‚Tatis Herrliche Zeiten‘/‘Playtime‘ (1967)

Das letzte Mal, als ich Jacques Tati hier auf dem Blog besprochen habe, war für seinen großen Durchbruch mit ‚Die Ferien des M. Hulot‘. Nun bespreche ich den Film, der dafür gesorgt hat, dass er als kommerzieller Filmemacher am Ende war. Wie viele Filme hat er in der Zwischenzeit gedreht? Einen, ‚Mon Oncle‘. Natürlich hat er auch vor den Ferien Filme gedreht und würde auch nach ‚Playtime‘ mit ‚Trafic‘ noch wenigstens einen bedeutenden Film abliefern. Doch sind die drei Filme fraglos die Höhe seines Schaffens, was den brutalen Flop von ‚Playtime‘, in den Tati auch den größten Teil seines persönlichen Vermögens investiert hatte, umso tragischer macht.

War in ‚Mon Oncle‘ schon eine gewisse Modernismuskritik zu entdecken, so würde diese in ‚Playtime‘ ihren Höhepunkt erreichen. Tati wollte ein Paris zeigen, dass scheinbar nur noch aus Wolkenkratzern, aus Beton, Glas und Plastik besteht. Eine graue Stadt, durch die sich graue Menschen in schwer nachzuvollziehenden und maschinell vorgeschriebenen Bahnen bewegen. Dafür konstruierte er, unter großer Medienaufmerksamkeit, einige Kilometer von Paris entfernt „Tativille“. Eine riesige Filmstadt, eben aus Glas, Beton und Plastik. Entworfen wurde sie von Jacques Lagrange, der später die ersten Entwürfe für „La Défense“ erstellte, das Hochhausviertel von Paris und bis heute das größte Büroviertel Europas. Kurz, ‚Playtime‘ wurde recht fix von der Realität eingeholt.

Eine wirkliche Handlung gibt es in ‚Playtime‘ kaum. Wir begleiten sowohl Tatis M. Hulot, als auch eine Gruppe amerikanischer Touristen etwa 24 Stunden durch jenes futuristische Paris. Dabei gibt es mehrere ausführliche Szenen. Die Ankunft am Flughafen. Hulot, der ein wichtiges Treffen mit einem M. Giffard hat, doch durch allerlei Zufälle verpassen sie sich immer wieder. Sowohl Touristen als auch Hulot geraten auf eine Messe. Der Höhepunkt und quasi die gesamte zweite Filmhälfte spielen in einem Nobelrestaurant.

Dialoge sind meist schwer verständliches französisch-englisches (gelegentlich deutsches) Genuschel. Szenen in einem Appartementkomplex filmt Tati gar von der Straße aus, so dass wir gar nichts mehr verstehen, schafft allerdings eine Reihe gelungener Gags aus der scheinbaren Interaktion zweier getrennter Wohnungen. Und treffen sich Hulot und Giffard dann spät am Abend endlich zufällig auf der Straße, blendet der Film auf eine Baustellenszene um.

Nun aber stehe ich vor einem Problem. Man kann die Hintergründe von ‚Playtime‘ erklären. Man kann Tatis Modernismuskritik beschreiben, das bewusste Fehlen einer stringenten Handlung. Doch wie beschreibt man wie sich ‚Playtime‘ anfühlt? Kennt Ihr diesen Versuch, in dem Wissenschaftler Probanden ein Video zeigen, in dem sich mehrere Leute einen Ball zuwerfen? Die Probanden erhalten den Auftrag die Anzahl der Ballwürfe zu zählen. Am Ende werden sie gefragt, ob ihnen in dem Video etwas Besonderes aufgefallen sei. Den meisten Probanden ist entgangen, dass im Hintergrund ein Mann in einem Gorillakostüm umhergeturnt ist, weil sie auf den Ball fixiert waren. In ‚Playtime‘ hat man das Gefühl zu jedem Zeitpunkt eine ganze Affenbande zu übersehen.

Tati hat in riesigen 70-mm Bildern gedreht. Seine Szenen sind Wimmelbilder, oft gibt es drei oder vier Handlungsebenen in einem Bild, in denen etwas geschieht. Tati spielt dabei mit unseren Erwartungen. Natürlich wird dort etwas Wichtiges geschehen, wo ein Dialog stattfindet, so belanglos und unverständlich er auch ist, oder? Auch weiß er natürlich, dass wir am Anfang nach dem schlaksigen Mann mit dem langen Pfeifenstiel, Hulot, Ausschau halten. Mehrere Doppelgänger lässt er am Flughafen auftauchen. Einem Mann fällt weit im Hintergrund lautstark ein Regenschirm herunter. Hulot? Wer weiß. Auch im weiteren Film bleibt die Verwechslung Hulots ein stetiges Element. Auch mit dem Mangel seiner Mittel weiß Tati noch etwas anzufangen. Bei den späteren Dreharbeiten konnte er sich nicht mehr genug Statisten leisten, um alle verglasten Gebäude im Hintergrund zu besetzen. So benutze er lebensgroße Fotografien. Natürlich war ihm klar, dass seine Zuschauer beim Absuchen der Wimmelbilder irgendwann darauf stoßen mussten und machte sich einen Gag daraus. Teilweise platziert er unbewegliche Darsteller bei den Fotografien, die sich dann unvermittelt doch bewegen.

 Die Modernismuskritik Tatis ist unübersehbar. Die Touristen laufen durch die Glasblöcke von Paris machen Fotos die so überall entstehen könnten. Sprichwörtlich überall, denn Torismusplakate für andere Orte werben alle mit denselben Hochhäusern nur einige örtliche Klischees um sie herum drapiert. Auch die „Klischees“, die Sehenswürdigkeiten von Paris, Eiffelturm, Sacre-Coeur oder Triumphbogen tauchen höchstens mal als Reflexionen in einer Glastür auf. Die Touristengruppe begegnet anderen, exakt gleichen Touristengruppen, etwa aus Japan. Die Welt, die Tati hier entwirft ist gleichgemacht. Die griechische Säule ist hier nurmehr ein Mülleimer mit verstecktem Knopf zum öffnen, elegantes(?) Accessoire in der Welt aus Plastik und Glas. Und es ist eine Amerikanisierte Welt. Man geht zum Drugstore oder in die Bar.

Manche wollen in dieser Kritik einen Zorn Tatis gesehen haben. Eine Wut auf das Moderne, auf kulturelle US-Hegemonie. Ich muss sagen, ich sehe das nicht. Hulot ist ganz und gar keine Figur, die sich für Zorn eignet. Er ist ein höflicher, zurückhaltender Mann, der versucht alles richtig zu machen und oft genau dadurch Chaos anrichtet. Nein, das hier ist eher ein leichter Hackentritt für allzu Fortschrittsgläubige. Ein versehentlicher Hackentritt, bien sur, man will ja nicht unhöflich sein. Tati stellt klar, dass man die Welt so sehr vereinheitlichen kann wie man will, solange das chaotischste Element von allen, der Mensch selber, in ihr umgeht, lebt auch der menschliche Geist.

Das Nobelrestaurant am Ende ist derart nobel, dass es noch gebaut wird, als die ersten Gäste eintreffen. Menschenfeindliche Architektur und Pfusch am ach so eleganten Bau drohen zur Katastrophe zu werden. Hulot selbst zertrümmert, versehentlich die gläserne Eingangstür. Der Portier hält nun den Türgriff in die Luft und öffnet den Gästen eine imaginäre Tür. Doch kommen so auch immer mehr „unerwünschte“ Gäste ins Restaurant. Die Innenarchitektur beginnt sich aufzulösen und der menschliche Geist, fröhlich singend und reichlich besoffen, bricht sich letztlich in einer kleinen Revolution Bahn. Dabei kommen sich dann auch der stets auf Abwegen laufende Hulot und die US-Touristin Barbara, die auch von ihrem Reiseführer stets wieder eingefangen werden musste, näher.

Und wenn sich dann am Ende der endlose Verkehr zur Karussellmusik einer Dampforgel durch einen Kreisverkehr dreht, dann ist das für mich nicht das Ende des Films eines zornigen Ewiggestrigen und entschlossenen Antiamerikaners. Es ist ein äußerst elegantes Nasedrehen, ein notwendiges Hinterfragen kaiserlicher Kleider eines freundlichen Mahners. Wenn nicht gar das Entsecken einer Utopie in der Dystopie.

Das Problem des Films war zum einen, dass ihn nicht viele sehen wollten. Die Kritiken überschlugen sich. Alle sahen Tatis Kritik, manche entdeckten seine Utopie in der Dystopie. Doch ist es vor allem die Form, die begeisterte. Truffaut beschrieb den Film als von einem anderen Planeten, wo man andere Filme dreht. Und es ist korrekt, es ist Tatis absolut eigene Vision, eine Vision, die Filmemacher so unterschiedlich wie Loriot und David Lynch inspiriert hat. Aber es ist eben auch, wenn schon kein Experimentalfilm, so doch ein filmisches Experiment. Mit verdammt hohem Budget. Und dann kam dazu, dass Tati sich strikt weigerte andere Kopien als 70-mm Kopien zu ziehen. Einem Maler sage man doch auch nicht, er solle sein Bild nochmal halb so groß malen, empörte der sich. Naja und es gab halt nicht so viele Kinos die mit 70-mm Projektoren ausgestattet waren. Der Flop war ein Stück weit auch hausgemacht.

Lohnt sich ‚Playtime‘ heute noch? Da es nichts gibt, was dem Film auch nur ähnlich wäre, ist die Antwort ein offensichtliches Ja. Gerade heute in Zeiten des qualitativen Heimmediums (auch wenn es natürlich keine 70-mm Kopien sind) kann man dem Film das häufige Ansehen, das er verdient zukommen lassen. Auch wenn das ein Film ist, den ich unbedingt mindestens einmal auf der großen Leinwand sehen will. Tati hat hier ein Loblied auf den Stolperer statt den entschlossenen Schritt geschaffen, auf den ungeraden Weg. Vielleicht war es so nur folgerichtig, dass der Film floppen musste. Vielleicht hätte es ihn seiner Wirkung beraubt, wäre er ein Riesenerfolg geworden. Und doch hätte ich diesen Riesenerfolg Tati nicht nur gegönnt, ich frage mich, was wir sonst noch von ihm zu sehen bekommen hätten.

4 Gedanken zu “‚Tatis Herrliche Zeiten‘/‘Playtime‘ (1967)

  1. Vor nicht allzu langer Zeit habe ich „Mon Oncle“ von Tati gesehen, ohne irgendein Vorwissen. Vieles, das du hier beschreibst, trifft auch sehr gut auf den Film zu und dein Satz „Tati stellt klar, dass man die Welt so sehr vereinheitlichen kann wie man will, solange das chaotischste Element von allen, der Mensch selber, in ihr umgeht, lebt auch der menschliche Geist.“ trifft sein Schaffen so weit ich das sehen kann ziemlich genau auf den Kopf und gibt mir eine gute Erklärung auf so manche Fragen, die ich mir nach dem Film gestellt habe. Mir hatte er nämlich so gar nicht zugesagt und ich empfand ihn als wirklich extrem langweilig, was besonders der fehlenden Narrative zu zu schreiben ist. Was ich ihm aber nicht absprechen konnte, war natürlich sein visueller Ideenreichtum, sein inszenatorisches Handwerk und zumindest ab und zu sorgten manche Szenen ja doch für ein schmunzeln. Ich werde die Faszination über den Mann vermutlich nicht mehr nachempfinden, finde aber interessant zu lesen was andere in ihm sehen und dass sein Werk für manche heute noch funktioniert 🙂

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    • Ich werd jetzt nicht behaupten, wenn Dir Mon Oncle nicht gefallen hat, dann versuch es mit Playtime. Gerade wenn Dir bei Mon oncle schon das Narrativ gefehlt hat. Aber ich würd Dir, und jedem anderen, trotzdem ‚Die Ferien des M. Hulot‘ ans Herz legen. Von den dreien ist das sicher der konventionellste Film, auf seine Weise aber auch der charmanteste. Und nein, ein starkes Narrativ hat der auch nicht, aber mit den Urlaubserlebnissen funktioniert er auch als eine Reihe von Szenen. Sein visueller Einfallsreichtum ist schon da, aber in eine ältere, mehr im Film verhaftete Tradition gebettet.

      Ich vermute für mich kam die Faszination daher, dass ich über Jahrzehnte nur die Ferien kannte. Als ich dann irgendwann Playtime gesehen habe, war das ein bisschen so als hätte Loriot nach ‚Ödipussi‘ plötzlich ‚Welt am Draht‘ gedreht, oder so… 😉

      Hrm, jetzt möchte ich einen Loriot SciFi Film…

      Gefällt 1 Person

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