‚Ghostbusters‘ (1984) – „Tell him about the Twinkie!“

Ich gebe zu, das Schreiben dieser Rezension hat mich ein wenig ratlos hinterlassen. Hintergründe und anderes habe ich für den ‚Ghostbusters‘-Monat ja schon recht großzügig auf andere Artikel verteilt. Und dass mir der Film gefällt, das macht vermutlich allein schon die Existenz des ‚Ghostbusters‘-Monats deutlich. Was also soll ich hier schreiben? Darauf hinweisen, dass der Film nicht nur brillante Dialoge, vorgetragen von wunderbar auf einander abgestimmten Charakteren hat, sondern auch Hintergrundgags, die man erst beim x-ten Anschauen entdeckt? Ich habe etwa bei der Sichtung für diesen Text das erste Mal gesehen, dass das Zimmermädchen im Sedgwick Hotel versucht ihren von den Geisterjägern übereifrig in Brand gesetzten Wagen mit ihrer Glasreinigersprühflasche zu löschen. Ich könnte erzählen, wie ich ihn das erste Mal auf einem winzigen Fernseher von einer abgenudelten VHS in den späten 80ern gesehen habe und wie er mich von der ersten Sekunde in der Bücherei gefangen genommen hat. Oder ich könnte ein wenig in die Interpretation einsteigen und die viel besprochene Frage, was eigentlich das Thema von ‚Ghostbusters‘ ist, betrachten. Machen wir das doch, oder? Zunächst einmal eine kleine Zusammenfassung, obwohl vermutlich fast jeder der das liest den Film kennt.

Die Wissenschaftler Dr. Ray Stantz (Dan Aykroyd) und Dr. Egon Spengler (Harold Ramis), sowie der irgendwo zwischen Wissenschaft und Hochstapelei pendelende Dr. Peter Venkman (Bill Murray) werden aufgrund ihrer unorthodoxen Forschung von ihrer Uni vor die Tür gesetzt. Zum Glück haben Ray und Egon gerade eine Möglichkeit gefunden geisterhafte Erscheinungen einzufangen und festzuhalten. Eine Begegnung in der New York Library hat zudem alle Zweifel der Wissenschaftler über die Existenz von Geistern ausgeräumt. Also, meint Peter, warum das Geisterjagen nicht professionell anbieten? Einen gigantischen Kredit (in Rays Namen) für den Kauf einer alten Feuerwache und das Anheuern von Janine Melnitz (Annie Potts) als Sekretärin später, fehlen bloß noch die Aufträge. Musikerin Dana Barett (Sigourney Weaver) ist zwar sicher, in ihrem Kühlschrank einen andersweltlichen Tempel und ein Wesen namens Zuul gesehen zu haben, allerdings ist Venkman eher an Dana als ihrem Problem interessiert. Der Durchbruch kommt, als die Ghostbusters publikumswirksam einen Geist im vornehmen Sedgwick Hotel fangen. Plötzlich können sie sich vor Aufträgen kaum retten und stellen Winston Zeddemore (Ernie Hudson) als vierte Hand an. Allerdings war Peters nachlässiger Umgang mit Danas Erlebnis ein Fehler. Sie und ihr Nachbar Louis Tully (Rick Moranis) sehen sich alsbald von Dienerkreaturen des Gottes Gozer besessen. Und spätestens als Walther Peck (William Atherton) von der Umweltbehörde die Anlage der Geisterjäger stilllegen will, weil er mit dem Betrieb mehrerer unlizenzierter Atomreaktoren in einem Wohngebiet nicht einverstanden ist, steht der Weltuntergang quasi direkt vor der Tür, während die Geisterjäger ins Gefängnis wandern.

Also, worum geht es in ‚Ghostbusters‘? Um vier Kerle, die Geister jagen und am Ende einen hethitischen Gott in Form eines gigantischen Markenmaskottchens besiegen, natürlich. Aber jetzt mal rein thematisch gesprochen. Und da wird es schwierig. Schauen wir uns die Charakterentwicklung an, dann stellen wir fest, es gibt quasi keine. Alle Charaktere treten vollentwickelt in den Film und verlassen ihn exakt wie sie hereingekommen sind. Typische Charakterbögen, von Kleinigkeiten, wie das Dana Peter am Ende lieber mag als am Anfang abgesehen, gibt es nicht. Es ist keine Heldengeschichte. Peter lernt keine Verantwortung zu übernehmen, Egon bleibt ein völlig verkopfter Stoiker, Ray ein kindlich-naives Genie. Höchstens bei Winston könnte man argumentieren, er wird von jemandem, der nur am Gehaltsscheck interessiert ist („If there is a steady paycheck in it, I believe everything you say!“) zu jemandem, der für seine neuen Freunde sein Leben riskiert.

Also helfen uns die Charaktere bei der Suche nach einem Thema wenig. Geisterjagen mit wissenschaftlichen Methoden. Hm. Geht es also um den Konflikt zwischen Glauben und Wissenschaft? Nö. Keiner der Geisterjäger hat ein Problem mit Glauben, im Gegenteil, sie geben sich sogar als ganz besonders glaubenswillig („We are ready to believe you!“). Winston macht aus seinem Glauben an Gott kein Geheimnis, selbst Peter scheint organisierter Religion gegenüber positiv eingestellt („Nobody steps on a church in my town!“). Das fällt als Thema also eher flach.

Ist es das in den 80ern so beliebte Thema „Slobs vs. Snobs“, in dem Leute aus der Unterschicht, den arroganten Schnöseln mal zeigen wo der Hammer hängt? Nicht wirklich. Peck/der Bürgermeister/der Manager des Sedgwick mögen ein Snobs sein, aber die Ghostbusters sind keine Slobs, drei von ihnen sind Akademiker und sie machen gutes Geld.

Ist der Film also doch die vielzitierte Ronald Reagan-Propaganda, die wissenschaftliche Arbeit als ziellose Geldverschwendung darstellt, die Regierung in Form der Umweltbehörde und des Bürgermeisters als kurzsichtige, letztlich nutzlose Institutionen, die den eigentlichen Problemlösern der freien Wirtschaft, sprich den Geisterjägern, nur im Weg stehen. Ein Hoch auf den freien Markt und die Flut, die alle Boote hebt. Regisseur Ivan Reitman macht kein Geheimnis daraus, dass er das genauso verstanden wissen will. Tja, diese Interpretation hat nur das kleine Problem, dass sie das zentrale Motiv der Geister direkt mal komplett außen vorlässt. Doof bei einem Film der ‚Ghostbusters‘ heißt. Finde ich jedenfalls.

In den letzten Jahren ist stattdessen zur allgemeinen Lesart geworden, dass es in ‚Ghostbusters‘ um „nichts“ gehe. Dass er einer dieser seltenen Filme ist, die sehr gut und sehr unterhaltsam sind, aber der kein definierbares zentrales Thema haben. Ich bin mir nicht sicher, ob ich bereit bin, das zu akzeptieren.  Was folgt ist meine Interpretation, die keinerlei Anspruch auf endgültige Korrektheit mitbringt. Sie stammt bloß von jemandem, der diesen Film viel zu oft gesehen hat.

Geld ist ohne Frage ein zentrales Thema des Films. Die ‚Ghostbusters‘ werden nur zu den ‚Ghostbusters‘, weil die Uni ihnen ihre Gelder streicht. Und wenn wir über Geld reden, dann wird Peter Venkman schnell zur zentralen Figur. Er ist es der Ray dazu bringt eine gigantische Hypothek auf sein Elternhaus aufzunehmen und nicht einmal über die Zinsen verhandelt. Er ist es der den grotesken Preis für die Geisterjagd im Sedgwick aushandelt (wobei Egon ihn mit Handzeichen höher und höher treibt). Er ist es auch, der mit den Angestellten umgeht. Janine beschwert sich, dass sie lange Wochen durchgearbeitet habe und nun endlich ihren versprochenen freien Tag möchte. Peter droht ihr unverhohlen mit Kündigung. Auch verlangt er sinnlose Arbeit von ihr, wenn nichts zu tun ist („Type something, will you? We pay you for this stuff!“). Der einzige Grund, warum wir Venkman mögen ist, dass er vom wandelnden Sympathiebonus Bill Murray verkörpert wird. Aus einem Nebensatz erfahren wir, dass Winston nicht einmal 1000 Dollar im Monat bekommt (11.500 pro Jahr) für einen Job bei dem er regelmäßig Gesundheit und Leben aufs Spiel setzt. Und von einer Firma, die für einen erfolgreich ausgeführten Auftrag Mondpreise verlangt („No job ist too big! No fee is too big!“). Ist das nicht schon fast ein bisschen zu zynisch für ein Hohelied auf diese Geschäftspolitik?

Wie passen nun die Geister in dieses Bild? Es ist erst der zweite Film, der tatsächlich ausformuliert was die Geister sind: Manifestationen negativer Emotionen. Doch ich denke, wir können diese These auch schon für diesen Film annehmen. Schließlich braucht selbst Gozer einen Moment menschlicher Kreativität um sich in der Welt manifestieren zu können („CHOOSE THE FORM OF THE DESTRUCTOR!“). Was sind dann die anderen Geister? Nun, es sind vor allem zwei, die wir sehen. Da ist zum einen der Bibliotheksgeist. Der Bibliotheksgeist hat auch im Tode nur einen Wunsch, dass die Leser endlich einmal ruhig sind, wie es sich in der Bibliothek gehört. Und dann ist da Slimer, aus dem Sedgwick. Der Alptraum eines jeden Hotelangestellten, ist er die Reinform des konsumierenden, verschmutzenden, zerstörenden, rundum rücksichtslosen Gastes. Kurz, die Geister sind die Manifestationen der Frustrationen typischer Angestellter, vermutlich ebenso schlecht bezahlter Angestellter wie die der Ghostbusters.

Die Beseitigung dieser ektoplasmatischen Manifestationen, die die jeweiligen Institutionen teuer bezahlen, wäre somit aber nur eine Beseitigung der Symptome, nicht der Probleme. Ja es wäre sogar gänzlich falsch, Geld in ihre Entfernung zu stecken, anstatt dieses Geld zu nutzen, um die Angestellten von vornherein besser zu behandeln. Andererseits wären die Ghostbusters an der Beseitigung des Problems gar nicht interessiert, denn ohne die Frustration gäbe es ja keine Geister und kein Geld mehr für sie zu verdienen.

Doch halt, einen entscheidenden Geist haben wir noch vergessen! Den Marshmallow Mann. Die endgültige Manifestation des Zerstörers. Und der ist eben genau keine Manifestation einer Frustration, sondern das „Unschuldigste“, woran Ray Stantz denken konnte. Mr. Stay Puft, ein kapitalistisches Markenmaskottchen, ist der ultimative Zerstörer…

Ich behaupte also, der Film ist unter dem oberflächlichen Mäntelchen typischer Reaganschen Business-Ideen der 80er eigentlich eine gar nicht so subtile und recht scharfe Satire auf sie, wenn man das zentrale Element der Geister in die Interpretation mit einbezieht. Wobei ich zugeben muss, dass mir eine halbwegs kritische Analyse eines Films, der seit derart langer Zeit direkt mit den Belohnungszentren meines Hirns verdrahtet ist, äußerst schwer fällt.

Egal wie man den Film nun interpretieren möchte, fraglos bleibt, dass er, in meinen Augen, eine kaum kaputtzukriegende Komödie ist, mit einem Thema, das auch für einen ernsteren Film gut funktionieren würde. Das Grundmodell eines Teams, deren Charaktere bereits ausgeformt sind und nun unterhaltsam miteinander agieren, ist sogar ein hochaktuelles. In der derzeitigen Beliebtheit der cinematischen Universen folgt früher oder später der Teamfilm (‚Avengers‘, ‚Justice League‘) und dort treffen dann automatisch fertig in ihren eigenen Filmen ausgeformte Charaktere aufeinander. Und dafür liefert Ghostbusters ein annähernd ideales, wenn auch in meinen Augen selten erreichtes  Modell. Was interessant ist, wurde doch schon von kontemporären Kritikern in ‚Ghostbusters‘ eine Art Superheldenfilm gesehen.

Natürlich könnte man ‚Ghostbsuters‘ auch durch die Linse des New York Filmes betrachten, oder als kosmischen Horror (dazu demnächst mehr), oder einen von zahllosen anderen Ansätzen wählen, denn ob es nun ein zentrales Thema hat oder nicht, dass Drehbuch hat mehr Schichten als der durchschnittliche Zwiebelgeist.

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