‚Tomb Raider‘ (2018)

Videospiele sind in den letzten 2 Jahrzehnten mehr und mehr integraler Teil des Mainstreams und der Unterhaltungsindustrie geworden. Und doch würde ich behaupten, kein Videospielheld hat je wieder eine Durchdringung des Zeitgeistes geschafft, wie ‚Tomb Raider‘ Lara Croft in den späten 90ern. Die frühen Spiele mit ihr brachten erforschendes Herumhüpfen, Rätseln und Ballern auf recht elegante Weise zusammen, doch das allein erklärt den Erfolg der Figur nicht. Lara machte Werbung für alles, von der Automarke SEAT bis zur Zeitschrift Brigitte. Sie kloppte sich als Renderfigur mit den „Die Ärzte“ im Video zu „Männer sind Schweine“, ging als CGi-Filmchen mit U2 auf Tour. Sie zierte zahllose Zeitschriftencover und in Derby, Sitz der Firma Core, wo die Figur erfunden und die ersten Spiele entwickelt wurden, ist gar eine Straße nach ihr benannt. Kann selbst ein Mario das von sich behaupten? Anfang der 2000er kamen dann die unausweichlichen Filme. Mit Angelina Jolie hat man eine fähige Darstellerin an Bord gehabt, dennoch funktionieren beide Filme für mich überhaupt nicht. Hier wurde zum Problem, was bis dato den Erfolg der Figur ausmachte: das Lara als Charakter eine leere Leinwand war, auf die man von der Männerfantasie bis zur feministischen Ikone alles draufprojizieren konnte. Der Hype endete, die Spiele wurden in den 2000ern rebootet und noch einmal in den 2010ern. Das erste dieser neuen Reihe von 2013 liefert die grundlegende Story des neuen Films. Kein Wunder, erzählt es doch den 2010erigtsen aller 2010erigen Blockbuster-Plots: eine Origin-Story. Aber gelingt es ihm auch aus Lara Croft mehr als ein Symbol für was auch immer zu machen?

Die junge Lara Croft (Alicia Vikander) arbeitet als Fahrradkurierin in London. Sie könnte das Erbe des gigantischen Finanzimperiums ihres Vaters Richard (Dominic West) antreten, der vor sieben Jahren verschwunden ist. Doch dafür müsste sie anerkennen, dass er verstorben ist, was sie verweigert. Allerdings kommt sie auf die Spur wo er verschwunden ist: auf der Suche nach dem Grab von Himiko, der ersten Königin in Japan, die auf der Insel Yamatai beerdigt sein soll. Gemeinsam mit Lu Ren (Daniel Wu), dem Sohn des Kapitäns, der ihren Vater nach Yamatai gebracht hat, macht sie sich auf die Suche nach der Insel. Nach erfolgreichem Schiffbruch an deren Küste treffen sie auf Agenten der finsteren Organisation Trinity unter Mathias Vogel (Walton Goggins), dessen Auftraggeber sich finstere Kräfte aus dem Grabmal versprechen. Mit den Unterlagen ihres Vaters hat Lara Vogel nun genau das geliefert, was zur Entdeckung des Grabes noch fehlte. Für sie und Lu Ren entbrennt bald ein Kampf gegen Trinity und einige überraschende Entdeckungen erwarten sie.

Regisseur Roar Uthaug, der mit diesem Namen eigentlich Sänger einer Black Metal band sein müsste, war mir bislang nur von seinem Slasher ‚Cold Prey‘ bekannt. Der fühlte sich derart formelhaft an, dass er mir wenig mehr als ein Schulterzucken entlocken konnte. Auch ‚Tomb Raider‘ kann seine Vorbilder kaum verbergen. Von der Küste Yamatais aus, kann man vermutlich ohne Fernglas Skull Island erspähen, wenn auch die akromegale Fauna auf dem Schädeleiland bleibt. Größtes Vorbild sind, wenig überraschend, natürlich die ‚Indiana Jones‘-Filme. Die Dynamik von einem von diesen übernimmt der Film sogar recht direkt für seine zweite Hälfte. Und auch der Superheldenfilm trägt seinen unvermeidlichen Teil bei, wenn Lara sich bewusst wird, wer ihr Vater wirklich ist und was das für sie bedeutet.

Allerdings ist es zu einem guten Teil gerade die Figur der Lara, die den Film funktionieren lässt. Nicht zuletzt die Darstellung Alicia Vikanders „erdet“ die Figur. So seltsam das auch klingt, für eine junge Frau, die es mit Pfeil und Bogen bewaffnet mit einer Söldnergruppe aufnimmt, bevor sie ein halbmythologisches Grab voller Videospiel-hafter Fallen eröffnet. Laras Entwicklung von einer reagierenden zu einer agierenden Person ist der Leim, der den Film, gerade so, zusammenhält.

Apropos Videospiel-haft: eine wirklich interessante, ästhetische Entscheidung trifft der Film, indem er zahlreiche Actionsequenzen direkt an Videospiel-Herausforderungen erinnern lässt. Sei es das Lara blanke Wände erklimmt, wieder und wieder einhändig von Klippen baumelt, oder durch ein zerbrechendes Flugzeugwrack kraxelt, ich musste feststellen, dass ich geradezu instinktiv auf einen imaginären Controller einhämmerte. Das ist ehrlich gesagt nicht das Schlechteste, was eine Videospielverfilmung auslösen kann. Wohl nicht unbedingt um dem Videospiel näher zu kommen, aber doch schwer zu übersehen, waren gelegentliche, arge Schwächen im CGI. Darunter Totalaussetzer, wie man sie im modernen Blockbuster eigentlich kaum noch zu sehen bekommt.

Alicia Vikander habe ich ja bereits lobend erwähnt. Sie mag schauspielerisch hier etwas unterfordert sein, allerdings wird deutlich, dass sie sich ziemlich in diese Rolle reingehängt hat, nicht zuletzt durch körperliches Training. Doch gelingt es ihr die Wandlung von der normalen Frau in außergewöhnlicher Situation hin zu „Lara Croft: Tomb Raider“ glaubhaft zu vollziehen. So glaubhaft ein Charakter, der sich ein etwa 30 cm langes Metallschrappnell aus dem Torso zieht und kurz darauf eine Klippe erklimmt halt sein kann. Videospiele! Daniel Wus Figur des Lu Ren wird vom Film ein wenig verschwendet. Lara und Lu haben eine funktionierende Chemie, die sie zu einem unterhaltsamen Duo werden lässt, doch dann befreit Lu Trinitys Zwangsarbeiter auf der Insel und marschiert, von einem paar Szenen abgesehen, aus dem Film. Mathias Vogel scheint als Figur irgendwo zwischen Belloq und Col. Kurtz gedacht. Und funktioniert als beides nicht. Ich weiß nicht wie sehr ich das Walton Goggins vorwerfen kann, aber mehr als aus irren Augen in die Welt zu blicken und gelegentlich Superschurken-Kram zu murmeln, kommt da nicht rüber.

Wie eine zutiefst begeisterte Empfehlung liest sich das vermutlich nicht, soll es auch nicht sein. Zwei Stunden ist der Film lang, in denen er zu unterhalten, aber auch ordentlich zu langweilen weiß. Die Unterhaltung überwiegt zwar für mich, doch ob ich mich in sechs Monaten noch an den Film erinnern kann, darf immerhin bezweifelt werden. Für eine Videospielverfilmung spielt der Film aber fraglos in der oberen Liga. Ich weiß, ich weiß, mit schwachem Lob verdammt.

Immerhin, finanziell war der Film ähnlich erfolgreich wie der allererste ‚Tomb Raider‘. Was natürlich bedeutet, dass es eine Fortsetzung geben wird. Und der sehe ich mit einem lachenden und einem weinenden Auge entgegen. Denn schreiben wird sie Amy Jump und Regie führen wird Ben Wheatley. Konnten sich also auch die beiden den Verlockungen des Blockbusters nicht mehr entziehen. Aber wenn sie dürfen wie sie wollen, dann bin ich mir sicher, dass die beiden eine wirklich interessante Geschichte mit dieser Lara Croft zu erzählen wissen. Ja, wenn sie dürfen wie sie wollen…

4 Gedanken zu “‚Tomb Raider‘ (2018)

  1. Ich habe den recht ähnlich positiv gesehen. Also nicht überragend, aber doch unterhaltsam und mit toller Besetzung. Freue mich auf einen zweiten Teil. (Und muss mal wieder die alten Filme sehen, die bestimmt schrecklich gealtert sind…)

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    • Aus dem zweiten alten (was sagt es eigentlich über mich aus, dass ich Schwierigkeiten habe, Filme, die nach 2000 erschienen sind als „alt“ zu bezeichnen?) Film kann ich mich nur noch an den Moment erinnern, als sie einen Hai auf die Nase geboxt hat. Und dann dachte ich für ein paar Jahre, der Ausdruck „jumping the shark“ käme daher…

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