‚The Nightingale‘ (2018)

Nachdem sie mit ‚Der Babadook‘ einen Welterfolg gelandet hat, geht die australische Regisseurin Jennifer Kent mit ihrem nächsten Film in eine gänzlich andere, weit weniger finanziellen Erfolg versprechende Richtung. Einen realistischen Blick auf das Trauma des Kolonialismus will sie mit ‚The Nightingale‘ werfen. Fast überall wo man über den Film liest, findet sich, dass bei der Premiere eine ganze Reihe von Leuten in der ersten halben Stunde den Saal verlassen hat. Daher ist hier vermutlich eine Warnung angebracht: (nicht nur) die erste halbe Stunde enthält deutliche, aber mMn. nicht exploitative Darstellung von sexueller Gewalt. Sogar sehr viel davon und für manche sicher zu viel. Kent setzt diese keineswegs sinnlos ein, wie ich hoffe im Folgenden zu zeigen, aber wer das nicht sehen möchte, sollte sich von dem Film fernhalten, denn zu umgehen ist es quasi nicht.

1825 in Van Diemens Land (Tasmanien) hat die Irin Clare (Aisling Franciosi) ihre Zeit als zur „Verschickung“ verurteilte Straftäterin im Dienst des Leutnants Hawkins (Sam Claflin) abgearbeitet. Dennoch weigert sich der ihre Entlassungspapiere zu unterschreiben. Als Reaktion auf ihre Bitte darum vergewaltigt er sie. Als Clares bereits freier Ehemann Aidan am nächsten Tag eine Schlägerei mit dem Leutnant beginnt, gefährdet er so dessen Beförderung zum Hauptmann. Gemeinsam mit seinen Adjutanten, dem Sergeanten Ruse (Damon Harriman) und dem Fähnrich Jago (Harry Greenwood) will er sich durchs Hinterland zum örtlichen Kommandanten aufmachen, um persönlich um seine Beförderung zu bitten. Doch zuvor rächen sich die drei an Clare. Sie ermorden Aidan und das gemeinsame Baby, vergewaltigen Clare erneut und lassen sie totgeglaubt zurück. Sie überlebt jedoch und verfolgt die Männer auf Rache sinnend. Dabei ist sie auf die Hilfe des einheimischen Führers „Billy“ Mangana (Baykali Ganambarr) angewiesen. Eine schwierige, anfangs von Clare mit vorgehaltener Waffe erzwungene Zusammenarbeit, da Clare rassistisch gegenüber den Aborigenes ist und Mangana für die Weißen nur Verachtung übrig hat.

Tasmanien war eine Art Brennpunkt für die Grausamkeit des britischen Kolonialismus. Zu der Zeit als der Film spielt, begann die aktive Phase des Genozids an den tasmanischen Aborigenes, der 1905 mit dem Tod der letzten Tasmanierin endete. Als Strafkolonie galt die Insel selbst gegenüber der harten Realität des australischen Kontinents als Hölle und es lohnt sich daran zu erinnern, dass das „Verbrechen“, das zur Verschickung führte, oft genug schlicht Armut war. Dementsprechend ist ‚The Nightingale‘ ein erschöpfender Film. Kent stellt den Kolonialismus als eine Kavalkade stets nach unten tretender Stiefel dar. Und scheut nicht davor zurück die tiefen Spuren dieser Tritte hinterlassen zu zeigen, vor allem bei denen, die sich am untersten Ende dieser Trampelhierarchie finden.

Sie ist hier soweit es nur geht weg von typischen, romantisierten Darstellungen leuchtender, britischer Rotröcke. Diese werden hier als die dreckigen Stollen des Stiefels des Kolonialismus gezeigt. Wobei der Film aber auch nicht übersieht, dass auch sie nur ein Teil des Systems sind. Eines Systems, das sie als ebenso austauschbar wie jeden anderen betrachtet.

Visuell arbeitet Kent mit einem schmalen Bildausschnitt von 1,37:1. Auf beeindruckende Landschaftsaufnahmen verzichtet sie weitgehend, meist ist der Wald des Hinterlandes schlicht eine undurchdringliche, grüne Wand. Und setzt sich im beengenden Bildformat doch einmal ein beeindruckendes Panorama durch, kann man fast sicher sein, dass davor eine Gewalttat stattfindet, die es extrem konterkariert. Die Menschen, die diese Gewalttaten ausführen zeigt Kent als dreckig und blutig, als zerbrechlich aber doch hart gemacht durch ihre Lebensumstände. Alle Gewalt, die der Film zeigt ist dabei widerwärtig und tragisch. Auch Clares Rache bekommt nichts von der typischen Katharsis eines Rachefilms. Wenn sie einem ihrer Peiniger grafisch den Schädel einschlägt, lässt Kent ihn etwa nach seiner Mutter rufen. Nicht nur die an einem selbst verübte Gewalt, auch die Gewalt, deren Ausführung das System einem auferlegt ist traumatisierend, so scheint Kents These zu lauten. Jedenfalls wenn man nicht gerade wie Leutnant Hawkins in diesem System geradezu zu Hause ist wie ein Fisch im Wasser. Immer wieder zeigt sich dies in stets bizarrer und alptraumhafter werdenden Traumsequenzen Clares, der einzige Aspekt des Films, der mich nicht wirklich überzeugt und sich wie ein, hier den Realismus störendes, Horror-Relikt des Babadook anfühlt. Jeder Akt der Warmherzigkeit, der Nächstenliebe wird in dieser Welt, die Kent nach ausführlichem Studium historischer Aufzeichnungen aufmacht, jedenfalls zu einer absoluten Ausnahme.

Einen Soundtrack hat der Film quasi nicht, nur diegetische Musik, wenn etwa Clare oder Mangana singen. Jed Kurzel wird zwar als Komponist genannt, ich dachte allerdings, dass alle Musik die vorkommt typische Folksongs wären. Möglicherweise ein Lied im Abspann. Die meiste Zeit sind aber ohnehin nur die Geräusche des Waldes zu hören.

Ich vermute mit schwächeren Darstellern hätte auch ich zu der Gruppe gehört, die den Film in der ersten halben Stunde aufgegeben haben. Doch das Trio der Hauptdarsteller ist großartig. Aisling Franciosi, deren Gesicht in Großaufnahme fast so häufig zu sehen ist wie die Landschaft selbst, ist unser Zugang zu dieser alles andere als schönen Welt. Jederzeit können wir problemlos nachfühlen, was sie fühlt, jede Regung auf ihrem Gesicht ablesen. Demgegenüber steht Sam Claflin. Ich bin mir ehrlich gesagt nicht sicher, ob ich ihn je wieder in einer anderen Rolle sehen kann, ohne an seinen durch und durch widerwärtigen Leutnant Hawkins erinnert zu werden. Während Franciosi sehr ausdrucksstark spielt, ist Claflins Stärke hier das genaue Gegenteil. Keine Monstrosität, die sein Charakter begeht scheint irgendeine Regung hervorzurufen. Ein wahrhaft beängstigender, hassenswerter Charakter. Die Show stiehlt aber insgesamt ein wenig Baykali Ganambarr. Sein Mangana ist irgendwo zwischen tiefer Verletztheit und zur Schau getragenem Sarkasmus. Anfangs noch in der Hoffnung die Traditionen seines Volkes zu erhalten, erkennt er im Verlauf des Films, dass es nicht nur die Traditionen, sondern die Menschen selbst sind, die zu verschwinden drohen. Während Clare immer mehr an ihrer eigenen Rache zweifelt, wird sie für Mangana zu einer Art des Handelns, um das Gefühl der absoluten Hilflosigkeit zu überspielen. Die Ähnlichkeit und doch Gegenläufigkeit ihrer Charaktere wird schon in den Namen dargestellt. Clare möchte nicht mehr „Nachtigall“ genannt werden, ein Spitzname, den sie von den Soldaten wegen ihrer Sangeskünste bekommen hat, während Mangana nicht mehr bei seinem weißen Namen „Billy“ gerufen werden will, sondern seinem wahren, der „der schwarze Vogel“ bedeutet.

Mag ich ‚The Nightingale‘ nun? Jein. Ich glaube aber auch nicht, dass das ein Film ist, den man „mögen“ kann oder sollte. Er ist sehr gut gemacht und bestärkt für mich nur Jennifer Kents Qualität als Filmemacherin. Hat sie in ‚Der Babadook‘ Trauer und den Umgang damit in den Mittelpunkt gestellt, ist es hier offensichtlich Trauma und das Erbe des Kolonialismus. Er ist sehr effektiv in dem was er erreichen will und ich bin sehr froh ihn gesehen zu haben. Ich weiß aber nicht, ob ich ihn je wieder sehen muss. Würde ich ihn empfehlen? Wenn Euch das Thema interessiert, sicherlich. Ich habe wenige gesehen, die es so effektiv und schonungslos darstellen. Wenn Ihr aber einen zweiten Babadook wollt, dann seid Ihr hier absolut falsch. 

2 Gedanken zu “‚The Nightingale‘ (2018)

  1. Sehr schön beschrieben, sah ich ähnlich. Ich bin sehr gespannt auf weitere Werke Kents und auf babadook, der noch auf meinem Stapel der Sichtungen liegt.
    PS: ich habe hier mehrere Werbungen zwischendurch bekommen, was an sich völlig okay ist. Irritierend fand ich bei diesem Text Ads für Erektionsmittel mit einem Bild mit kaum verhülltem Busen. Bei dem Film und deinem Textanfang
    .

    Gefällt 1 Person

    • Dankeschön!

      Zum PS: das ist leider nicht das erste Mal, dass völlig unpassende Werbung in einem Artikel auftaucht. Leider habe ich als gratis-Nutzer keinerlei Kontrolle darüber, was WordPress schaltet. Ich kann nur eine Email schreiben und hoffen, dass die jemand liest. Da sich hier aber schonmal jemand aus den Niederlanden darüber gewundert hat, warum er auf meinem Blog US-Wahlwerbung vorgesetzt bekam, vermute ich fast WordPress beherrschen ihren Werbealgorithmus selbst nicht so richtig…

      Liken

Und was meinst Du? (Durch die Nutzung der Kommentarfunktion erklärst Du Dich mit der Verarbeitung Deiner angegebenen Daten durch Automattic, Inc. sowie den Dienst Gravatar einverstanden.)

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.