‚The Lodge‘ (2019)

Nachdem die Österreicher Veronika Franz und Severin Fiala mit ‚Ich seh, ich seh‘ 2014 einen wirklich erschreckenden Horrorfilm abgeliefert haben, der auch ein internationaler Erfolg wurde, wurde ihre nächste Langfilmregie nun direkt zu einer internationalen Produktion. Das US-Studio FilmNation und die wiedergeborenen, britischen Hammer-Studios stecken hinter der Produktion. Anders als bei ‚Ich seh, ich seh‘ zeichnen die beiden allerdings nicht für das Drehbuch verantwortlich, dies stammt vom Schotten Sergio Casci und lag bereits bei Hammer bereit. Allerdings machen gewisse thematische Ähnlichkeiten deutlich, warum man es an Franz und Fiala übergeben hat.

Nachdem die Scheidung ihrer Eltern einen tragischen Ausgang genommen hat, sind Teenager Aidan (Jaeden Martell) und seine jüngere Schwester Mia (Lia McHugh) alles andere als begeistert von der Idee, dass ihr Vater Richard (Richard Armitage) kurze Zeit später wieder heiraten möchte. Sie lehnen ihre zukünftige Stiefmutter Grace (Riley Keough) nicht nur deswegen ab, weil sie ihr indirekt die Schuld am Schicksal ihrer Mutter geben, sondern auch wegen der merkwürdigen Art, wie Richard sie getroffen hat. Grace war vor Jahren die einzige Überlebende des Massenselbstmordes einer fanatisch-christlichen Sekte, die ihr Vater führte. Richard lernte sie bei Recherchen für ein Buch über diesen Vorfall kennen. Nun hat er eine brillante(???!) Idee, wie man das Verhältnis zwischen Kindern und Grace klären könnte. Die Woche vor Weihnachten soll in einem abgelegenen Ferienhaus verbracht werden. Er selbst müsste aus Arbeitsgründen zurück in die Stadt und so könnten sich Grace und die Kinder mal richtig kennenlernen. Das läuft exakt so schlecht wie das jeder (außer Richard) erwarten würde. Und als die Kinder gerade ein wenig auftauen, beginnen seltsame Ereignisse die Nerven der Urlauber, die sich plötzlich von einem Schneesturm eingeschlossen sehen, extrem zu belasten.

Im Gegensatz zu ‚Ich seh, ich seh‘ bedient sich ‚The Lodge‘ bei bekannten Horror-Tropen. Die Idee von Menschen, die einander weder vertrauen noch mögen und an einem einsamen Ort, gerne auch im Schnee, eingesperrt sind, ist wahrlich nichts Neues. Das wissen die Macher auch und lassen die Charaktere mit einem dicken Zwinkern im Auge John Carpenters ‚The Thing‘ im Fernsehen schauen. Manche filmische Verwandtschaften sind mir dann aber doch zu deutlich. Etwa, wenn Mias Puppenhaus gewisse Dinge vorwegnimmt, dann erinnert das allzu frappierend an ‚Hereditary‘s  Dioramen. Selbst die Eröffnung ist da sehr ähnlich.

Wenn ich ganz ehrlich bin, ist das Buch auch die größte Schwäche des Films. Mir war jedenfalls relativ schnell klar, was hinter den Ereignissen steckte und das obwohl ich eher nicht der Beste darin bin, so etwas zu entschlüsseln. In den Händen einer schwächeren Regie, hätte hier durchaus „Horror von der Stange“ herumkommen können.

Allerdings sind Franz und Fiala durchaus Könner ihres Fachs, zum anderen arbeiten sie hier mit Yorgos Lanthimos häufigem Kameramann Thimios Bakatatis zusammen. Und der passt nicht nur zu den beiden wie die visuelle Faust aufs visuelle Hühnerauge, er hat auch spätestens in ‚Dogtooth‘ bewiesen, dass er aus einem abgeschlossenen Raum filmisch wahrlich alles herauszuholen weiß. Auch hier filmt er das, in Wirklichkeit vermutlich sehr überschaubare, Ferienhaus auf eine Weise, dass einem als Zuschauer nie wirklich der Grundriss klar wird, es einem Labyrinth voller finsterer Ecken und blinder Treppen gleicht. Dadurch, dass er nie aus der Augenhöhe der Charaktere filmt erhält der Film zum einen etwas distanziert Beobachtendes (ist „lanthimosisch“ ein Wort?), gleichzeitig trägt es auch zur Desorientierung bei. Auch gelingt es ihm die Kälte der Situation so effektiv zu transportieren, dass man auch bei äußerst milden September-Temperaturen das Bedürfnis bekommt die Heizung anzudrehen. Das habe ich zuletzt so effektiv nur bei ‚The Blackcoats Daughter‘ (den ich in meiner damaligen Besprechung übrigens extrem unterbewertet habe!) erlebt.

Die Desorientierung wird auch vom Buch, das ich nach der Kritik jetzt doch nochmal kurz loben muss, clever gestützt. Im ersten Akt erleben wir die Geschichte komplett aus der Sicht der Kinder. Grace sehen wir, wenn überhaupt, nur durch Milchglas, beschlagene Scheiben, oder von hinten. Und natürlich auf dem Video, das die Nachwirkungen des Massenselbstmordes dokumentiert, hier allerdings als etwa zu ihnen gleichaltriges Mädchen. Im Ferienhaus angekommen schlägt die Perspektive völlig unvermittelt zu Grace um und führt uns als Zuschauer damit erst einmal auf dünnes Eis.

Mit Grace sind wir denn aber auch bei der größten Stärke des Films angekommen. Riley Keough liefert hier zwischen dräuender, katholischer Ikonografie und weißem Schoßhündchen eine Vorstellung ab, die man vermutlich so bald nicht vergessen wird. Wenn sie beginnt an ihren eigenen Sinnen, ihrem eigenen Zeitgefühl zu zweifeln, wenn ihr fanatischer Vater und sein Ruf nach Reue, im wahrsten Sinne des Wortes, durch die Hütte geistert, dann kann man ihrem Gesicht minutiös ablesen, was hinter der Stirn ihre Charakters vorgeht. Und ist sich doch nicht sicher, ob man selbst ihren Sinnen trauen soll, wem man trauen mag. Bis im bildgewaltigen Finale… aber nein, keine Spoiler.

Die anderen Darstellungen sind grundsolide. Martell setzt seine Darstellung als fürsorglicher Bruder aus ‚ES‘ fort, Lia McHugh ist eine fähige Kinderdarstellerin und Richard Armitage ist es ja schon als Thorin Eichenschild aus den ‚Hobbit‘-Filmen gewohnt, hochfliegende Pläne zu schmieden, die nicht ganz so enden wie geplant, mit katastrophalen Folgen.

Im direkten Vergleich mit ‚Ich seh, ich seh‘ zieht ‚The Lodge‘ ohne Frage den kürzeren Eiszapfen. Das ist aber nicht ehrenrührig. ‚Ich seh, ich seh‘ hat mich mitgenommen wie kaum ein Horrorfilm der letzten Jahre. ‚The Lodge‘ funktioniert nach bekannteren Mustern, spielt diese aber absolut gekonnt aus und ist schauspielerisch wie visuell absolut sehenswert. Ich würde sagen, der verflixte zweite Film ist Franz und Fiala gelungen.

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