‚Mad Love‘ (1935)

Manchmal entdeckt man einen Film und fragt sich, wie der so lange an einem vorbeigehen konnte. Bei ‚Mad Love‘ stellte sich die Frage eher nicht. Weder MGM, noch Kritik und Publikum mochten den Film sonderlich, daher ist es nicht ganz einfach, ihn zu entdecken. Und das ist ernstlich schade, denn nicht nur ist er Peter Lorres erster Film in den USA, er ist auch die letzte Regiearbeit des einflussreichen Kameramannes Karl Freund. Er ist zum einen ein spätes Exilwerk des deutschen Expressionismus, zum anderen von geradezu wegweisendem, visuellen Reichtum. Er ist eine Verfilmung von Maurice Renards Roman „Orlacs Hände“ und die zweite Filmadaption nach Robert Wienes gleichnamigen Film von 1924.

Im Paris des frühen 20ten Jahrhunderts ist der brillante Chirurg Dr. Gogol (Lorre) von Schauspielerin Yvonne Orlac (Frances Drake) besessen. Jeden ihrer Auftritte im Théâtre des Horreurs (dem realen Grand Guignol nachempfunden), bei denen sie meist gefoltert und getötet wird, hat er gesehen. Als er sich ihr vorstellt ist er am Boden zerstört, da sie nicht nur mit ihrem Mann, Konzertpianist Stephen Orlac (Colin Clive) nach London ziehen wird, sondern von dem seltsamen Arzt und seiner Zudringlichkeit auch abgestoßen ist. Er kauft dem Theater eine Wachsfigur der Schauspielerin ab, der er nun jeden Abend Musik vorspielt. Doch nachdem bei einem Zugunglück Stephens Hände schwer verletzt wurden, wendet sich Yvonne erneut an den Arzt, mit der Bitte um Hilfe. Tatsächlich rettet Gogol die Hände des Pianisten. Doch etwas ist seltsam, Stephen kann plötzlich nicht mehr Klavier spielen, dafür seinen Füllfederhalter mit erstaunlicher Zielsicherheit werfen. Hat das womöglich etwas mit der Leiche eines hingerichteten, mörderischen Messerwerfers zu tun, die Gogol kurz vor Stephens Ankunft in sein Hospital hat bringen lassen?

Es ist reichlich viel Handlung, die Freund da in 68 Minuten Film unterbringen muss. Ich weiß ehrlich gesagt nicht, ob der „Orlacs Hände“ Stoff die Grundlage des Horror-Tropos der transplantierten Körperteile eines verbrecherischen Spenders, die dann Kontrolle über das Verhalten des Empfängers gewinnen, ist. Was ich sagen kann ist, dass diese Filmversion damit deutlich bodenständiger und vernünftiger umgeht als viele spätere Vertreter. Auch an „verrückten Wissenschaftlern“ war der Horrorfilm der 30er Jahre alles andere als arm, doch ist Dr. Gogol eine spezielle Version davon, ein von Leidenschaft, nicht von Wissenschaft getriebener Mann („I conquered science, why can’t I conquer love?!“) und vor allem ein Chirurg. Eine Linie, die etwa zu George Franjus großartigem ‚Die Augen ohne Gesicht‘ von 1960 führen würde.

Freunds Interesse ist aber ehrlich gesagt weit mehr ein visuelles, als ein erzählerisches. Tatsächlich wird in den ersten Minuten des Films deutlich, dass hier etwas mehr als Ungewöhnliches auf den Zuschauer zukommt. Wenn sich nämlich die Eröffnungstitel als frostige Buchstaben auf einer Glasscheibe erweisen, die von einer Faust eingeschlagen wird. Mit großer Eleganz und einem tiefen Verständnis für unheimliche Stimmung arbeitet sich Freunds Kamera sodann an Lorres faszinierendem Gesicht mit den vorstehenden Augen ab, dessen Wirkung durch seinen kahlrasierten Schädel hier noch unterstützt wird. In absolutem Kontrast stellt er es zu Drakes Gesicht und ihren fließenden Haaren. Lorres Charakter, der stets auf die Kamera zuzustürzen scheint und Drakes, der versucht ihr zu entkommen. In finsteren Pariser Gassen, wo monströse Fratzen von hohen Bögen dräuen.

 So viel visuelles Flair liegt in dem Film, dass Pauline Kael, in ihrem berühmten kritischen Essay „Raising Kane“ (‚Mank‘ basiert wohl in Teilen darauf), Orson Welles vorwarf unter anderem bei diesem Film abgekupfert zu haben. Ihre Fakten sind hier zugegeben etwas dünn, Gogol und Kane seien beide kahl und haben beide einen Kakadu. Vor allem aber findet sie ‚Mad Love‘ ganz furchtbar. Peter Bogdanovich war einer der ersten, der dem Essay öffentlich widersprach, für uns hier wesentlich ist aber nur, dass er ‚Mad Love‘ noch grottiger als Kael fand: „one of the worst movies I’ve ever seen.“ Und ich verstehe es schlicht nicht. Peter Lorre, hier noch mit deutlich stärker ausgeprägtem deutschen Akzent und ohne die typische Sprachmelodie seiner späteren, englischen Rollen (und dem Vernehmen nach, der Sprache auch nur phonetisch mächtig), ist nichtsdestotrotz in seinem Element. Der verzweifelt-verrückte Gogol ist ihm geradezu auf den Leib geschrieben, ein Glück für ihn, denn bei Columbia, wo man ihn 1935 unter Vertag genommen hatte wusste man nichts mit ihm anzufangen und lieh ihn so für diesen Film an MGM aus. Frances Drake ist ähnlich großartig als Yvonne Orlac, die aus Liebe zu ihrem Mann, die Nähe von Gogol erträgt. Drake hatte hinterher nicht unbedingt gute Worte für Freund übrig. Er sei nur am Visuellen interessiert gewesen und habe keine Ahnung gehabt, wie man Regie führt. Den ersten Teil glaube ich sofort, den zweiten finde ich wenigstens überraschend, denn die Darstellungen sind dafür ziemlich gut und die Geschichte stringent erzählt.

Aber reden wir nochmal über das Visuelle! Seht Euch das Kostümdesign in dieser Szene an und sagt mir, das sei nicht wegweisend!

Oder seht Euch diesen Moment an, in dem sich Yvonne als ihre eigene Wachsfigur ausgibt und so ein Geständnis zu hören bekommt und sagt mir, dass sei nicht ein Lorre in Topform:

Wenn das der schlechteste Film ist, den Bogdanovich je gesehen hat (wenigstens bis in die 70er), dann muss er beim Kuratieren dessen was er schaut ein geradezu unfassbar glückliches Händchen besitzen. Schade ist, dass es die Kritik bei Erscheinen und lange danach weitgehend so sah. Oder noch schlechter. Bei Erscheinen galt der Film als die Art von „Horror-Dreck“, der dafür sorgt, dass Filme zensiert werden müssen. Inzwischen scheint der Film eine leise Renaissance zu erfahren. Wenn man etwa Kritiker-Bloody Mary Rotten Tomatoes befragt, dann sind sich 100% der Kritiker einig, der Film sei „fresh“. Sind aber halt auch bloß 12.

Wenn Ihr mit alten Horrorfilmen, insbesondere etwa den Universal Monstern, etwas anfangen könnt, dann gebt auch ‚Mad Love‘ unbedingt eine Chance! Ich kann natürlich nicht versprechen, dass Ihr es nicht bereuen werdet, aber zumindest langweilen werdet Ihr Euch nicht, wenn der Kameramann hinter ‚Der Golem‘, ‚Metropolis‘ oder ‚Berlin – Sinfonie einer Großstadt‘ die visuellen Muskeln spielen lässt! Werdet bloß nicht so alt wie ich, ohne den Film gesehen zu haben!

Einen offiziellen Stream oder eine problemlos erhältliche Veröffentlichung scheint es derzeit nicht zu geben, eine kurze Suche im Internet sollte aber Erfolg versprechen.

3 Gedanken zu “‚Mad Love‘ (1935)

  1. Schon erstaunlich, was man damals noch an Handlung in eine gute Stunde Film packen konnte, ohne dabei (meiner Meinung nach) gehetzt zu wirken. Heute sind Filme drei Stunden langen und ziiiieehen sich ab Minute 10. Aber damals musste man aufgrund des kleinen Budgets und der Verleihpollitk aus wenig ganz viel machen. Das gelang nicht so oft, aber manchmal kam Großes dabei heraus.

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    • Der heutige Blockbuster knirscht unter seinem Bedürfnis alles zu erklären. Ob dieses Bedürfnis zuerst da war, oder Internetrezensionen, die jede fehlende Erklärung zum „Plot Hole“ erklären, ist wohl eine Henne/Ei Frage. Hilfreich ist es aber nicht und vor allem ist es der Grund für endlose ewige Origin-Stories.

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