‚Wind River‘ (2017)

Taylor Sheridan (manchen vielleicht noch als Darsteller von Gauner Danny Boyd in ‚Veronica Mars‘ bekannt), hat eine durchaus beeindruckende Karriere als Drehbuchautor hingelegt. Denis Villeneuves ‚Sicario‘ hat er geschrieben und ‚Hell or High Water‘, inszeniert von David Mackenzie. Mit ‚Wind River‘ legte er jetzt nicht nur als Autor den dritten Teil seiner losen „the modern-day American frontier“ Trilogie vor, sondern übernahm auch die Regie. Sein Regie-Debüt ist es nicht, das war ein Low Budget Horrorfilm namens ‚Vile‘ von 2011, den Sheridan aber offenbar lieber vergessen würde. Mit den Mitteln des Neowesterns untersucht Sheridan nicht nur die physischen, sondern auch die gesellschaftlichen Grenzgebiete der USA. Statt der Wüste ist nun aber die bittere Kälte des Shoshone/Arapaho Reservates „Wind River“ in Wyoming der Schauplatz. Doch wieder ist ein zentrales Verbrechen der Aufhänger für einen tieferen Bick auf eine Gemeinde, ihren Ort in der Gesellschaft und wie ein Wohnort und seine Umstände Menschen formen.

Cory Lambert (Jeremy Renner) arbeitet für den U.S. Fish and Wildlife Service als Wildhüter und Jäger um und auf dem Wind River Reservat. Vor ein paar Jahren zerbrach seine Ehe zu Arapho-Frau Wilma, als ihre 16jährige Tochter Emily ermordet wurde. Nun findet er, weitab von jeglicher Zivilisation, die Leiche Emilys bester Freundin Natalie (Kelsey Chow). Da die Leiche auf Reservatsgebiet gefunden wurde ist die Stammespolizei zuständig. Die darf in einer Mordsache aber nur unter Leitung des FBI aktiv werden. Hierzu wird die entschlossene aber auf die Situation völlig unvorbereitete Agentin Jane Banner (Elizabeth Olsen) nach Wyoming geschickt. Bald sieht sie sich mit der Situation konfrontiert, dass einerseits die Bürokratie in keiner Weise daran interessiert ist die Einwohner des Reservats zu schützen, die ihr, andererseits, genau deswegen nicht vertrauen. Sie bittet Cory um Hilfe. Dieser hat inzwischen Natalies Eltern versprochen „auf seine Weise“ für Gerechtigkeit zu sorgen. Doch die ist in Wind River schwer zu finden.

Betrachtet man den Film als reines „whodunnit“, stellt einzig die Frage in die den Mittelpunkt, wer für Natalies Tod verantwortlich ist und wie dies aufgeklärt wird, dann ist es eine recht simple Geschichte. Doch ist der „Fall“ hier tatsächlich nur der Aufhänger. Von Anfang an heult der Wind fast ununterbrochen in unterschiedlichen Stufen der Gewalt. Jane erfährt, die Leichte ist 8 km entfernt, doch so wie sie gekleidet ist, wäre sie tot, bevor sie ankommen. Abgesehen davon, dass man eh die zehnfache Strecke fahren müsse um dort anzukommen. Die Stimmung ist rau, es ist ein hartes Land auf dem wir uns hier befinden, ein Land mit eigenen Regeln. Ein Land, so kristallisiert sich langsam heraus, auf dem vermutlich niemand leben sollte, auf dem man vielleicht gar nicht wirklich leben kann, auf dem es nichts außer Schnee und Stille gibt. Und doch sind Leute gezwungen dort zu wohnen und Stille und Schnee ist alles was sie haben.

Cory Lambert hat gelernt hier zu leben, auch wenn er es wohl nicht müsste. Und das Land war auch hart zu ihm. Er hat den Tod seiner Tochter verarbeitet, oder gibt dies wenigstens vor. Denn wenn man hier an etwas zerbricht, dann steht man vermutlich niemals wieder auf. Das quasi ständige Heulen des Windes wird noch verstärkt durch einen wunderbar merkwürdigen Soundtrack von Nick Cave und Warren Ellis. Zurückgenommene Musik, gelegentlicher, leiser Gesang, aber was dominiert ist eine Art Wehklagen, das aus dem Land selbst zu kommen scheint.

Sheridan inszeniert genau wie er schreibt, mit einer gewissen Distanz, aber einer tiefen Menschlichkeit hinter fast allem was er zeigt. Das zeigt sich am ehesten in Hauptcharakter Cory. Jeremy Renner ist ein Darsteller den man (also ich) gerne unterschätzt. Inzwischen denke ich er ist jemand, der nur richtig besetzt sein will. Besetzt man ihn falsch, ist er kaum zu sehen, geht im Film quasi unter. Hier hingegen ist er perfekt besetzt. Ein auffälligerer Darsteller hätte aus dem stets alles besser wissenden und könnenden, stets Cowboyhut tragenden Cory vermutlich leicht eine Marlboro-Mann-Karikatur machen können, doch Renner schafft es zu vermitteln, dass es hinter seinem stoischen Gesicht arbeitet, kocht und brodelt und wütet, stets am Rande der puren Verzweiflung. Olsen wird vom Film leider weit weniger gegeben, woran sie sich abarbeiten könnte. Sie ist die Außenseiterin, die keine Ahnung hat, wie irgendwas funktioniert. Sie ist unser Zugang als Zuschauer in eine Welt, die wir auch nicht unbedingt verstehen. Leider darf sie den ganzen Film, auch nachdem wir Zugang gefunden haben, nie mehr sein als das.

Damit kommen wir zum, aus meiner Sicht, großen Kritikpunkt des Films. Sheridan will hier ganz offensichtlich die Geschichte von Indianerinnen erzählen, eine zu recht empörte Titelkarte merkt gar an, dass über deren Verschwinden in den USA nicht einmal eine Statistik geführt wird. Aber warum erzählt er dann nicht ihre Geschichte, sondern die von Cory und Jane Banner? Der einzige Moment, den wir aus der Perspektive Natalies erleben ist eine Rückblende zu dem scheußlichen Verbrechen an ihr. Gut, ich will mich gar nicht naiv stellen, die Antwort auf die Frage ist offensichtlich. Weil man einen Film mit zwei MCU-Stars in den Hauptrollen finanziert bekommt, den anderen Film eher nicht. Ich will hier auch gar nicht über den Film spekulieren, der sein könnte, der Film der da ist, ist nämlich durchaus sehr gelungen, es ist nur eine merkwürdige Dissonanz, die ich weder übersehen noch unerwähnt lassen konnte.

Sheridan macht Filme, wie sie derzeit in den USA kaum ein anderer macht. Es ist clever mit den Mitteln des Westerns, dem amerikanischen Genre schlechthin (auch wenn es die Italiener besser können…), einen Finger auf die schmerzenden, aktuellen Ungerechtigkeiten einer allzu selbstbewussten Nation zu legen. Von den drei Filmen seiner losen Trilogie fand ich ‚Wind River‘ vermutlich den schwächsten. Das soll nicht heißen, ich fand ihn schlecht! Ich hatte nur mit der oben erwähnten Dissonanz meine Probleme und dann war mir der dritte Akt ehrlich gesagt ein bisschen zu „over the top“, ein wenig zu dick aufgetragen. Sicher, es ist unfair einen unerfahrenen Regisseur direkt mit Denis Villeneuve zu vergleichen, aber es sagt vermutlich einiges aus, dass er zwar etwas schwächer abschneidet, dem Vergleich aber durchaus standhalten kann.

Letztendlich empfehle ich den Film durchaus. Erwartet bloß keinen Spaß, erwartet bittere Kälte, die Euch, ganz unabhängig von Außentemperaturen, in Mark und Bein fahren wird.

PS: haha, das Thumbnail des Trailers tut Renner keinen Gefallen, oder? Das ist ein Gesichtsausdruck, den ich als „träge Überraschung eines Mannes, der gerade gehört hat, dass am Catering-Buffet schon alle Mettbrötchen verspachtelt wurden“ beschreiben würde…

2 Gedanken zu “‚Wind River‘ (2017)

  1. Renner ist perfekt für die Rolle. Daneben bin ich der Meinung, dass das der beste Sheridanfilm ist. „Sicario“ und „Hell or high Water“ fand ich zwar auch gut, aber den hier nochmal einen Zacken besser, auch wenn Sheridan hier kleinere Fehler macht, wie es Neulinge gerne mal machen

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