Und dann… was? Merkwürdige, filmische Folgeprojekte

Ich habe mich in den letzten Wochen ja (über?)reichlich zu ‚Psycho‘ (1998) ausgelassen. Dabei habe ich wenigstens kurz erwähnt, dass es den Film nur gab, weil Gus Van Sant nach dem großen Erfolg von ‚Good Will Hunting‘ quasi carte blanche besaß, was sein nächstes Projekt betraf. Und wenn auch die Idee eines 1:1 Remake von ‚Psycho‘ für einige Panikattacken bei Universal gesorgt haben dürfte, bekam er doch seine 60 Millionen Dollar dafür. Aber Gus Van Sant ist natürlich alles andere als allein mit einem solchen merkwürdigen Folgeprojekt. Wir müssen nicht einmal groß in der Zeit zurückgehen, um uns ernsthaft zu wundern, was wohl nun dazu geführt hat. Ich will gar nicht so tun, als könnte ich diese Frage immer beantworten, ich gehe den Artikel mehr im Sinne von Benoit Blanc an: „It makes no damn sense! Compels me though…“

‚Knives Out‘ könnte man vermutlich sogar selbst als überraschendes Folgeprojekt bewerten. Autor/Regisseur Rian Johnson hatte schließlich seinen Fuß in der ‚Star Wars‘ Tür. Sollte (und soll, soweit ich weiß) seine eigene Trilogie bekommen, nachdem er ‚Die Letzten Jedi‘ gedreht hatte. Ob es an der kontroversen Auseinandersetzung mit dem Film liegt, oder an etwas anderem, Johnson tat, was heute kaum noch jemand wirklich erfolgreich schafft, er etablierte etwas Neues an der Kinokasse. Und ich glaube, darüber dürfen nicht nur wir als Zuschauer ganz glücklich sein, sondern auch Herr Johnson selbst, wenn man den Zustand des Franchises ‚Star Wars‘ anschaut. Aber hier soll es ja nicht um gelungene und erfolgreiche Anschlussprojekte gehen, sondern das genaue Gegenteil.

Und wenn wir nahe an der Van Sant Situation bleiben wollen, müssen wir nicht weiter schauen, als zu Tom Hooper. Der hat sich mit ‚The King’s Speech‘ und ‚Les Miserables‘ quasi als Oscar-Garant etabliert. Und mit Letzterem und seinem „realistischen“ Ansatz ans Musical diesem oft tot gesagten Genre zu einem seiner (gar nicht so seltenen) Erfolge verholfen. Also wurde sein Blankoscheck unterschrieben und er nutzte ihn, um ein Musical ohne wirklich stringente Handlung in einen Film umzusetzen. Einen Film, den er mit Darstellern ohne Motion Capture-Anzüge drehte, sie aber später in Katzen verwandeln wollte, was bedeutete, dass Effects Artist jedes einzelne Bild des Films rotoskopieren mussten, um die Figuren zu befellen (und – dem Vernehmen nach – mit später entfernten Arschlöchern auszustatten). Da half es wenig, dass ein nach den Reaktionen auf einen ersten Trailer panisch gewordenes Universal auch noch die Mittel zusammenstrich. ‚Cats‘ wurde einer der meist beachteten Flops der letzten Jahre. Ein derartiger Flop, dass derzeit sogar Hoopers alte Filme vielfach neu bewertet werden und sich die Meinung durchzusetzen scheint, er sei eigentlich nie gut gewesen und wurde nur von fähigen Darstellern gerettet. Man kann es vielleicht auch übertreiben. Das traurige Ende des Debakels war dann, als Darsteller Rebel Wilson und James Corden bei der Verleihung der Oscars launige Bemerkungen über die mangelnde Qualität der ‚Cats‘ Effekte machten. Ein abschließender Mittelfinger ins Gesicht der Effektkünstler, die sich an dem Film abgearbeitet haben, nur um ihn dann verrissen zu sehen.

Sogar ein wenig in die Zukunft können wir schauen, um ein Beispiel zu finden. Paul King hat mit seinen beiden ‚Paddington‘ Filmen perfekte Familienunterhaltung abgeliefert. Aber offenbar war er besorgt zu sehr auf das „sprechender Bär“ Genre festgelegt zu werden (wobei ‚Auslöschung‘ zeigt, dass das ein weites Feld ist) und lehnte einen dritten Film ab, der damit prompt auseinanderfiel, da die meisten Darsteller ebenfalls absprangen. Was will er nun machen, anstatt den sympathischen Bären mit Marmeladensucht ein weiteres Mal zu inszenieren? Er dreht ‚Wonka‘. Und nein, das ist keine Beleidigung in einem obskuren, britischen Dialekt, das ist ein Prequel zu ‚Charlie und die Schokoladenfabrik‘ von 1971. Oder doch der Burton/Depp Version von 2005? Jedenfalls zur Verfilmung des Roald Dahl Buches. Es gäbe zwar ein von Dahl geschriebenes Sequel, aber anscheinend ist es wichtiger die (ugh) Origin von Schokoladenfabrikbetreiber Willy Wonka zu erfahren. Das liest sich wie eine Idee von 2006, die 2023 nur 17 Jahre zu spät kommen wird. Aber wie ich meine Einschätzungen so kenne, wird das ein gigantischer finanzieller Erfolg und wir sehen ‚Wonkas‘ für die nächsten 10 Jahre.

Doch nicht nur Darsteller wissen mit Folgeprojekten zu erstaunen. Das Marvel Cinematic Universe ist nicht unbedingt dafür bekannt, dass es Stars produziert. Man schaut die Filme weniger wegen der Darsteller, als wegen des Settings und der Charaktere. Wenn es eine Ausnahme von dieser Regel gibt, dann heißt sie Robert Downey jr.. Das wäre vermutlich der Darstellername, der im Zusammenhang mit dem MCU zuerst fällt. Und nicht nur weil er mit ‚Iron Man‘ der erste war. Nun hatte er es bekanntlich satt, den Tony Stark zu geben, wollte endlich wieder etwas anderes tun. Man darf annehmen, dass ihm alle Türen offen standen und er genug Geld für mehrere Lebzeiten auf dem Konto hat. Er konnte tun was auch immer er will. Und er drehte ‚Dolittle‘. Eine erneute Verfilmung der Abenteuer des Arztes, der mit Tieren reden kann (die natürlich von Prominenz gesprochen werden). Bloß, dass er diesmal einem furzenden Drachen einen Dudelsack aus der Körperöffnung polkt, die den ‚Cats‘ entfernt wurde. Die Kritik hat‘s verrissen, finanziell war es mehr so mittel. Warum also das? Es war offensichtlich keine Auftragsarbeit, Downey hat den Film auch produziert, das war also exakt das, was er machen wollte. Wie oben erwähnt: das warum kann ich nicht beantworten. Was ich aber sagen kann ist, dass die Autoren all dieser Think Pieces, darüber, dass Marvel Downey von Filmen wie ‚Shaggy Dog‘, wo er mit Tim Allen als Hund interagierte, gerettet habe, völligen Unsinn geschrieben haben. Da gab es nix zu „retten“. Das war was Downey wollte. Warum auch immer.

Enden wir mit einem ebenso überraschenden, wie tragischen Folgeprojekt und gehen dafür dann doch etwas zurück in der Geschichte. In den 70er Jahren hat sich Francis Ford Coppola etabliert, als jemand, der raue, realistische Dramen dreht. Über „männliche“ Themen. Gangster und Soldaten in ‚Der Pate‘ und ‚Apocalypse Now‘. Vor allem aber als jemand, der alles tut um vor Ort zu drehen. Der dafür sorgt, dass wir den Asphalt des New Yorks der 40er unter den Sohlen spüren, den Schlamm Südostasiens quasi schmecken können. Dafür hat er sich und seine Mitarbeiter bekanntlich monatelang auf den Philippinen gequält. Wenig überraschend fand er das aber selbst ziemlich furchtbar. Er wollte nicht mehr von Wind und Wetter und Licht und falschen Straßenlaternen abhängig sein. Er wollte Kontrolle über jeden Aspekt des Filmens. Und da er die Hollywood Studios eh nicht leiden konnte, wollte er seine Produktionsfirma Zoetrope, 1969 gemeinsam mit George Lucas gegründet, 1980 in ein echtes eigenes Studio, Zoetrope Studios, umwandeln. Aber ein Studio nach neuen, besseren Regeln. Alles würde im Studio gedreht. Exakt geplant, auf Video probegedreht und dann effizient abgearbeitet. Für die Mitarbeiter bedeutete das eine geregelte 9-5 Arbeitszeit. Darsteller waren Angestellte des Studios, genauso wie Techniker und alle anderen und arbeiteten an mehreren Projekten gleichzeitig. Jeden Freitagabend gab es eine Party für alle Mitarbeiter um den Zusammenhalt zu stärken. Den Nachwuchs wollte Coppola extrem fördern mit Führungen für Kinder und Praktika für Jugendliche.

Das erste Projekt dieses unabhängigen anti-Hollywood Studios sollte ‚Einer mit Herz‘ (‚One From The Heart‘) werden. Ein Film der klassische Musical-Optik mit Coppolas realistischer Erzählweise kombinieren würde. Ausleuchtung, Matte-Paintings, Miniaturen, all das sollte die Künstlichkeit des Films noch unterstreichen. Doch statt typischer Musical-Tunes gäbe es Tom Waits‘ Blues-Gegurgel zu hören. Doch war natürlich die Ambition sehr hoch, diesen ersten Film zum Erfolg zu führen. Und es stand der Mann dahinter, der für eine der schlimmsten Produktionen aller Zeiten (‚Apocalypse Now‘) verantwortlich war. Schnell ließ das Projekt die geplanten 2 Millionen Budget weit hinter sich. Es wurden 26 Millionen daraus, weit mehr als die Zoetrope besaß. Exakt so viel, wie Coppola besaß. Und selbst das reichte nicht. Doch die Angestellten liebten die Idee des Studios so sehr, dass sie umsonst arbeiteten. So viel zum geregelten 9-5. Nun hing nicht nur die Zukunft des Studios, sondern die von Coppola an dem Film. Und er floppte. Brutal. 600.000 Dollar spielte er ein. Ich wäre nicht überrascht, wenn der Großteil der Leser mit „‚Einer mit Herz‘? Nie gehört!“ reagieren, obwohl sie sich sonst in Coppolas Filmografie gut auskennen. Ich kannte ihn auch vor allem wegen Waits Beteiligung. Leider ist er auch kein unentdecktes Meisterwerk. Der Spiegel ätzte damals, der Film wirke, als würde man auf einem hochmodernen Synthesizer Hänschen Klein spielen. Und ganz falsch ist es nicht. Visuell ist der Film toll, schon allein dafür sollte man ihn einmal gesehen haben. Das Problem ist die Struktur, die ein Musical ist, aber auf Musiknummern verzichtet. Damit fehlt ein entscheidender, emotionaler Ausdruck und die Charaktere bleiben reichlich blass. Immerhin, Tom Waits hat während seiner Arbeit Skript Assistentin Kathleen Brennan getroffen. Beide sind bis heute glücklich verheiratet und arbeiten auch künstlerisch erfolgreich zusammen.

Das ist aber auch das einzige Happy End. Coppola musste wieder für die verhassten Studios arbeiten, um gut 25 Millionen Dollar Schulden loszuwerden. Als Star-Regisseur dauert das zum Glück nicht sooo lange. Aber liefert immerhin hier eine Antwort auf das Warum einiger Projekte. Zoetrope schleppte sich noch bis 1990, als es Insolvenz anmeldete und dann als American Zoetrope refirmierte. Nun werden hier aber nur noch Francis‘ und Tochter Sophia Coppolas Filme produziert (und ‚Jeepers Creepers‘, warum auch immer). Das Studio gibt es lange nicht mehr. Interessanterweise wurde Zoetrope Mitbegründer Lucas 20 Jahre nach Coppola auch vom Wunsch nach absoluter Kontrolle getrieben. Er drehte für seine Prequel-Trilogie nicht nur alles im Studio sondern gleich vor Greenscreen. War Coppola da Mitschuld dran? Keine Ahnung, aber ich glaube er hat so oder so genug für ‚Einer mit Herz‘ gelitten.

Welche Folgeprojekte haben Euch überrascht? Im Positiven wie im Negativen?

6 Gedanken zu “Und dann… was? Merkwürdige, filmische Folgeprojekte

  1. Wenn es um dieses Thema geht, fällt mir immer zuerst George Miller ein. Der Mann hat mit Herzblut die ersten drei Filme der „Mad Max“-Filme gedreht, um dann zwischen 98 und 2011 Filme wie „Ein Schweinchen namens Babe“ und „, Happy Feet“ (Teil 1und 2) zu machen. Das finde ich schon erstaunlich und kurios. Vor allem wenn man dann sieht, dass er 2015 mit 70 noch mal zu seinen Wurzeln zurückkehrte und „Fury Road“ gedreht hat.

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  2. Pingback: Das Bloggen der Anderen (25-01-21) | Filmforum Bremen

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