‚Upgrade‘ (2018)

Als ich für meinen ‚Der Unsichtbare‘ Artikel mal in Leigh Whannells Filmografie geschaut habe, fiel mir auf, dass zwischen seinem Regiedebüt mit ‚Insidious 3‘ und ‚Der Unsichtbare‘ noch ein weiterer Film mit recht kleinem Budget zu finden war. Mit weitgehend demselben Team wie ‚Der Unsichtbare‘ produziert und einem ganz interessanten Cyberpunk-Thema machte mich der Film, im Gegensatz zu ‚Insidious 3‘ (einer hat mir gereicht), durchaus neugierig. Und die Neugier war ein Glück, denn ‚Upgrade‘ ist überraschend gut und wäre vermutlich gänzlich an mir vorbeigegangen!

In einer nicht näher definierten nahen Zukunft sind Cyberimplantate und selbstfahrende Autos ganz normal. Automechaniker Grey (Logan Marshall-Green), der keinerlei Implantate besitzt und lieber selbst fährt gilt als Technophobiker. Eine Phobie, die sich zu bestätigen scheint, als bei einer gemeinsamen Fahrt Ehefrau Asha (Melanie Vallejo) ihr KI-gesteuertes Fahrzeug plötzlich den Kurs in eine unsichere Gegend der Stadt ändert und hier einen Unfall baut. Es schließt sich ein brutaler Überfall an, bei dem Asha getötet und Grey querschnittsgelähmt wird. Alsbald taucht aber Technikwunderkind Eron Keen (Harrison Gilbertson) an seinem Krankenbett auf und bietet ihm einen nicht ganz legalen Test an. Keen würde Grey seinen neuen KI-basierten Chip STEM in den Nacken setzen, der die Kommunikation zwischen Hirn und Muskeln wiederherstellt. Grey müsse dies jedoch vor der Öffentlichkeit geheim halten. Zu Greys Überraschung kann der Chip weit mehr als ihm versprochen wurde. Denn STEM meldet sich in seinem Kopf und hat nicht nur Ideen, wie man die Mörder seiner Frau aufspüren könnte, sondern auch wie man sich rächen könnte.

Die Grundhandlung mutet zunächst wie der typische Rachefilm an, angefangen beim absolut müden Klischee der ermordeten Ehefrau. Ich will nicht spoilern, doch steckt einiges mehr in dem Film und er liefert sogar einen Grund für diese klischeehafte Ausgangssituation. Was aber noch weit mehr als das unterhaltsame Techno-Rache-Garn überzeugt ist, was Whannell hier für drei Millionen Dollar visuell abliefert. Mit einfachen aber effektiven Mitteln erschafft er eine Cyberpunk-Dystopie, die sich einmal nicht wie ein Abklatsch der Genre-Klassiker der 80er anfühlt. Zwar nennt er als Inspiration Filme wie ‚Terminator‘ oder ‚RoboCop‘ und auch John Carpenter lässt sich als Vorbild ausmachen, doch wirkt seine Zukunftsvision wie eine aus dem 21. Jahrhundert. Was ein alberner, aber wahrer Satz ist…

CGI kommt recht wenig zum Einsatz und wenn meist nur unterstützend. Beeindruckend ist die Kameraarbeit mit der Whannell und sein Kameramann Stefan Duscio das Gefühl der „Fremdgesteuertheit“ durch STEM darstellen. Neben den exakten, aber nicht unbedingt robotischen Bewegungen von Logan Marshall-Green, war der Trick hier, dass die Kamera an einer frei beweglichen Kardan-Aufhängung gelagert war, die mit einem Gyroskop gekoppelt war, das Marshall-Green oder sein Stuntman am Körper trugen (diese Technik übernahmen Whannell und Duscio auch für mehrere Szenen in ‚Der Unsichtbare‘). Somit scheint die Kamera auf verstörende Weise zu einem Teil von Grey/STEM zu werden, ihm geradezu unnatürlich zu folgen. In Action-Szenen überträgt Grey die Kontrolle über seinen Körper vollständig an STEM, der seine Gegner effizient und ähnlich definitiv wie ein John Wick ausschaltet. Hierbei wurde sogar auf Kleinigkeiten geachtet, etwa, dass STEM Greys Kopf mit den Händen bewegen muss, da er motorische Kontrolle nur über alles unter dem Hals hat. Anfangs werden diese Szenen mit schwarzem Humor inszeniert, dann entwickelt Grey gar ein Überlegenheitsgefühl, bevor sich langsam aber sicher ein Gefühl des Kontrollverlustes einstellt.

Die Ko-Produktion von Universal und Blumhouse scheint in mehrerer Hinsicht eine Art Testlauf für ‚Der Unsichtbare‘ gewesen zu sein. Vermutlich nicht zuletzt deswegen war Whannell interessiert den Film so günstig wie möglich zu produzieren, um möglichst viel Kontrolle zu behalten. Er lehnte Stars wie Christian Bale für die Hauptrolle ab und entschied sich für den unbekannteren Logan Marshall-Green. Für andere Rollen castete er vor Ort in Australien oder bediente sich aus der Blumhouse Stammdarstellerschaft, etwa Betty Gabriel als Polizistin, die immer ein paar Schritte hinter dem Geschehen zurück ist. Marshall-Green nahm die Rolle sehr ernst und trainierte lange mit einem Bewegungscoach, bis er die nicht ganz natürliche, aber eben auch nicht übertrieben Blechmann-artige Fortbewegung beherrschte. Auch in der emotionalen Darstellung seines Charakters leistet er einiges. Mich hat nur gelegentlich verwirrt, dass Marshall-Green mit Bart aus gewissen Perspektiven Tom Hardy mit Bart erstaunlich ähnlich sieht. Oder meine Gesichtserkennungssoftware braucht ein Upgrade… Erwähnenswert ist auch der mir unbekannte Simon Maiden als Stimme von STEM im Original. Deutlich angelehnt an Douglas Rains HAL 9000 in ‚2001‘ gelingt es Maiden seiner scheinbar stets neutralen Stimme durchaus Ausdruck zu verleihen. „I am not doing anything.“ Klang selten bedrohlicher.

Ein gelungener, schwungvoller, dreckiger kleiner Cyberpunk-Thriller. Genau die Art von Film, von der ich mir mehr wünschen würde. Der seine geringeren Mittel als Anlass zum kreativen Experimentieren nimmt und Dinge tut, die ein Mega-Budget-Blockbuster eben nicht leisten kann. Mal ganz davon ab, dass wir mit gelungenem Cyberpunk in den letzten Jahren nicht gerade überschüttet wurden. Nach diesem Film und ‚Der Unsichtbare‘ bin ich jedenfalls ernsthaft gespannt, was von Whannell als nächstes kommt. Okay, genau genommen weiß ich das ja. Ein Unsichtbarer Sequel und ein Wolfman Reboot. Sagen wir also eher, ich habe mit ihm Hoffnung, das wird interessanter als es auf dem Papier erst einmal klingt.

2 Gedanken zu “‚Upgrade‘ (2018)

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