‚Das Grauen‘ (1980)

‚Das Grauen‘ ist ein Film, den man erstaunlich selten besprochen sieht. Das liegt vermutlich nicht zuletzt an seinem deutschen Titel, der tatsächlich generischer nicht mehr sein könnte, selbst wenn man es versuchte. Der Originaltitel ‚The Changeling‘ ist nicht viel besser, macht aber immerhin ein wenig neugierig. Womöglich liegt es auch daran, dass der „Spukhaus“-Film 1980 natürlich von Kubricks ‚Shining‘ beherrscht wurde. Was auch immer der Grund ist, es ist ein bisschen schade. Denn ‚Das Grauen‘ ist für mich Peter Medaks bester Film. Ein erstaunlich ruhiger Horrorfilm am Beginn einer Dekade, in der Horror nun alles andere als „ruhig“ sein würde.

Der Komponist John Russell (George C. Scott) verliert bei einem winterlichen Verkehrsunfall seine Frau und kleine Tochter. Immer noch in tiefer Trauer, tritt er ein paar Monate später eine Stelle als Musikprofessor in Seattle an. Bei der Suche nach einer Bleibe, wo er in Ruhe komponieren kann, trifft er auf Claire Norman (Trish Van Devere) von der örtlichen historischen Gesellschaft. Die vermittelt ihm ein gigantisches, heruntergekommenes, seit Jahren unbewohntes viktorianisches Herrenhaus. Schon bald geschehen in dem Haus seltsame Dinge. Dinge, die Russell zu einem versteckten Zimmer führen. Was ist vor mehr als 70 Jahren in diesem Haus geschehen? Welche Parallelen hat es zu Russells Tragödie? Und warum zieht es Kreise in die höchste Politik des Staates Washington?

Medak nutzt hier durchaus die etablierten Mittel des Spukhauses. Von den anfänglichen Geräuschen, die möglicherweise vom alten Haus selbst stammen könnten, über den Ball der bedrohlich die Treppe herunterdotzt bis zum Besuch des Mediums, das selbstverständlich nur die Hälfte aller geisterhaften Schwingungen mitbekommt. Doch zum einen vermischt er es hier sehr gut mit der tragischen Hintergrundgeschichte seines Protagonisten, so ist es nicht irgendein Ball auf der Treppe, es ist der seiner Tochter. Zum anderen weiß er die Kamera hier sehr effektiv einzusetzen. Mal verbleibt sie ganz klassisch im Zimmer, nachdem Russell es verlassen hat. Schwenkt herum und zeigt… nichts Besonderes? Bis plötzlich eine unsichtbare Kraft eine Klaviertaste drückt. Aber nicht alles ist rückwärts gewandt. Medak und sein Kameramann John Coquillon, der in den 60ern an einigen britischen Horrorfilmen gearbeitet hat, unternehmen auch einige wilde Kamerafahrten, die beinahe Sam Raimis hochmobile Kamera aus ‚Evil Dead‘ vorwegnehmen.

Der wirkliche Glücksfall für den Film ist aber fraglos die Besetzung von George C. Scott. Nicht nur weil der natürlich ein grandioser Darsteller ist, der die komplexe Gefühlswelt seines Charakters sehr gut einfängt, sondern vor allem deswegen, was er nicht tut. Scott hatte den Ruf eines sehr „lauten“ Darstellers. Seine Paraderolle war die des dauerpolternden, titelgebenden Generals in ‚Patton‘. Russell hingegen spielt er sehr ruhig. Wenn er allein in den riesigen Zimmerfluchten des Hauses sitzt, oder in grauem Trenchcoat durch graue Häuserschluchten geht, droht er fast zu verschwinden. Die stille Normalität wirkt, eben nicht zuletzt durch Scotts polterigen Ruf, wie eine Maske. Wie ein Versuch vermeintliche Normalität aufrechtzuerhalten, wenn es Russell alle Kraft kostet nicht unaufhörlich zu schreien. Wenn der Ausbruch dann letztlich kommt, wirkt auch der nur wie ein weiterer Ausdruck von machtloser Hilflosigkeit. Trish van Devere hat eine deutlich undankbarere Rolle. Caire wirkt ein wenig so, als wollte man eine weibliche Hauptrolle als „love interest“ noch mit der Brechstange in den Film einfügen. Alles an Russell macht überdeutlich, dass er den Tod seiner Familie nicht im Ansatz überwunden hat, dafür begegnet er der etwas aufdringlichen Vermieterin aber sehr offen. Immerhin, die Chemie zwischen den beiden stimmt, das mag aber vor allem damit zusammenhängen, dass van Devere und Scott damals seit 8 Jahren verheiratet waren und es bis zu seinem Tod 1999 auch bleiben würden.

‚Das Grauen‘ ist ein hochatmosphärischer, stiller Gruselfilm mit hervorragenden Darstellern und gelungener Inszenierung. Auf Jumpscares oder Splattereffekte verzichtet er völlig, ist also auch für Leute geeignet, die sonst mit Horror weniger anfangen können. Da er allerdings den Tod gleich mehrerer Kinder behandelt, ist er thematisch keineswegs ein Leichtgewicht. Durch die starke Herausstellung von Themen wie Verlust und Trauer, erinnert er auch an Filme wie ‚Wenn die Gondeln Trauer tragen‘. Eignet aber vielleicht nicht unbedingt als Film, den man um zwei Uhr früh beim Halloween-Marathon einlegt. Einerseits hat der Film klare Rückbezüge zu früherem Horror, vor allem dem britischen der 60er Jahre, Jack Claytons ‚Schloß des Schreckens‘ etwa. Andererseits modernisiert er diese durchaus. Allerdings wären es Sam Raimi und Tobe Hooper mit ‚Poltergeist‘, die den Spukhausfilm mit einer gigantischen Steroidinjektion in die 80er schicken würden. Medaks Film bleibt ein Übergangsfragment, ein „missing link“.

In Deutschland ist das „missing“ derzeit leider wörtlich zu nehmen. Der Film ist nirgendwo im Streamingangebot, die DVD nur noch gebraucht (und teuer) erhältlich, von einer BluRay nichts zu sehen. Die Medien gibt es aber als Import aus Großbritannien. Die BluRay sieht sogar recht gut ausgestattet aus. Ich setz die mal auf meinen Wunschzettel…

2 Gedanken zu “‚Das Grauen‘ (1980)

  1. Pingback: Die 5 Besten am Donnerstag: die 5 besten Filme aus meinem Geburtsjahr | filmlichtung

Und was meinst Du? (Durch die Nutzung der Kommentarfunktion erklärst Du Dich mit der Verarbeitung Deiner angegebenen Daten durch Automattic, Inc. sowie den Dienst Gravatar einverstanden.)

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

Diese Seite verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden..