Wenn Filme die Wahrnehmung von Songs verändern

Ich sag es mal gleich am Anfang: diesen Artikel schreibe ich vor allem, weil ich Beispiele von Euch haben möchte. Wenn Ihr im Folgenden also siedend heiß an ein Lied denken müsst, dann lasst  es mich bitte in den Kommentaren wissen.

Ein Film kann fraglos grundlegend verändern, welche Assoziationen wir zu einem Lied haben. Hat man einmal ‚Reservoir Dogs‘ gesehen wird man vermutlich immer, und sei es unbewusst, an sein Ohr fassen, falls einmal „Stuck in the middle with you“ von Stealers Wheel im Radio läuft. Das funktioniert gelegentlich sogar, wenn man den Film gar nicht kennt. Ich habe etwa ‚Lockere Geschäfte‘ nie gesehen, aber wenn ich mal Bob Segers „Old Time Rock and Roll“ höre, dann denke ich automatisch an diese Szene in der Tom Cruise in Oberhemd und Unterhose in einem Türbogen dazu tanzt. Oder an eine der ca. 500.000 Parodien und Hommagen an diese Szene. Manchmal parodiert man diese Szenen sogar selbst. Wer schon mal mit mehreren Leuten in einem Auto gesessen hat und plötzlich ertönt Queens „Bohemian Rhapsody“ aus den Lautsprechern und es gehen nicht alle ab wie bei ‚Waynes World‘, ja, dann will ich gar nicht wissen, was da schief läuft. Natürlich ist der Effekt am stärksten, wenn man das Lied erst durch den Film kennen lernt. Höre ich „Goodbye Horses“ von Q Lazzarus, dann denke ich an Buffalo Bill und ‚Das Schweigen der Lämmer‘. Und manchmal muss man nicht einmal das Lied hören. Sehe ich am Flughafen eines von diesen automatischen Laufbändern, dann höre ich vor meinem inneren Ohr „The Sound of Silence“ von Simon & Garfunkel. Wegen ‚Die Reifeprüfung‘. Schauen wir uns mal ein paar Beispiele für Songs an, die für mich durch Filme verändert wurden.

Fangen wir mit „I Got You Babe“ von Sonny & Cher an. Der wird in ‚Und täglich grüßt das Murmeltier‘ für Phil Connors ja quasi zu einer beständigen Erinnerung seiner Gefangenschaft. Jeden Morgen wacht er zu diesem Song auf. Er verliert alles Romantische und wird in seiner ständigen Wiederholung zu einer fast schrecklichen Banalität. Eine Art emotionaler Folter. Tatsächlich hören wir immer nur die letzten Noten des Liedes wenn Phil aufwacht, bevor das belanglose Geplänkel der Radio DJs beginnt.

Und dann ist da Roy Orbisons „In Dreams“. Dean Stockwell bewegt zu dem Song die Lippen in eine Baustellenlampe als Mikrofon in David Lynchs ‚Blue Velvet‘. Kyle MacLachlans Jeffrey ist zu diesem Moment endgültig in der Unterwelt der nur scheinbar heilen Kleinstadtwelt gelandet, was dieser Song wunderbar unterlegt. Überhaupt haben sich mit Orbison und Lynch zwei gefunden, die mehr auf Ton und Atmosphäre als auf den tatsächlichen, wörtlichen Inhalt ihrer Werke bedacht sind. Natürlich verleiht Lynch hier Orbisons „candy colored clown they call the Sandman“ eine weit düsterere, bedrohlichere Note als er zuvor je besessen hätte.

Und hier ein Beispiel dafür, dass die Musik nicht einmal direkt gespielt werden muss. In Yorgos Lanthimos ‚Dogtooth‘ hält ein Elternpaar seine Kinder im eigenen Haus gefangen, erzählt ihnen von einer angeblich feindseligen Welt, die draußen lauert. Doch die ältere Tochter bekommt Videos in die Hände. Von Hollywoodfilmen. Darunter ‚Flashdance‘. Das sorgt dafür, dass sie am Hochzeitstag der Eltern einen anderen Tanz als erwartet aufführt. Und für eine der vermutlich unangenehm-schmerzlich-peinlichsten Szenen der Filmgeschichte. Wie  halt nur Lanthimos das kann. Ich werde jedenfalls „What A Feeling“ nie wieder hören, ohne an diese Szene zu denken, in der der Song gar nicht vorkommt.

Und hier einfach mal ein Beispiel für perfekten Musikeinsatz, wenn in ‚Manhunter‘ Will Graham Francis Dollarhyde zu „In A Gadda Da Vida“ von Iron Butterfly stellt. Gibt’s gar nicht viel dazu zu sagen (außer, dass ich gelegentlich bei dem Song auch an die Szene aus den Simpsons denke). Und vielleicht, dass die Szene vor allem deswegen aussieht wie sie aussieht, weil Michael Mann sämtliches Geld ausgegangen war. Aber dank des Songs funktioniert sie!

Okay, wisst Ihr was, jetzt seid aber wirklich Ihr dran. Ich habe einige offensichtliche Beispiele ausgelassen (Ich sag nur „Johnny B. Goode“, „Eure Kinder werden es lieben!“), aber ich bin sicher es gibt hunderte, wenn nicht tausende Beispiele. Gebt mir ein paar!

15 Gedanken zu “Wenn Filme die Wahrnehmung von Songs verändern

  1. Ich hatte überlegt einen ähnlichen Artikel zu machen, nachdem ich Patrick H Willems Video zum Einsetzen von Popmusik in Filmen (Needle Drop) gesehen habe. „Old Time Rock n Roll“ ist ein super Beispiel, habe den Film vorwiegend deswegen gesehen.^^
    Da du ja Beispiele haben willst hier ein paar:
    Rick Springfield – Jessie’s Girl (Boogie Nights)
    Blue Swede – Hooked on a Feeling (GotG, hab den vor Reservoir Dogs gesehen…)
    Berlin – Take my breath away (Top Gun)
    Huey Lewis & The News – Hip to be Square (American Psycho)
    Und obwohl ich den Film nie gesehen habe: Corona – The Rhythm of the Night (Beau Travail)

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    • Ooooh, Needle Drop bezeichnet den Einsatz von Popmusik im Film? Ich habe neulich eine englische Rezension zu Cruella gelesen, wo sich jemand über die furchtbaren Needle Drops aufregte. Ich hatte keine Ahnung was das bedeutet und dann vergessen es nachzuschauen…. 😉

      Oh ja, Hip To Be Square, da kriegt man ja gleich noch ne Rezension zum Song dazu!

      Ich muss Boogie Nights unbedingt mal wieder sehen!!

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      • Ja, wusste ich bis zum erwähnten Video auch nicht und ja das habe ich auch zu Cruella gehört.

        Der Part von Bateman kommt mir erschreckend nah, also die Rezension des Songs^^

        Boogie Nights habe ich erst vor kurzem gesehen, Topfilm, aber die Szene mit Jessies Girl überstrahlt alles

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  2. Mal sehen, „Bohemian Rhapsody“ dürfte wohl wirklich DAS Beispiel schlechthin sein, auch für mich. Im Falle von „Wayne’s World“ möchte ich noch „Ballroom Blitz“ erwähnen, das ich vorher nicht kannte und hier von Wayne’s Flamme und ihrer Band live zum Besten gegeben wird. Guter Stoff.

    Was mir spontan noch einfällt: Gegen Ende der 3. Staffel von „Battlestar Galactica“ spielt der Song „All Along the Watchtower“ (im Original von Bob Dylan) eine große Rolle. Das hat mein Gefühl für diese Nummer tatsächlich nachhaltig verändert.

    Beispiel 3 ist „You Could be Mine“ von Guns n‘ Roses, das von Izzy Stradlin‘ ursprünglich über eine verflossene Beziehung geschrieben wurde – das man sich, auch dank des zugehörigen Videos, absolut nicht mehr ohne „Terminator 2“-Bezug vorstellen kann.

    Erwähnenswert auch noch: „God Gave Rock n‘ Roll to You“ (Kiss) in „Bill & Ted 2“, „Feed My Frankenstein“ (Alice Cooper) in „Wayne’s World“, „Unchained Melody“ (The Righteous Brothers) in „Ghost – Nachricht von Sam“ und, sehr wenig bekannt, „Creation“ (The Incredible String Band im österreichischen Film „Nacktschnecken“.

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  3. Ich sage es mal so: Mit „Bohemian Rhapsody“ dürfte wohl wirklich DAS Beispiel schlechthin bereits genannt sein. „Wayne’s World“ als quasi-Musikfilm macht es einem aber ohnehin leicht, speziell wenn man ihn im richtigen Alter gesehen hat. Für mich hat er nämlich auch die Wahrnehmung von „Feed My Frankenstein“ (Alice Cooper) und „Ballroom Blitz“ (Cream) verändert, ja, geprägt, die ich beide vorher nicht kannte. Genremäßig ziemlich gut dazu passt außerdem der Song „Kuusamo“ von Amorphis, der im finnischen Film „Heavy Trip“ so prägend eingesetzt wird, dass ich immer genau daran denken muss.

    Ganz anderes Beispiel, zwar eine Serie, aber dennoch: Gegen Ende der dritten Staffel von „Battlestar Galactica“ hören einige Figuren dauernd einen Song, der sich schließlich als „All Along the Watchtower“ (im Original von Bob Dylan) herausstellt und der für mich seither unumkehrbar mit „BSG“ verbunden ist.

    Noch was aus dem Filmbereich hätte ich auch zu bieten: „You Could be Mine“ im Soundtrack zu „Terminator 2“, ein Song von Guns n‘ Roses, den Gitarrist Izzy Stradlin eigentlich als Anspielung auf eine unglückliche Beziehung geschrieben hat. Nur bringt die Nummer, auch aufgrund des Musikvideos, wohl nie mehr jemand damit in Verbindung.

    Honorable Mentions: „God Gave Rock n‘ Roll to you“ (Kiss) in „Bill & Ted 2“, „Surfin‘ Bird“ (The Trashmen) in „Full Metal Jacket“ und, so schwer es mir fällt, „Unchained Melody“ (The Righteous Brothers) in „Ghost – Nachricht von Sam“, kann sich wohl niemand ohne eine gewisse Szene vorszellen.

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  4. Ein tolles Thema für einen Blogartikel hast du dir da ausgesucht! 🙂

    Ich musste sofort an „Wayne’s World“ und „Bohemian Rhapsody“ denken, wurde aber oben schon genannt. Ansonsten fällt mir sofort eine Serie ein und zwar das Finale von „The Sopranos“ mit „Don’t Stop Believin'“. Seitdem ist der Song für mich ein anderer und ich bekomme jedes Mal eine Gänsehaut, wenn ich ihn höre.

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  5. Pingback: Das Bloggen der Anderen (14-06-21) | Filmforum Bremen

  6. Bei „The End“ von den Doors denke ich zwangsläufig an die Szene in APOCALYPSE NOW, in der ein Büffel und ein verrückter Colonel geschlachtet werden. Beim „Walkürenritt“ denke ich natürlich an den Hubschrauberangriff, aber das ist ja kein Song. Aber wenn so bekannte Stücke der klassischen Musik auch zählen, dann hätte ich noch „Also sprach Zarathustra“ und „An der schönen blauen Donau“, wo ich natürlich an 2001 denke.

    Bei „Que Sera, Sera“ ich sofort in DER MANN, DER ZUVIEL WUSSTE, obwohl Doris Day das Lied im Film ganz anders singt als danach auf Schallplatte (die Version, die man normalerweise im Radio hört).

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