‚Fargo‘ (1996) – „And it’s a beautiful day.“

Ist es eigentlich einfallslos als liebsten Coen Brothers Film ‚Fargo‘ anzugeben? Vielleicht ein bisschen, aber für mich stimmt es nun einmal trotzdem. ‚Fargo‘ ist nicht nur mein liebster Film  der Coen Brothers, er gehört sicherlich zu meinen liebsten Filmen im Allgemeinen. Ich möchte heute gar nicht viel über die großartigen darstellerischen Leistungen, Roger Deakins elegante Kamera, Carter Burwells fantastischen Soundtrack, oder die Handlung sagen. Ich möchte mir heute vor allem die Charaktere anschauen und wie sie sich ins Weltbild der Coens und des Films einfügen. Es sei darauf hingewiesen, dass ich im Folgenden auch über das Ende sprechen werde. Wer den Film also gänzlich blind genießen will, sollte das vor Lektüre dieses Artikels tun. Wobei bei ‚Fargo‘ absolut der Weg das Ziel ist. Außerdem weiß ich gar nicht, wie gut man dem Text überhaupt folgen kann, wenn ‚Fargo‘ gänzlich unbekannt ist.

Die Coen-Brüder sind Absurdisten. Die Charaktere ihrer Filme versuchen einem Universum, das auf die Frage nach einem Sinn keinerlei Antworten gibt, keine Antwort geben kann, einen Sinn abzuringen. Oft genug sind es gar nicht die Hauptcharaktere, die dies tun. Sie geraten nur in den Strudel der Ereignisse, der durch dieses Streben nach Sinn ausgelöst wird. Manche Protagonisten, wie Larry Gopnik aus ‚A Serious Man‘ verzweifeln an der Absurdität des Universums, andere wie der Dude aus ‚The Big Lebowski‘ umarmen sie und werden so ihrerseits zu einem absurden Helden. Marge Gunderson (Frances McDormand) aus ‚Fargo‘ ist anders als fast alle anderen Coen Protagonisten, insofern, dass sie einen absolut sicheren Hafen in dieser absurden Welt gefunden hat. Sie ist zutiefst glücklich mit Ehemann Norm (John Carrol Lynch) und ihrem Polizei-Beruf. Sie ist zielstrebig wie ein Pfeil, versteckt eisern zielstrebiges Kriminalistentum hinter einer höflich-jovialen (und gelegentlich distanzierten) Fassade aus „Minnesota Nice“. ‚Fargo‘ ist dennoch eine Geschichte, die sie auf ihrem ansonsten geraden Weg erschüttert.

Jerry Lundegaard (William H. Macy) hat den Sinn des Lebens im Geld und der damit verbundenen Autorität entdeckt. Sein reicher Schwiegervater verachtet ihn, seine Kollegen bei der Autohandlung mögen ihn nicht. Doch wenn er reich wäre, wenn er sich als Geschäftsmann beweist, dann müssten sie ihn respektieren, ist Jerry überzeugt. So betrügt er Kunden und Banken und nun will er seinem Schwiegervater auf grausame Weise eine Million abnehmen. Indem er zwei Kriminelle, Carl (Steve Buscemi) und Gaear (Peter Stormare) anheuert, die seine Frau entführen und das Geld erpressen. Den Entführern sagt er es gehe um 80.000 Dollar, die sie teilen würden, doch in Wirklichkeit, will er eine Million einsacken. Für Jerry ist alles käuflich und verkäuflich. Seine Frau scheint ihn ehrlich zu lieben, er betrachtet sie als wenig mehr als Bankautomaten. Der Film zeigt Jerry meist isoliert, entweder komplett physisch, in der verschneitet Weite Minnesotas, oder aber sozial, wenn sich andere Charaktere bei Gesprächen mit ihm, ihm den Rücken zuwenden. Jerry ist gleichzeitig einer der widerlichsten und erbärmlichsten Schurken der Filmgeschichte.

Carl lehnt die Idee der vorgeschobenen Höflichkeit, des Minnesota Nice ab. Er ist Jerry sehr ähnlich, insofern sein Weltbild ein komplett kapitalistisches ist. Doch für ihn ist das Aufgeben von Geld die schlimmste Beleidigung. Vier Dollar für einen Besuch im Parkhaus drückt er nur unter wüsten Beschimpfungen ab, obwohl er doch demnächst ein hohes Lösegeld erwartet. Obwohl er eine Million Dollar vergraben hat, weigert er sich Gaear das Auto zu überlassen, was ihn das Leben kostet. Sein Selbstbild eines eleganten Gangsters passt nie mit der absurden Realität zusammen, was für ihn zu Wutausbrüchen und einer der übelsten Tracht Prügeln der Filmgeschichte durch Shep Proudfoot (Steve Reevis) führt. Für das Publikum bedeutet es, dass fast alles was Carl sagt, zutiefst komisch wirkt. Also, he is funny lookin‘, oh yah.

Gaear ist eine Art Standard-Charakter der Coens. Ein schweigsamer Mann, der der Welt beinahe entrückt scheint und auf ihre Absurdität mit einem bodenlosen Potential für tödliche Gewalt antwortet. Die bekannteste „Version“ dieses Charakters ist sicherlich Anton Chigurh aus ‚No Country For Old Men‘. Doch Stormare macht sie sich hier zu eigen, starrt wie hypnotisiert auf einen Fernseher, der mal gar nichts, mal eine belanglose Seifenoper zeigt. Er frisst sein Mikrowellenfutter, während er neben der Leiche, der entführten Frau sitzt, die er erschlagen hat, weil sie ihn nervte. Gaear ist ein präziser Killer, aber, anders als Chigurh, ist er auch ein ziemlicher Idiot.

Norm Gunderson malt seine Enten, in der Hoffnung auf eine Briefmarke zu kommen und geht Fischen. Seine hochschwangere Frau muss derweil ihrer Polizeiarbeit nachgehen. Allerdings scheinen beide damit überhaupt kein Problem zu haben. Sie freut sich, wenn er ihr fettiges Fast Food zum Mittag vorbeibringt und ist zu jedem Moment eine Stütze für Norm. Der steht auch mitten in der Nacht für sie auf und macht ihr Eier zum Frühstück, sollten mal zu Unzeiten Leichen gefunden werden. Marge und Norm sind fraglos glücklich miteinander und könnten das seltene perfekte Paar in einem Coen-Brüder Film sein. Wenn da nicht Mike Yanagita (Steve Park) wäre.

Yanagita ist ein alter Schulkamerad von Marge, der sie anruft, weil er sie bei einem Bericht im Fernsehen gesehen hat. Als die beiden ein Treffen verabreden, erwähnt Marge nicht, dass sie verheiratet ist. Und Norm verrät sie nichts von dem Treffen. Was wäre geschehen, wenn sich Mike Yanagita nicht als totale Katastrophe entpuppt hätte? Wäre Marge fremdgegangen? Ich mag es kaum glauben, aber es zeigt wenigstens, dass sie sich offenbar fragt, ob es nicht ein Leben über das, was sie führt hinaus gibt.

Doch die wahre Erschütterung für Marge folgt als sie das Verbrechen aufgeklärt und Gaear verhaftet hat. Wo für den typischen Filmpolizisten hier alle Fragen geklärt wären, beginnen sie für Marge erst. Viel ist über McDormands schauspielerische Leistung gesagt worden, deshalb lasse ich sie einfach für sich selbst sprechen.

„Und wofür? Für ein bisschen Geld!“ Marge versteht nicht, dass man für Geld töten kann, weil sie ihren Platz in der Welt gefunden hat, ihr Streben nach Sinn hat mit Geld nichts zu tun. „It’s a beautiful day.“ Sagt sie während draußen Schneefall und eine Sichtweite unter 10 Metern herrschen. Das ist einerseits wohl Kommentar auf die typische Witterung Minnesotas, andererseits Zeichen dafür, dass auch Marges Welt nur ein Konstrukt innerhalb des Absurden ist. Und dann sagt sie den wohl wichtigsten Satz des Absurdisten: „I just don’t understand!“.

Dieser hallt in der letzten Szene des Films nach. Ein Bild häuslichen Glücks, Marge und Norm gehen Schlafen. Norm streicht über ihren Babybauch und sagt „Noch zwei Monate.“. „Noch zwei Monate.“, bestätigt sie. Doch dieser Moment des Glücks wird getrübt durch den Nachhall der oben beschriebenen Szene. Marges „noch zwei Monate“ bekommt ein Element der Unsicherheit. Denn in zwei Monaten wird sie ein Kind in die Welt bringen. Eine Welt die sie, wie sich einem Mörder und sich selbst in einem einsamen Moment gestanden hat, einfach nicht versteht.

Ich liebe diesen Film und wer ihn nicht gesehen hat, soll das bitte dringend nachholen. Und wenn Du ihn seit fünf Jahren nicht gesehen hast, dann wird es wieder Zeit! Und wenn Du ihn letztes Mal nicht so gut fandest ist jetzt vielleicht Zeit für einen neuen Versuch. Dies sind auf jeden Fall die Coens und ihre Darsteller auf dem Höhepunkt ihres Schaffens.

8 Gedanken zu “‚Fargo‘ (1996) – „And it’s a beautiful day.“

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  2. Brillant geschrieben, chapeau!
    Eine kleine Ergänzung zu Jerry erlaube ich mir. „Jerry ist gleichzeitig einer der widerlichsten und erbärmlichsten Schurken der Filmgeschichte.“ Aber da ist noch etwas, schwer Fassbares; als Zuschauer gibt man Jerry nicht ganz auf, irgendwie – so absurd und falsch es sich anfühlt – gibt man / gebe ich Jerry zumindest eine ganz kleine Chance, dass sein absoluter Idiotenplan aufgeht – damit, ja damit diesem „Ich mache bis zu meinem letzten Atemzug aus allem und jedem noch viele Dollar Profit“-Schwiegervater“ doch ein bis anderthalb Zacken aus der Krone fallen…! Das haben die Coen Brüder herausragend hinbekommen, dass man jeden (!) Charakter – großartig im Beitrag beschrieben – lieben kann und liebt, einschließlich Jerry.

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    • Richtig, wenn die Polizei Jerry am Ende stellt, wenn er versucht aus dem kleinen Badezimmerfenster zu fliehen, wie seine Frau, als die Entführer kommen, kann man nicht umhin wenigstens ein kleines bisschen Mitleid zu haben.

      Ob das an ihm liegt, oder tatsächlich an seinem ähnlich scheußlichen Schwiegervater, den ich oben etwas vernachlässigt habe, ist schwer zu sagen.

      Ich glaube, die Coens machen beide Charaktere am besten deutlich, wenn ausgrechnet Buchhalter Stan Grossman Jerry fragt, wie denn sein Sohn mit der Situation umgehe. Der Sohn an den weder Wade, noch Jerry einen Gedanken verschwendet haben, weil sie mit Geld beschäftigt waren. Und es ist der „Finanztyp“ (der nie außerhalb von Szenen in denen es um Geld geht zu sehen ist), der hier menschlich agiert.

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