurs Lavinia, über deren Schulter wir den Großteil des Schreckens sehen. Von Anfang an die Klarsichtigste was die Geschehnisse angeht, ist ihre Tragik, dass sie schließlich doch nie wirklich die Chance hatte zu entkommen.

Richard Stanley ist wieder da, und zeigt, wie man Lovecraft adaptiert. Der Film ist, wie der Autor, immer dann am besten, wenn er nur andeutet ohne direkt zu zeigen. Natürlich kommt der Film gerade im Finale nicht ums Zeigen herum, und muss den Schrecken daher auch etwas konkreter machen, als das in der Vorlage der Fall war. Insgesamt jedoch, ein gelungenes, wenn auch nicht perfektes Comeback. Und zwar eines, das mit einer ganzen Trilogie an Adaptionen einher geht. Als nächstes steht Das Grauen von Dunwich an. Und da die Farbe sowohl kritisch wie auch finanziell ein Erfolg war, dürften wir wohl die gesamte Trilogie zu sehen bekommen. Ich freue mich!

2 Gedanken zu “‚Die Farbe aus dem All‘ (2019)

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