‚Ghostbusters‘ (2016) – „Mike Hat“

Hinweis: alles Folgende bezieht sich auf die Extended Edition des Films. Die Kinofassung ist mir nicht bekannt. Das ist übrigens das erste Mal, dass der gepostete Trailer oben auf Youtube mehr als 1 Million Dislikes hat…

Es ist eine grundsätzlich schwierige Aufgabe, ein beliebtes Franchise Jahrzehnte später „rebooten“ zu müssen. Eine Aufgabe, die keineswegs dadurch einfacher wird, dass im Internet ein gigantischer Shitstorm allein durch die Ankündigung losgetreten wurde. Finanziell ist es dem Reboot nicht gelungen. Und die Kritik reichte letztlich von schlecht bis „Tja… okay?“. Ich selbst habe den Film erst Jahre nach Release gesehen. Und war ganz positiv überrascht. Der Film war besser als ich erwartet hatte, sicher nicht großartig, aber unterhaltsam. Doch was ist bei der zweiten Sichtung für diesen Artikel passiert, mit diesmal deutlich höherer Erwartungshaltung? Kann der Film sein halbwegs positives Bild bestätigen, oder muss ich ihn doch verreißen? Finden wir es raus.

Dr. Erin Gilbert (Kristen Wiig) ist sauer. Gerade sollte sie von ihrer Uni eine Anstellung auf Lebenszeit bekommen, als eine alte Jugendsünde wieder auftaucht. Abby Yates (Melissa McCarthy) hat ein altes Buch wiederöffentlich, das beide als Studentinnen geschrieben haben und, dass sich mit paranormalen Studien, vor allem der Existenz von Geistern beschäftigt. Die Unileitung ist nicht begeistert und Erin versucht ihre ehemalige Freundin davon zu überzeugen, dass Buch vom Markt zu nehmen. Die steckt jedoch, gemeinsam mit der Ingenieurin Gillian Holtzman (Kate McKinnon) tiefer in der Geisterforschung denn je. So wird Erin schnell auf eine Geisterjagd mitgenommen und ein Youtube-Video, auf dem ein Geist Erin vollschleimt später, sind alle drei ihre akademischen Jobs los. Doch wenn sie die Existenz von Geistern beweisen könnten, wären sie rehabilitiert. Da kommt der Hilferuf von der U-Bahn Angestellten Patty Tolan (Leslie Jones), sie habe in einem Tunnel einen Geist gesehen, gerade recht. Bald schließt auch sie sich den ‚Gostbusters‘ an, die feststellen müssen, dass man nicht nur in der Politik um die Existenz des Paranormalen weiß und fest die Hand drauf halten möchte, sondern, dass irgendjemand offenbar auch gezielt Geister in unsere Welt zu holen scheint.

Ich will mich mit der technischen Seite des Films nicht lange aufhalten, um mich vor allem am Drehbuch abzuarbeiten. Es sei aber erwähnt, dass ich das Produktionsdesign wiederum hervorragend fand, mit deutlichen Rückbezügen, aber doch absolut eigen. Insbesondere die neonleuchtenden Geister haben mir sehr gut gefallen. Was die Spielerei soll, dass Geister und Protonenstrahlen in die schwarzen Balken des Bildes hineinreichen, habe ich hingegen nicht kapiert. Wirklich etwas anstellen tut der Film damit nicht. Das große CGI-Finale verliert mich ziemlich, aber das geht mir in kaum einem Marvel-Film anders. Kann also auch eher an mir als am Film liegen. Wobei Paul Feig sicher kein begnadeter Action-Regisseur ist. Der Fairness halber: das ist Reitman aber auch nicht. Der Schnitt ist auffällig schlecht. Kleine und große Anschlussfehler lassen erkennen, dass nicht genug „Coverage“ gefilmt wurde (mehr dazu mal wieder demnächst). Oder Cutter Brent White, der normalerweise an Judd Apatow „Mumblecore“ Filmen arbeitet ist es gewohnt hunderte Stunden an improvisiertem Material vorgesetzt zu bekommen, die er hier nicht hatte.

Fangen wir mit dem größten Lob an, das ich dem Buch geben kann: anstatt weibliche Versionen der alten Geisterjäger zu schreiben, haben Katie Dippold und Paul Feig komplett eigene Charaktere geschrieben. Leider fehlt immer wieder der Mut viel damit anzufangen. Erin Gilbert ist jemand, die am Anfang keine Geisterjägerin sein möchte. Aber da macht der Film nicht viel draus, nach zwanzig Minuten ist sie ähnlich motiviert wie die anderen. Schade, das wäre ein interessantes Konfliktfeld gewesen. Die Einführung von Patty Tolan hat mich zunächst geärgert, dann positiv überrascht und dann doch enttäuscht. Da sind wir, mehr als dreißig Jahre nach dem ersten Film und halten am Konzept, dass die drei Wissenschaftlerinnen weiß sind und dass die gewerbliche Arbeitskraft schwarz ist fest. Wie progressiv… Allerdings ist Patty autodidaktisch in der Geschichte New Yorks hochgebildet, etwas, was sie den drei anderen voraus hat. Cool! Der einzige Nutzen der draus gezogen wird ist, dass sie fünf Stichpunkte zu einem Ort aufzählen darf, die die anderen mit ein paar Minuten Recherche auch herausgefunden hätten. Eh. Positiv überrascht hat mich, dass das in vielerlei Besprechungen kritisierte Improvisieren vor der Kamera bei weitem nicht so oft vorkam, wie ich befürchtet hatte. Die „schlimmste“ Szene in dieser Hinsicht ist, wenn sich Erin mit ihrem Exfreund trifft und immer wieder zu Patty und Abby geschnitten wird, die ihre „cleveren“ Beobachtungen von sich geben. Ich bin sicher, das war am Set sehr komisch, doch ohne filmische Konstruktion um die Gags herum verpufft es auf dem Bildschirm vollends.

Andererseits landet auch kaum ein geskripteter Dialog für mich so satt, wie es ein Großteil der Dialoge im Original und die besten des zweiten Films taten. Tatsächlich hatte ich Schwierigkeiten ein Zitat für die Überschrift zu finden. Das gewählte stammt aus dem Vorstellungsgespräch von Vorzimmermann Kevin. Chris Hemsworth funktioniert ganz großartig in der Rolle des extrem doofen Sekretärs und hat erkennbaren Spaß an der Sache. Würde mich wundern, wenn der Film nicht dafür verantwortlich wäre, dass man bei ‚Thor‘ kräftig an der Humorstellschraube gedreht hat. Das ist überhaupt die große Stärke des Films: die Darsteller und ihre Charaktere. Man merkt den Beteiligten hier eine Spielfreude an, wie man sie seit dem ersten ‚Ghostbusters‘ Film nicht mehr gesehen hat.

Jedenfalls den Hauptdarstellerinnen. Widersacher Rowan, der die Geister in die Welt holt ist… weder gut geschrieben noch sonderlich gut gespielt. Rowan ist Hausmeister eines Hotels, sieht sich selbst als Genie, das von der ganzen Welt, insbesondere von Frauen, fälschlich verachtet wird. „Incel“ nennt man das wohl heute. Für einen spannenden Charakter sorgt das nicht. Neil Caseys zurückgenommenes Spiel mit rotgeränderten Augen ist auch von jeglicher Komik weit entfernt. Seine letztliche Transformation ist eine hübsche Anspielung an den Vorspann der alten Zeichentrickserie, das ist aber auch alles.

Wo ich gerade über Anspielungen rede: hätte ich irgendwas zu sagen gehabt, wäre jeder einzelne Cameoauftritt aus dem Film geflogen (außer Ozzy, vielleicht). Die Auftritte der alten Darsteller tragen nichts zur Handlung bei und sind, größte Sünde, nicht mal komisch. Der von Murray ist der längste, daher auch der anstrengendste. Sein ironischer Skeptiker, der an den Geisterjägern zweifelt, wird schließlich aus dem Fenster geworfen. Das hätte man gleich mit dem gesamten gelangweilten Auftritt tun sollen. Annie Potts als Hotelempfangsdame die unfreundlich „What do ya want?“ fragt, wie Janine damals? Wozu (vor allem wenn man exakt denselben Gag nochmal mit Kevin macht!!)? Dan Aykroyd als Taxifahrer, der „I ain’t afraid of no ghost!“ sagt. Ernie Hudson wurde in die letzte Minute des Films gequetscht und Sigourney Weaver landet gar im Abspann. Da hätten vielleicht alle Cameos, wenn sie denn sein müssen, hingehört. Am besten kommen Harold Ramis als Büste und Ivan Reitman als Passant im Hintergrund weg. Warum hat man mit dem Film nicht etwas wirklich Neues gemacht? Warum ankert man sich auf diese Weise sinnlos am Alten fest? Fans der früheren Filme sind eh nicht zufrieden damit, weil sie wenn dann die alten Rollen sehen wollen (oder eben in meinem Fall gar nix) und jemand der heute 10 ist und den Film sieht, fragt sich doch nur, was diese Szenen mit den alten Leuten da sollen.

Ich denke es ist deutlich geworden: dem Drehbuch hätte eine weitere Überarbeitung dringend gut getan. Warum übrigens nicht durch Kristen Wiig, die war erstens ohnehin schon da und hat zweitens Feigs vielgelobten ‚Brautalarm‘ geschrieben. Sollte mich wundern, wenn sie nicht ein paar Tipps hätte geben können.

Und dennoch, ich hatte auch beim erneuten Ansehen im Großen und Ganzen meinen Spaß mit dem Film. Das liegt insbesondere an den Hauptcharakteren und ihren Darstellerinnen. Von daher würde ich mir schon eine Fortsetzung wünschen, mit denselben Charakteren, aber einem besseren und eigenständigeren Buch. Wie gesagt, strampelt sich der Film bei den Charakteren zwar frei, in der groben Handlung folgt er aber durchaus der Vorlage. Jemand will etwas Schreckliches auf die Erde bringen und die Geisterjäger müssen es verhindern. Ob diese Befreiung aber einer Fortsetzung gelungen wäre? Eine Post-Credit Szene, die den Film noch mehr im Alten verankert, lässt mich das bezweifeln.

Habe ich auch hier wieder die Fanboy-Brille auf, wie schon bei ‚Ghostbusters II‘? Bin ich einfach schon zufrieden, wenn mir ein neues, halbwegs gelungenes Geisterjäger-Abenteuer vorgesetzt wird? Vielleicht, ausschließen kann ich das nicht. Ich jedenfalls sehe ‚Ghostbusters II‘ und das Reboot gleichauf, allerdings beide weit hinter dem Original, das so bald auch nix einholen wird. ‚GBII‘ ist in einigen Szenen viel stärker, das Reboot funktioniert über die gesamte Laufzeit besser. Eine dicke Empfehlung ist es nicht, aber wenn Euch vor allem der Shitstorm abgeschreckt hat, dann gebt dem Film ruhig eine Chance.

2 Gedanken zu “‚Ghostbusters‘ (2016) – „Mike Hat“

  1. Ich bin hier ganz bei dir: Insgesamt kein überragend guter Film (Drehbuch), aber weit weg von der Katastrophe, als die er oft verschrien wird. Ich hatte auch meinen Spaß damit, aber er wird halt nie irgendeine Bedeutung für die Popkultur erlangen.

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  2. „rebooten“ zu müssen??? Die hätten komplett die finger davon lassen sollen. Weibliche Ghostbuster gehen nun mal gar nicht – und noch weniger Kinder, wenn ich das noch richtig in erinnerung habe für den nächsten Film… *würg*

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