‚Requiem‘ (2006)

Ende der 70er Jahre erregte der „Aschaffenburger Exorzismus-Prozess“ internationale Aufmerksamkeit. Zwei römisch-katholische Geistliche hatten an der 23jährigen Anneliese Michel 67 mal den „großen Exorzismus nach dem Ritus Romane“ vorgenommen. Über Monate, bevor die junge Frau an Entkräftung starb. Sie würden am Ende wegen fahrlässiger Tötung zu Haftstrafen von sechs Monaten verurteilt. Vieles, was man über den Prozess lesen kann ist ärgerlich. Ich will das hier auch gar nicht groß wiederholen, es gibt Wikipedia und allerlei gute Artikel dazu. Wer aber in diesen Artikeln oftmals untergeht ist Michel selbst. Sie litt (vermutlich) an Epilepsie und entwickelte (möglicherweise) durch deren Medikation eine paranoide Psychose, die sich bei der strenggläubigen Katholikin als Sühne- und Fastenbesessenheit und einer Ablehnung aller christlichen Symbole äußerte. Diese Psychose sorgte (auch Spekulation) womöglich für eine Form der Magersucht, die, gemeinsam mit der Erschöpfung durch die Exorzismen, zu ihrem Tod führte.
In ‚Requiem‘ erzählen Autor Bernd Lange und Regisseur Hans-Christian Schmid die Geschichte von Anneliese Michel. Doch sie tun dies, indem sie sie ein Stück weit fiktionalisieren. Aus Anneliese Michel aus Klingenberg wird Michaela Klingler. Sie machen sie begreifbar, indem sie ein Stück Abstand nehmen und so ein Psychogramm erstellen können, ohne der realen Person Unrecht zu tun. Das ist nicht der einzige ungewöhnliche Erzählgriff des Films. Doch fangen wir am Anfang an.

Anfang der 70er Jahre hat Michaela Klingler (Sandra Hüller) ihre Studienzulassung für ein Pädagogikstudium in Tübingen bekommen. Ihrer Familie in einem Dorf der schwäbischen Alb ist das gar nicht unbedingt recht. Ihre Mutter (Imogen Kogge) will es rundheraus verbieten, doch der Vater (Burghart Klaußner) vermittelt. Michaela litt während der Schulzeit an schweren Anfällen, die ihr ein Jahr Fehlzeit einbrachten, allerdings sind diese inzwischen unter medikamentöser Kontrolle. Doch durch das Studium scheinen sie wieder ausgelöst. Zunächst auf einer Wallfahrt mit der Familie, wo es ihr unmöglich ist den Rosenkranz zu berühren, bevor sie kollabiert. Später auch in Tübingen, nachdem sie eine Beziehung mit Chemie-Student Stefan (Nicholas Reinke) begonnen hat. Die strenggläubige Katholikin ist alsbald überzeugt, dass ihr eine Besessenheit als göttliche Probe auferlegt wurde. Keiner will das allerdings wirklich glauben, bis jemand Kontakt zum Theologen Martin Borchert (Jens Harzner) herstellt.

‚Requiem‘ ist ein Film, der stets nach vorne strebt, wie sein Hauptcharakter. Wir treffen Hüllers Michaela, wie sie sich mit dem Fahrrad eine steile Anhöhe hinaufquält. Keine Sekunde scheint sie daran zu denken anzuhalten. Und so erleben wir sie den gesamten Film. Den Kopf leicht nach vorn geneigt, eilt sie durch die Gänge der Uni, stürmt in Pfarrbüros und konfrontiert die herrische Mutter. Die Kamera ist dabei stets auf Michaelas Ebene. Keine Zeit nimmt sich Kameramann Bogumil Godfrejów für Establishing Shots oder Ähnliches, stets sind wir mit der Handkamera mittendrin im Geschehen, soll heißen, meist im Konflikt, der kaum 2 Minuten nach Filmstart ausbricht, bevor wir überhaupt einen der Charaktere wirklich kennen. Dieser ständigen Bewegung stehen nur zwei Dinge im Weg. Die provinzielle Heimat Michaelas, die alles tut um sie zum Stillstand zu bringen und ihre Anfälle, denen dies tatsächlich gelingt.

Die Anfälle sind auch die einzigen Momente im Film, in denen wir Michaelas Perspektive verlassen. Hier erleben wir sie völlig von außen und Schmid macht nie gänzlich deutlich, was diese Anfälle auslöst. So zeigt der Film nichts, was eine dämonische Besessenheit annehmen ließe, stellt aber auch nie eine letztgültige, medizinische Diagnose. Sie treten allerdings in Momenten auf, die mit Schuld aufgeladen sind. Konflikte mit der Mutter und die sexuelle Beziehung mit Stefan lassen einen direkten Zusammenhang zu katholischen Schuldideen erkennen.

Dabei bildet der Film die Zeit in der er spielt sehr gut ab. Nicht nur durch Ausstattung, Kostüme und Frisuren, das grobe Filmkorn und die Farbgebung (nach dem Film hat man braun erst einmal satt), sondern vor allem durch die extreme Gegenüberstellung von (Universitäts-)Stadt und ländlicher Provinz. Während die Teile im Dorf auch genauso gut in den 50ern spielen könnten, ist in Tübingen der gesellschaftliche Fortschritt, losgetreten durch den Sturm der 68er Revolte, überall zu spüren.

Erstaunlich ist, dass Schmid den Film dort enden lässt, wo der typische Exorzismus-Film eigentlich beginnt. Nach dem ersten Exorzismus, verrät uns nur eine dürre Texttafel das weitere Schicksal Michaelas. Doch ist ein Requiem eben eine Totenmesse. Ein Gedenken an einen Menschen, wie er war, nicht unbedingt an die genauen Umstände seines Todes.

Erstaunlich auch, dass Schmid fast alle seine Figuren als wohlwollend darstellt. Jeder will das Beste für Michaela, es ist letztlich meistens die misslungene Kommunikation die zu Fehlern führt. Die Mutter, die sich in der dörflichen Sicherheit ein gewisses Maß an Kontrolle aufgebaut hat, hat Angst diese Kontrolle aus der Hand zu geben. Der Vater fürchtet sich vor jeder Auseinandersetzung. Der Dorfpfarrer (Walter Schmidinger) herrscht Michaela an, als sie mit ihren Besessenheitsideen zu ihm kommt, sie habe nun endlich die Chance dieses Kaff zu verlassen und solle sich nicht mit „solchem Quatsch“ selbst im Weg stehen. Und wenn sie jemanden hat, der ihr zuhören kann und will, sei es Stefan oder Kommilitonin Hanna (Anna Blomeier) dann spricht sie in allzu religiöser Formelhaftigkeit und wird wieder nicht verstanden. Die einzige Figur, die Schmid äußerst ambivalent, fast schon negativ zeigt ist Pfarrer Borchert. Sein süffisantes Grinsen und seine Bemerkungen zeigen, dass er sich zu Höherem berufen fühlt als nur ein Dorfpfarrer zu sein. Und könnte ein Ringen mit Dämonen um die Seele einer jungen Frau nicht genau der Weg zu diesem Höheren sein?

Damit müssen wir spätestens über die Besetzung reden. Ich bin insgesamt vermutlich nicht der allergrößte Fan von Schmids Filmografie, mit ‚Requiem‘ als eindeutige, positive Ausnahme. Das liegt vor allem an den Darstellern, die durch die Bank sehr gut und sehr naturalistisch sind. Eben mit Ausnahme von Jens Harzner, der durch seine Künstlichkeit eine bewusste Distanz zu Borchert schafft. Aber insgesamt ruht das Gelingen des Films natürlich voll und ganz auf den Schultern von Sandra Hüller. Die hatte als Theaterdarstellerin hier ihre erste große Filmrolle und etablierte sich direkt als neues, deutsches Talent, bevor sie 10 Jahre später mit ‚Toni Erdmann‘ internationale Aufmerksamkeit erhielt. Und es ist einfach zu sehen warum. Geradezu magnetisch ist ihre Darstellung des nicht einfachen Charakters von Michaela. Im wohl schönsten Moment des Films, wenn Michaela sich auf der Tanzfläche in Deep Purples „Anthem“ verliert (der am Ende des Films denn auch als eigentliches Requiem gespielt wird) ist es unmöglich den Blick von ihr zu wenden.

‚Requiem‘ überzeugt mit seinem quasi-dokumentarischen Mittendrin-Realismus, seinen großartigen darstellerischen Leistungen, seiner, erzählerischen wie ästhetischen, zeitlichen Verordnung und seiner Darstellung von katholischem Fundamentalismus, dessen Bewertung er, weitgehend, seinen Zuschauern überlässt. Schmid, der aus dem Wallfahrtsort Altötting nach München zum Studieren ging, wird sich in manchem wohl in Michaela wiedererkannt haben. Er ist offensichtlich kein spaßiger Film. Und obwohl er häufiger dort verortet wird, ist er für mich absolut kein „Horrorfilm“.  Er ist ein auf historischen Begebenheiten basiertes Drama, dessen Inhalt durchaus verstörend sein kann, doch von einem Horrorfilm ist er, nicht unabsichtlich, ewig weit entfernt.

PS: der Trailer ist der beste, den ich auftreiben konnte. Der gleichnamige Netflix Film von 2018 macht die Suche nicht eben einfach…

3 Gedanken zu “‚Requiem‘ (2006)

  1. Pingback: Hoffentlich letztes Update zu technischen Problemen und Artikel der letzten Monate | filmlichtung

  2. Pingback: ‚Thelma‘ (2017) | filmlichtung

Und was meinst Du? (Durch die Nutzung der Kommentarfunktion erklärst Du Dich mit der Verarbeitung Deiner angegebenen Daten durch Automattic, Inc. sowie den Dienst Gravatar einverstanden.)

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.