Here’s To You, Ennio Morricone

Am 6. Juli 2020 ist Ennio Morricone an den Folgen eines Oberschenkelhalsbruches, den er sich bei einem Sturz zugezogen hatte, gestorben. Er wurde 91 Jahre alt. Sein Werk, seine Bedeutung für die Filmmusik hier in einem einzigen Text auch nur anreißen zu wollen, ist zum Scheitern verurteilt. Für mehr als 500 Filme hat er den Soundtrack geschrieben, hunderte weitere nutzten seine Musik. Also bleibe ich bei einem kurzen Blick auf sein Leben und tue das einzig Vernünftige, nämlich seine Musik zu verlinken.

Am 10. November 1928 geboren, war klar, dass Ennio in die Fußstapfen seines Vaters treten und Konzerttrompeter werden würde. 1946 erhielt er sein Diplom als Trompeter. Er schloss allerdings ein weiteres Studium als Komponist an, das er 1954 erfolgreich beendete. Im selben Jahr heiratete er Maria Travia, mit der er bis 1966 vier Kinder bekommen würde. Ende der 50er wurde er zu einem bedeutenden Arrangeur des italienischen Schlagers. Als Ghostwriter schrieb er erste Filmkompositionen für etablierte Komponisten. 1961 schrieb er, als Dan Savio, seinen ersten „offiziellen“ Soundtrack. Als Familienvater besaß er oftmals nicht die finanzielle Freiheit so avantgarde zu sein, wie er es sich gewünscht hätte, lieferte meist einfach das, was von ihm verlangt wurde. Das würde sich grundlegend ändern, als er 1964 auf seinen alten Schulkameraden Sergio Leone traf.

Leone seinerseits war wohl überrascht in „Dan Savio“, der seinem Film ‚Für eine Handvoll Dollar‘ zugeteilt wurde, Morricone wiederzutreffen. Hier jedenfalls würde Morricone improvisieren müssen. Denn Geld für ein großes Orchester war nicht vorhanden und Leone wollte ohnehin einen originellen Sound. Vielerorts kann man lesen, dies sei der Moment, als die Filmmusik vom reinen Begleitwerk zum integralen Bestandteil des Films wurde. Diese These halte ich, etwa im Angesicht des Erfolgs von Musicalfilmen im Hollywood der 30er und 40er Jahre, für sehr schwer haltbar. Nein, Morricone tat hier etwas anderes. Mehr noch als Leone mit seinem Film das Aussehen des neuen Genre des Italowesterns prägte, prägte Morricone seinen Klang. Dafür vermischte er natürliche Laute, Pfeifen, Peitschenknallen, Pistolenschüsse mit dem Sound von E-Gitarren, etablierten Konzertinstrumenten und Chorgesang.

DAS ist der Sound, den wir in unserem inneren Ohr hören, wenn wir das Wort Italowestern lesen. Jeder folgende Film des Genres hatte drei Möglichkeiten: 1. Ennio Morricone für den Soundtrack anheuern 2. jemand anderen dranzusetzen, der versucht wie Morricone zu klingen oder 3. bewusst exakt anders als Morricone zu klingen. Jeder wollte Möglichkeit 1. Und so verfasste Morricone in den nächsten 10 Jahren eine gigantische Menge Soundtracks.

Als Beispiele seien hier das Stück L’Arena aus ‚Il Mercenario‘/‘Die gefürchteten Zwei‘

Vamos a Matar, Compañeros aus ‚Zwei Companeros‘, beide für Sergio Corbucci

und The Chase aus ‚Der Gehetzte der Sierra Madre‘ von Sergio Sollima erwähnt.

Morricones Western Soundtracks lassen einen einheitlichen Stil erkennen, waren jedoch stets perfekt auf die Bilder des jeweiligen Films abgestimmt und stehen für sich. Und bei Leones letztem großen Western, ‚Spiel mir das Lied vom Tod‘ war Morricones Musik bereits zur Regieanweisung geworden. Sie war vor dem Film fertig und wurde am Set zur jeweiligen Szene abgespielt. Die Darsteller konnten also gar nicht anders als auf die Musik zu reagieren. Und wie die Enthüllung von Schurke Frank zeigt, Morricone kann einen guten Film großartig und einen großartigen Film unsterblich machen. Die Szene hätte nicht die Hälfte ihrer Wirkkraft ohne seine Musik.

Morricone konnte sich nun die Filme aussuchen, für die er arbeiten wollte. Er nahm sich hochpolitischer Themen, wie Gillo Pontecorvos ‚Schlacht um Algier‘

oder dessen ‚Queimada‘ an.

In den 70ern ging seine Arbeit aber bereits auch über Italien hinaus und bis nach Hollywood, wo er etwa Terrence Malicks grandiosen ‚Days of Heaven‘ vertonte.

Regisseure, die zum ersten Mal mit ihm arbeiteten, waren oftmals verwundert. Er kam nicht zu ihnen, sie kamen zu ihm nach Rom. Und anstatt ihnen am Klavier vorzuspielen, ließ er sich Szenen beschreiben oder zeigen, sagte wenig und begann zu schreiben. Er war berühmt dafür quasi die gesamte Orchestrierung von Anfang an im Kopf zu haben. Und sollte es doch mal später passieren, dann fuhr er auch gern im Auto rechts ran und begann zu schreiben. Inspiration hielt er für Unsinn. Neugier, Studium und Fleiß sah er als wahres Geheimnis seines Erfolges an.

Eine Kollaboration, die sich Morricone immer gewünscht hatte, aus der aber nichts wurde, war mit Stanley Kubrick. Tatsächlich standen beide in Gesprächen für ‚A Clockwork Orange‘. Doch als Kubrick aus einem Telefongespräch erfuhr, dass Morricone parallel an einem anderen Film arbeiten würde, meldete er sich nie wieder bei ihm.

1982 trat John Carpenter auf ihn zu. Mit ‚Das Ding aus einer anderen Welt‘ war er in der seltenen Situation jemand anderen für den Soundtrack bezahlen zu können. Morricone war verwirrt, warum Carpenter es nicht dennoch selbst machen wollte. „Weil ich zu Ihrer Musik geheiratet habe.“ Antwortete der. Morricone legte ihm zwei Soundtrackkonzepte vor. Ein orchestrales und ein elektronisches, das quasi exakt wie Carpenters Musik klang. Letzteres hat er natürlich genommen. Es ist beachtlich, wie gut Morricone auch mit der ungewohnten, elektronischen Musik umgehen konnte. Sein Thema klingt wie eine, nicht ganz perfekte, Nachahmung eines menschlichen Herzschlages. (Und war 1983 für die Goldene Himbeere als schlechteste Musik nominiert, nur als Information für Leute, die glauben, die „Raspberries“ seien erst in den letzten Jahren zu totalem Schwachsinn verkommen)

Einen meiner liebsten Soundtracks schuf er allerdings 1986 für Roland Joffés ‚The Mission‘. Mehrfach hatte er bewiesen, dass er in seinen Soundtracks ein einzelnes Instrument herauszustellen weiß, sei es die Mundharmonika in ‚Spiel mir das Lied vom Tod‘, oder die Panflöte in ‚Es war einmal in Amerika‘. Hier nun ist es die Oboe. Eine solche dient im Film nämlich als wesentliches Werkzeug der Völkerverständigung. In den Händen eines weniger talentierten Komponisten hätte das sehr leicht peinlich werden können. Doch Morricone lässt es mit ‚Gabriels Oboe‘ glaubhaft erscheinen.

Damit wären wir bei einem anderen Thema, den Oscars. Die Beziehung zwischen Morricone und Hollywood war nicht unbedingt ganz einfach. Er weigerte sich dort hinzuziehen, und Hollywood verweigerte ihm lange Zeit den „Ritterschlag“ eines Oscars. Oh sicher, 2007 erhielt er den Oscar für sein Lebenswerk, jenen Entschuldigungspreis der Academy, auf dem genauso gut „Trostpreis“ stehen könnte. Fünf Mal war er bis dahin nominiert gewesen. Darunter auch für ‚The Mission‘, was der Soundtrack war, über den er später sagte, er hätte damit eigentlich gewinnen müssen. Schalkhaft sagte er ebenfalls, wenn es nach ihm ginge, müsste er eigentlich alle zwei Jahre einen Oscar bekommen. Und bekommen sollte er ihn noch. Quentin Tarantino wollte lange Zeit mit ihm arbeiten. Doch Zeit und Morricone fortgeschrittenes Alter machten dem immer wieder einen Strich durch die Rechnung, sodass Tarantino auf bestehende Kompositionen von Morricone zurückgreifen musste. Für ‚Django Unchained‘ schrieb er ihm allerdings ein Stück. Und für ‚Hateful Eight‘ arbeiteten sie endlich zusammen und Morricone erhielt seinen „echten“ Oscar. Man könnte erwarten Morricone, damals Mitte 80, würde sich auf seinen Lorbeeren ausruhen. Für seinen ersten Western seit dem Bud Spencer Film ‚Eine Faust geht nach Westen‘ von 1981 ein Best Of seiner Italowestern Soundtracks neu aufwärmen. Doch finden sich hier keine twängelnden Gitarren, kein Pfeifen. Die Musik ist orchestral und kühl, erinnert eher an seine Arbeit am Giallo-Film (die ich hier schmählich übergangen habe) und im Intro direkt an ‚Das Ding‘. Die perfekte Textur für Tarantinos paranoiden Thriller.

Schließen möchte ich mit einem Stück aus seiner politischen Ära. „Here’s To You“ stammt aus dem Film ‚Sacco und Vanzetti‘ über die italienstämmigen Nicola Sacco und Bartolomeo Vanzetti. Beide waren in den USA der 20er Jahre Anhänger der anarchistischen Arbeiterbewegung und wurden in New York, in einem unfairen Schauprozess, fälschlich eines Raubmordes schuldig gesprochen und hingerichtet. Beide wurden 1977 posthum rehabilitiert. Komponiert von Morricone mit einem Text von Joan Baez, basierend auf einer späten Aussage Vanzettis, beginnt das Stück als Trauermarsch und endet im Triumph.

Addio Maestro. Grazie per la Musica.

7 Gedanken zu “Here’s To You, Ennio Morricone

  1. Sehr schöner Text 😊
    Here’s to you haben wir damals im Musikunterricht durchgenommen und mit dem Schulorchester aufgeführt. Das fiel in die gleiche Zeit rein, in der mich Filme interessiert haben. Morricone hat mich also sehr früh geprägt und bis zum Schluss hat er fantastische Arbeit geleistet.
    Wie sein soundtrack zu Clockwork Orange wohl gewesen wäre? Aber die Anekdote ist halt typisch Kubrick. Ganz oder gar nicht 😅

    Gefällt 1 Person

  2. Pingback: Der Pokal ruft! Cinematic Death Cup – Apokalypse Film

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