‚Boulevard der Dämmerung‘ (1950) – „The stars are ageless!“

Der Sunset Boulevard ist untrennbar mit Hollywoods Filmgeschichte verknüpft. 1911 zog mit der Nestor Film Company das erste Studio von der Ostküste dorthin wo einmal die Traumfabrik stehen sollte. An die Kreuzung von Sunset Boulevard und Gower Street. In den 20ern wurde der Sunset Boulevard zu einem beliebten Wohnort für die damaligen Filmstars. Viele dieser Stars schafften aber den Sprung zum Tonfilm am Ende der 20er nicht. Und so standen in den 40ern viele alte, abgeschottete Villen am Boulevard, deren Bewohner man selten sah. Regisseur Billy Wilder war davon und von den möglichen Geschichten hinter den blickundurchlässigen Hecken fasziniert. Ebenso wie er bereits in Deutschland in den 20ern von der amerikanischen Filmkultur fasziniert war. Als inzwischen erfahrener und teilweise enttäuschter Hollywood-Autor und Regisseur kam all dies zusammen, als er, gemeinsam mit Charles Brackett, das Buch zu ‚Boulevard der Dämmerung schuf.

Joe Gillis (William Holden) ist ein erfolgloser Drehbuchautor. Auf der Flucht vor seinen Gläubigern fährt er in die Einfahrt einer scheinbar verlassenen Villa am Sunset Boulevard. Doch sie ist nicht verlassen. Norma Desmond (Gloria Swanson), ein beinahe vergessener Stummfilmstar wohnt hier und ergeht sich mit Hilfe ihres Butlers Max von Mayerling (Erich von Stroheim) in der Fantasie immer noch ein Star zu sein. Als sie hört, dass Joe ein Autor ist, hat sie eine Arbeit für ihn. Er soll ihr Skript für einen Film um die biblische Verführerin Salome (natürlich von Desmond selbst gespielt) überarbeiten. Schnell merkt Joe, dass Norma die Kontrolle über sein Leben an sich reißt. Er wohnt alsbald bei ihr, wird von ihr eingekleidet und ausgehalten. Mit seinen alten Freunden trifft er sich nur noch heimlich, nicht zuletzt, um gemeinsam mit Produktionsassistentin Betty Shafer (Nancy Olson) ein wahrhaftiges Drehbuch zu schreiben. Als Norma Desmond jedoch darauf besteht ihr Drehbuch an Regisseur Cecil B. DeMille zu übergeben, droht ihr Selbstbetrug zusammenzubrechen.

Wenn wir Joe Gillis das erste Mal treffen, treibt er mit dem Gesicht nach unten in einem Pool. Der tote Autor erzählt den Rest des Films in Rückbelnde. Als Joe Gillis Norma Desmond das erste Mal trifft, beerdigt sie gerade einen Affen. Ein bösartig augenzwinkernder Hinweis auf Gillis‘ Schicksal, aber auch ein Seitenhieb auf Hollywood, wo sich jeder zum Affen machen muss, um Leuten zu gefallen, die reicher und erfolgreicher als man selbst sind. Norma Desmond hat die Idee der „Traumfabrik“ zu weit getrieben. Sie lebt selbst in einem Traum, mit Fanpost, die samt und sonders von ihrem Butler geschrieben wird. Wenn Gillis sie trifft, wirkt sie wie ein Dracula. Aus der Zeit gefallen in ihrem gigantischen Haus, in dem der Wind durch Orgelpfeifen heult. Sie bringt ihren eigenen Renfield in Gestalt des hörigen Butlers Max mit. Der hat sie einstmals als Regisseur entdeckt und war einmal ihr Ehemann, nun erfüllt er jeden ihrer Wünsche ohne je Fragen zu stellen. Gillis ist in diesem Bild gleichermaßen Johnathan und Mina Harker. Ist er ihr zunächst nur geschäftlich verbunden, findet er sich bald in ihrem Haus gefangen. Er ist gleichsam fasziniert wie abgestoßen von der merkwürdigen, in ihrer Traumwelt lebenden Frau.

Natürlich ist ‚Boulevard der Dämmerung‘ aber kein Horrorfilm. Er ist ein film noir mit einem leicht naiven Hauptcharakter, der sehr schnell sehr tief in einer verfahrenen Situation landet und einer „femme fatale“, die einmal 20 Jahre älter ist als der Hauptcharakter. Tatsächlich fiel der Altersunterschied nicht so stark auf wie gewünscht und Gloria Swanson war von der Idee sie älter zu schminken nicht angetan. So wurde stattdessen William Holden jünger geschminkt. Und damit müssen wir endlich über die Darsteller reden.

Wilder hatte den berechtigten Ruf das Beste aus seinen Darstellern herauszuholen. 22 Oscarnominierungen bekamen Darsteller seiner Filme. Gern besetzte er auch unkonventionell. Er entdeckte etwa das komische Talent der ewigen Schönheit Marilyn Monroe oder des ewigen Gangsters James Cagney. Die Besetzung der Norma Desmond gestaltete sich jedoch als schwierig. Es sollte eine authentische, ehemalige Stummfilmdarstellerin in der Rolle sein. Doch wollten einige zu viel Kontrolle über das Projekt andere waren Desmond so ähnlich, dass es sich wohl angefühlt hätte, man würde sie vorführen. George Cukor vermittelte letztlich Swanson. Die hatte ihre Filmkarriere weitgehend aufgegeben, war bereits Anfang der 30er nach New York verzogen und dort im Hörspielbereich und dem beginnenden Fernsehen sehr erfolgreich. Nebenbei Geschäftsfrau mit eigener Modelinie und anderen Unternehmen. Gleichzeitig war sie ihrer Rolle aber nicht ganz unähnlich. „Zehn Filme habe ich für Paramount gedreht, und jetzt wollen die, dass ich vorspreche?!“ So soll sie sich bei Cukor beklagt haben und es ist schwer, das nicht in Normas typischen Duktus zu hören („We didn’t need dialog, we had faces!“). Nun, sie sprach dennoch vor, bekam die Rolle und füllte sie perfekt aus. Sie ist gleichzeitig tragisch, komisch, bemitleidenswert, beängstigend und absolut faszinierend. Nach dem Film und ihrer (erfolglosen) Oscarnominierung bekam sie eine ganze Reihe Angebote für Norma Desmond-artige Rollen, die sie allesamt ablehnte, da sie keine „Karikatur einer Karikatur“ spielen wollte.

Butler Max von Mayerling war speziell für Stroheim geschrieben. Der kontroverse und streitbare Regisseur wurde 1929 von Louis B. Mayer (man beachte den Charakternachnamen) als Regisseur des unvollendeten Films ‚Queen Kelly‘ (aus dem Film stammen die Szenen mit Swanson/Desmond, die als Film im Film zu sehen sind) bei MGM herausgeworfen. Seitdem arbeitete er vor allem als Darsteller in B-Filmen. Wie Mayerling ist er also ein ehemaliger Regisseur, der nun ein deutlich tristeres Dasein führt. Stroheim wollte die sadomasochistische Beziehung zwischen Desmond und dem Butler noch deutlicher herausstellen, indem er auf einer Szene bestand, in der er ihre Unterwäsche reinigt. Wilder wusste jedoch, dass er die nie an der Zensur vorbeibekäme. Später hatte Stroheim zwar wenig Gutes über „diese verdammte Butlerrolle“ zu sagen, dennoch ist er hier hervorragend.

Joe Gillis sollte eigentlich Montgomery Clift spielen. Der sagte 2 Wochen vor Drehbeginn ab. Der gewünschte Ersatz, ein 24 Jahre alter Marlon Brando, war Paramount zu unbekannt. Also einigte man sich auf Holden, der mit 32 gerade noch als jung durchging. Die Zusammenarbeit war dann aber so gut, dass Wilder noch mehrmals erfolgreich mit ihm arbeitete. Holden gibt hier den naiv-dreisten Mann, der jeglichen moralischen Halt verliert. Eine typische film noir Figur, der er hier jedoch neben echter Tragik auch ein leichtes Augenzwinkern verleiht.

Kommen wir zum Grund, warum ‚Boulevard der Dämmerung‘ diesen Monat nominell hier ist: die Silvester-Szenen. Silvester ist ein Fest der Erneuerung, was in Norma Desmonds eingefrorener Villa allein schon ironisch wirkt. Natürlich erscheinen keine Gäste. Im direkten Kontrast dazu steht die Party von Joe Gillis Freund. Hier tummeln sich dutzende fröhliche, junge Leute auf viel zu engem Raum, um eine winzige Punschschale, während bei der Desmond eine riesige gedeckte Tafel steht und Musiker vor gigantischer Leere spielen. Kein Wunder, dass es dieser Moment ist, den Joe zur Flucht nutzt. Doch steckt er schon viel zu tief in Normas Netz um wirklich noch entkommen zu können.

Es gäbe noch wahnsinnig viel über den Film zu erzählen. Die Eröffnungsszene (von wegen, Wilder sei kein Techniker)! Franz Waxmans Musik! Sein Einfluss auf David Lynch (nicht nur weil Gordon Cole ein Charakter im Film ist)! Cameos alter Stummfilmstars! Der Moment nach der Premiere, als Wilder zu Mayer, einem der mächtigsten Männer Hollywoods, sagte „you can go fuck yourself“ und so einen Hinweis auf die Verschiebung vom Studio zum „Auteur“ gibt! Festzuhalten bleibt, ‚Boulevard der Dämmerung‘ ist ein großartiger Film über die Abseiten der (Alp-)Traumfabrik. Ein noir, in dem Hollywood selbst die Stadt ist, die gute Menschen vernichtet und wieder ausspuckt. Er ist wunderbar gealtert und jeder, der nicht direkt bei schwarz-weiß Reißaus nimmt, wird vermutlich von Wilders, für damalige Zeiten, ungewöhnlich rasanter und geschickt beobachtender Erzählweise mitgenommen.

Und falls jetzt jemand Lust auf noch mehr noir zu Silvester haben sollte, dann gibt es mit dem Wiener Zwillingspaar ‚Abenteuer in Wien‘/‘Stolen Identity‘ bei Manfred Polak genau das!

6 Gedanken zu “‚Boulevard der Dämmerung‘ (1950) – „The stars are ageless!“

  1. Ja, ein grandioser Film, der unter den Werken über die Filmwelt seinesgleichen sucht. Nur wenn man die Theaterwelt mit dazu nimmt, gibt es mit ALL ABOUT EVE aus demselben Jahr ein gleichwertiges Gegenstück.

    Butler Max von Mayerling war speziell für Stroheim geschrieben. Der kontroverse und streitbare Regisseur wurde 1929 von Louis B. Mayer (man beachte den Charakternachnamen) als Regisseur des unvollendeten Films ‚Queen Kelly‘ (aus dem Film stammen die Szenen mit Swanson/Desmond, die als Film im Film zu sehen sind) bei MGM herausgeworfen.

    Äh, nö, es war noch pikanter. Gloria Swanson selbst und ihr damaliger Geschäftspartner und Liebhaber Joseph Kennedy produzierten QUEEN KELLY, und sie feuerten Stroheim und ruinierten seine schon etwas angeschlagene Karriere als Regisseur damit endgültig. Der mafiöse Kennedy (der Vater von John F., Robert und Ted) hatte sich ein mittelgroßes Filmimperium zusammengekauft und -gerafft (letzteres beispielsweise, indem er Alexander Pantages mit ganz miesen Tricks ruinierte) und machte daraus die RKO, die aber erst nach seinem Ausstieg (bei dem er gut verdiente) zu einem der ganz großen Studios aufstieg.

    Ach ja, danke für die wiederholte Verlinkung! 🙂

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